Rezension in "die Tageszeitung"
(TAZ), 14. Mai 2002
Balkan von unten
Geschichte in Augenzeugenberichten:
Ein österreichischer Geschäftsmann wird Zeuge des Zerfalls
Jugoslawiens
Von Markus Bickel
Kurt Köpruners Buch "Reisen in das Land der Kriege"
bietet einen interessanten und gleichzeitig verständlichen
Zugang in eine an sich hoch komplexe Geschichte. "Erlebnisse
eines Fremden in Jugoslawien" lautet der Untertitel, und
tatsächlich gelingt es dem österreichischen Geschäftsmann
nachzuzeichnen, wie schnell ein politisch durchschnittlich interessierter
Reisender damals in die balkanischen Sezessionskriege hineingezogen
werden konnte.
Dabei geht Köpruner zweigleisig vor. Zum einen beschreibt
er über persönliche Erlebnisse, wie der Virus des Ethnonationalismus
im Sommer 1991 fast alle Jugoslawen erfassen konnte - selbst solche,
die kurz vorher noch überzeugte Anhänger eines gemeinsamen
Staates gewesen waren. Freunde und Bekannte Köpruners kommen
zu Wort, aber auch dem Autor fremde Menschen schildern Ereignisse,
die in deutschen Zeitungen und Zeitschriften nie auftauchten.
Gleich zu Beginn seiner Reisen auf dem Balkan erfährt Köpruner
so von einem erschreckenden Fall: In der "dalmatinischen
Kristallnacht" zerstörte ein kroatischer Mob schon im
Mai 1991 Dutzende Juweliergeschäfte, Bäckereien und
Büros serbischer Bewohner der Adria-Stadt Zadar. Der Autor
fasst zusammen: "Seit einem halben Jahr verfolge ich alles,
was über dieses Land berichtet wird, fast täglich -
und muss dann feststellen, dass ich keine blasse Ahnung habe,
was da wirklich los ist."
Mit dieser Erkenntnis eröffnet Köpruner den zweiten,
medienkritischen Strang des Buches. Aus Enttäuschung über
die offensichtlichen Fehlinformationen in den westlichen Medien
entwickelt er eine eigene Sicht auf die Entstehung der neuen Balkankriege.
Und so lange seine Analysen von den Berichten zahlreicher lokaler
Akteure untermauert werden, geht dieser Versuch, Gegenöffentlichkeit
zu schaffen, auch auf.
Weiter hinten jedoch gelingt Köpruner der Spagat zwischen
einer an den Aussagen einfacher Bürger orientierten Geschichtsschreibung
von unten und der großen politischen Analyse nicht mehr
so richtig. Zur Rolle von Bundesregierung und Nato im Vorfeld
des Kosovokrieges ist bereits Besseres geschrieben worden. Nach
den dichten Detailschilderungen aus dem Bosnien- und dem Kroatienkrieg
bleibt hier die Beschreibung merkwürdig blass.
Dennoch kommt Köpruners Kritik erfrischend unideologisch
daher. Denn bei allem berechtigten Ärger über die unrühmliche
Rolle Deutschlands und die Unausgewogenheit der Kriegsberichterstattung
hierzulande, kommt der Autor nie auf die Idee, die Verbrechen
Slobodan Milosevic zu verteidigen. Nicht nur das unterscheidet
ihn von Autoren mit ähnlicher politischer Stoßrichtung.
Während Jürgen Elsässer ("Kriegsverbrechen.
Die tödlichen Lügen der Bundesregierung") oder
Matthias Küntzel ("Der Weg in den Krieg") ihre
Analysen auf unzähligen Zeitungsschnipseln aufbauen, überzeugt
Köpruners Buch durch die Augenzeugenberichte von vor Ort
- nach wie vor der glaubwürdigste Weg, Leserinnen und Leser
für die politische Situation in Südosteuropa zu interessieren.
Auch drei Jahre nach dem vorläufigen Ende der neuen Balkankriege.