Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


Rezension in "stimme" Zeitschrit von und für Minderheiten
Nr. 40+41 / III + IV 2001

ÜBER DIE BARBAREI IM NACHBARLAND

Von Dr. Erwin Riess


Seit seiner ersten, privaten Reise im Frühling 1991 unternahm der Autor des vorliegenden Buches Dutzende weitere Fahrten in das kriegsgeschüttelte Jugoslawien. Noch im Frühsommer 2001 hält Köpruner sich längere Zeit im Kosovo auf. Längst sind es nicht mehr berufliche Gründe, die ihn in den Balkan führen, er ist besessen davon, Antwort auf eine Frage zu finden: Wie war es möglich, daß 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Krieg wieder nach Europa zurückkehren konnte?

Eingebettet in die Geschichte seiner persönlichen Nachforschungen erzählt Köpruner die Geschichte von vier Kriegen, beginnend mit den Separationskriegen in Slowenien und Kroatien über den Krieg in Bosnien, wo selbst 30.000 NATO-Soldaten nicht in der Lage waren, Massenmorde wie jenen in Srebrenica zu verhindern, bis zum Bürgerkrieg im Kosovo mit dem anschließenden Bombardement Rest-Jugoslawiens im Frühling 1999 durch die NATO. In kurzen und informativen Kapiteln umreißt der Autor die historischen Voraussetzungen der Kriege - von der habsburgischen Militärgrenze bis zu den verwirrenden Allianzen im Zweiten Weltkrieg, wo Angehörige derselben Volksgruppe sich während der deutschen Besatzung blutige Bürgerkriege lieferten, über die an Stalin gescheiterte Balkanföderation bis zur Geschichte Jugoslawiens unter Tito - einschließlich dessen gescheiterten Wirtschaftspolitik.

Immer wieder reflektiert Köpruner die Rolle der Medien. In der medialen Vermarktung erwiesen die Serben sich als Hinterwäldler, sie hatten nicht verstanden, daß neben dem Bodenkrieg ein virtueller Krieg um die öffentliche Meinung im Westen tobte. Es ging dabei nie um die Wahrheit, sondern ausschließlich darum, wer eine Greuelnachricht zuerst plazieren konnte. "Es ist nicht unsere Aufgabe, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen", erklärte der Leiter einer von der kroatischen Regierung angeheuerten Werbeagentur. In diesem Zusammenhang zitiert Köpruner einen NATO-Offizier: "Wenn wir wissen, da ß es die Serben getan haben, sagen wir: Die Serben waren es. Wenn wir nicht wissen, wer es getan hat, sagen wir: Die Serben waren es. Und wenn wir wissen, daß es nicht die Serben waren, sagen wir: Wir wissen nicht, wer es war." Und in einem Gespräch des Autors mit einem muslimischen General fallen folgende Sätze: "Glauben Sie kein Wort, das Sie über diesen Krieg hören. Das ganze Land ist voller Leute, die Horrorgeschichten erfinden und für viel Geld an Eure Medien verkaufen."

Am Beispiel der sogenannten "Massakerpolitik" zeigt Köpruner, welche Auswirkungen diese Dimension des Krieges hatte. So entstanden die Bilder von den Serben als Erben Dschingis Khans, als reißende Wölfe. "Nicht mit Menschen hatte der Westen zu tun, sondern mit Monstern." Vierzehn Monate nach Racak - dieses Massaker war entscheidend für das unbefristete Bombardement - ließ das deutsche Außenministerium verlauten, daß über die wahren Hintergründe von Racak nur spekuliert werden könne.

Die Kapitel über die "Massakerpolitik" und die den Luftangriffen vorausgehende Farce von Rambouillet zählen zu den spannendsten des Buches. Erstaunlich, wie schnell die USA die Fronten gewechselt hatten, denn noch im Februar 1998 hatte der US-Sonderbeauftragte Gelbard den jugoslawischen Präsidenten Milosevic darin bestärkt, im Kosovo mit militärischen Mitteln für Ordnung zu sorgen, die UCK, so der Amerikaner, sei eine terroristische Vereinigung.

Elf Wochen bombardierte die NATO im Frühling 1999 Ziele in Jugoslawien. In 38.000 Angriffen wurden 20.000 Tonnen Sprengstoff abgeworfen; die Bombardements töteten nach NATO-Angaben tausende Menschen und zerstörten große Teile der zivilen Infrastruktur des Landes. Der militärische Erfolg war bescheiden: Ganze 15 Panzer wurden zerstört, dafür aber 105 große Industrieanlagen, Ölraffinerien und -lager, Krankenhäuser, Kläranlagen, Brücken und Bahnhöfe. Entgegen den ursprünglichen Zielen, nur "harte" militärische Ziele zu bombardieren, betrafen 60 Prozent der Angriffe "weiche" und rein zivile Ziele. Unter die sogenannten Kollateralschäden ist auch das ramponierte Völkerrecht einzureihen, denn die Angriffe fanden ohne UN-Mandat statt. Kein Wunder, daß heute kein ernstzunehmender Beobachter den Bombenkrieg gegen Jugoslawien als Ruhmestat betrachtet. Köpruner weist darauf hin, daß ohne den Regierungseintritt von Ex-Pazifisten in die deutsche Regierung das Bombardement nicht stattfinden hätte können. Oder, in den Worten des deutschen Delegationschefs bei der OSZE, des ehemaligen CDU-Abgeordneten im Bundestag, Willy Wimmer: "Wir sind hinters Licht geführt worden."

Köpruners Buch ist die Frucht einer zeh n Jahre währenden Befassung des Autors mit dem Zerfall Jugoslawiens. Das materialreiche, klug gegliederte Werk orientiert sich in Stil und Aufbau mehr an den Arbeiten englischer Historiker denn an deutschen Kriegsreportagen. Köpruner bleibt konkret, wo andere mutmaßen; er sieht auch dort hin, wofür andere sich nicht interessieren; er erzählt ohne den Druck, am Abend über das Gesehene berichten zu müssen, und er nimmt sich die Freiheit, mit den Menschen zu reden, tagelang, wochenlang. Jugoslawien ist für ihn kein "Job", er ist nicht auf der Suche nach Massengräbern und anderen Sensationen, er erzählt - ruhig und genau und mit verhaltenem Entsetzen vom Alltag des Krieges. Wer wissen will, wie es kam, daß die Barbarei bei unseren Nachbarn einzog, der sollte sich zwei Tage mit diesem Buch zurückziehen.