Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


Rezension in "Morgenrot", Nr. 17, April 2002
Zeitschrift der AL ("Antifaschistische Linke")

Reisen in das Land der Kriege
Buch über die Konflikte in Jugoslawien erschienen


Der Titel ist Programm. Kurt Köpruner versucht in diesem Buch, seine Gedanken und Reiseerlebnisse rund um das ehemalige Jugoslawien zu verarbeiten, zu sortieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ihm ist es gelungen, ein differenziertes und lebendiges Buch über diese bedrückende Thematik zu verfassen.

Der Autor wurde 1951 in Bregenz geboren und war lange Zeit für die SPÖ (vor allem in der Gewerkschaft) aktiv. Eine seiner Aufgaben als Gewerkschaftsfunktionär in den achtziger Jahren war die Betreuung der diversen jugoslawischen Verbände. Trotzdem begriff Köpruner, laut eigener Aussage, die diversen Unterschiede der verschiedenen Volksgruppen nur unzureichend. Es sollte einige Jahre dauern, bis er sich intensiver mit der Thematik auseinandersetzte.

Es brodelt unter der Oberfläche

1989 bedeutet für Köpruner das selbstgewählte Ende der Politkarriere und den Umzug nach Deutschland. Dort arbeitet er für eine Regensburger Maschinenbaufirma, welche auch Handelskontakte nach Osteuropa pflegt. Infolgedessen trifft der frischgebackene Manager Ende 1990 auf einer Geschäftsreise erstmals wieder in Jugoslawien ein, wo er auch seine jetzige Frau, eine kroatische Ingenieurin näher kennen lernt. Hier zeichnet sich erstmals für ihn ab, dass etwas nicht stimmt. Es brodelt unter der Oberfläche, die Medien hetzen, die Aussenminister Österreichs und Deutschlands, Mock (ÖVP) und Genscher (FDP), setzen sich für eine Sezession Slowe-niens und Kroatiens ein. Er unterschätzt die unheilvollen Vorhersagen seiner Gesprächspartner, die sich leider allzu rasch bewahrheiten.

Am meisten überrascht Köpruner allerdings die unterschiedliche Wahrnehmung des Konflikts. Herrscht in den deutschsprachigen Medien eindeutig eine schwarz/weiß Malerei vor, welche den schwarzen Peter an Serbien vergibt, stellt sich die Situation vor Ort differenzierter dar. In Kroatien erlebt er, wie noch vor Kriegsbeginn serbische Wohnhäuser und Geschäfte gesprengt und geplündert werden, teils vor den Augen der Sicherheitskräfte, teils sogar mit deren Unterstützung.

Selbstdefinition über Nationalität

Durch Gespräche mit Freund-Innen oder Bekanntschaften schafft er es, die Positionen und Gefühle beider Seiten kennen zu lernen und nachzuvollziehen. Er erlebt die Konflikte, die entstehen, wenn ein Muslim in der Jugoslawischen Volksarmee dient oder eine gemischte Ehe durch den Haß zerstört wird. Leute beginnen sich zunehmend über Ihre Nationalität (welche sich aber gerade im "durchmischten" Jugoslawien als abstruse Idee entpuppt) zu definieren, oder werden von der Gemeinschaft als KroatIn, MuslimIn oder SerbIn konstruiert und müssen diese Rolle zwangsweise annehmen. Doch es wird auch gezeigt, dass dies keine zwangsweise Entwicklung war. Wie immer war es eine Minderheit, die es allerdings schaffte, mittels der Medien, Geld, geschickter PR und Gewalt die Situation zum Eskalieren zu bringen. Die Gegenstimmen, welche laut Köpruner z.B. in Form von Yu-Tel TV oder der "Inteligentija" sehr wohl existierten, wurden mund- oder ganz tot gemacht. Diejenigen, welche anfangs noch die Zivilcourage aufbrachten, Widerstand zu leisten, scheiterten am Schweigen und der Furcht grosser Teile der Bevölkerung.

Mit der Sezession Sloweniens kam der Stein ins Rollen: Kroatien, Bosnien und Mazedonien erklärten ihre Unabhängigkeit. Was in Slowenien und Mazedonien noch relativ gewaltfrei ablief, war in Kroatien und Bosnien nicht möglich. Zu groß waren die jeweiligen Minderheiten, und zu sicher die Gewissheit, dass einzig und allein die Vertreibung der anderen den eigenen Verbleib bedeuten könnte. Und so begann das große Morden.
Selber schuld?

Köpruner hat es allerdings nicht nur geschafft, Fakten über die folgenden zehn Jahre anzusammeln, sondern sich auch auf etlichen Reisen nach Kroatien, Bosnien, Serbien und in den Kosovo ein selbstständiges Bild gezeichnet. Er traf PolitikerInnen, UN-BeamtInnen, BotschafterInnen und GeschäftsführerInnen, aber auch BäuerInnen, AnhalterInnen und einfache ArbeiterInnen. Er schildert die Vergehen aller Seiten, allerdings ohne in ein plumpes "seids beide schuld" hinein zu fallen.

Er zeigt auch mögliche Lösungswege in den Mechanismen auf, und auch wenn seinen Analysen, beispielsweise in seinem Vertrauen in die UNO, nicht immer zuzustimmen ist, so ist ihm eine großartige Dokumentation gelungen.

Siehe: http://www.sozialismus.net/zeitung/mr17/jugoslawien-buch.html