Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien
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Münchner Lokalberichte
19.09.02
Bericht über eine Lesung
am 11. September 2002 in München
Von Gerda Brücher
Am 11.09.02 fand eine Lesung und Diskussion mit Kurt Köpruner,
dem Autor des Buches „Reisen in das Land der Kriege“
statt. Die Basisorganisation Linkes Forum der PDS hatte dazu eingeladen.
Über 40 Leute waren gekommen um Köpruners Reiseberichte
und Ausführungen zuzuhören. In einer kurzen Einführung
legte Florian Bleibinhaus für die PDS München dar, warum
gerade die Auseinandersetzung mit Jugoslawien für eine Zukunft
ohne Krieg wichtig ist. Er erinnert an die juristischen und politischen
Tabubrüche, die mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien verbunden
waren: der Bruch des Grundgesetzes sowie des Konsenses „Nie
wieder Krieg vom deutschen Boden“, und schon gar nicht gegen
ein Land, das Opfer des deutschen Vernichtungskrieges geworden war.
Außerdem sei es insbesondere die deutsche Politik gewesen,
die diesen Krieg überhaupt erst ermöglicht hätte.
Schließlich verloren tausende Menschen durch die Bombardements
ihr Leben, die Infrastruktur in Teilen Jugoslawiens sei völlig
zerstört worden. Der Kosovo ist seit drei Jahren besetzt und
der ganze Balkan wurde durch diese Politik in eine tiefe Krise gestürzt.
Köpruner war früher Landessekretär des Österreichischen
Gewerkschaftsbundes in Vorarlberg; als Mitglied der Sozialdemokratischen
Partei Österreichs bekleidete er auch eine Reihe politischer
Funktionen. Vor dreizehn Jahren übersiedelte er nach Deutschland,
wo er eine Firma gründete und leitete, im Bereich der internationalen
Beschaffung von Maschinenbauteilen. Diese Tätigkeit führte
ihn häufig in verschiedene Regionen des früheren Jugoslawien.
Vielfältige geschäftliche und private Kontakte ließen
ihn den Zerfall Jugoslawiens intensiv miterleben und insbesondere
die große Diskrepanz zwischen dem, was er selbst vor Ort und
Stelle erlebte, und dem, wie in Deutschland und Österreich
darüber berichtet und – darauf aufbauend – Politik
gemacht wurde, veranlasste ihn schließlich, seine Eindrücke
niederzuschreiben.
Zu Beginn äußerst Köpruner sich erfreut, bei dieser
PDS-Gruppe ein Forum gefunden zu haben, das diesen Abend ermöglicht,
er selbst ist parteipolitisch ungebunden.
Jugoslawien, so wie wir es aus den 80er Jahren kennen, existiert
seit 10 Jahren nicht mehr. Man hört nichts mehr davon. Es sei
notwendig, sich darüber Gedanken zu machen. Das Signifikante
sei, dass die Geschehnisse um und in Jugoslawien beispielhaft für
andere Konflikte sind. Der Zerfall Jugoslawiens war eine Premiere
in der Weltgemeinschaft – nicht zum Wohle der Menschheit.
Das Wissen, was tatsächlich passiert ist, ist sehr gering.
Das Unwissen hat einen Grund: Noch nie haben so wenige, so viele
belogen. Köpruner zitiert dazu einen, seines Erachtens unverdächtigen
Zeugen, nämlich Willi Wimmer, seines Zeichens CDU, der dazu
geäußert hat: „Wir wurden gnadenlos hinters Licht
geführt“.
Köpruner erinnert uns in diesem Zusammenhang nochmals an die
Zeit zu Beginn der 90’er Jahre, als der Sieg über den
Bolschewismus allgemein hohe Erwartungen über eine Zukunft
in einer friedlichen Welt auslöste und stellte dem die Lage
Jugoslawiens gegenüber. Einerseits sind Grenzen wegefallen,
andrerseits wurden neue Grenzen gezogen. Das ehemalige Jugoslawien
besteht heute aus 5, 6 oder 7 Staaten. Diese Grenzen sind mit dem
Blut Hunderttausender gezogen worden. In den hiesigen Medien heißt
es, diese neuen Staaten befänden sich auf den Weg in eine demokratische
Zukunft. Diese Aussage sei jedoch mehr als zynisch. Der Mehrheit
der Menschen geht es erheblich schlechter als im ehemaligen Jugoslawien.
Ganze Landstriche sind entvölkert, es gibt zu wenig Arbeit
und keine Hoffnung – massenhafte Auswanderung ist das Resultat.
Anfang ‘91, Jugoslawien war noch ein Staat, hat er Dinge erlebt,
die der hiesigen Presse – „die Serben walzen alles nieder“
– widersprechen. Mit großer Überzeugungskraft liest
er, was er aufgezeichnet hat, was er dort selber erlebt und in vielfältigen
geschäftlichen und privaten Kontakten erfahren hat. Es entspricht
in keinster Weise den amtlichen Darstellungen von der Krise auf
dem Balkan. Beängstigende Berichte, z.B. über die „Dalmatinische
Kristallnacht" am 2. Mai 1991, bei der in einer zehnstündigen
Aktion im Zentrum von Zadar und in der näheren Umgebung insgesamt
116 serbische Geschäftslokale und Wohnhäuser zerstört
wurden. Oder den unmenschlichen Versuch, Menschen die seit Jahrzehnten
miteinander verheiratet, verschwägert, verbrüdert sind,
in Rassen einzuteilen. Oder die Segnungen westlicher Befriedungspolitik
in Bosnien.
Dies alles konnten wir in der deutschen Presse nicht lesen. Vielmehr
war die aufhetzerische Rede vom „Völkergefängnis
Jugoslawien“, vom „großserbischen Zwangsstaat“
und „Panzerkommunismus“. Wer aber damals unvoreingenommen
nach Kroatien reiste, konnte sehen, das es sich um einen undemokratischen
Staat handelte, der Minderheiten verfolgte, Lehrer entließ,
Leute wurden aus ihrer Wohnung geschmissen, die kyrillische Schreibweise
verboten, Straßen nach Ustacha-Helden benannt.
Genau diesen Staat hat Deutschland als erstes anerkannt und damit
Jugoslawien zerstört. Dies widerspricht allen Regeln des Völkerrechts
– einem demokratischen außenstehenden Staat obliegt
es, sich neutral zu verhalten, mäßigend einzuwirken.
Die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens hat eine Kettenreaktion
ausgelöst – eine Kette von Kriegen. Der Slowenien Krieg
hatte 67 Tote gefordert. Der Kroatien Krieg hat zehntausende Todesopfer
gefordert und hunderttausende Vertriebene. Köpruner wies daraufhin,
dass man schon Anfang der 90’er diese Entwicklung hätte
absehen können und nannte auch UNO-Sekretäre, die dies
getan haben, ohne allerdings Gehör zu finden.
Um Jugoslawien zu überfallen, wurde Belgrad des Völkermords
bezichtigt. Es wurde ein mediales Trommelfeuer eröffnet mit
gigantischen Flüchtlingszahlen, ohne Klarheit zu schaffen,
wer vor wem und warum flüchtet, mit Märchen über
angebliche KZs.
Köpruner erinnert uns an die Reden Außenminister Fischer,
der die Notwendigkeit der Intervention mit humanitären Gründen
rechtfertigte. Die Hautpanklagepunkte gegen Jugoslawien lauteten:
Ausrottungspolitik, Genozid, ethnische Vertreibungen. Obwohl in
regierungsamtlichen Dokumenten bekannt war, dass dies nicht zutraf.
Köpruner, verwies auch auf die Tatsache, dass im Ergebnis des
NATO-Krieges gegen Jugoslawien gerade der Kosovo immer mehr einem
ethnisch gesäuberten Gebiet gleiche und merkte die Absurdität
an, dass die von dort vertriebenen Roma nun nach Serbien abgeschoben
werden sollen, zu den angeblich so gefährlichen Sozialchauvinisten.
Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder sagt, wir führen keinen
Krieg gegen die Serben, so ist das mehr als schamlos. Dazu Köpruner:
„Wer Bomben wirft, nimmt bekanntlich in Kauf, dass dabei Menschen
getötet werden. Man könnte auch sagen, dass dies neben
der Zerstörung militärischer Einrichtungen ihr eigentlicher
Zweck ist. Der Abwurf von Bomben kommt also der Verhängung
eines Todesurteils gleich: Der Angeklagte ist schuldig – das
Urteil wird sofort vollstreckt.“ Da war z.B. die Bombardierung
der Brücke von Varvarin ein ziviles Objekt weitab von jeglichen
militärischen Einrichtungen. Dieser Angriff kostete 16 Menschen
das Leben und forderte viele Verletzte. Köpruner zitiert Sir
Michael Rose, der feststellte, dass der Krieg auch auf zivile Objekte
erweitert werden muss.
Diese Opfer von Varvarin klagen heute gegen die Bundesregierung
– stellvertretend für all jene die ihr Leben oder ihre
Unversehrtheit in diesem Überfall verloren. Unsere Solidarität
ist gefragt, um zumindest im nachhinein der Wahrheit über das
Leid, dass man den Menschen in Exjugoslawien zugefügt hat,
ans Licht zu verhelfen.
Alles hat in diesem Krieg eine Rolle gespielt, nur nicht die Humanität.
Köpruner will Misstrauen schüren gegenüber den Reden
der Herrschenden, dass wir selber nachprüfen, was uns erzählt
wird, zumindest nicht alles glauben.
Köpruner schließt mit dem Satz: "Friede erscheint
uns heute als ein Wort von einem anderen Stern."
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