Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


Rezension in "dooyoo", 2. Feber 2002

Autor: Peregrinus

WENN EINER EINE REISE TUT . . .

... dann muß er nicht unbedingt viel zu erzählen haben. Die tiefsten Eindrücke, die der durchschnittliche Mallorca-Urlauber mitbringt, haben Sandkörner in die sonnenbrandige Haut gepreßt. Und Geschäftsreisende? Die interessieren sich nicht mal für den Strand, sondern nur um profitable Vertragsabschlüsse.

Sollte man meinen.

Kurt Köpruner ist Geschäftsmann. 1951 in Österreich geboren, kaufmännische Ausbildung, leitete er ein Institut für Erwachsenenbildung. Nebenher engagierte er sich in der Gewerkschaft und bei den Sozialdemokraten. 1989 siedelte er nach Deutschland über, gründete in Regensburg eine Firma und importierte fortan Maschinenbauteile. Der Zufall, das heißt: das Bemühen um neue Geschäftskontakte, führte ihn auch nach Jugoslawien.

Dort befreiten sich gerade die Slowenen, Kroaten und Bosnier aus dem "Völkergefängnis" Jugoslawien und aus der Unterdrückung durch die kommunistisch, nationalistisch oder großserbisch gesinnten Serben unter Führung von Slobodan Milosevic. Der deutsche Außenminister Genscher half den jungen Staaten zur Anerkennung und verhinderte so das Entstehen eines Großserbiens. Die Serben versuchten nun, mit Waffengewalt die Freiheit der anderen Völker auf dem Balkan zu verhindern, und führten bisher vier Kriege gegen Slowenien, Kroatien, Bosnien und zuletzt der Kosovo - die sie alle verloren. Freiheit und Demokratie sind eben nicht aufzuhalten.

So oder so ähnlich konnte man es ab 1990 in den deutschen Blättern lesen, im Fernsehen beschauen oder im Radio hören. Ein paar Frequenzbänder weiter, beim britischen Soldatensender BFBS, wurde dagegen von einem beginnenden Bürgerkrieg berichtet. Nationalisten aller Couleur versuchten in Jugoslawien, die Konflikte zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen zu schüren, um für sich selbst ein möglichst großes Stück vom jugoslawischen Kuchen zu erbeuten. Jedermensch wurde eingetrichtert, daß seine Bevölkerungsgruppe und seine Region besonders unterdrückt und benachteiligt gewesen wurde und nur in der Selbständigkeit das Heil zu suchen sei. Haß machte sich breit, Ausschreitungen begannen, die bald in einem regelrechten Bürgerkrieg mündeten.

Kurt Köpruner, der damals wohl mehr die deutschen Medien verfolgte, war erstaunt, als er vor Ort ein ganz anderes Jugoslawien vorfand. Bei Besuchen in Kroatien., die eigentlich der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen dienen sollten, wurde er Zeuge, wie kroatische Nationalisten zunehmend an Einfluß gewannen. Die Häuser einzelner Serben wurden angesteckt, ganz offen die Ermordung unliebsamer Zeitgenossen diskutiert. Rasch breiteten sich die Symbole und Parolen des klerikalfaschistischen Ustascha-Regimes wieder über Kroatien aus. Örtliche Medien hetzten offen gegen alles Nicht-Kroatische. Krieg werde kommen, erfuhr Köpruner von seinen Gesprächspartnern. Zunächst ungläubig - nichts davon war den gängigen deutschen Medien eine Schlagzeile wert gewesen -, dann zunehmend entsetzter beobachtete Köpruner, wie die Einheimischen recht behielten.

In den nächsten zehn Jahren bereiste Kurt Köpruner immer wieder den Balkan, pflegte private wie Geschäftskontakte und ließ sich von den Menschen vor Ort erzählen. Was er hörte, paßte nun ganz und gar nicht zu dem einfachen Schwarz-Weiß-Bild, das hiesige Politiker und Medien malten. Der Glauben an beide sei ihm gründlich verlorengegangen. Er begann, festzuhalten, was er sah und hörte, was ihm berichtet wurde und was zeitgleich in deutschsprachigen Medien zu lesen war.

Gut die Hälfte des Buches "Reisen in das Land der Kriege" besteht aus solchen Berichten. Köpruner ist kein "Profi", aber er erweist sich als ausgezeichneter Beobachter. Lebendig und genau berichtet er von seinen Eindrücken, Erlebnissen und Gesprächen. Aus Kroatien, in das er schon während der Kriege immer wieder reiste, aus Bosnien und Serbien nach dem Daytoner Abkommen, und auch in das NATO-Protektorat Kosovo. Manches ist beängstigend, das wenigste ist spektakulär - spannend wird es gerade deshalb, weil es eine ganz andere Wirklichkeit beschreibt als die, die man gemeinhin in den Medien vorgeführt bekam. Dabei beschönigt Köpruner nichts, relativiert weder Titos Diktatur nur die Untaten einzelner Ethnien, nimmt nicht Partei für die eine oder andere "gute Sache".

Dazwischen finden sich immer wieder längere Analysen: Köpruner bringt seine Erlebnisse in Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehens - und damit, was zeitgleich in den Medien berichtet wurde. Wer sich für das Thema interessiert, wird hier nicht viel neues finden: Das meiste hat man so oder so ähnlich schon bei anderen Autoren wie H. Loquai gelesen, die ebenfalls der "offiziellen" Berichterstattung gegenüberstehen. Köpruner verschweigt das auch ni cht, er listet seine Quellen und die benutzte Literatur sehr genau auf.

Köpruner ist Kaufmann, kein Berufsschreiber: Zahlen sind fast immer ausgeschrieben, einige Formulierungen sind umständlich oder ungenau. An einer Stelle schreibt er, die 1995 aus der (kroatischen) Krajina vertriebenen Serben seien auch in den Kosovo vertrieben worden, aber der sei "längst von jemand anderem beansprucht [worden] - von der UCK". Die UCK trat aber erst 1997 in Erscheinung.

Solche Nebensächlichkeiten tun der Qualität des Buchs aber keinen Abbruch . Die Erlebnisse eines "ganz normalen" Menschen, der unvermittelt mit etwas konfrontiert wird, das ganz und gar nicht "normal" ist, der genauer hinzuschauen und genauer nachzufragen beginnt - die sind ungemein spannend zu lesen. Die Hintergründe hätten kürzer beschrieben werden können, es gibt dazu auch bessere Bücher. M.-J. Calics "Krieg und Frieden in Bosnien-Hercegovina" zum Beispiel, und H. Loquais "Der Kosovo-Konflikt".

Dennoch: Hier hat jemand eine Reise getan, und er hat eine ganze Menge zu erzählen - aus einem Land, das in Bürgerkriegen zerfiel, und von den Menschen dort, und von ihren Geschichten. Köpruner schafft es, auch die in den Bann zu schlagen, die sich für den Balkan eigentlich gar nicht sonderlich interessieren - ich werde wohl einige Zeit warten müssen, bis das Buch aus meinem Bekanntenkreis wieder in mein Bücherregal zurückgekehrt ist...

Köpruner berichtet, wo andere nur mutmaßen: Unbedingt reinschauen!