Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien
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Rezension in „Proletarische
Rundschau“ Nr. 8, September 2002
China 1900 – Jugoslawien
1999
Der Vergleich macht sie sicher:
Solange es Imperialismus gibt, gibt es Krieg!
Viele Österreicher/innen kennen Jugoslawien noch als wunderschönes
Urlaubsland. Hunderttausende Arbeitsmigrant/innen aus allen Teilen
Jugoslawiens haben sich seit den 1960er Jahren in Österreich
niedergelassen. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde
Jugoslawien zum Land der Kriege. Kurt Köpruner hat ein Buch
über seine Reisen in das Land der Kriege geschrieben.
Im Jahr 1900 bildeten die Großmächte - England, USA,
Frankreich, Deutschland, Japan, Italien und Österreich - erstmals
eine Koalition, um gemeinsam Krieg zu führen. Das Ziel des
Zusammenschlusses der imperialistischen Konkurrenten war die Niederschlagung
des Aufstandes der Yihetuan. Die Yihetuan waren eine Bewegung des
chinesischen Volkes gegen feudale und imperialistische Ausbeutung.
Eine erhobene Faust war das Symbol der Yihetuan („Abteilungen
im Name n der Gerechtigkeit und des Friedens“). Darum wurden
sie von den Imperialisten „Boxer“ und ihr Aufstand als
„Boxeraufstand“ verächtlich gemacht. Zehntausende
Chinesinnen und Chinesen wurden von den Soldaten der Großmächte
grausam abgeschlachtet. Das Abhacken der Köpfe war eine Methode,
die damals bei den Angehörigen der „zivilisierten“
Nationen hoch im Kurs stand. Der deutsche Kaiser Wilhelm gab die
Parole aus: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht
gemacht. ... dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen
auch nur scheel anzusehen.“ Nach der blutigen Niederwerfung
des Aufstandes setzten die imperialistischen Mächte die Aufteilung
Chinas in Einflussspähren fort.
Was hat das alles mit Jugoslawien zu tun? Sehr viel! Eine brutale
gemeinschaftliche Militäraktion der ökonomisch führenden
Staaten der Welt gegen China stand am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Eine brutale gemeinschaftliche Militäraktion der ökonomisch
führenden Staaten der Welt gegen Jugoslawien stand am Ende
des 20. Jahrhunderts. Bereits nach der gemeinschaftlichen Mordaktion
gegen China machte sich die Illusion breit und wurde von den Herrschenden
kräftig geschürt: Kriege werden in Zukunft, wenn überhaupt
nur noch, gemeinschaftlich geführt. Gegen wen? Gegen irgendwelche
„Derwische“ oder gegen andere „bösen Mächte“
der Erde. In den zahllosen Kriegen des 20. Jahrhunderts sind dann
mehr Menschen getötet worden als in allen Kriegen in den Jahrtausenden
zuvor zusammengenommen.
Wie kann jemand, der/die noch halbwegs bei Verstand ist, Österreichs
Politikern oder denen der WEU- und NATO-Staaten trauen, die treuherzig
behaupten, Kriege würden in Zukunft nur noch gemeinschaftlich
gegen „Terroristen“ („Derwische“) und für
„humanitäre Zwecke“ (gegen „Bösewichte“)
geführt werden?
Aus beruflichen Gründen, zu denen sich private gesellten, bereiste
der gebürtige Vorarlberger Kurt Köpruner, in seiner Tätigkeit
als Manager einer deutschen Maschinenbaufirma in den Jahren 1990
bis 2000 Jugoslawien viele Male. Am Beginn seiner jugoslawischen
Erfahrungen standen hervorragend ausgestattete Industrie betriebe,
die unter dem Schock des gerade weggebrochenen sowjetischen Marktes,
für den enorme Produktionskapazitäten aufgebaut worden
waren, standen. Vorrangiges Gesprächsthema in Jugoslawien waren
damals aber nicht Fragen der Ökonomie, sondern der Politik.
Zentral war das Thema, ob Jugoslawien künftig eine Föderation,
einen Bundesstaat oder eine Konföderation bilden solle. Obwohl
die Meinungen im Detail auseinandergingen, bestand weitgehende Übereinstimmung
darüber, daß der Staat Jugoslawien nicht aufgelöst
werden könne. Die ethnische Verschränkung der jugoslawischen
Gesellschaft sei zu weit fortgeschritten. Die meisten Familien,
die Politik, das Militär, der Sport und besonders die Wirtschaft
seinen multiethnisch organisiert. Das Ende Jugoslawiens wäre
kollektiver Selbstmord.
Diejenigen Kräfte in Jugoslawien, die den kollektiven Selbstmord
herbeisehnten, waren zunächst noch isoliert. Sie wurden aus
Deutschland und Österreich, Länder, die im vergangenen
Jahrhundert schon oft großes Leid auf dem Balkan gestiftet
hatten, aus Leibeskräften angefeuert und unter stützt.
Die Phrase vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“
war der Sommerhit des Jahres 1991.
Der ökonomische Zusammenbruch (verursacht u.a. durch das Scheitern
der titoistischen Wirtschaftspolitik, durch die Ölkrise der
1970er Jahre, die Vervielfachung des Ölpreises und der Kreditzinsen)
der 1980er Jahre und der darauffolgende gesellschaftliche Umbruch
hatte aber Tendenzen an die Oberfläche gebracht, die im Jugoslawien
Titos mit Bedacht sorgfältig unterdrückt worden waren.
Köpruner berichtet über manches, was für die österreichischen
Massenmedien nicht berichtenswert war, weil es nicht dem sezessionistischen
Kurs gegen Jugoslawien der österreichischen und deutschen Außenpolitik
entsprach. Z.B. über das kroatische Zadar, wo sich bereits
Anfang Ma
i 1991 groß angelegte nationalistische Ausschreitungen
ereignet hatten. Hunderte Geschäftslokale, deren Besitzer Serben
waren, wurden über Nacht zerstört. Die Polizei sah zu
oder leistete Hilfsdienste. Ob die Zuschreibung „Serbe“
berechtigt war oder nicht war zweitrangig. Wer Serbe war, bestimmten
die anderen. Beispielsweise jene, die nach dem Tod einen Polizisten
behaupteten, Serben seinen die Mörder gewesen und dazu aufriefen,
in der Nacht zum Zeichen der Trauer Kerzen in den Fenstern der Wohnungen
der ganzen Stadt abzubrennen. Wer nicht mittat, wurde aufgeschrieben
und in den nächsten Tagen von Schlägertrupps heimgesucht.
Das alles ereignete sich lange vor der Lostrennung Sloweniens und
Kroatiens und vor dem ersten Krieg der jüngsten Balkankriegsserie.
Der Autor erzählt die Geschichte von vier Kriegen. Beginnend
mit den Separationskriegen in Slowenien und Kroatien über den
Krieg in Bosnien, wo 30.000 NATO-Soldaten nicht in der Lage waren,
Massenmorde wie jene in Srebrenica zu verhindern, bis zum Bürgerkrieg
im Kosovo mit dem anschließenden 78-Tage Bombardement Rest-Jugoslawiens
im Frühjahr 1999 durch die NATO.
Sehr aufschlußreich ist Köpruners Analyse der Medien,
die an der Zerschlagung Jugoslawiens beteiligt waren. Die erste
Niederlage erlitten die Serben im virtuellen Krieg, der um die öffentliche
Meinung im Westen tobte. Es ging dabei nie um die Wahrheit, sondern
darum, wer eine Greuelnachricht zuerst platzieren konnte. „Es
ist nicht unsere Aufgabe Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt
zu überprüfen“, erklärte der Leiter einer von
der kroatischen Regierung angeheuerten Werbeagentur. Ein von Köpruner
zitierter NATO-Offizier berichtet ungeschminkt aus dem Schatzkästchen
moderne imperialistischer Kriegsführung: „Wenn wir wissen,
dass es die Serben getan haben, sagen wir: Die Serben waren es.
Wenn wir nicht wissen, wer es getan hat, sagen wir: Die Serben waren
es. Und wenn wir wissen, dass es nicht die Serben waren, sagen wir:
Wir wissen nicht, wer es war.“ Ein muslimischer General gibt
folgenden Rat: „Glauben sie kein Wort, das sie über diesen
Krieg hören. Das ganze Land ist voller Leute, die Horrorgeschichten
erfinden und für viel Geld an eure Medien verkaufen.“
In den Medien des Westens wurden die Serben als wahnsinnige Monster
vorgeführt. Das Massaker von Racak wurde als entscheidend für
das unbefristete NATO-Bombardement ausgegeben. 14 Monate nach Racak
ließ der deutsche Außenminister verlautbaren, daß
über die wahren Hintergründe von Racak nur spekuliert
werden könne.
Noch im Februar 1998 hat der US-Gesandte R. Gelbhard die UCK als
Terrororganisation bezeichnet und Milosevic darin bestärkt,
im Kosovo mit militärischen Mitteln für Ordnung zu sorgen.
Dann folgte unter österreichisch-deutscher Regie die Farce
von Rambouillet und der Seitenwechsel des US-Imperialismus. „Kann
es Zufall sein, daß die vorläufige Entscheidung am Balkan
genau in die Zeit fiel, da die beiden alten Erzfeinde Serbien, Österreich
und Deutschland, in Europa ein ganzes Jahr lang den Vorsitz führten?
Genau jene zwei Staaten, die Serbien im gleichen Jahrhundert schon
zweimal überfallen, beide Male Millionen Leichen und ein verwüstetes
Land hinterlassen hatten, die zudem Anfang der neunziger Jahre mit
der Forcierung der Anerkennung Kroatiens maßgeblich an der
blutigen Balkan-Kettenreaktion mitgewirkt hatten? ... Wer Petritsch´s
Aufzeichnungen zu Rambouillet aufmerksam liest, findet deutliche
Hinweise dafür, daß das NATO-Bombardement ohne die deutsch-österreichische
Regie an der Spitze der EU nicht stattgefunden hätte...“
(S. 220)
Elf Wochen bombardierte die NATO im Frühling 1999 Ziele in
Jugoslawien. In 38.000 Angriffen wurden 20.000 Tonnen Sprengstoff
abgeworfen. Die völkerrechtswidrigen Bombardements - ein UN-Mandat
lag bekanntlich nicht vor - töteten nach NATO-Angaben tausende
Menschen und zerstörte den Großteil der zivilen Infrastruktur
des Landes: Fabriken, Brücken, Schulen, Krankenhäuser,
Kindergärten, Stromversorgung und Telekommunikation.
Kurz nach dem Ende der Bombardements war Köpruner wieder in
Jugoslawien zu Besuch. Von einem Freund ließ er sich durch
das zerstörte Belgrad führen. „Nicht ohne anerkennenden
Unterton beschrieb er die Präzision, die erforderlich gewesen
sein musste, diese Objekte punktgenau aus den Häuserreihen
herauszuschießen. Im zwanzigstöckigen ZK-Gebäude
etwa, da hatte Milosevics Tochter ihr Büro, im dritten Stockwerk
von oben, dem vierten Fenster von links. Genau da hatte die Bombe
getroffen. Wenn man das hört und auch sieht und unmittelbar
danach zur völlig freistehenden, noch heute beflaggten Chinesischen
Botschaft fährt, versteh t man die Chinesen, wenn sie nicht
glauben wollen, dass es nur eine veraltete Karte war, die an den
drei Toten und dem zerstörten Gebäude schuld gewesen sein
sollte. `An der Geschichte ist so gut wie alles faul´ zitierte
´Der Spiegel´ dazu sogar NATO-Experten“. (S. 246)
Neue Feldzüge der imperialistischen Staaten haben die Entwicklungen
in Jugoslawien aus den Schlagzeilen katapultiert. Wen interessiert
nach dem „glorreichen“ NATO-Krieg noch, dass sich Serben
und Angehörige anderer Nationalitäten, sobald sie im heutigen
Kosovo ihre von K-FOR-Truppen bewachten winzigen Ghettos verlassen,
in akuter Lebensgefahr befinden?
Kurt Köpruner hat das Lehrstück der Zerschlagung Jugoslawiens
in eine gut lesbare Form gebracht. Wer sein hervorragend recherchiertes
Buch liest, wird sich leichter tun, aktuelle und zukünftige
Einmischungen und Kriegszüge der Imperialisten, insbesondere
auch der österreichischen, zu durchschauen.
Quelle: http://www.geocities.com/komakml/pr8_imp_krieg.html
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