Rezension in "DIE PRESSE" (Feuilleton "SPECTRUM"),
17. November 2001
"Und wir wissen nicht,
wer es war"
Von Dr. Erwin Riess
Wie ist es zur Tragödie Jugoslawiens
gekommen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Kurt Köpruner,
der in seinem Buch "Reisen ins Land der Kriege" das
soziale Phänomen "Krieg" studiert. Sein Fazit:
"Wir sind alle hinters Licht geführt worden!"
Vorarlberg weist in den achtziger Jahren bei 300.000 Einwohnern
und je 20.000 türkischen und jugoslawischen Arbeitsemigranten
eine der höchsten Ausländerraten Europas auf. Ein Gewerkschaftsfunktionär,
Kurt Köpruner, fungiert oft als Redner bei Veranstaltungen
von jugoslawischen Kultur- und Sportverbänden. Die Treffen
laufen alle gleich ab: Kinderprogramm, Tombola, Ansprachen, Musik.
Man sagt, aus welcher Region ein Lied stammt, und läßt
es damit bewenden . Man folgt darin Tito, der ebenfalls darauf
setzte, den Nationalismus durch Bildung und die Schaffung halbwegs
einheitlicher Lebenschancen ins Reich der Folklore zu verbannen.
Zehn Jahre später. Ein Betriebsrat einer Vorarlberger Textilfirma
gerät in einen schweren Arbeitskonflikt. Groteske Anschuldigungen
gegen ihn werden erhoben, die ÖGB-Führung verweigert
Hilfe, worauf der Betriebsrat in einem Wiener Hotel Selbstmord
begeht. Köpruner bricht mit dem ÖGB, wechselt Land und
Beruf. In Regensburg baut er eine Maschinenbauagentur auf. Unter
anderem treibt er auch mit jugoslawischen Betrieben Handel, die
Produkte auf Weltmarktniveau herstellen.
Die hervorragend ausgestatteten Betriebe stehen unter dem Schock
des weggebrochenen sowjetischen Marktes, für den Produktionskapazitäten
aufgebaut worden waren. Aber nicht die Ökonomie, sondern
die Politik war das vorrangige Thema. Debattiert wurde, ob Jugoslawiens
Zukunft in einer Föderation, einem starken Bundesstaat oder
in einer Konföderation, einem losen Zusammenschluß
der Republiken, liegen solle. Die Meinungen waren geteilt, einig
waren sich aber alle darin, daß der Staat Jugoslawien nicht
aufgelöst werden könne. Die ethnische Verschränkung
sei zu weit fortgeschritten, die Mehrzahl der Familien, die Politik,
das Militär, der Sport und ganz besonders die Wirtschaft
seien multiethnisch organisiert. Kein Großbetrieb, der nicht
über viele Kanäle mit Zulieferern aus allen Republiken
verbunden war. Jeder Versuch, den Staat zu zerreißen, würde
in einer Apokalypse mit Hunderttausenden Toten enden. Das Ende
Jugoslawiens wäre kollektiver Selbstmord, sei schlechterdings
undenkbar.
Wir wissen, daß das Undenkbare Realität wurde; auch,
daß jene Staaten, die sich aus historischen Gründen
hätten besonders zurückhalten sollen, Österreich
und Deutschland, genau das entgegen den flehentlichen Bitten Englands,
Frankreichs und Italiens nicht taten, sondern Öl ins Feuer
der Separation gossen. Das Wort vom "Selbstbestimmungsrecht
der Völker" wurde zum Sommerhit des Jahres 1991. Selbst
die Albaner führten im September ein Referendum durch und
riefen drei Wochen später die Unabhängigkeit ihres Staates
"Kosova" aus.
Schon Ende Mai 1991 hatte der Autor in einem Zagreber Hotel ein
Erlebnis, das für ihn zum Fanal für das Kommende wurde.
Roter Stern Belgrad hatte den Fußball-Europacup gewonnen,
und alle Kroaten, denen der Autor gratulierte, reagierten gereizt
und verärgert - der Triumph einer "serbischen"
Mannschaft wurde als Kränkung Kroatiens empfunden. Mit einem
Schlag bekam der Autor eine Ahnung vom Ausmaß des Hasses,
der zwischen Kroaten und Serben bestand. Noch ein Jahr zuvor hätte
ein Europacupsieg eines jugoslawischen Fußballteams ein
gesamtjugoslawisches Volksfest ausgelöst.
Es muß also das stattgefunden haben, was Antonio Gramsci
die "Beschleunigung von Politik" nannte. Bei gesellschaftlichen
Brüchen, die oft einem ökonomischen Zusammenbruch folgen,
gewinnen vorher marginalisierte Gruppen rasch mit radikalen Forderungen
bestimmenden Einfluß auf das gelähmte gesellschaftliche
Zentrum, worauf dieses nach einem maximalistischen Ziel ausgerichtet
wird, das sich meist entlang ethnischer Trennlinien gruppiert.
Schon zu dieser Zeit ist die traditionell in Parteien und Verbänden
gebündelte Gesellschaft nicht mehr in der Lage, das Steuer
herumzureißen. Es schlägt die Stunde von neuen sozialen
Zusammenschlüssen; "Bewegungsparteien" verdrängen
die traditionellen oligarchischen oder Klassenparteien. Obwohl
sich zu diesem Zeitpunkt die gesellschaftszerstörenden Kräfte
noch in deutlicher Minderheit befinden, vollzieht sich doch die
Umgruppierung der Machtverhältnisse in schwindelerregendem
Tempo. So auch in Jugoslawien - und zwar zugleich in der kroatischen
und der serbischen Teilrepublik.
Der Aufstieg des Politikers Milosevic - er war zuvor Bankmanager
in den USA - ging einher mit dem Bruch der beiden wichtigsten
titoistischen Staatsregeln. Erstens: Es darf niemals Politik auf
der Straß
e gemacht werden. Zweitens: Der Partisanenmythos
muß den Amselfeldmythos überstrahlen. In seiner Amselfeldrede,
vor einer Million Serben, vollzog Milosevic de facto den Bruch
mit der titoistischen Staatsverfassung – die wichtigste
Barriere auf dem Weg zum Krieg war gefallen. Parallel dazu vollzogen
sich in Kroatien und in Slowenien ähnliche Prozesse.
In Zadar angekommen, wurde Köpruner Zeuge einer seltsamen
Prozession. Priester und Ministranten führten mit Monstranzen
und Weihrauchkesseln einen langen Zug an. Darüber wehte die
neue kroatische Flagge mit dem rot-weißen Schachbrettmuster
aus Ustascha-Zeiten. "Sie bitten Gott um ein freies Kroatien
- also um Krieg", raunte ein Jugoslawe. Bereits Anfang Mai
hatte sich in Zadar eine Pogromnacht ereignet. Hunderte Geschäftslokale,
die Serben gehörten, wurden zerstört. Die Polizei sah
zu oder leistete Hilfsdienste. Dabei war es egal, ob die Zuschreibung
"Serbe" gerechtfertigt war oder nicht. Wer Serbe war,
bestimmten die anderen; jene, die nach dem Tod eines Polizisten
behaupteten, Serben seien die Mörder, und die ganze Stadt
aufriefen, Kerzen zum Zeichen der Trauer in ihre Fenster zu stellen.
Wer sich nicht daran beteiligte, wurde von Schlägertrupps
heimgesucht - lange vor der Unabhängigkeitserklärung
Kroatiens und Sloweniens.
Der ersten Reise im Frühling 1991 folgen im Lauf der nächsten
zehn Jahre viele weitere Fahrten in das kriegsgeschüttelte
Jugoslawien, noch im Frühsommer 2001 hält Köpruner
sich lange im Kosovo auf. Längst sind es nicht mehr berufliche
Gründe, die den Maschinenbauer dorthin führen, er ist
besessen davon, Antwort auf eine Frage zu finden: Wie war es möglich,
daß 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Krieg
wieder nach Europa zurückkehren konnte? Wenn er nicht im
Krisengebiet unterwegs ist, studiert Köpruner die Geschichte
der Balkanregion und verfolgt - anfangs mit Verwunderung, dann
mit wachsender Empörung -, wie schamlos sich die Medienmaschinerie
Kriegsereignisse zurechtlügt. Nun ist Desinformation ein
Teil der Kriegsführung, und ein Tor, wer das nicht in Rechnung
stellt. Köpruner ist kein Kriegsberichterstatter, er hat
keinen Auftraggeber, er studiert das soziale Phänomen "Krieg".
Eingebettet in die Geschichte seiner Nachforschungen erzählt
Köpruner die von vier Kriegen, beginnend mit den Separationskriegen
in Slowenien und Kroatien über den Krieg in Bosnien, wo 30.000
Nato-Soldaten nicht in der Lage waren, Massenmorde wie jenen in
Srebrenica zu verhindern, bis zum Bürgerkrieg im Kosovo mit
dem Bombardement Rest-Jugoslawiens 1999 durch die Nato. In kurzen
Kapiteln umreißt der Autor die Voraussetzungen der Kriege
- von der habsburgischen Militärgrenze bis zu den verwirrenden
Allianzen im Zweiten Weltkrieg, wo sich Angehörige derselben
Volksgruppe unter der deutschen Besatzung blutige Bürgerkriege
lieferten, über die an Stalin gescheiterte Balkanföderation
bis zu Jugoslawien unter Tito - samt dessen gescheiterter Wirtschaftspolitik.
Immer wieder reflektiert Köpruner die Rolle der Medien. In
der medialen Vermarktung erwiesen die Serben sich als Hinterwäldler,
sie hatten nicht verstanden, daß neben dem Bodenkrieg ein
virtueller Krieg um die öffentliche Meinung im Westen tobte.
Es ging dabei nie um die Wahrheit, sondern nur darum, wer eine
Greuelnachricht zuerst plazieren konnte. "Es ist nicht unsere
Aufgabe, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen",
erklärte der Leiter einer von der kroatischen Regierung angeheuerten
Werbeagentur. Ein Nato-Offizier: "Wenn wir wissen, daß
es die Serben getan haben, sagen wir: Die Serben waren es. Wenn
wir nicht wissen, wer es getan hat, sagen wir: Die Serben waren
es. Und wenn wir wissen, daß es nicht die Serben waren,
sagen wir: Wir wissen nicht, wer es war." In einem Gespräch
des Autors mit einem muslimischen General fallen folgende Sätze:
"Glauben Sie kein Wort, das Sie über diesen Krieg hören.
Das ganze Land ist voller Leute, die Horrorgeschichten erfinden
und für viel Geld an eure Medien verkaufen." Am Beispiel
der "Massakerpolitik" zeigt Köpruner, welche Auswirkungen
diese Dimension des Krieges hatte. So entstanden die Bilder von
den Serben als Erben Dschingis Khans, als reißende Wölfe.
"Nicht mit Menschen hatte der Westen zu tun, sondern mit
Monstern." Und 14 Monate nach Racak - dieses Massaker war
entscheidend für das unbefristete Bombardement - ließ
das deutsche Außenministerium verlauten, daß über
die wahren Hintergründe von Racak nur spekuliert werden könne.
Die Kapitel über die "Massakerpolitik" und die
den Luftangriffen vorausgehende Farce von Rambouillet zählen
zu den spannendsten des Buches. Erstaunlich, wie schnell die USA
die Fronten gewechselt hatten, denn noch im Februar 1998 hatte
der US-Sonderbeauftragte Gelbard Milosevic darin bestärkt,
im Kosovo mit militärischen Mitteln für Ordnung zu sorgen,
die UÇK, so der Amerikaner, sei eine terroristische Vereinigung.
Elf Wochen bombardierte die Nato Ziele in Jugoslawien. In 38.000
Angriffen wurden 20.000 Tonnen Sprengstoff abgeworfen; die Bombardements
töteten nach Nato-Angaben Tausende Menschen und zerstörten
große Teile der zivilen Infrastruktur des Landes. Der militärische
Erfolg: Ganze 15 Panzer wurden zerstört, dafür aber
105 große Industrieanlagen, Ölraffinerien und -lager,
Krankenhäuser, Kläranlagen, Brücken und Bahnhöfe.
Entgegen den ersten Plänen, nur "harte" militärische
Ziele zu bombardieren, betrafen 60 Prozent der Angriffe "weiche"
und rein zivile Ziele. Unter die "Kollateralschäden"
ist auch das ramponierte Völkerrecht einzureihen –
die Angriffe fanden ohne UN-Mandat statt. Klar, daß heute
kein ernstzunehmender Beobachter diesen Bombenkrieg als Ruhmestat
betrachtet. Köpruner bemerkt, daß ohne den Regierungseintritt
von Ex-Pazifisten in die deutsche Regierung das Bombardement nicht
stattfinden hätte können. In den Worte
n des deutschen
Delegationschefs bei der OSZE, des Ex-CDU-Abgeordneten Willy Wimmer:
"Wir sind hinters Licht geführt worden."
Köpruners klug gegliedertes Werk orientiert sich mehr an
den Arbeiten englischer Historiker denn an deutschen Kriegsreportagen.
Der Autor bleibt konkret, wo andere mutmaßen; er sieht auch
dort hin, wofür andere sich nicht interessieren. Er ist nicht
auf der Suche nach Massengräbern und anderen Sensationen,
er erzählt genau vom Alltag des Krieges.
Quelle: http://www.diepresse.at/services/archiv/default.asp?nav=detail&channel=1&ressort=kl&id=259841&src=online&buntmach=k%F6pruner