Rezension im Pannonischen
Jahrbuch 2002
Die endgültige Auslöschung1) "Jugoslawiens"
durch die Augen eines wachen Österreichers betrachtet
Von Prof. Dr. Wolfgang L.
Gombocz
Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Philosophie
Vorbemerkung: Ein Jahr nach Beginn der NATO-Bombardements Serbiens
(Ende März 1999) veröffentlichte "Der Standard"
Mitte März 2000 die Kritik des amerikanischen Philosophen
Noam Chomsky am Post-Rambouillet-Vorgehen des Westens bzw. der
NATO im Kosovo-Konflikt, die zuvor in "Le Monde diplomatique"
erschienen war. Am 25.3.2000 druckte derselbe "Standard"
(Beilage "Album", Seite 4) ein Interview mit Österreichs
Herzeigediplomaten Wolfgang Petritsch ab, der an jeder Phase der
schließlich gescheiterten Verhandlungen von Rambouillet
teilgenommen hatte. Für Petritschs Antwort, der die Kritik
Chomskys zurückweist, wählte "Der Standard"
den Titel "Die Blutspur ist nach Belgrad zurückgekehrt":
In diesem März 2000 ist Slobodan Milosevic nach wie vor an
der Macht und das durch weithin als demokratisch anerkannte Wahlen.
Während die Blutspur(en), die Milosevics Armee(n) gezogen
hatte(n), in den Medien überaus kräftig präsent
waren und zu einem nicht geringen Teil bezüglich des Kosovo
verfälscht bzw. in den Angaben von Quantitäten bereits
getöteter bzw. vertriebener Genozidopfer unter den Kosovaren
maßlos übertrieben wurden, muss man festhalten, dass
die Blutspuren auf Grund der Bombardements und des NATO-Krieges
vielfach verwischt wurden, sieht man einmal vom völligen
Abrücken vom Prinzip "Audiatur et altera pars"
in den Medien des Westens ab. Nicht nur das, man zerstörte
gezielt die Fernsehsender Jugoslawiens aus der Luft, um die Wahrnehmung
des die NATO belastenden Dokumentationsmaterials im Um- bzw. Ausland
zu verunmöglichen! Gegen die Auffassung, es handel(t)e sich
um einen ausschließlich "Humanen Militärschlag"
der NATO, regte sich auch in Österreich bald und fundiert
Widerstand.
So publizierten im Mai 2000 in Graz Wolfgang Erwa, Franz Parteder
& Werner Sauer eine Dokumentation "Humanitärer Militärschlag.
Materialien zum Angriffskrieg gegen Jugoslawien" in 71 Seiten.
In Wien war es bereits am 4.12.1999 zu einem Tribunal2)
mit internationalen und österreichischen Zeugen gekommen,
zu welchem (neben Klima, Schüssel und anderen) als "Beschuldigter"
auch Wolfgang Petritsch geladen worden war. Aber eine einigermaßen
faire "Nacherzählung" oder Aufarbeitung der tatsächlichen
Kriegsvorgänge in Serbien und im Kosovo im Frühjahr
1999 hat in der Öffentlichkeit ganz eigentlich nicht stattgefunden.
Diesen Mangel kann auch Kurt Köpruner nicht beheben, aber
mindern = mildern, denn sein Buch ist ein lesenswerter und wichtiger
Schritt hin zu einer wahrheitsgetreuen Rekonstruktion, es ist
Zeugnis dessen, was wir alle wissen sollten: Die NATO hat 1999
vorsätzlich – auch -- einen schmutzigen Krieg geführt!
– "Wieder fielen Bomben. Sie haben – das gilt
es zu zeigen – kein einziges ihrer hehren Ziele erreicht.
Zudem bekam auch das Völkerrecht schwere Treffer ab…"
(Köpruner, S. 20). Kurt Köpruner, Jahrgang 1951, ist
geborener Vorarlberger. Im westlichsten Bundesland hatte er schließlich
die Position des Landessekretärs des Österreichischen
Gewerkschaftsbundes inne und als Mitglied der SPÖ übte
er verschiedene politische Funktionen, z.B. auch als Abgeordneter,
aus. In den Neunzigerjahren übersiedelte er nach Deutschland,
um eine Firma aufzubauen, welche mit Maschinenbauteilen europaweit
handelte. Diese Tätigkeit brachte ihn auch auf den Balkan,
wo er durch vielfältige geschäftliche und persönliche
Kontakte die Sezession Sloweniens und Kroatiens unmittelbar miterlebte,
die darauf folgenden Kriege hautnah mitverfolgte, um schließlich
den Zerfall, oder ganz eigentlich die Auslöschung Jugoslawiens,
intensivst zu "überleben". Wir haben ihm zu danken,
dass er dieses Buch schreiben musste!
Während in Den Haag der wegen seiner Kriegsverbrechen und
Menschenrechtsverletzungen "international" angeklagte
Slobodan Milosevic3) seine eigene Jugoslawienpolitik
der letzten 15 Jahre samt seiner durchaus menschenverachtenden,
brutalen Kriegsführung seit 1991 zu rechtfertigen trachtet,
haben sich die beiden "letzten" Teilrepubliken des alten
und zerfallen(d)en Jugoslawien, Montenegro/Crna Gora und Serbien
am 14.3.2002 darauf geeinigt, den gemeinsamen Staat in Form einer
"losen Union" (so Die Presse, s.u.) weiter bestehen
zu lassen, ihn aber nicht mehr "Jugoslawien", sondern
"Union von Serbien und Montenegro" zu nennen. Damit
stirbt auch der Name "Jugoslawien" endgültig. Die
Wiener Tageszeitung Die Presse vom 16./17. März 2002 (= Nr.
16.223) spricht im Weiteren über das in Belgrad unterzeichnete
Abkommen als von einem "Ende mit Krokodilstränen"
(S. 3), von "Katzenjammer", von
"geteilten Reaktionen"
und von "gedämpftem Optimismus", da die EU das
Abkommen durch ihren "Außenminister" Javier Solana
einfädelte und die Zukunftsauspizien "garantiert".
Serbien und Montenegro haben seit Langem zwei verschiedene Währungen,
den Dinar und den Euro (vorher die Deutsche Mark), und sie halten
an dieser "Teilung" fest; sie sind bevölkerungsmäßig
quantitativ (und auch "qualitativ"; siehe unten zu den
Minderheiten!) ganz ungleiche Brüder mit etwa 600.000 Einwohnern
in Montenegro versus mehr als 6 Millionen in Serbien (ohne Kosovo);
sie haben zwei verschiedene Zollsysteme und sie halten auch daran
fest; beide sind sie "Vielvölkerstaaten4)
" und das bleiben sie trotz der Flüchtlingsströme
und Vertreibungen5) seit 1991 auch; sie haben de
facto zwei ungleich entwickelte Ökonomien und man fürchtet,
dass dies so bleiben könnte; in umgekehrtem Verhältnis
dazu und wiederum sehr ungleich leiden beide Staaten an den Bombenschäden
und NATO-Kriegsfolgen; und sie werden – vermutlich bis sehr
wahrscheinlich – zwei unterschiedliche Annäherungsgeschwindigkeiten
an die EU entwickeln, aber sie bleiben zusammen und sie werden
gemeinsam einen und nur einen UNO-Sitz einnehmen -- die EU wird
für den Fall des Falles auch eine "schnellere"
Einzelannäherung Serbiens akzeptieren. "EU-Außen-
und Sicherheitsbeauftragter Javier Solana trage dafür persönlich
die Verantwortung, sagte der jugoslawische Vizepremier Miroljub
Labus", lesen wir in der zitierten Presse. Für das gemeinsame
Unionsparlament wird es noch heuer Wahlen geben; in Serbien finden
sowieso im Herbst 2002 Präsidentenwahlen statt, für
welches Amt sich laut Die Presse der derzeitige "Jugoslawien-Gesamtpräsident"
Kostunica bewerben wird.
Normalisierung? Zukunft? Ist der NATO-Angriffskrieg mit den täglichen
Bombenangriffen vom März-April-Mai 1999 vergessen, endgültig
vorbei? Jedenfalls ist im Zusammenhang des Vertrages vor den Augen
Solanas das Kosovo/Kosova-Problem offensichtlich ausgespart geblieben!
Im PRESSE-Bericht kommt das Wort "Kosovo" nicht vor!
– "Premier Zoran Djindjic betonte, dass diese Lösung
Serbien der EU-Integration näher bringe", meint Die
Presse (ibid.) lapidar. Kurt Köpruners Buch ist anders, weniger
lapidar und in jeder Hinsicht besser! Peter Glotz hat dem "Erlebnisbericht"
des gelernten Österreichers Köpruner vier Seiten eines
Begleitwortes vorangestellt (Seiten 11-14), in welchem er Köpruner
mit dem berühmten Serbienreisenden Peter Handke vergleicht.
Köpruners Bericht ist prosaischer als Peter Handkes "Poesie",
prosaischer und einlässlicher, ja tiefer und auch politischer,
wird man Glotz zustimmen! Der Ex-Politiker Köpruner "sparte
die Politik nicht wie der hochmütige Politikverächter
Handke" (Glotz S. 11) aus. "Unnötig zu sagen, dass
Köpruner dem Nato-Krieg gegen Serbien nichts abgewinnen kann"
(Glotz S. 13). "Köpruner ist weit davon entfernt, sich
als Balkanexperte auszugeben" (ibid. S. 11). "Alles
in allem aber wünscht man Köpruners Buch eine große
Verbreitung" (ibid. S. 14). "Das Bild mag nicht in allen
Zügen richtig sein. Es ist aber in jedem Fall richtiger als
das offizielle Bild, das die Mainstream-Medien in Mitteleuropa
gezeichnet haben und noch immer zeichnen" (ibid. S. 14).
-- Der wache Beobachter Köpruner hatte schließlich
keine Zweifel mehr, "dass der Nato-Krieg am Balkan und die
Politik, die zu ihm geführt hat, ein verlogenes Spektakel
war, eine Schande für die Menschheit" (Köpruner
S. 18). "Es ist ein sehr persönliches Buch geworden
– ein Bericht über meine Begegnungen im Land der Kriege.
Oft war ich dort fassungslos mit Vorgängen konfrontiert,
die ich nicht für möglich gehalten hätte"
(S. 19).
Blenden wir zurück: Am 4. Mai 1980 war Marschall Josip Broz
Tito verstorben. Am 11. März 1981 hatte der albanische "Aufstand"
im Kosovo begonnen, dessen erste Welle erst am 2. April etwas
zur Ruhe kam; der besonders in Pristina geführte Kampf wurde
am 17.11.1981 von der Belgrader Regierung zur "Konterrevolution"
erklärt. Damit erreichte er erst recht den Status einer "Dauereinrichtung".
Zu Jahresbeginn 1984 fanden die 14. Olympischen Winterspiele in
Sarajewo statt. 1984 war aber auch das Jahr des Slobodan Milosevic,
dessen Laufbahn, ja dessen kometenhafter Aufstieg während
des 18. KP-Zentralkomitees vom 23./24. November 1984 begann. Es
bedurfte keiner drei Jahre, dass Milosevic aufbauend auf diesen
Einstieg sein Ziel der völligen Machtergreifung erreicht
hatte: Für das Jahr 1988, wenn nicht schon für 1987,
darf man ohne Bedenken behaupten, dass Milosevic längst als
serbischer "Vozd" etabliert ist. Am 8. Mai 1989 tritt
Milosevic offiziell das Amt des serbischen Präsidenten an,
am 28.6.1989 findet die 600-Jahrfeier am Amselfeld/Kosovo statt,
deren Bilder und Milosevic-Rede um die Welt gehen. In den Jahren
1989 und 1990 wird durch die Milosevic-Administration zuerst die
Autonomie des Kosovo aufgehoben und schließlich auch das
Parlament der autonomen Provinz Kosovo aufgelöst. 1991/1992
beginnen die "innerjugoslawischen" Kriege, von denen
Köpruners Buch handelt. Keine zehn Jahre später werden
neuerliche und diesmal besonders massive Anti-Milosevic-Demonstrationen
(beginnend im Juli 1999 und angeführt von Zoran Djindjic6)
das endgültige Ende -- als weiteren Kollateralschaden der
Nato-Intervention, könnte man sagen – einläuten.
Zum Inhalt des Buches: Kurt Köpruner teilt es in drei Hauptstücke.
"Krieg in Kroatien, 1991 bis 1995" (Seiten 25-131),
"Krieg in Bosnien, 1992 bis 1995" (Seiten 133-187),
"Krieg in Serbien, 1998 bis 1999" (Seiten 189-292).
Als viertes Kapitel folgt (Seiten 293-341) "Als Tourist im
Kosovo, Oktober 2000". Unter dem Untertitel "Einige
Vorbemerkungen" (Seiten 15-23) spricht Köpruner auch
über Tito und über die Entstehung des Buches. In einem
Anhang (Seiten 342-351) finden sich unter anderem Literaturangaben
und eine Zeittafel. -- "Festzuhalten bleibt noch: Die alleinige
Schuld an den Toten wurde bei uns schon damals – mittlerweile
bekanntlich von der gesamten westlichen Welt – nicht den
nationalistischen Hitzköpfen zur Last gelegt, die es in allen
jugoslawischen Republiken gab, sondern ausschließlich den
Serben" (Köpruner, S. 69). – "Er lachte böse
auf: In euren Zeitungen steht doch nur, was für Schweine
die Serben sind…. Ich sehe jeden Tag RTL und eure anderen
Fernsehsender, ich bin ganz genau darüber informiert, was
man bei euch über uns denkt. Ihr habt keine Ahnung, was hier
los ist!’…" (S. 45). – Verschaffen wir
Pannonier uns eine gewisse faire Kenntnis durch dieses Buch!
Anmerkungen:
1) Zugleich Besprechung von: Kurt Köpruner: Reisen in das
Land der Kriege. Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien. Mit
einem Vorwort von Peter Glotz. Berlin: Espresso Verlag 2001, 352
Seiten.
2) Vgl. die Publikation: Wiener Tribunal gegen die österreichische
Regierung wegen Beihilfe zur NATO-Aggression gegen Jugoslawien.
Herausgeber: Jugoslawisch-Österreichische Solidaritätsbewegung.
Postfach 217, 1041 Wien. Wien: Edition "Der Keil" 2000,
100 Seiten. [ISBN 3950107827]
3) Erinnern wir uns an die Ereignisse, die zur "Abdankung"
von Milosevic durch das Entstehen einer vereinten serbischen Opposition
namens DOS führten: In den Tagen vom 5. bis zum 7. Oktober
2000 zeichnet sich das schrittweise Ende der Milosevic-Administration
in Jugoslawien ab, da offensichtlich Kostunica die Wahlen um die
gesamtstaatliche Präsidentschaft gewonnen hatte und schließlich
auch zum Sieger erklärt wird. Am 23.12.2000 kommt es dann
zu Parlamentswahlen in der Teilrepublik Serbien, die mit einer
DOS-2/3-Mehrheit enden, womit Milosevic durch Djindjic entmachtet
wird. (In der Zwischenzeit konnte am 14.12.2000 auch George W.
Bush aufatmen, er und nicht Al Gore wurde endgültig zum Wahlsieger
und damit zum nächsten Präsidenten der USA erklärt.)
4) Um einen gewissen Eindruck zu vermitteln, zitiere ich die Angaben
aus einem führenden Handbuch: Christoph Pan & Beate S.
Pfeil: Die Volksgruppen in Europa. Ein Handbuch. Wien: Braumüller
2000, 95, wo die Bundesrepublik Jugoslawien nach der "damals
üblichen Terminologie" in den beiden Staats-Teilen die
folgenden Minderheiten anerkannte, wobei die Mehrheit einmal "Serben",
einmal "Montenegriner" heißt. In Serbien (ohne
Vojvodina und Kosovo) sind die folgenden Volksgruppen mit Stand
1991 anerkannt bzw. "gezählt": Ethnische Muslime
174.000, Albaner 76.000, Montenegriner 74.000, Roma 70.000, Makedonier
28.000, Bulgaren 24.000, Kroaten 23.000, usw.; in Montenegro sind
es: Ethnische Muslime 90.000, Serben 57.000, Albaner 40.000, Kroaten
6.000, usw.; in der Vojvodina (mit einer serbischen Mehrheitsbevölkerung)
wurden 1991 gezählt: Ungarn 339.000, Kroaten 75.000, Slowaken
63.000, Montenegriner 45.000, Rumänen 39.000, usw.
5) Vgl. Tilman Zülch (Hg.): "Ethnische Säuberung"
-- Völkermord für "Großserbien". Eine
Dokumentation der Gesellschaft für bedrohte Völker.
Frankfurt am Main: Luchterhand 1993 (Luchterhand Flugschrift 5),
175. [Darin: Kroatien 47-64; Bosnien-Hercegovina 65-138; Kosovo
152-159; Sandschak 149-151; Vojvodina 139-149.]
6) Vgl. Salzburger Nachrichten, 8.7.1999, S. 6: Der Oppositionsführer
Zoran Djindjic führt die neuen Massenproteste gegen Slobodan
Milosevic an. — Auch die Spitze der serbisch-orthodoxen
Kirche verlangt den Rücktritt von Milosevic.