Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien



Rezension in d'Lëtzebuerger Land (Luxemburg) Nr. 13, März 2002

Politisches Buch
Ermittlungen eines Geschäftsmannes

Von Karin Waringo

Wie kommt es, dass aus JugoslawInnen plötzlich SlowenInnen, KroatInnen, Moslems, SerbInnen und AlbanerInnen wurden? Auch so könnte man die Frage formulieren, die Kurt Köpruner seit 1991 immer wieder zu Erkundungstouren in die Region des ehemaligen Jugoslawien bewegt hat. Was ihn von vielen anderen unterscheidet, die mit der gleichen Absicht in diese Gegend aufgebrochen sind, ist, dass Köpruner weder Journalist, noch Mitarbeiter eine internationalen Organisation, noch Forscher ist. “I’m just a tourist”, erklärt er im Kosovo einem ungläubigen OSZE-Mitarbeiter, ein klares understatment, doch gibt es zunächst nichts, was Köpruner für die Aufgabe qualifiziert, die er sich selbst gestellt hat, “Antworten auf Fragen über Ursachen und Anlässe der Kriege zu suchen”.

Kurt Köpruner, ursprünglich aus Vorarlberg, arbeitet bei einem Maschinen-bauunternehmen in Deutschland. Als Funktionsträger der SPÖ hatte er in den Siebzier- und Achtzigerjahren unter anderem die Aufgabe, seine Partei bei jugoslawischen Festen zu vertreten, erlebt dort das Zusammentreffen der verschiedenen Volksgruppen und den verbindenden Charakter Josip Broz Titos. Doch den Ausschlag, sich intensiver mit Jugoslawien zu befassen, gab dann eine Geschäftspartnerin aus der kroatischen Küstenstadt Zadar, in die er sich Ende 1990 verliebt. Durch ihre Berichte und den ständigen Kontakt erlebt Köpruner das Anschwellen der Konflikte im ehemaligen Jugoslawien hautnah mit.

Anfang der Neunzigerjahre sind es geschäftliche und private Kontakte, die ihn in die Region des ehemaligen Jugoslawien führen, in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre nimmt er das Geschäftliche eher zum Anlass, die Gegend zu bereisen und sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Denn Köpruners Ansatz – tatsächlich entwickelt er im Laufe der Zeit eine richtige Untersuchungs-methode – ist “alles zu hinterfragen, was mir, von wem auch immer an Interpretationen aufgedrängt wurde”. Sein besonderes Misstrauen gilt der deutschen und österreichischen Presse, da er nur allzu oft feststellen muss, dass das, was er vor Ort erfährt, in keiner Weise mit den Berichten der Medien übereinstimmt.

Köpruner befragt die Menschen, deren Wege sich zufällig mit den seinen kreuzen, später legt er es immer mehr bewusst auf solche “zufälligen” Begegnungen an. Er beweist, dass er in der Lage ist, die weitverbreitete Offenherzigkeit der Menschen in dieser Gegend zu nutzen, indem er ihnen vorbehaltlos begegnet und zuhört. Als er einmal selbst um Rat gebeten wird, antwortet er schlicht: “Sorry, no advice from my side.”

Kurt Köpruner versucht zu verstehen und ist durch diese seine Art recht weit vorgedrungen, auch wenn er, wie der Untertitel des Buches besagt, ein Fremder geblieben ist – wohl nicht zuletzt deshalb, weil er die Sprache(n) selbst nach zehn Jahren offensichtlich nur rudimentär beherrscht. Was er verstanden hat, legt er den LeserInnen in einer eindringlichen und leicht zugänglichen Form dar, in erster Linie durch die Berichte von ZeitzeugInnen. Köpruner verdeutlicht die Zusammenhänge, indem er das von ihm im Laufe der Jahre angesammelte Material, Zeitungsausschnitte, Dokumente und Sachbücher zu einer Hintergrundanalyse verdichtet.

Leider sind gerade diese Kapitel manchmal ein wenig zu weitschweifig angelegt und zuwenig klar strukturiert, da er sich auch hier sehr stark von Emotionen tragen lässt, an erster Stelle von seiner Empörung über die Manipulation durch Medien und Politik. Ein bisschen geht aus dem Buch auch das Schema Peter Handkes hervor: Vielleicht trifft ja genau das Gegenteil von dem zu, was uns die Medien glauben machen wollen.

Gepaart mit seiner tiefen Trauer um das verlorene Jugoslawien verleitet es Köpruner manchmal ebenfalls zu vorschnellen und einseitigen Schuldzu-weisungen. Die Antwort auf die Frage, wer und was Jugoslawien zu Fall gebracht hat, ist noch ein bisschen komplexer, sicherlich auch zu komplex, als dass sie in einem Buch vollständig abgehandelt werden könnte. Einen äußerst brauchbaren Einstieg in die Thematik liefert Köpruner allemal.