Die zwei folgenden
Kapitel aus dem Buch "Reisen in das Land der Kriege –
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien" schildern Ereignisse
in der dalmatinischen Stadt Zadar vom Mai 1991. Sie sind signifikant
für das Klima in Kroatien noch vor Ausbruch des Krieges, das
in deutschsprachigen Medien gänzlich anders dargestellt wurde.
Cupe – oder:
Die dalmatinische Kristallnacht
Die Nacht verbrachte ich allein in einem hübschen, großen
Einzimmer-Appartement in einer recht modernen Siedlung. Am nächsten
Morgen um sieben stand Snjezana vor mir – mit sorgenvollem
Gesicht. "Das Auto!", sagte sie. "Wie konnten wir
nur so leichtsinnig sein und unmittelbar vor dem Haus parken?"
Nun, unser Mietwagen sah wirklich übel aus: Die Windschutzscheibe
war eingeschlagen, beide Türen verbeult, die Nummernschilder
abgerissen. Der Tag fing ja gut an. Gottlob, das Auto fuhr noch.
Wir mussten es ohnehin heute abgeben. Also was sollte es, nichts
wie weg von hier!
Als wir beim AVIS-Büro ankamen, erlebten wir gleich die nächste
Überraschung. Dieses Büro befand sich am belebtest en
Platz der ganzen Stadt, dort wo die Fußgängerbrücke
auf die Halbinsel führt und wo ich später noch zahllose
Male vorbeikommen sollte. Besser gesagt, dort hätte es sich
befinden müssen. Was wir vorfanden, war ein vollständig
demoliertes Gebäude: Anstelle von Fenstern und Türen
gab es nur rußig-schwarze Löcher, innen war alles verkohlt,
nur die Wände standen noch – ein scheußlicher Anblick,
so mitten in der Stadt. Was tun? Wir hatten ja etliche Telefonnummern
mitbekommen und erreichten schließlich tatsächlich
den örtlichen AVIS-Geschäftsführer, der uns ersuchte,
zu seiner Privatadresse zu kommen. Also fuhren wir zu ihm, er
hatte ein Haus in einem Randbezirk.
"Ich bin Serbe und ich bin stolz darauf. Wir werden vielleicht
alle sterben, aber wir werden kämpfen!", begrüßte
er mich in gutem Deutsch, nachdem ihm Snjezana mit wenigen serbokroatischen
Sätzen unsere Lage erklärt hatte. Na also, das war jetzt
offenbar endlich einer von diesen Serben, von denen ich schon
damals so vieles gelesen hatte: voller Pathos, kämpferisch,
größenwahnsinnig, leidensbereit, schicksalsschwanger,
von Verfolgungswahn besessen. Ich verbrachte den halben Tag mit
ihm. Es wurden spannende Stunden.
Cupe, so hieß der Rent-a-Car-Mann, war ein bärenstarker
Typ, aber keineswegs unsympathisch. Entgegen meinen Befürchtungen
interessierte ihn das beschädigte Auto überhaupt nicht;
ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass ich etwas für
die Versicherung hätte unterschreiben müssen. Der Mann
hatte größere Sorgen. Doch er hatte auch Zeit. Und
er war äußerst mitteilungsfreudig, was mir sehr recht
war, denn es drängten sich ja Fragen auf. Was er mir zu seinem
ausgebrannten Bürogebäude erzählte, hörte
sich wie ein Schauermärchen an. Vor etwa einem Monat, Anfang
Mai, habe sich in Zadar jene, schon von Josip kurz erwähnte,
"dalmatinische Kristallnacht" abgespielt.
Nach Cupes Schilderung war Folgendes passiert: In einem Vorort
von Zadar sei eine Polizeiaktion abgelaufen, bei der ein Serbe
habe verhaftet werden sollen, in deren Verlauf aber ein kroatischer
Polizist erschossen worden sei. Wenig spät er sei es losgegangen:
Eine Bande von etwa hundert Personen habe in einer zehn (!) Stunden
dauernden Aktion im Zentrum von Zadar und in der näheren
Umgebung insgesamt hundertsechzehn serbische Geschäftslokale
sowie Wohnhäuser zerstört. Man sei ganz systematisch
vorgegangen, habe jeweils durch einen Trupp Schläger einen
Straßenzug abgeriegelt und dann alles zertrümmert,
was sich darin an Serbischem befunden habe; und zuletzt sei dann
noch alles geplündert und ausgeräuchert worden.
All das habe nicht nur vor den Augen der Polizei stattgefunden,
diese habe die Operation sogar koordiniert! Er, Cupe, habe die
ganze Aktion am Polizeifunk mitgehört, vom Beginn bis zum
Ende. Als sie begann, habe er noch geglaubt, sie richte sich nur
gegen einen bestimmten Serben – was schon öfter vorgekommen
sei –, doch dann habe er begriffen, dass dies ein offenbar
vorbereiteter Anschlag gegen alle serbischen Geschäftsleute
von Zadar war.
"Ich wusste immer ganz genau, wo die Banditen gerade waren.
Je mehr sie sich dem Zentrum näherten, umso klarer wurde
mir, dass auch mein Büro drankommen wird – die AVIS-Zentrale
ist schließlich in Belgrad, und dass ich ein Serbe bin,
das weiß hier ein jeder. Was heißt Serbe? Meine Familie
lebt seit Jahrhunderten in Dalmatien. Ich bin Jugoslawe, meine
Frau ist Kroatin, meine drei Schwestern sind alle mit so genannten
Kroaten verheiratet." Es sei ihm nichts anderes übrig
geblieben, als die Flucht zu ergreifen. "Ohne dieses Ding
da", er deutete auf ein beachtliches Funkgerät, "hätten
sie uns womöglich überrascht und erschlagen!" Voller
Stolz zeigte er mir auch Computer, Akten und andere Dinge, die
er gemeinsam mit einem Mitarbeiter gerettet hatte.
Ich sagte zu Cupe, dass ich in diesem Land mittlerweile ja manches
für möglich hielte, aber so könne es nicht gewesen
sein, so etwas wäre bei uns im Fernsehen gekommen, mindestens
in einer Zeitung hätte ich darüber wenigstens eine kleine
Notiz lesen müssen, wo doch täglich auch über viel
unspektakulärere Zwischenfälle in Jugoslawien berichtet
wurde. Über hundert Geschäfte zu zerstören, ohne
dass die Polizei dieses sich über einen vollen Tag hinziehen
de Spektakel stoppte, das sei völlig ausgeschlossen. Er lachte
böse auf: "In euren Zeitungen steht doch nur, was für
Schweine die Serben sind." Jeden Tag könne man in den
kroatischen Zeitungen Faksimile-Abbildungen von deutschen und
österreichischen Zeitungsartikeln sehen, samt wörtlichen
Übersetzungen. "Ich sehe jeden Tag RTL und eure anderen
Fernsehsender, ich bin ganz genau darüber informiert, was
man bei euch über uns denkt. Ihr habt keine Ahnung, was hier
los ist!"
Auf seinem Tisch lag ein ganzer Berg von Zeitungen. Er kramte
eine hervor und hielt sie mir unter die Nase: "Hier, lesen
Sie das, da wird nicht nur gelogen, verstehen Sie Italienisch?"
Das musste ich verneinen, sah mir aber den Artikel einer italienischen
Zeitung – ich glaube, es war der "Corriere della Sera"
– dennoch an. Ja, das handelte offenbar von Zadar und da
war auch in Deutsch das Wort "Kristallnacht" zu lesen.
"Wenn Sie einmal sehen wollen, wie die Wirklichkeit aussieht,
dann kommen Sie mit, ich zeige sie Ihnen!" Dieses Angebot
nahm ich sofort an.
Wir fuhren mit Cupe in dessen Auto los, lieferten Snjezana in
der Stadt ab – und dann ging es Schlag auf Schlag: Zwei oder drei
Stunden lang führte mich Cupe per Auto, zwischendurch auch
zu Fuß, von einer hässlichen Ruine zur nächsten.
Ich verfluchte mich, dass ich keinen Fotoapparat dabei hatte.
Da waren Kleidergeschäfte, Bäckereien, Metzgereien,
Zeitungskioske, Zigarettenläden, Juweliergeschäfte,
Bürohäuser, Friseursalons und dergleichen – teils einzeln
stehende Gebäude, teils kleine Blechhäuschen oder, wie
in der Kala Larga, Verkaufslokale, die im Erdgeschoss von Wohngebäuden
beziehungsweise in Einkaufspassagen untergebracht waren. Einige
davon hatte ich schon gestern während meines Spazierganges
mit Josip gesehen, aber erst jetzt begriff ich, was mir dieser
da zeigen wollte. Immer weniger fand ich den Ausdruck "dalmatinische
Kristallnacht" übertrieben. So ungefähr muss es
damals zugegangen sein, im November 1938, in den Städten
Großdeutschlands.
Natürlich kommentierte Cupe fortwährend alles mit schaurigen
Details, erläuterte mir seine Sicht der Dinge, die sich letztlich
nicht wesentlich von der Josips unterschied, vor allem nicht im
Resümee: Der Krieg sei unausweichlich und er würde fürchterlich.
Er selbst halte hier die Stellung, weil das seine Zentrale in
Belgrad so wolle und auch weil er nicht wisse, wohin er solle.
Seine Frau, die Kroatin, sei seit Wochen mit den Kindern bei einer
Schwester in Pula. "Können Sie mir sagen, wo ich mit
meiner Familie hingehen soll? Hier weiterleben? Was soll ich tun,
wenn die in der Nacht kommen und mein Haus in die Luft sprengen?
Die Polizei anrufen?"
Die Tour mit Cupe war starker Tobak für mich. Wenn ich nicht
alles mit eigenen Augen gesehen hätte – niemals hätte
ich so etwas für möglich gehalten. Als wir von einem
Trümmerhaufen zum nächsten zogen, fragte ich mich die
ganze Zeit, warum mir denn Snjezana von diesen Dingen nichts erzählt
hatte. Das konnte ihr unmöglich entgangen sein. Sie hatte
mir doch so viele nachgerade absurde Begebenheiten aus dem Alltag
von Zadar erzählt, davon jedoch kein Wort. In vielen Telefonaten
und anderen Gesprächen, die ich in den letzten Monaten mit
ihr geführt hatte – das fiel mir jetzt wieder ein –,
hatte sie einen konfusen und widersprüchlichen Eindruck auf
mich gemacht: Oft klang sie völlig demoralisiert, um Minuten
später lachend alles anders darzustellen. "Weißt
du, ich bin auch schon ein wenig verrückt, manchmal",
pflegte sie dann zu sagen.
Ich beschloss, jetzt endlich die Wahrheit aus ihr herauszuquetschen.
Immerhin planten wir ja, im Juli bei diesen Verrückten Urlaub
zu machen, gemeinsam mit meiner Tochter Vera, die damals gerade
sechs Jahre alt war. Mehr und mehr schien mir das eine äußerst
riskante Sache zu werden.
Als ich am frühen Nachmittag wieder mit Snjezana zusammenkam,
empfing sie mich gleich mit den Worten: "Jetzt erwartest
du wohl eine Erklärung von mir!" Sie ahnte offenbar,
dass ich Fragen an sie hatte. Ja, ich wollte eine Erklärung
und bestand darauf, jetzt sofort alles zu hören, was sie
von dieser so genannten "dalmatinischen Kristallnacht"
wusste, wie sie das erlebt und warum sie es mir verschwiegen hatte.
In einem regelrechten Verhör brachte ich Folgendes heraus:
Eines Tages, einige Wochen zuvor, sei Atena, ihre damals elf Jahre
alte Tochter, in die Wohnung heraufgestürmt und habe gebrüllt,
dass alle serbischen Läden kaputtgeschlagen würden.
Sie seien gleich zum Fenster gerannt, das auf den Bulevar hinausführte.
Der Bulevar, wo Snjezanas Familie damals im fünften Stock
einer großen Anlage wohnte, ist eine breite Straße,
die von der Transitroute Rijeka-Split ins Zentrum von Zadar führt.
Vom Fenster aus habe Snjezana auf der Straße schräg
unter ihrer Wohnung zahlreiche Personen herumlaufen gesehen; etliche
mit Brechstangen und anderen Instrumenten bewaffnet, dazu einige
uniformierte Polizisten. Offenbar sei in diesem Moment gerade
ein Friseurgeschäft an der Reihe gewesen, das man zwar nicht
habe sehen können, da es sich in einer von der Straße
wegführenden Passage befand, aber lautes Geschrei und das
Klirren von Schlägen hätten keinen Zweifel aufkommen
lassen, was da geschehe. Wie gelähmt seien alle am Fenster
gestanden, von wo aus man mehr hören als sehen habe können.
Das Spektakel habe ziemlich lange gedauert, niemand habe sich
auf die Straße getraut.
Wie sich später herausstellte – die Aktion war in den
nächsten Tagen natürlich Stadtgespräch –,
war die Schlägertruppe am Morgen des 2. Mai 1991 mit dem
Zug von Bibinje, einem etwa acht Kilometer entfernten Vorort,
in Zadar angekommen – schwer bewaffnet. Die Anführer
hatten eine Liste mit Adressen serbischer Lokalitäten bei
sich und die Bande war sofort zum ersten Ziel losmarschiert. Dort
betrat zuerst ein Polizist das Lokal und schickte alle anwesenden
Personen hinaus, worauf die Schläger in Aktion traten und
alles zertrümmerten. Unmittelbar danach wurde von einer Meute
alles, was in dem Laden noch irgendeinen Wert hatte, geplündert,
während die Schläger schon zur nächsten Adresse
der Liste unterwegs waren.
Snjezana stellte fest, dass sie mich an diesem Tag sehr wohl angerufen
habe, um mir alles zu erzählen, aber dann doch kein Wort
herausbrachte. In der Tat, ich konnte mich daran erinnern, wie
sie einmal in Regensburg anrief, ein, zwei Minuten lang irgendetwas
keuchend stammelte und schließlich auflegte. Ich war mir
damals nicht klar, ob sie beim Telefonieren gestört wurde,
ob sie lachte oder weinte. Doch schon am Tag darauf rief sie wieder
an, ganz die Alte, meinte lachend, sie habe gestern einen schlechten
Tag gehabt, und sie sagte ihren Standardsatz: "All is okay,
all will be okay!" Sie habe mich einfach nicht beunruhigen
wollen, habe das auch irgendwie weggedrängt, nicht mehr an
das denken wollen, und außerdem hätte ich des Öfteren
eher ungläubig reagiert, wenn sie mir solche absurden Dinge
von Zadar erzählt habe. "Sei ehrlich, hättest du
mir geglaubt, wenn ich dir das erzählt hätte?"
Ich kann nicht sagen, wie ich mich bei alledem fühlte. "Hilflos"
ist wohl das beste Wort. Die Menschen hier leben scheinbar ganz
normal, reden, lachen, gehen ins Kaffeehaus, Kinder rennen umher,
seit einem halben Jahr verfolge ich alles, was über dieses
Land berichtet wird, bin fast täglich im Kontakt mit Snjezana
– und dann muss ich feststellen, dass ich keine blasse Ahnung
habe, was da wirklich los ist. Das alles war, ich muss es wiederholen,
im Mai 1991, Monate, bevor der Krieg begann.
Maria –
oder: Eine Kerze im Fenster
Am Nachmittag besuchten wir Maria, eine langjährige Freundin
von Snjezana, früher auch Arbeitskollegin. Sie wohnte mit
ihrem Mann Boran und zwei Kindern ganz in der Nähe, gleichfalls
am Bulevar. Maria war eine sehr intelligente, starke Frau, Exportkauffrau,
"Vollblutkroatin", perfekt in Deutsch, Englisch und
Italienisch. Sie wurde in den folgenden Jahren meine wichtigste
"Informantin" in Zadar, da sie sehr politisch dachte,
ruhig und präzise, umfassend und glaubwürdig berichten
konnte, zudem äußerst sympathisch war. (Vor etwa zwei
Jahren ist sie gestorben, wir sind bis zuletzt im besten Kontakt
gestanden.) Boran stellte sich vor als Mischung aus fast allem,
was Jugoslawien zu bieten hatte: ein Großvater Kroate, der
zweite Serbe, eine Großmutter, so weit ich mich richtig
erinnere, Montenegrinerin, die andere aus Bosnien. Er hatte vor
Wochen seine Arbeit verloren, ausdrücklich mit der Begründung,
dass ab sofort in der Firma nur noch echte Kroaten beschäftigt
werden könnten. Seinem Chef sei es immerhin peinlich gewesen,
ihn hinauszuwerfen.
Unsere Gespräche drehten sich natürlich um die besagten
Vorfälle. Maria und Boran bestätigten im Wesentlichen
das Bild, das ich mittlerweile hatte, fügten der Geschichte
aber noch jede Menge bedrückender Details hinzu.
Eines davon erscheint mir erzählenswert: An jenem Abend,
nach vollbrachter Tat, wurde in Zadar im Radio und durch intensive
Mundpropaganda verbreitet, dass in der kommenden Nacht die ganze
Stadt um den in Bibinje erschossenen kroatischen Polizisten zu
trauern habe. Jeder sollte nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause
bleiben, für den Polizisten und für ein freies Kroatien
beten und zum Zeichen der Trauer an jedes Fenster, auf jeden Balkon
eine brennende Kerze stellen. Das sollte, so Maria, das Zeichen
einer jeden Familie werden, dass man die ganze Terroraktion billige,
und gleichzeitig eine Warnung an alle sein, die diesem Verbrechen
nicht zustimmen wollten.
Die Telefone seien heißgelaufen an diesem Abend, Freunde
und Nachbarn hätten an der Türe geklingelt; Maria sei
gar nicht mehr vom Telefon weggekommen. Die einen riefen an und
forderten massiv dazu auf, unbedingt Kerze n aufzustellen; das
Ganze sei kein Spaß, sondern eine Erhebung derer, von denen
Schwierigkeiten zu erwarten seien, quasi eine besondere Form von
Minderheitenfeststellung. Wer nicht mitmache, deklariere sich
klar als Feind des kroatischen Volkes, stehe offenbar mit dem
Feind im Bunde – und wie es solchen Feinden ergehe, das
habe die ganze Stadt heute sehen können. Andere Anrufer wiederum
teilten protestierend mit, dass dies eine Sauerei sei, die man
nicht unterstützen werde, hofften oder forderten, nicht allein
gelassen zu werden. Wie bei einer richtigen Verschwörung
seien am Telefon ganze Listen von Namen durchgesprochen worden,
um festzustellen, wer alles nicht mitmache, wer wen noch anrufen
solle.
Maria und Boran hatten von Anfang an beschlossen, keine Kerzen
anzuzünden. Man könne sich ja nicht mit diesem Wahnsinn
identifizieren. Doch der Druck wurde enorm. Marias Mutter rief
x-mal an, heulte und tobte am Telefon, weil sich Maria weigerte,
Kerzen aufzustellen. Wer nicht gerade telefonierte oder mit Nachbarn
im Stiegenhaus diskutierte, stand am Fenster und starrte auf die
Nachbarhäuser. Überall brannten Kerzen und es wurden
immer mehr. Beobachtertrupps waren zu sehen, die auf der Straße
patrouillierten, Fenster absuchten, Etagen abzählten, Notizen
machten – offensichtlich um festzuhalten, wer hinter
den
kerzenlosen Fenstern wohnte. Zwischendurch riefen Freunde zum
zweiten Mal an, widerriefen die noch eine Stunde zuvor trotzig
durchgegebene Zivilcourage und bekannten kleinlaut, jetzt doch
eine Kerze angezündet zu haben.
Urplötzlich sei dann Marias Mutter dagestanden, wutschnaubend,
mit einem Pack Kerzen unterm Arm. "Sie brüllte mich
an, ich solle doch gleich nach Belgrad verschwinden, aber nicht
vorher noch die Kinder umbringen. Und so kam es, dass auch bei
uns Kerzen brannten. Ich konnte sie nicht bremsen. Ich hätte
sie vor den Kindern erschlagen müssen", erzählte
mir Boran voller Scham. "Seither kann ich meinen serbischen
Freunden nicht mehr gerade ins Gesicht sehen, ich habe sie im
Stich gelassen."