Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien

 

Rezension in "Vorwärts", Ausgabe 02/2002

Von der Wahrheit in Zeiten des Krieges

Von Susanne Lutz

Neben den jüngsten Ereignissen in Amerika und Afghanistan verblassen für uns alle langsam die Erinnerungen an die Kriege in Jugoslawien. Milosevic steht vor dem internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, die KFOR sorgt im Kosovo für "Recht und Ordnung". Können wir dieses Kapitel der europäischen Geschichte nun also abschließen? Es scheint so. Oder ist vielleicht doch nicht alles so klar, wie es auf den ersten Blick scheint? In den letzten Jahren häuften sich die kritischen Stimmen. Vom ominösen "Hufeisenplan" bis zu den "Kollateralschäden" wurde vieles angezweifelt und von offizieller Seite revidiert oder abgeschwächt. Serben – immer Kriegsverbrecher? Westliche Medien und Politiker – immer ehrlich? Auf die Spur einer wahren Geschichte in Zeiten des Krieges begibt sich Kurt Köpruner mit seinem Buch "Reisen in das Land der Kriege".

Der Autor unternimmt in den 90er-Jahren mehrfach berufliche Reisen in das zerfallende Jugoslawien. Er lernt dort – zunächst als Unbeteiligter ohne spezifische politische Interessen – Land und Leute kennen. Dabei fällt ihm auf, dass das Bild von Jugoslawien, das in den westeuropäischen Medien gezeichnet wird, nicht (immer) stimmen kann. Er beobachtet, trägt Informationen zusammen, hinterfragt. Dabei greift er oft nur auf die Berichte und Analysen zurück, die jedem Interessierten im Fernsehen, in den Zeitungen oder im Internet zugänglich gewesen wären. Doch für ihn divergieren persönliche Erfahrungen und politische Rechtfertigungsmodelle immer stärker. In seinem Buch hat er nun eigene Beobachtungen und Erlebnisse zusammengefasst.

Was das Buch in der mittlerweile langen Reihe von Sachtexten zum Thema "Jugoslawienkrieg" auszeichnet, ist die persönliche Perspektive des Autors. Es ist der Blick "von unten", mit dem er sich den politischen Konflikten nähert. In persönlichen Gesprächen mit Menschen auf der Straße, mit Freunden und Journalisten zeichnet er sein eigenes Bild von den Geschehnissen von 1991 bis heute. Dieses Bild ergänzt er mit geschichtlichem Hintergrundmaterial und Auszügen aus der deutschen Berichterstattung.
Angesichts des vielfältigen und sich widersprechenden Materials zu diesem Thema scheint es unmöglich, zu einer einzigen "Wahrheit" über die Kriege in Jugoslawien zu gelangen.

Doch Kurt Köpruner hat mit seinem Buch ein Beispiel gegeben: der mündige Bürger hat nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die moralische Verpflichtung, hinter die Kulissen der Politik zu schauen. Sich selbst eine Meinung zu bilden, ist gerade in unserer globalisierten, medialen Welt wichtiger denn je. Nur so hat auch die Demokratie, die gerade gegenüber den serbischen "Diktatoren" immer wieder betont wurde, ein lebensfähiges Fundament.

Die Autorin dieser Rezension kann sich deshalb nur Peter Glotz anschließen, der im Vorwort zu "Reisen in das Land der Kriege" schreibt: "Natürlich muss man nicht alle Wertungen übernehmen, die der Autor in seinen politischen Analysen trifft. […] Es ist das Ergebnis des autonomen Nachdenkens eines engagierten Bürgers, der sich ein eigenes Bild macht. Das Bild mag nicht in allen Zügen richtig sein. Es ist aber in jedem Fall richtiger als das offizielle Bild, das die Medien gezeichnet haben und noch immer zeichnen."


http://www.vorwaerts.de/allother.php?iAid=186&rev=1