Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


REZENSION in "Frankfurter Rundschau", 18. März 2002

Durch den Fernseher geschritten
Kurt Köpruner berichtet vom Reisen und vom Staunen in
Ex-Jugoslawien


Von Boris Kanzleiter


Mit jedem Besuch der neuen Staaten des ehemaligen Jugoslawien befiel Kurt Köpruner größere Befremdung. Während er sich dem Land und seinen Bewohnern über zehn Jahre lang in Dutzenden Reisen näherte, wuchs zunächst die Irritation und schließlich der Zorn: Nicht über die Kriege in Jugoslawien - dessen Ursachen verstand er immer besser - sondern vor allem über die Politik des Westens auf dem Balkan. In dieser erkannte er immer deutlicher ein Teil des Problems und nicht der Lösung.

Der 50-jährige Kurt Köpruner ist weder Journalist noch Historiker. Er zählt nicht zu den Menschen, die normalerweise ein Buch über den Balkan schreiben. Der Österreicher arbeitet für eine Regensburger Maschinenbauagentur mit vielen Geschäftskontakten in den Nachfolgerepubliken des kriegszerrütteten Landes. Doch vielleicht gerade deshalb, weil er als zunächst "unwissender" Beobachter, wie er selbst schreibt, die Krisenregion besuchte, hat sein Buch Reisen in das Land der Kriege journalistischen und politologischen Betrachtungen über das Jahrzehnt des Krieges oft viel voraus. Hier erzählt ein wachsamer Beobachter über seine subjektiven Wahrnehmungen und bringt sie in Kontrast mit der "amtlichen" Geschichte.

Das eindrucksvollste Ereignis muss für Köpruner wohl im Mai 1991 ein Besuch in Kroatien gewesen sein, noch einige Monate vor Ausbruch des Kriegs. Weil sein Mietwagen ein Belgrader Kennzeichen hat, wird es auf dem Parkplatz vor dem Hotel in Zadar verbeult. Kroatische Nationalisten waren am Werk. Als er den örtlichen AVIS Geschäftsführer aufsucht, zeigt dieser wenig Interesse für das beschädigte Auto. Er begrüßt ihn mit den Worten: "Ich bin Serbe, und ich bin stolz darauf."

"Na also", denkt Köpruner zunächst, "das war jetzt offenbar endlich einer von diesen Serben, von denen ich schon damals so vieles gelesen hatte: voller Pathos, kämpferisch, größenwahnsinnig, leidensbereit, schicksalsschwanger, von Verfolgungswahn besessen." Aber das folgende Gespräch verwundert ihn. Vor wenigen Tagen hatte in Zadar eine Bande von etwa hundert kroatischen Nationalisten die Erschießung eines Polizeibeamten zum Anlass genommen, so erzählt der AVIS-Angestellte, in einer zehn Stunden währenden Randalierorgie 160 serbische Geschäftslokale und Wohnhäuser in Schutt und Asche zu legen. Die Polizei habe wohlwollend zugeschaut. Köpruner protestiert - von einem solchen Vorfall hätte er doch hören müssen. Der andere gibt zurück: "Ich sehe jeden Tag RTL und eure anderen Fernsehsender, ich bin ganz genau darüber informiert, was man bei euch über uns denkt. Ihr habt keine Ahnung, was hier los ist!"

Genau zu diesem Schluss kommt auch der Autor, nachdem er sich mit der Situation in Zadar eingehend auseinandergesetzt hat. "Hilflos" habe er sich anschließend gefühlt, schreibt er. "Seit einem halben Jahr verfolge ich alles, was über dieses Land berichtet wird", und dann, "muss ich feststellen, dass ich keine blasse Ahnung habe, was da wirklich los ist."

Für den Autor war dies der Anlass, sich selbst auf die Suche zu machen. Der Reiz seiner Erzählung über die nun folgenden immer zielgerichteter werdenden Reisen liegt darin, dass er den Leser an seinen schrittweisen Entdeckungen teilhaben lässt. Wer das Buch in die Hand nimmt, wird zum Begleiter beim Gang durch das Labyrinth des Zerfalls und der Zerstörung Jugoslawiens. Köpruner kommt zum Schluss, dass es vorhersehbar gewesen war, was die einseitige Positionierung vor allem der deutschen und österreichischen Politik auf Seiten der Unabhängigkeitsbewegungen in Slowenien und Kroatien bewirken würde: Krieg. Dabei verfällt er aber keineswegs in eine Parteinahme für die Seite serbischer Nationalisten, deren Politik er ebenso schonungslos verurteilt.

Die unbefangene, emotionale Tonlage der Erzählungen über die zahlreichen persönliche Begegnungen und vielfältigen Eindrücke haben Peter Glotz, der das Vorwort für das Buch beisteuert, das Wort "hinreißend" entlockt. Ein großes Lob für einen Autor, der zuvor nicht veröffentlichte, zumal von einem Politiker, dessen Partei, die SPD, im Kreuzfeuer Köpruners Kritik steht, insbesondere im Kapitel über den Kosovo-Krieg. Ein Lob allerdings, das berechtigt ist. Schwächen indes weisen die Kapitel auf, in denen Köpruner den historischen Hintergründen der Konflikte auf dem Balkan nachgeht. Hier gibt er lediglich angelesenes Wissen weiter. Sie wirken im Gegensatz zu den packenden Schilderungen des Augenzeugens manchmal wie aus dem Zettelkasten zusammen-geschrieben. Doch insgesamt tut dies dem Buch keinen Abbruch. Es ersetzt nicht die Lektüre der Sachliteratur, es bietet dafür die subjektive und kritische Perspektive eines engagier ten Zeitgenossen, der zu verstehen versucht.