Rezension in "Südosteuropa
Mitteilungen" 02/03
(Südosteuropa-Gesellschaft)
Von Milan Milas
Kurt Köpruner hat von 1991 bis 1999 mehrere Male verschiedene
Regionen des ehemaligen Jugoslawien bereist. Aufgrund seiner Erlebnisse
stellt sich für ihn die Geschichte der Kriege in Jugoslawien
ganz anders dar, als sie von der überwältigenden Mehrheit
der deutschen Medien präsentiert wurde. Der Grundtenor in
der Medienlandschaft war unmiss-verständlich anti-jugoslawisch
beziehungsweise anti-serbisch. Anti-jugoslawisch waren die Berichte
insofern sie die Integrität des Staates Jugoslawien nicht
befürworteten, sondern einem Zerfall das Wort redeten. Die
pauschale Schuldzuweisung an die Seite der Serben für den
Staatszerfall bildete das anti-serbische Element. Diese Wahrnehmung
kann Köpruner nicht teilen und er sah sich veranlasst, seine
Erlebnisse und Interpretation der Ereignisse niederzuschreiben
und zu veröffentlichen. Das Buch ist chronologisch gegliedert.
Es beginnt mit der werdenden Unabhängigkeit Sloweniens und
Kroatiens und endet mit den NATO-Bombardements gegen die Bundesrepublik
Jugoslawien und deren Folgen. Reiseberichte und Erörterungen
mischen sich, wobei den Erörterungen mehr Raum zukommt.
In der Phase der akuten Desintegration Jugoslawiens (1990-91)
beginnen die Reisen Köpruners nach Jugoslawien. Er der trotz
seines engen Kontakts zu jugoslawischen Staatsbürgern in
der 1980er Jahren von der multinationalen Struktur Jugoslawiens
wenig gewusst hat, ist von Beginn an gegen die Zerstückelung
Jugoslawiens. Anders verhielt es sich mit der österreichischen
und deutschen Außenpolitik. Sowohl Alois Mock als auch Hans-Dietrich
Genscher standen den Medien in anti-jugoslawischen und anti-serbischen
Positionierungen in nichts nach. Vor allem Alois Mock schreckte
laut Köpruner vor Sezessionsaufforderungen nicht zurück.
– Köpruner widmet sich in seinem Buch einerseits der
einseitigen Medienberichterstattung. Andererseits formuliert er
eine fundamentale Kritik an den Nationalisten in den jugoslawischen
Teilrepubliken und an der sie unterstützenden deutschen und
österreichischen Außenpolitik.
Die Reisen sind die Basis von d er aus er die Anstöße
für seine Überlegungen entnimmt. Für Köpruner
sind die Nationalisten an der Spitze der Teilrepubliken die treibenden
Kräfte des Zerfalls des jugoslawischen Staates. Slobodan
Milosevic hingegen ist für ihn ein Befürworter des Bestands
Jugoslawiens. Köpruner hält in seinen Darlegungen mit
dem fortschreitenden Zerfallsprozess Schritt. Wenn es am Anfang
noch um die diplomatische Zusammenhänge geht, so rückt
mit dem Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen die Schuldfrage
bei der Entstehung von Gewalt in den Vordergrund. Er begleitet
die verschiedenen kriegerischen Auseinandersetzungen von Kroatien
über Bosnien-Herze-gowina bis in das Kosovo. Der Konflikt
in Makedonien findet in seinen Erörterungen keinen Platz.
Dem Kosovokonflikt widmet Köpruner knapp die Hälfte
seiner Darstellung. Dieses Ungleichgewicht ist vor allem durch
das Interesse des Autors am Eingreifen der NATO zu erklären.
Köpruners Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Wenn
man seine Ausführungen mit der zitierten Literatur vergleicht,
so bleibt unter dem Strich nur wenig Erkenntnis-gewinn übrig.
Lediglich die Reiseberichte bringen eine neue Perspektive auf
die Wahr-nehmung der kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen
Jugoslawien. Die Dars-tellung leidet dabei unter Kollektivisierungen
und Pauschalisierungen. Zu oft werden Kollektiva wie "die
Serben", die "Kroaten", "die Deutschen"
oder "die Albaner" für Dinge verantwortlich gemacht
bzw. von Schuld freigesprochen. Köpruner scheint den doch
komplexen Zusammenhängen, die er erklären will, nicht
immer gewachsen. Besonders wird dieses deutlich, wenn er nationale
Zugehörigkeiten anhand von Rassenlehren diskutiert (S. 60)
oder Nationalismus als uraltes Phänomen ausmacht (S. 88),
dessen sich schon die Römer der Antike bedienten.