Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


Rezension in "Leipziger Volkszeitung", 25. Nov. 2001

Von Dr. Heinz Loquai

Der Titel des Buchs könnte den Leser auf eine falsche Fährte führen. Köpruner "bereiste" zwar als Unternehmer in den vergangenen zehn Jahren die Region des früheren Jugoslawien, doch seine Berichte sind keine leichte Kost für den Feuilletonteil von Tageszeitungen, sie sind vielmehr eine Anamnese der Krankheit Krieg. Dabei ist der Verfasser kein Balkanexperte, sondern Autodidakt. Er fragt einfach und auch eindringlich und vor allem, er hört zu. Er hütet sich vor raschen Urteilen und simplen Deutungsversuchen. Über die Begegnung mit Menschen, über ihre Lebensgeschichte, über ihre fassungslose Verzweiflung und ihr großes Leid erschließen sich dem Leser die Facetten eines Konflikts. Dieses überaus menschliche und wohl deshalb auch spannende Buch ist nicht nur für den "Balkan-Laien" sondern auch für den Experten geeignet, weil es gerade die menschliche Dimension der Konflikte beleuchtet.

Das Bestreben, " ;Antwort auf Fragen über Ursachen und Anlässe der Kriege zu suchen" (S.19) ist Programm und selbstgesetzter Maßstab dieses außergewöhnlichen Buches. Die frühe persönliche Erfahrung Köpruners "alles zu hinterfragen, was mir, von wem auch immer, an Interpretationen aufgedrängt wurde" sollte sich jeder zu eigen machen, der ein wirklichkeitsgetreues Bild von diesem Konflikt sich verschaffen möchte. Denn wer sich die Berichterstattung in Deutschland vor Augen führt - und das Buch bringt hierzu viele drastische Beispiele - wird an Karl Kraus erinnert: "Invaliden waren wir durch die Rotationsmaschinen, ehe es Opfer durch die Kanonen gab..." (Die letzten Tage der Menschheit)

Wie konnte es aber zum Krieg kommen, wenn das Schreckliche doch voraussehbar war? Köpruners Gesprächspartner in Kroatien waren sich alle einig, dass es im Falle einer Auflösung Jugoslawiens ein "schreckliches Gemetzel" geben würde, "mit hunderttausenden von Toten". Wie konnte es zu diesem "kollektiven Selbstmord" kommen? Köpruner geht historischen Ursachen nach, er beschreibt die verhängnisvolle Rolle, die deutsche und österreichische Politiker für die Beschleunigung des Zerfalls die jugoslawischen Vielvölkerstaates gespielt haben und er verweist immer wieder auf die Rolle von Printmedien, die durch Verschweigen, Übertreiben und Erfinden ein klar strukturiertes Schwarz-Weiß-Bild zeichneten, das von deutschen Politikern bereitwillig aufgenommen, internalisiert und kultiviert wurde. So erschien Jugoslawien als ein "Vielvölkergefängnis", und der deutsche Außenminister Fischer wurde nicht müde, seine Formel vom "aggressiven serbischen Nationalismus" als Deutungsmuster der Konflikte anzubieten. Doch hätte man sich gerade von deutschen Politikern leisere Töne gewünscht, angesichts der deutschen Verbrechen gegen die serbische Zivilbevölkerung im 2. Weltkrieg.

Das "gewaltige Hasspotential", das Köpruner überall spürte, entlud sich ja schon vor Beginn des eigentlichen Krieges in der "dalmatinischen Kristallnacht" in Zadar, als kroatische Schlägerbanden, die von außerhalb in die Stadt kamen, serbische Geschäfte systematisch demolierten und die Inhaber terrorisierten.

Doch Kroatien war nur das "Vorspiel" zu einem weit grausameren Krieg, der die Zahlen der Toten, Flüchtlinge und Vertriebenen multiplizierte. Konnte Bosnien-Herzegowina, jenes Jugoslawien en miniature überhaupt fortbestehen, wenn der größere Kunststaat Titos, die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien zerfiel?

Die durch die Anerkennung Kroatiens ausgelöste Kettenreaktion nahm ihren vorauszusehenden Verlauf mit dem bekannten Ergebnis. "So war denn zweifellos die muslimische Bevölkerung mit Abstand am stärksten vom verbrecherischen Krieg betroffen." Doch auch hier gab es nicht nur die serbischen Täter, wie ja die Anklagen in Den Haag heute zeigen.

Beim vorläufig letzten Krieg im "Lande der Kriege" angekommen, dem Krieg um das Kosovo, kann sich Köpruner und auch sein Leser nicht mehr wundern über die Ignoranz von Politikern und die einseitige Parteinahme bestimmter Medien. Das Verdienst Köpruners ist es, die zahlreiche Literatur über die Eskalation zum Krieg und den "Nachkrieg" systematisch zusammengetragen zu haben. Man gewinnt auch hier wieder den Eindruck, dass politische Brandstifter ungeeignete Feuerwehrleute sind und dass die Bereitschaft von Politikern und Medien zur Manipulation auch in einem demokratischen Land nahezu grenzenlos ist. Eigentlich müsste es manchen Politkern und Journalisten die Schamröte ins Gesicht treiben, wenn sie heute das lesen, was sie zwischen März 1999 und Juli 1999 gesagt und geschrieben haben - wenn es noch Schamgefühl gibt. Allerdings zeigt gerade die lange Liste von Anmerkungen, dass sich der Bürger schon ein Gegenbild zur Kriegspropaganda machen konnte, wenn er nur wollte.

Die Begegnungen mit den geplagten Menschen ist das den Leser Rührende und Fesselnde dieses Buches. Im kleinen Kapitel "Von Todesängsten und Vorurteilen" (S. 237 ff.) schildert K&ou ml;pruner, wie er selbst Vorurteilen aufgesessen ist. Von zwei albanischen jungen Männern, die sich in sein Auto als Mitfahrer gedrängt hatten, sah er sich schon massakriert, im besten Falle seines Fahrzeuges beraubt. Tatsächlich erwiesen sie sich als harmlose Tramper, denen er im Stillen Abbitte leistete, er schämte sich seiner Gedanken.

Welche Perspektive eröffnet dieses Buch, was sind die Lehren? Köpruner will ja bewusst nicht belehren, der Leser muss sich schon selbst ein Urteil bilden. Dabei braucht er sich durchaus nicht alle Sichtweisen des Reisenden zu eigen machen. Nachdem Krieg heute wieder salonfähig geworden ist, wird selbst der Eindruck dieser Reise in das Land der Kriege, dass eben Krieg kein Mittel der Politik sein kann, in Zweifel gezogen werden. Auch die nicht abwegige Folgerung aus der Geschichte, dass gerade auf dem Balkan vorhandene Konflikte durch Einmischung von außen zur Katastrophe wurden, werden die modernen Interventionisten bestreiten.

Doch für den einfühlsamen Leser endet das Buch nicht hoffnungslos. Im letzten Kapitel, "Als Tourist im Kosovo, Oktober 2000" begegnet er Menschen, die Hoffnung machen. Muss man sich wundern, dass dies in der Mehrzahl Frauen sind? Da ist Heidi, die engagierte deutsche OSZE-Mitarbeiterin als "Democratization Officer""; Adriana, die "nette Landlady" verdient den Lebensunterhalt für ihre Familie tags in den Diensten der OSZE und abends mit ihrer Hände Arbeit; Cica im serbischen Getto von Orahovac, Lehrerin und teilzeitbeschäftigt ebenfalls in Diensten der OSZE hält die Verbindung aus dem Getto nach draußen. Alle drei stehen "ihre Frau" auf ihre Weise. Doch ihnen traut man zu, die Kette der Gewalt zu brechen, auf ihre Weise. Eine Begegnung könnte auch ganz zum Schluß des Buches stehen, die mit Adrianas Mann. Der von serbischen Militärs maltraitierte Albaner schildert seine traumatischen Erlebnisse aus dem Sommer 1998 bei den Kämpfen um die Stadt Orahovac. "Alles, was mir der Mann erzählte, klang glaubwürdig. Hass auf Serben konnte ich aus keinem Satz heraushören, was umso erstaunlicher war, da er ja nur knapp dem Tode entronnen war." Gibt die nicht ein wenig Hoffnung für "das Land der Kriege"?