Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien

 

Rezension in "Mail -Magazin", 12/01

Kurt Köpruner: Reisen in das Land der Kriege
Buch des Monats

Von Martin Schwarz

Kurt Köpruner – und darauf legt der Mann Wert – ist keiner jener in den vergangenen zehn Jahren inflationär auftretenden Balkan-Experten. Vielmehr ist er ein Pionier, der keiner sein will. Und hat eines der einfühlsamsten Bücher über die Grausamkeit der Balkan-Kriege des letzten Jahrzehnts verfasst.

Arif ist kroatischer Muslime und im Mai 1991 Dozent an der Militärakademie der damaligen jugoslawischen Volksarmee im kroatischen Zadar. Er schwärmt von seiner Armee, obwohl das Land, das diese Armee beschützen soll, schon längst auseinanderzufallen droht. Als kroatischer Muslime ist Arif in einer Zwickmühle: Soll er desertieren, sich der kroatischen Territorialverteidigung anschließen oder bei seiner Armee bleiben und in Serbien ein neues Leben beginnen? Er entscheidet sich für die Desertion, heuert bei der kroatischen Armee an. Einfühlsam beschreibt Köpruner, welche Veränderungen in seinem Freund vorgehen, wie verhärmt er wird, wie sehr der Zerfall Jugoslawien s jeden einzelnen berührt - mehr noch als Politiker, Strategen und Militärs. Das ist die Stärke von Köpruners Werk: Dutzende Male fährt er während der vergangenen zehn Jahre in das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien und besucht Freunde. Auf jeder Seite der Fronten. Ganz im Gegensatz zu den professionellen Balkan-Beobachtern und CNN-Nacheiferern aus der Medienbranche hat er keine Berührungsängste vor dem Volk und leistet sich Tendenziöses. Aber diese Tendenz in seinem Buch, die manchmal wohltuend naive, vor allem aber lebendige Verteidigung des jugoslawischen Gedankens, kommt nicht aus abstraktem politischen Missionseifer. Sondern aus dem Mitgefühl mit jenen, die durch den Zerfall Jugoslawiens vielleicht nur vordergründig Freiheit gewonnen haben. Köpruner ist von Neugierde und einer Menschlichkeit getrieben, die andere, vertraut mit dem Business, schon längst verloren haben. Das liegt auch an der Biographie des Autors: Er ist kein Profi, vor 1991 war Jugoslawien vor allem das Land, aus dem die Gastarbeiter stammten. Als Gewerkschaftsfunktionär im österreichischen Vorarlberg hat er sie kennengelernt und war oft zu Gast in jugoslawischen Kulturvereinen. Erzählt in seinem Buch, dass seine Reden umso lauter beklatscht wurden, je öfter und fanatischer er den Namen "Tito" in sie einbaute. Seine kroatische Freundin Snjezana schließlich bringt ihm Jugoslawien bei und durch sie lernt er jene kennen, die er später liebevoll seine "Interviewpartner" nennt.

Allerdings hat sich Köpruner auch einen Luxus geleistet, der jenes Bild vom sensiblen Beobachter des Lebens und Sterbens auf dem Balkan ein wenig Abbruch leistet: Teilweise versucht er, die politische Geschichte des Balkan zu beschreiben. Ohne "Interviewpartner". Die historischen Abhandlungen geraten ebenfalls tendenziös und dort ist diese Tendenz nicht angebracht, denn hier kommt eben nicht das "Volk" vor. Glücklicherweise aber sind diese Passagen der historischen Reminiszenzen kurz und das Buch wird getragen von der Wirklichkeit des Krieges und nicht dessen antiseptischer Wertung durch einen Profi.

Empfehlenswert ist dieses Werk allemal. Für jene, die sich hauptberuflich mit der Politik auf dem Balkan beschäftigen und als Standardwerk für jene, die es eben nicht getan haben.