Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


Rezension in den "Vorarlberger Nachrichten", 22. September 2001

Der Jugoslawien-Konflikt aus einer kaum bekannten Perspektive
Kurt Köpruner über den mehr als zehn Jahre dauernden Konflikt


Von Dr. Harald Walser

Es waren immer wieder Massaker, welche die Stimmung in den europäischen Staaten und in der Weltöffentlichkeit zu Ungunsten Serbiens veränderten: Im Mai 1992 gab es in Sarajevo 16 Tote bei einem Anschlag. Die Opfer waren Menschen, die vor einer Bäckerei um Brot anstanden. 1994 töteten Sprengkörper 68 Menschen am Marktplatz "Markale", 1995 an der gleichen Stelle 38 Menschen. Weltweite Abscheu und Entsetzen waren die Folge. Bosnische Serben wurden auch dann noch als Täter genannt, als es bald viele Indizien gab, die auf muslimische bzw. andere Attentäter schließen ließen. Die UNO verhängte Sanktionen gegen "Restjugoslawien". Vor gut zwei Jahren wurden in Racak 45 Leichen ausgegraben. Sie sollen von serbischen Einheiten exekutiert worden sein. Die Bilder gingen um die ganze Welt. Das Ergebnis waren NATO-Bombardements im Kosovo, in Serbien, der Vojvodina und Montenegro. Diese führten schließlich zum Rückzug serbischer Einheiten.

In allen diesen Fällen wurde die Öffentlichkeit über die Hintergründe - bewusst oder unbewusst - hinters Licht geführt, zumindest aber wurden die Hintergründe nie genau erforscht. Das deutsche Außenministerium meinte fast eineinhalb Jahre nach dem "Massaker von Racak", dass über dessen "wahren Hintergründe nur spekuliert werden" könne. Von den Opfern hieß es, dass sie aus den Kämpfen stammen und von den Albanern "instrumentalisiert" worden sein könnten.

Wir haben es zehn Jahre lang berichtet bekommen: Im ehemaligen Jugoslawien gab es die "Guten" und die "Bösen". Ein soeben erschienenes Buch kratzt etwas an diesem Bild. Ähnlich wie Peter Handke vermag auch sein Autor, Kurt Köpruner, in Serbien nicht einfach den "Schurkenstaat" zu erkennen. Wie dieser verweist auch er auf die historischen Wurzeln des Konflikts, etwa die faschistische Vergangenheit etlicher vom Westen taxfrei als demokratisch bezeichneter Parteien und Personen in Kroatien. Der Autor ist aber auch weit davon entfernt, umgekehrt Muslime, Kroaten und Albaner als die Schurken in diesem tragischen "Spiel" zu outen. Er zeichnet ein sehr differenziertes Bild.

Kurt Köpruner ist in Vorarlberg kein Unbekannter. Als Landessekretär des ÖGB hat er bis 1989 eine wichtige Funktion innegehabt - und diese mit streitbarer Lust und Konsequenz ausgefüllt. Vieles von dem, was heute an der Gewerkschaft zurecht kritisiert wird, hat Köpruner schon vor über zehn Jahren erkannt. Die Behäbigkeit des Apparats hat notwendige Veränderungen aber verunmöglicht.

Er hat deshalb gekündigt und sich erfolgreich in der Wirtschaft versucht. Eine von ihm gegründete und geleitete Firma, die sich mit der Beschaffung und dem Vertrieb von Maschinen für und in die sogenannten "Reformländer" befasst, läuft bis heute gut. Seit dieser Zeit reist Köpruner auch oft in das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Seine vielfältigen geschäftlichen und privaten Kontakte haben ihm einen faszinierenden Einblick in die Entwicklung des Konflikts und das Entstehen der Nachfolgestaaten ermöglicht. Die dazu oft im diametralen Gegensatz stehende Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien hat ihn zum Schreiben dieses Buches motiviert.

Bedrückend ist die Erkenntnis, wie viele Chancen ausgelassen worden sind, friedliche und rationale Lösungen für das ehemalige Jugoslawien zu finden. Politiker wie der damalige österreichische Außenminister Alois Mock und auch sein deutscher Amtskollege Genscher kommen nicht gut weg: Ihr voreiliges Bestreben, die Spaltungstendenzen in Jugoslawien zu unterstützen und die neu entstandenen Staaten trotz großer Bedenken in Großbritannien und Frankreich anzuerkennen, ist aus Köpruners Sicht mitverantwortlich für die entstandene Katastrophe. Doch die große Stärke dieses Buches liegt nicht in der Deutung der weltpolitischen Zusammenhänge, sondern in dem eindrucksvollen Bild, das er von der Situation zu zeichnen vermag. Verantwortlich dafür sind die vielen Gespräche und Interviews, die er in allen Krisengebieten mit einer Vielzahl von Menschen geführt hat.

In seinem Vorwort schreibt Peter Glotz über den Autor: "Er fragt mit bestechender Klarheit und ohne vorgefertigte Urteile: Wie hat das, was da kam, kommen können?" Wer Antworten möchte, dem ist Köpruners Buch zu empfehlen.