Rezension in "Volksstimme",
28. Dezember 2001
Reisen ins Land der Kriege
Von Dr. Erwin Riess
Vorarlberg in den frühen achtziger Jahren. Das "Ländle"
weist bei dreihunderttausend Einwohnern und je 20.000 türkischstämmigen
und jugoslawischen Arbeitsemigranten eine der höchsten Ausländerraten
Europas auf. Ein Vorarlberger Gewerkschaftsfunktionär, Kurt
Köpruner, fungiert als vielbeschäftigter Redner bei
Veranstaltungen der diversen jugoslawischen Kultur- und Sportverbände.
Die Veranstaltungen laufen alle nach demselben Muster ab. Kinderprogramm,
Tombola, Ansprachen, Musik. Es wird gesagt, aus welcher Region
ein Lied stammt, und lässt es damit bewenden. Man folgt darin
Tito, der in Jugoslawien ebenfalls darauf setzt, den Nationalismus
durch Bildung und die Schaffung halbwegs einheitlicher Lebenschancen
ins Reich der Folklore zu verbannen. An manchen Wochenenden bringt
der Vorarlberger Gewerkschafter es auf fünf Auftritte vor
jugoslawischen Verbänden; längst hat er gelernt, seine
Reden mit einem Trinkspruch auf Tito zu beenden; routiniert nimmt
er den Applaus entgegen.
Zehn Jahre später. Ein beliebter Betriebsrat eines Vorarlberger
Textilbetriebs gerät in einen schweren Arbeitskonflikt. Groteske
Anschuldigungen gegen ihn werden ausgestreut, die ÖGB-Führung
verweigert Hilfe, worauf der Betriebsrat in einem Wiener Hotel
seinem Leben ein Ende setzt. Köpruner bricht mit dem ÖGB
und wechselt Land und Beruf. In Regensburg baut er eine Maschinenbauagentur
auf. Unter anderem treibt er auch mit einigen jugoslawischen Betrieben
Handel, die Produkte auf Weltmarktniveau herstellen. Eines Tages
im Jahr 1990 reagiert eine junge Ingenieurin aus Zadar auf eine
Ausschreibung. Ihre Angaben interessieren, sie wird nach Deutschland
eingeladen. Drei Tage später sind der Ex-Gewerkschafter und
die Ziviltechnikerin ein Liebespaar, das seine "Flitterwochen"
auf Geschäftsreisen nach Banja Luka, Sarajevo und in die
Vojvodina verbringt.
Die hervorragend ausgestatteten Betriebe stehen unter dem Schock
des weggebrochenen sowjetischen Marktes, für den enorme Produktionskapazitäten
aufgebaut worden waren. Dennoch bildete nicht die Ökonomie,
sondern die Politik das vorrangige Gesprächsthema . Die Debatten
kreisten um die Frage, ob Jugoslawiens Zukunft in einer Föderation,
einem Bundesstaat mit starkem Zentrum, oder in einer Konföderation,
einem losen Zusammenschluss der Republiken, liegen soll. Die Meinungen
waren geteilt, einig waren sich aber alle darin, daß der
Staat Jugoslawien nicht aufgelöst werden könne. Die
ethnische Verschränkung sei zu weit fortgeschritten, die
Mehrzahl der Familien, die Politik, das Militär, der Sport
und ganz besonders die Wirtschaft seien multiethnisch organisiert.
Kein Großbetrieb, der nicht über vielfältige Kanäle
mit Zulieferern aus allen Republiken verbunden war. Jeder Versuch,
den Staat zu zerreißen, würde in einer Apokalypse mit
Hunderttausenden Toten enden. Das Ende Jugoslawiens wäre
ein kollektiver Selbstmord, sei schlechterdings undenkbar.
Wir wissen heute, daß das Undenkbare Realität wurde;
und wir wissen auch, daß jene Staaten, die sich aus historischen
Gründen hätten besonders zurückhalten sollen, Österreich
und Deutschland, genau das entgegen den flehentlichen Bitten Englands,
Frankreichs und Italien nicht taten, sondern Öl ins Feuer
der Separation gossen. Das Wort vom "Selbstbestimmungsrecht
der Völker" wurde zum Sommerhit des Jahres 1991. Selbst
die Albaner führten im September ein Referendum durch und
riefen drei Wochen später die Unabhängigkeit ihres Staates
"Kosova" aus.
Schon Ende Mai desselben Jahres hatte der Autor in einem Zagreber
Hotel ein Erlebnis, das für ihn zum Fanal für das Kommende
wurde. Roter Stern Belgrad hatte den Fußballeuropacup gewonnen,
und ausnahmslos alle Kroaten, denen der Autor gratulierte, reagierten
gereizt und verärgert - der Triumph einer "serbischen"
Mannschaft wurde als Kränkung Kroatiens empfunden. Mit einem
Schlag bekam der Autor eine Ahnung vom Ausmaß des Hasses,
der zwischen Kroaten und Serben bereits bestand. Noch ein Jahr
zuvor, das bestätigten später eine Reihe von Gesprächspartnern,
hätte ein Europacupsieg einer jugoslawischen Fußballmannschaft
ein gesamtjugoslawisches Volksfest ausgelöst.
Es musste also das stattgefunden haben, was Antonio Gramsci die
"Beschleunigung von Politik" nannte. In Zeiten gesellschaftlicher
Brüche, die häufig einem ökonomischen Zusammenbruch
nachfolgen, gewinnen vorher marginalisierte Gruppen innerhalb
kurzer Zeit mit radikalen Forderungen bestimmenden Einfluß
auf das gelähmte gesellschaftliche Zentrum, worauf dieses
nach einem maximalistischen Ziel ausgerichtet wird, das sich meist
entlang ethnischer Trennlinien gruppiert. Schon zu diesem Zeitpunkt
ist die traditionell in Parteien und Verbänden gebündelte
Gesellschaft nicht mehr in der Lage, das Steuer herumzureißen.
Es schlägt die Stunde von neuen gesellschaftlichen Zusammenschlüssen;
"Bewegungsparteien" verdrängen die traditionellen
oligarchischen oder Klassenparteien. Das Fortschreiten der schwärenden
Wunde ist nicht mehr aufzuhalten, und obwohl zu diesem Zeitpunkt
die gesellschaftszerstörenden Kräfte sich noch in deutlicher
Minderheit befinden, vollzieht sich doch die Umgruppierung der
Machtverhältnisse in schwindelerregendem Tempo. So auch in
Jugoslawien - und zwar gleichzeitig in der kroatischen und serbischen
Teilrepublik.
Der Aufstieg des Politikers Milosevics - er war zuvor als jugoslawischer
Bankmanager in den USA tätig - ging einher mit dem Bruch
der beiden wichtigsten titoistischen Staatsregeln. Erstens: In
Jugoslawien darf niemals Politik auf der Straße gemacht
werden. Zweitens: Der Partisanenmythos muß den Amselfeldmythos
überstrahlen. In seiner Amselfeldrede, vor einer Million
Serben, vollzog Milosevic de facto den Bruch mit der titoistischen
Staatsverfassung - die wichtigste Barriere auf dem Weg zum Krieg
war gefallen.
Parallel dazu vollzogen sich in Kroatien und - abgeschwächt
- in Slowenien ähnliche Prozesse.
In Zadar angekommen, wurde Köpruner Zeuge einer seltsamen
Prozession. Priester und Ministranten führten mit Monstranzen
und Weihrauchkesseln einen langen Zug an. Über den Menschen
wehte die neue kroatische Flagge mit dem rot-weißen Schachbrettmuster
aus Ustascha-Zeiten. "Sie bitten Gott um ein freies Kroatien
- also um Krieg", raunte ein Gesprächspartner, der sich
als Jugoslawe verstand, dem Autor zu. Bereits Anfang Mai hatte
sich in Zadar eine Pogromnacht ereignet. Hunderte Geschäftslokale,
deren Besitzer Serben waren, wurden in einer Nacht zerstört.
Die Polizei sah zu oder leistete Hilfsdienste. Es tat dabei nichts
zur Sache, ob die Zuschreibung "Serbe" gerechtfertigt
war oder nicht. Wer Serbe war, bestimmten die anderen; jene, die
nach dem Tod eines Polizisten behaupteten, Serben seien die Mörder,
und die ganze Stadt aufriefen, Kerzen zum Zeichen der Trauer in
ihre Fenster zu stellen. Wer sich nicht an dieser Aktion beteiligte,
wurde von Beobachtern notiert und in den nächsten Tagen von
Schlägertrupps heimgesucht. Dies alles ereignete sich lange
vor der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens und Sloweniens
am 25. Juni 1991 und dem Ausbruch des Krieges.
Der ersten Reise im Frühling 1991 folgen im Lauf der nächsten
zehn Jahre Dutzende weitere Fahrten in das kriegsgeschüttelte
Jugoslawien, noch im Frühsommer 2001 hält Köpruner
sich längere Zeit im Kosovo auf. Längst sind es nicht
mehr berufliche Gründe, die den Maschinenbauer in den Balkan
führen, er ist besessen davon, Antwort auf eine Frage zu
finden: Wie war es möglich, daß fünfzig Jahre
nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Krieg wieder nach Europa
zurückkehren konnte?
Wenn er nicht gerade im Krisengebiet unterwegs ist, studiert Köpruner
die Geschichte der Balkanregion und verfolgt - anfangs mit Verwunderung,
dann mit wachsender Empörung -, wie schamlos sich die Medienmaschinerie
Kriegsereignisse zurecht lügt. Nun ist Desinformation ein
Teil der Kriegsführung, und ein Tor, wer das nicht in Rechnung
stellt. Köpruners ursprüngliche Motive mögen da
und dort nicht frei von Naivität gewesen sein, bald aber
lernte er soviel über den Krieg, daß er sich als Nichtkombattant
mit ihm arrangiert. Köpruner ist kein Kriegsberichterstatter,
er hat keinen Auftraggeber, er studiert das soziale Phänomen
"Krieg", und der, geschmeichelt von soviel Anteilnahme,
gewährt überraschende Einblicke in sein Innerstes.
Eingebettet in die Geschichte seiner persönlichen Nachforschungen
erzählt Köpruner die Geschichte von vier Kriegen, beginnend
mit den Separationskriegen in Slowenien und Kroatien über
den Krieg in Bosnien, wo selbst 30.000 NATO-Soldaten nicht in
der Lage waren, Massenmorde wie jenen in Srebrenica zu verhindern,
bis zum Bürgerkrieg im Kosovo mit dem anschließenden
Bombardement Rest-Jugoslawiens im Frühling 1999 durch die
NATO. In kurzen und informativen Kapiteln umreißt der Autor
die historischen Voraussetzungen der Kriege - von der habsburgischen
Militärgrenze bis zu den verwirrenden Allianzen im Zweiten
Weltkrieg, wo Angehörige derselben Volksgruppe sich während
der deutschen Besatzung blutige Bürgerkriege lieferten, über
die an Stalin gescheiterte Balkanföderation bis zur Geschichte
Jugoslawiens unter Tito - einschließlich dessen gescheiterten
Wirtschaftspolitik.
Immer wieder reflektiert Köpruner die Rolle der Medien. In
der medialen Vermarktung erwiesen die Serben sich als Hinterwäldler,
sie hatten nicht verstanden, daß neben dem Bodenkrieg ein
virtueller Krieg um die öffentliche Meinung im Westen tobte.
Es ging dabei nie um die Wahrheit, sondern ausschließlich
darum, wer eine Greuelnachricht zuerst plazieren konnte. "Es
ist nicht unsere Aufgabe, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt
zu überprüfen", erklärte der Leiter einer
von der kroatischen Regierung angeheuerten Werbeagentur. In diesem
Zusammenhang zitiert Köpruner einen NATO-Offizier: "Wenn
wir wissen, daß es die Serben getan haben, sagen wir: Die
Serben waren es. Wenn wir nicht wissen, wer es getan hat, sagen
wir: Die Serben waren es. Und wenn wir wissen, daß es nicht
die Serben waren, sagen wir: Wir wissen nicht, wer es war."
Und in einem Gespräch des Autors mit einem muslimischen General
fallen folgende Sätze: "Glauben Sie kein Wort, das Sie
über diesen Krieg hören. Das ganze Land ist voller Leute,
die Horrorgeschichten erfinden und für viel Geld an Eure
Medien verkaufen." Am Beispiel der sogenannten "Massakerpolitik"
zeigt Köpruner, welche Auswirkungen diese Dimension des Krieges
hatte. So entstanden die Bilder von den Serben als Erben Dschingis
Khans, als reißende Wölfe. "Nicht mit Menschen
hatte der Westen zu tun, sondern mit Monstern." Vierzehn
Monate nach Racak- dieses Massaker war entscheidend für das
unbefristete Bombardement - ließ das deutsche Außenministerium
verlauten, daß über die wahren Hintergründe v
on
Racak nur spekuliert werden könne.
Die Kapitel über die "Massakerpolitik" und die
den Luftangriffen vorausgehende Farce von Rambouillet zählen
zu den spannendsten des Buches. Erstaunlich, wie schnell die USA
die Fronten gewechselt hatten, denn noch im Februar 1998 hatte
der US-Sonderbeauftragte Gelbard den jugoslawischen Präsidenten
Milosevic darin bestärkt, im Kosovo mit militärischen
Mitteln für Ordnung zu sorgen, die UCK, so der Amerikaner,
sei eine terroristische Vereinigung.
Elf Wochen bombardierte die NATO im Frühling 1999 Ziele in
Jugoslawien. In achtunddreißigtausend Angriffen wurden zwanzigtausend
Tonnen Sprengstoff abgeworfen; die Bombardements töteten
nach NATO-Angaben tausende Menschen und zerstörten große
Teile der zivilen Infrastruktur des Landes. Der militärische
Erfolg war bescheiden: Ganze fünfzehn Panzer wurden zerstört,
dafür aber hundertfünf große Industrieanlagen,
Ölraffinerien und -lager, Krankenhäuser, Kläranlagen,
Brücken und Bahnhöfe. Entgegen den ursprünglichen
Zielen, nur "harte" militärische Ziele zu bombardieren,
betrafen 60 Prozent der Angriffe "weiche" und rein zivile
Ziele. Unter die sogenannten Kollateralschäden ist auch das
ramponierte Völkerrecht einzureihen, denn die Angriffe fanden
ohne UN-Mandat statt. Kein Wunder, daß heute kein ernstzunehmender
Beobachter den Bombenkrieg gegen Jugoslawien als Ruhmestat betrachtet.
Köpruner weist darauf hin, daß ohne den Regierungseintritt
von Ex-Pazifisten in die deutsche Regierung das Bombardement nicht
stattfinden hätte können. Oder, in den Worten des deutschen
Delegationschefs bei der OSZE, des ehemaligen CDU-Abgeordneten
im Bundestag, Willy Wimmer: "Wir sind hinters Licht geführt
worden."
Köpruners Buch ist die Frucht einer zehn Jahre währenden
Befassung des Autors mit dem Zerfall Jugoslawiens. Das materialreiche,
klug gegliederte Werk orientiert sich in Stil und Aufbau mehr
an den Arbeiten englischer Historiker denn an deutschen Kriegsreportagen.
Köpruner bleibt konkret, wo andere mutmaßen; er sieht
auch dort hin, wofür andere sich nicht interessieren; er
erzählt ohne den Druck, am Abend über das Gesehene berichten
zu müssen, und er nimmt sich die Freiheit, mit den Menschen
zu reden, tagelang, wochenlang. Jugoslawien ist für ihn kein
"Job", er ist nicht auf der Suche nach Massengräbern
und anderen Sensationen, er erzählt - ruhig und genau und
mit verhaltenem Entsetzen vom Alltag des Krieges. Wer wissen will,
wie es kam, daß die Barbarei bei unseren Nachbarn einzog,
der sollte sich zwei Tage mit diesem Buch zurückziehen.