Rezension in "Neues Deutschland",
5. November 2001
Nachträge
zu einem vergessenen Krieg
Kurt Köpruner schrieb ein anderes
Jugoslawien-Buch
Von Detlef D. Pries
Der
Krieg in Afghanistan drängt seine Vorgänger ins Vergessen.
Ohnehin scheinen die historischen Urteile - etwa über die
Kriege in Jugoslawien - längst gefällt. Wer dagegen
heute noch anschreibt, kommt der nicht viel zu spät? Kurt
Köpruner, in Deutschland lebender Österreicher, konnte
nicht wissen, dass das Erscheinen seines Jugoslawien-Buches in
eine Zeit fallen würde, da schon der nächste große
Krieg tobt.
Nachrichten
wie diese werden kaum noch wahrgenommen: Der jugoslawische General
Pavle Strugar, der sich kürzlich dem UN-Tribunal in Den Haag
stellte, werde beschuldigt, Dubrovniks "historisches Stadtzentrum
zerstört" zu haben - meldete dpa am 17. Oktober. Auch
der Tagesthemen-Sprecher verlas, dass die kroatische Küstenstadt
seinerzeit "weitgehend zerstört" wurde. Die Perle
der Adria wurde – natürlich von "den Serben"
– zum Ruinenhaufen zerschossen. Das weiß man doch!
Köpruner allerdings nennt die Legende von der "weitgehenden
Zerstörung Dubrovniks" ein besonders "schönes"
Beispiel für die Perfidie der Kriegsberichterstattung. Er
habe an den historischen Stätten "außer zwei großen
antiserbischen Gedenktafeln keine nennenswerten Spuren einer Zerstörung
entdecken" können! Das wird zwar jeder bestätigen
müssen, der Dubrovnik nach den Kämpfen besucht hat,
aber die immer wieder abgeschriebene Mediendarstellung ist eine
andere - eine von vielen Kriegslügen.
Der
Autor der "Reisen in das Land der Kriege" hat Jugoslawien
nicht als Journalist besucht, nicht als Meinungsmacher, sondern
als Geschäftsmann, und das immer wieder im vergangenen Jahrzehnt.
Erlebnisse und Gespräche mit Kroaten und Serben, Muslimen
und Kosovo-Albanern ließen ihn Widersprüche zur medialen
Darstellung der Ereignisse entdecken, er begann bewusst deren
Wahrheitsgehalt zu erforschen und erfuhr gänzlich Unbekanntes
(oder Verschwiegenes). Wer weiß etwas von der "dalmatinischen
Kristallnacht" in der Adriastadt Zadar? Oder von der Atmosphäre,
in der etwa die Volksabstimmung über die Unabhängigkeit
Kroatiens am 19. Mai 1991 stattfand?
Natürlich
hat Köpruner gelesen, was andere Kritiker einer einäugigen
Kriegsdarstellung über das "Brotschlangenmassaker"
und Racak, über Dayton und Rambouillet geschrieben haben.
Und etliches davon zitiert er. Der besondere Wert dieses Buches
besteht indes darin, dass Köpruners Jugoslawienbild nicht
in Archiven und politischen Diskussionsrunden weitab vom Geschehen
entstanden ist, sondern auf - teils abenteuerlichen und geradezu
"naiven" - Entdeckungstouren im Lande selbst. Und zu
spät kommt dieses Buch schon deshalb nicht, weil es Misstrauen
gegenüber aller uniformer Berichterstattung lehrt.