Rezension in "Junge
Welt", 15. November 2001
Dalmatinisches
Pogrom
Von Rüdiger Göbel
Von Kroatien bis ins Kosovo: Ein Geschäftsmann auf Bildungsreise
in Jugoslawien
Seit den Terroranschlägen in den USA und dem Krieg gegen
das Armenhaus am Hindukusch sind der Balkan und seine Konflikte
in den Hintergrund getreten. Nahezu unbemerkt und unangefochten
hat Deutschland im Schatten des 11.September die Leitung des NATO-Mandats
in Mazedonien übernommen - nach Bosnien-Herzegowina und Kososvo
das dritte Protektorat auf dem Balkan, in dem Berlin führende
Positionen besetzt.
"Danke Deutschland", tönte es vor zehn Jahren allerorten
in Kroatien aus den Radios. Die ehemalige jugoslawische Teilrepublik
hatte im Sommer 1991 ihre Unabhängigkeit proklamiert. Mit
Hilfe des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher
wurde dieser einseitigen Sezessionerklärung zu internationaler
Unterstützung und Akzeptanz verholfen. Am 23. Dezember 1991
wurde Zagreb zunächst vorauseilend von Bonn, im Januar 1992
dann von den übrigen westeuropäischen Staaten und den
USA als neue Hauptstadt eines neues Staates auf dem Balkan anerkannt.
Die blutigen Kriege, Massenmorde und Vertreibungen in Kroatien,
in Bosnien-Herzegowina bis hin zum Kosovo und Mazedonien nahmen
ihren Lauf. Die Medien hatten bis auf wenige Ausnahmen schnell
und unisono einen Schuldigen für den Dauerkonflikt auf dem
Balkan ausgemacht: die Serben, und stellvertretend für diese,
die Inkarnation des Bösen, Gottseibeiuns Slobodan Milosevic.
Der aus dem österreichischen Bregenz stammende Geschäftsmann
Kurt Köpruner ist seit Anfang der 90er Jahre als Repräsentant
einer deutschen Maschinenbauagentur auf dem Balkan tätig.
Bei seinen zahlreichen Reisen ließ er sich immer wieder
von den Menschen, die ihm begegnen, vorbehaltlos ihre Version
der Geschichte erzählen. Die stimmte im Gros leider nie mit
dem überein, was er zu Hause in den Medien zu hören
bekam.
Köpruner war in Kroatien, in der serbischen Krajina, im vermeintlich
multikulturellen Bosnien und zuletzt als Tourist im NATO-Protektorat
Kosovo. Aus dem Mosaik verschiedenster, sich widersprechender
wie ergänzender Berichte formte er eine Vorstellung vom Auseinanderbrechen
Jugoslawiens. Eine aufregende und aufwühlende "Geschichte
von unten". Im besten Sinne "naiv" erzählt
wird das zweidimensionale Bild des Balkans, das Medien und Politik
in den vergangenen zehn Jahren immer wieder gezeichnet haben,
durch Köpruner dreidimensional, menschlich und lebendig.
Die letzte Dekade des ehemaligen Jugoslawien, hierzulande meist
in ein einfaches antiserbisches Schwarz-Weiß-Schema gepreßt,
wird mit einem Mal differenziert und bekommt verschiedene Grautöne.
Mithin wird sie endlich auch für "Laien" verständlich
und nachvollziehbar. Schrecklich bleibt sie allemal.
Mit zu den bewegendsten Schilderungen - vielleicht auch nur, weil
sie zuvor noch niemand der Öffentlichkeit zur Kenntnis brachte
- gehört die der "dalmatinischen Kristallnacht".
Am 2.Mai 1991 hat eine Bande von etwa 100 Personen in einer zehn
Stunden andauernden Aktion im Zentrum des kroatischen Zadar und
in der näheren Umgebung insgesamt 116 serbische Geschäftslokale
sowie Wohnhäuser zerstört. Die Schläger kamen mit
dem Zug von Bibinje, einem etwa acht Kilometer entfernten Vorort
der Küstenstadt. Dort gab es kurz zuvor eine Polizeiaktion,
bei der ein Serbe verhaftet werden sollte, in deren Verlauf aber
ein kroatischer Polizist erschossen wurde. Ein Vorwand allenfalls
für das Folgende. Der kroatische Mob ging systematisch vor.
"Die Anführer hatten eine Liste mit Adressen serbischer
Lokalitäten." Das Vorgehen war einheitlich. Eine Gruppe
hat jeweils "einen Straßenzug abgeriegelt und dann
alles zertrümmert, was sich darin an Serbischem befunden"
hat. All das hat "nicht nur vor den Augen der Polizei stattgefunden",
diese hat "die Operation sogar koordiniert", betont
Köpruner. Cupe, Vertreter der örtlichen Rent-a-Car-Niederlassung
von AVIS, schilderte dem Autor den antiserbischen Terror an diesem
Tag. "Zwei bis drei Stunden lang führte mich Cupe per
Auto, zwischendurch auch zu Fuß, von einer häßlichen
Ruine zur nächsten. Ich verfluchte mich, daß ich keinen
Fotoapparat dabei hatte. Da waren einige Kleidergeschäfte,
Bäckereien, Metzgereien, Zeitungskioske, Zigarettenläden,
Juweliergeschäfte, Bürohäuser, Friseursalons und
dergleichen - teils einzeln stehende Gebäude, teils kleine
Blechhäuschen oder, wie in der Kala Larga, Verkaufslokale,
die im Erdgeschoß von Wohngebäuden beziehungsweise
in Einkaufspassagen untergebracht waren. ... So ungefähr
muß es damals zugegangen sein, im November 1938, in den
Städten Großdeutschlands."
Am Abend wurde im Radio und durch Mundpropaganda verbreitet, daß
in der kommenden Nacht die ganze Stadt Zadar um den in Bibinje
erschossenen kroatischen Polizisten zu trauern habe. "Jeder
sollte nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause bleiben, für
den Polizisten und für ein freies Kroatien beten und zum
Zeichen der Trauer an jedes Fenster, auf jeden Balkon eine brennende
Kerze stellen." Damit sollte jeder bekunden, daß man
die Terroraktion billigt. Gleichzeitig war es eine Warnung an
alle, die dem Verbrechen nicht zustimmen wollten. "Wenn ich
nicht alles mit eigenen Augen gesehen hätte, schreibt Köpruner
weiter, "niemals hätte ich so etwas für möglich
gehalten".
Das trifft auch für d en Kosovo zu, wo "eine der größten
Irrsinnigkeiten der Welt" stattfand. "Da fallen die
mächtigsten und zivilisiertesten Nationen der Welt über
ein kleines Land her, vernichten es unter Einsatz von Milliarden
von Dollars, auf daß es ein Hort der Multiethnizität
werde. Und dann gehen sie her und bauen es mit noch mehr Milliarden
und unter den größten Sicherheitsvorkehrungen wieder
auf." Mit dem Resultat, daß es heute wohl jenes Land
der Erde sei, in dem die Bevölkerungsgruppen am schärfsten
voneinander getrennt lebten.
Es gibt wahrscheinlich nur wenige politische Bücher, die
hochkomplexe Zusammenhänge und Hintergründe auf derart
anschauliche Art zu zeichnen in der Lage sind, daß man sie
nicht weglegen mag, sondern gespannt ist auf die nächste
Seite, das nächste Kapitel, bis zum Ende. Getrost überblättert
werden darf das blauäugige, dafür wenigstens kurz gehaltene
Vorwort von Peter Glotz.
Quelle: http://www.jungewelt.de/2001/11-16/006.php