Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


Österreichische Bewegung gegen den Krieg

Der Untergang Jugoslawiens - zwei Bücher zum Thema

Kurt Köpruner
Reisen in das Land der Kriege. Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien
Espresso-Verlag 2001, 350 S; € 19,90

Ernst Lohoff
Der Dritte Weg in den Bürgerkrieg. Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung
Horlemann-Verlag 1996 190 S.

Seit einigen Wochen wird in Den Haag dem früheren serbischen und dann jugoslawischen Präsidenten Milosevic vor einem UNO-Tribunal der Prozess gemacht. Zu erwarten war der juristische Abschluss des Verfahrens, das seit vielen Jahren in der westlichen Presse vor sich geht: die Überführung und Verurteilung des Schuldigen an der jugoslawischen Tragödie und der endliche Sieg der Gerechtigkeit durch seine Bestrafung durch die internationale Völkergemeinschaft.

Außerhalb des geschrumpften Jugoslawien sind die Berichte über den Prozess aus den Spalten der Zeitungen und Journale fast verschwunden, zuletzt wurde nur noch davon berichtet, dass man die undichte Stelle im jugoslawischen Nachrichtdienst suche, der Milosevic mit Informationen für seine Verteidigung vor dem Gericht versorge, das der Angeklagte übrigens nicht als solches anerkennt.

Die Sorge der Journaille ist einerseits entlarvend, weil sie doch bedeutet, dass es ihrer Meinung nach offenbar Informationen über den Verhandlungsgegenstand gebe, die nur der Anklage, nicht aber der Verteidigung zustünden. Zugleich aber ist die Sorge durchaus verständlich, konnte man doch bisher fast nur beobachten, "wie Milosevic die Zeugen der Anklage auseinander nimmt und ihre Glaubwürdigkeit infrage stellt" (Der Standard 28.2.02), nachdem er gleich bei seinem ersten Auftritt den Gerichtshof beinahe in eine Art Anti-NATO-Tribunal verwandelt hatte.

Es hat den Anschein, dass die Anklage sozusagen der "eigenen" Propaganda aufgesessen ist und die Verdrehungen, Verkürzungen, Einseitigkeiten oder schlicht: Lügen, die im Westen über den Krieg in Jugoslawien verbreitet wurden, für beweisfähige Wahrheiten gehalten hat und so in ernste Schwierigkeiten geraten ist.

Wer diese aktuellen Vorgänge zum Anlass nehmen will, sich (vielleicht wieder) näher mit dem ersten Krieg in Europa seit 1945 auseinanderzusetzen, dem empfehlen wir dazu zwei Bücher.

Das eine –"Reisen in das Land der Kriege. Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien" ist im Herbst des Vorjahres im Espresso-Verlag erschienen. Sein Verfasser, Kurt Köpruner wurde Ende der Achtzigerjahre als bei der Führung unbeliebter Funktionär des ÖGB und der SPÖ aus Partei und Gewerkschaft gedrängt, ging dann nach Deutschland und gründete eine Firma. Er war in Vorarlberg u.a. für die Kontakte zu den Vereinen der jugoslawischen Gastarbeiter in Vorarlberg zuständig gewesen und hatte auch in seiner neuen beruflichen Tätigkeit, vor allem aber als Lebenspartner einer Kroatin viel mit Jugoslawien zu tun.

Köpruner schildert seine Erlebnisse, Überlegungen und Recherchen, die ihm das Vertrauen in die Seriosität der Medienberichterstattung und eine wenigstens minimale Glaubwürdigkeit der Politik ausgetrieben haben. Von der Hauptschuld der Serben über den "humanitären Krieg" der NATO bis zur westlichen Hilfe beim "Wiederaufbau" kommen so zirka alle westlichen Mythen unter die Räder von Köpruners Erzählung, die des Autors tiefe Enttäuschung über das "Versagen der westlichen Politik" untermauert. Am Ende des Buches sieht Köpruner mit Freund Milan ein Video über ein jugoslawisches Freundschaftsfest aus alten Tagen in Vorarlberg: "'Das war nur eine Illusion', stellte Milan tonlos fest."

Genau dies aber, die Frage, warum Jugoslawien so blutig untergehen konnte, ist das Thema des zweiten Buchs, das wir hier zur Lektüre empfehlen : "Der Dritte Weg in den Bürgerkrieg. Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung", von Ernst Lohoff schon 1996 im Horlemann-Verlag publiziert. Lohoff analysiert in zwanzig knappen Kapiteln die Entstehung und das Ende Jugoslawiens im Bezugsrahmen des Versuchs vieler "zu spät gekommener" Regionen der Welt, durch Nations- und Staatsbildung bzw. einen "nationalen Befreiungskampf" einen Platz in der kapitalistischen Staatenwelt der Weltwarengesellschaft zu erlangen und zu behaupten. Lohoff erläutert am jugoslawischen Modell die Notwendigkeit und die Schwäche des Staatskapitalismus und sein endliches Scheitern am Weltmarkt. Die Analyse geht aber darauf hinaus, dass der Untergang Jugoslawiens nur der Ausdruck einer allgemeinen Krise des Weltwirtschaftssystems ist und die vorherrschende Wahrnehmung der Ereignisse auch durch die westliche Politik nicht bloß selbstsüchtig und verzerrt, sondern mit Blindheit geschlagen ist. "Wer diese Art von Realitätsflucht nicht mitmachen will, muss zur Kenntnis nehmen, was in großen Lettern als Quintessenz über der jugoslawischen Tragödie steht und in vergleichbaren zeitgenössischen Menetekeln zum Ausdruck kommt: ' De te fabula narratur' (Von dir handelt die Geschichte).

Quelle: http://members.blackbox.net/oebgdk/msp/02-1_bespr_koepr_lohoff.html