Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien

 

Rezension in "Ketzerbriefe" Nr. 104, Dezember 2001/Januar 2002


Kurt Köpruner
Reisen in das Land der Kriege

Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien

Von Dr. Tilman Schöller

Lohnt es sich wirklich, zehn Jahre nach der Anerkennung Kroatiens und Sloweniens und über ein Jahr nach dem Sturz der Regierung Milosevic ein Buch über "das Land der Kriege" zu lesen? Zahlreiche Publikationen sind seit der Bombardierung Jugoslawiens vom Frühjahr 1999 erschienen, und sie alle haben einen kaum zufälligen Nachteil: sie kommen zu spät. Anders als Saddam Hussein haben die Serben zudem – spätestens seit dem Sturz der Regierung Milosevic gegenüber dem Westen definitiv kapituliert; ihnen jetzt späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, fällt offenbar leichter, als dies gegenüber dem wesentlich wehrhafteren "Schurkenstaat" am Golf zu tun, welcher um nichts weniger Opfer der US-Aggression und Propaganda geworden ist. Wehrhafte Opfer schätzt man eben gar nicht. Jedenfalls steht die Zahl der Bücher über den Irak in auffälligem Kontrast zu derjenigen der Bücher über Jugoslawien, und dies trotz der Tatsache, daß das Land am Euphrat seit Jahren und auch jetzt noch nahezu täglich von US-amerikanischen und englischen Bomben überzogen wird.

Köpruners Bericht über seine Erlebnisse in Jugoslawien hebt sich dennoch von anderen Veröffentlichungen der zahlreichen und meist hochnäsigen Spätmerker in erfreulicher Weise ab, auch wenn es leider durch einige gönnerhafte einleitende Worte des Ex-SPD-Bildungspolitikers Peter Glotz verunreinigt wird, was man aber weder Autor noch Verlag allzu sehr verübeln sollte; denn Köpruner brauchte schließlich einen Verlag, und der Espresso Verlag hielt die Prominenz wohl für geeignet, einem ähnlichen Schicksal wie dem des ehemals souveränen Jugoslawien zu entgehen: handelt es sich doch beim Espresso Verlag um den vormals bekannten, unabhängigen und gar nicht so kleinen Elefanten Press Verlag, dem Bertelsmann nicht nur die Kinderbuchabteilung, sondern auch den Namen abgekauft hat. Nicht nur souveräne Staaten, auch unabhängige Verlage soll es zukünftig eben nicht mehr geben.

Köpruner entlarvt als aufrichtiger und oft unmittelbarer Augenzeuge der Geschehnisse auf dem Balkan zunächst weitere Propagandalügen, beispielsweise die des bei uns sehr gefeierten, ach so "freien, geheimen und demokratischen Referendums" über die Unabhängigkeit Kroatiens vom Mai 1991: welch schäbige Abstimmungsfarce hier stattfand, konnte auch der aufmerksamste deutsche Zeitungsleser nicht erahnen. Oder seine äußerst anschauliche Schilderung der "dalmatinischen Kristallnacht" in Zadar, die gerade mal zwei Wochen vor diesem Referendum stattfand; mehrere hundert eigens in Bussen angekarrte Kroaten verwüsteten damals unter Anleitung und Schutz der kroatischen Polizei (cf. die "Tagesbefehle" des deutschen Propagandaministeriums, z. B. vom März 1939: "Morgen werden im ganzen Land spontane Kundgebungen stattfinden.") über einhundert serbische Geschäftslokale und Wohnhäuser. Als Köpruner noch im gleichen Monat Zadar besuchte (wo sein Mietwagen völlig demoliert wurde, einfach nur weil er ein Belgrader Kennzeichen hatte), konnte er nicht nur zahlreiche – auch "vollblutkroatische" Zeugen dieser Schändlichkeiten hören, sondern auch die Folgen im Straßenbild Zadars besichtigen. Bei Köpruner erfahren wir, welches Schicksal sich auch nur hinter einem der etwa einhundert Fälle verbirgt, die im Buch von Alexander Dorin aufgeführt sind*). Unseren unendlichen verlogenen "Reichspogromnacht"-Fetischisten (die am dalmatinischen Pendant ganz schön mitschuldig sind) war ihr millionenfach mehr als uns oder Köpruner zur Verfügung stehendes Papier bisher offenbar zu schade, um darüber zu berichten. Gleiches gilt etwa für die serbischen Ghettos im KFOR-Kosovo des Jahres 2000: daß beispielsweise nur noch 600 oft kranke Serben im Ghetto der einst überwiegend serbisch besiedelten Stadt Orahovac auf einer Fläche von etwa 100 mal 100 Metern leben und sich in Lebensgefahr begeben, wenn sie das Ghetto auch nur kurz verlassen –"wir leben hier im Gefängnis, und ich weiß jetzt, was es heißt, hinter Gittern zu leben", sagt eine dort lebende Serbin –, ist der NATO-hörigen Presse von der "Washington Post" bis zur "Badischen Zeitung" jedenfalls keine Zeile wert. So wird also "Antifaschismus" im deutschen Sektor des Kosovo - und nicht nur dort – praktiziert.

Diese entsetzlichen Einzelheiten erhellen jedoch lediglich weitere Lügen eines riesigen, im Falle Jugoslawiens seit über zehn Jahren gewobenen Lügenteppichs, dessen Strickmuster Alexander Dorin schon vor der Bombardierung Serbiens vorgeführt hat. Doch nicht seine Entlarvung von noch mehr Lügen und seine Aufdedckung von noch mehr Scheußlichkeiten zeichnen Köpruners Bericht wirklich aus, sondern seine grundsätzliche Herangehensweise, die ihn von den prostituierten Lohnschreibern so gründlich u nterscheidet (und die deshalb ein wenig an Edgar Ibsmann**) erinnert, der nicht die ethnischen, sondern die religiösen Parias unserer Zeit verteidigt). Einen davon – als Journalist kleiner Lokalblätter ein kleiner Fisch zwar, aber ein repräsentativer – traf er in Dubrovnik; diese verachtenswerte Figur kümmert sich wie seine ganze Zunft einen Dreck um das von ihm herbeigeschriebene Elend, und er schämt sich auch nicht, dies zuzugeben: "Ich weiß doch, w as meine Chefredakteure wollen ... Oft ist es nur ein halber Satz, der bewirken kann, daß eine wunderschöne Story im Papierkorb landen kann, und das wäre doch schade. Daß es auch vergewaltigte Serbinnen gibt, das darfst Du nicht schreiben. Mag sein, daß es die auch gibt. Ich weiß es nicht, und ich will es auch gar nicht wissen!" Köpruner wollte es wissen, das macht ihn sympathisch und in mancher Hinsicht vorbildlich. Er stand dabei vor einem Problem, vor dem jeder Bewohner totalitärer Staaten steht und das einerseits durch Verleugnung und Anpassung, andererseits aber auch durch furchtlose Logik gelöst werden kann: wie geht man damit um, daß die eigenen Wahrnehmungen den schier ununterbrochenen Äußerungen einer übermächtigen und im Ernstfalle skrupellos gewalttätigen Instanz (Medien, Lehrer, Eltern, oft genug einfach "alle anderen") widersprechen? Köpruner schildert diesen inneren Konflikt so: "Wie fassungslos ich all das verfolgte, wie oft ich mich fragte, ob denn nun ich selbst oder einer dieser täglichen Liveberichterstatter unter einem krankhaft selektiven Wahrnehmungsvermögen litt, das kann man sich vorstellen." Wichtigste Voraussetzung zur vernünftigen statt reflexhaften Lösung dieses Problems ist neben beharrlichen Nachfragen – bei Einhaltung des Grundsatzes audiatur et altera pars (wie unendlich fremdartig klingt diese eigentlich selbstverständliche Forderung einer besseren Zeit!) – der Verzicht auf das zweierlei Maß. Zur Beachtung dieser so selten gewordenen Prinzipien ermutigt Köpruners Buch.

*) "Avis Autovermietung – ausgeraubt", vgl. Alexander Dorin, In unseren Himmeln kreuzt der fremde Gott. Verheimlichte Fakten der Kriege in Ex-Jugoslawien, 2. aktualisierte Auflage, Ahriman-Verlag, Freiburg 2001, S. 36ff.

**) Edgar Ibsmann, Der Kaufmann von Hamburg, Hamburg 1992 (aufgrund der fortgeschrittenen Verfolgung religiöser Minderheiten in Deutschland nicht mehr erhältlich, aber abgedruckt in 30 Jahr Ketzer, Ahriman-Verlag, S. 561ff.).