Rezension in "Stuttgarter
Zeitung, 22. Feber 2002
Der Krieg von unten
Ein Nichtjournalist erklärt die Jugoslawienkriege
Von Hadwig Perwein
Der politisch interessierte Mensch, der wenig Zeit darauf verwenden
kann, sich eine eigene Meinung zu bilden, hat drei Möglichkeiten:
Entweder er bedient sich der Zeitungen mit den höchsten Auflagen
und verfolgt die Fernsehberichte mit den höchsten Einschaltquoten.
Dann wird er nicht auf sehr viele Widersprüche stoßen.
Oder er kämpft sich durch den Dschungel der Berichterstattung,
um schließlich die ihm plausibelsten Argumente zu seiner
Sicht zu machen. Oder er liest ein Buch, das historisch einen
beendeten Krieg analysiert.
Der Österreicher Kurt Köpruner sagt von sich selbst.
"Ich bin kein Profi-Schreiber". Dennoch hat er ein 350-Seiten-Buch
über Balkan-Kriege geschrieben. Ein Buch, das nicht nur alle
Facetten der Gewalteskalation zwischen den Jahren 1990 und 2000
beleuchtet, sondern auch das geschichtliche Hintergrundwissen
so vermittelt, daß man sich wünscht, es möge denjenigen
Politikern und Journalisten die Schamesröte ins Gesicht steigen,
die stets beteuerten, die Verhältnisse "dort unten"
seien sozusagen unentwirrbar. Ein Buch vor allem, das jene zu
Wort kommen läßt, die sonst keine Stimme haben: Menschen
aus allen Schichten und Regionen, mit verschiedener Religion oder
Volkszugehörigkeit, die fassungslos ihre Zukunft in Trümmer
fallen sehen. "Das Entscheidende ist die Geschichte von unten",
schreibt Peter Glotz im Vorwort.
Den Autor fuhr 1990 zum ersten Mal aus rein geschäftlichen
Gründen nach Kroatien. Erst Jahre später, als er immer
mehr Widersprüche entdeckte zwischen seinen Erfahrungen vor
Ort und den Medienberichten, entstand die Idee, aus den Notizen
ein Buch zu schreiben.
Köpruner hat vor Ort recherchiert, dabei aber keine Pressekonferenz
besucht und keinen Politiker interviewt. Seine Gesprächspartner
haben Vornamen und eine persönliche Geschichte. Arif etwa,
Moslem und Offizier der jugoslawischen Armee, verheiratet mit
einer Kroatin, der nach der Unabhängigkeitserklärung
Kroatiens urplötzlich Soldat einer Besatzungsarmee im eigenen
Land. Die Familie, im erzkatholischen Kroatien unglaublichen Schikanen
ausgesetzt, floh nach Neuseeland. Oder Cupe, der Inhaber einer
Autovermietung, der dem Autor die "dalmatinische Kristallnacht"
schildert, in der noch vor Kriegsbeginn kroatische Schlägertrupps
unter Polizeischutz hunderte von serbischen Geschäften plünderten
und niederbrannten.
Der Untertitel des Buchs "Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien"
ist zu bescheiden gewählt. Köpruner liefert eine messerscharfe
Analyse des Phänomens Krieg und der fatalen Folgen der westlichen
Politik. Die Anerkennung Kroatiens etwa, die nach Köpruners
Ansicht eine Gewaltspirale in Gang setzte, an deren Ende Nato-Bomben
fielen. Deren Ziel es war, das Kosovo als multiethnisches Gebilde
zu erhalten. Köpruners letzte Reise im Herbst 2000 zeigt,
daß man sich einen größeren Mißerfolg kaum
vorstellen kann.