Rezension in "Zeit-Fragen",
8. Oktober 2001
"Erlebnisse eines Fremden
in Jugoslawien"
Buchbesprechung von Dr.
Heinz Loquai, Brigadegeneral a. D., Königswinter
Der Titel des Buchs "Reisen in das Land der Kriege. Erlebnisse
eines Fremden in Jugoslawien"* könnte den Leser auf
eine falsche Fährte führen. Köpruner "bereiste"
zwar als Unternehmer in den vergangenen zehn Jahren die Region
des früheren Jugoslawien, doch seine Berichte sind keine
leichte Kost für den Feuilletonteil von Tageszeitungen, sie
sind vielmehr eine Anamnese der Krankheit Krieg. Dabei ist der
Verfasser kein Balkanexperte, sondern Autodidakt. Er fragt einfach
und auch eindringlich und vor allem, er hört zu. Er hütet
sich vor raschen Urteilen und simplen Deutungsversuchen. Über
die Begegnung mit Menschen, über ihre Lebensgeschichte, über
ihre fassungslose Verzweiflung und ihr grosses Leid erschliessen
sich dem Leser die Facetten eines Konflikts. Dieses überaus
menschliche und wohl deshalb auch spannende Buch ist nicht nur
für den "Balkan-Laien", sondern auch für den
Experten geeignet, weil es gerade die menschliche Dimension der
Konflikte beleuchtet.
Das Bestreben, "Antworten auf Fragen über Ursachen und
Anlässe der Kriege zu suchen" (S. 19), ist Programm
und selbstgesetzter Massstab dieses aussergewöhnlichen Buches.
Die frühe persönliche Erfahrung Köpruners, "alles
zu hinterfragen, was mir, von wem auch immer, an Interpretationen
aufgedrängt wurde", sollte sich jeder zu eigen machen,
der ein wirklichkeitsgetreues Bild von diesem Konflikt sich verschaffen
möchte. Denn wer sich die Berichterstattung in Deutschland
vor Augen führt - und das Buch bringt hierzu viele drastische
Beispiele - wird an Karl Kraus erinnert: "Invaliden waren
wir durch die Rotationsmaschinen, ehe es Opfer durch die Kanonen
gab ... " (aus: "Die letzten Tage der Menschheit").
Wie konnte es aber zum Krieg kommen, wenn das Schreckliche doch
voraussehbar war? Köpruners Gesprächspartner in Kroatien
waren sich alle einig, dass es im Falle einer Auflösung Jugoslawiens
ein "schreckliches Gemetzel" geben würde, "mit
Hunderttausenden von Toten". Wie konnte es zu diesem "kollektiven
Selbstmord" kommen? Köpruner geht historischen Ursachen
nach, er beschreibt die verhängnisvolle Rolle, die deutsche
und österreichische Politiker für die Beschleunigung
des Zerfalls des jugoslawischen Vielvölkerstaates gespielt
haben, und er verweist immer wieder auf die Rolle von Printmedien,
die durch Verschweigen, Übertreiben und Erfinden ein klar
strukturiertes Schwarz-Weiss-Bild zeichneten, das von deutschen
Politikern bereitwillig aufgenommen, internalisiert und kultiviert
wurde. So erschien Jugoslawien als ein "Vielvölkergefängnis",
und der deutsche Aussenminister Fischer wurde nicht müde,
seine Formel vom "aggressiven serbischen Nationalismus"
als Deutungsmuster der Konflikte anzubieten. Doch hätte man
sich gerade von deutschen Politikern leisere Töne gewünscht
angesichts der deutschen Verbrechen gegen die serbische Zivilbevölkerung
im Zweiten Weltkrieg.
Das "gewaltige Hasspotential", das Köpruner überall
spürte, entlud sich ja schon vor Beginn des eigentlichen
Krieges in der "dalmatinischen Kristallnacht" in Zadar,
als kroatische Schlägerbanden, die von ausserhalb in die
Stadt kamen, serbische Geschäfte systematisch demolierten
und die Inhaber terrorisierten.
Doch Kroatien war nur das "Vorspiel" zu einem weit grausameren
Krieg, der die Zahlen der Toten, Flüchtlinge und Vertriebenen
multiplizierte. Konnte Bosnien-Herzegowina, jenes Jugoslawien
en miniature überhaupt fortbestehen, wenn der grössere
Kunststaat Titos, die Sozialistische Föderative Republik
Jugoslawien, zerfiel?
Die durch die Anerkennung Kroatiens ausgelöste Kettenreaktion
nahm ihren vorauszusehenden Verlauf mit dem bekannten Ergebnis.
"So war denn zweifellos die muslimische Bevölkerung
mit Abstand am stärksten vom verbrecherischen Krieg betroffen."
Doch auch hier gab es nicht nur die serbischen Täter, wie
ja die Anklagen in Den Haag heute zeigen.
Beim vorläufig letzten Krieg im "Lande der Kriege"
angekommen, dem Krieg um das Kosovo, können sich Köpruner
und auch sein Leser nicht mehr wundern über die Ignoranz
von Politikern und die einseitige Parteinahme bestimmter Medien.
Das Verdienst Köpruners ist es, die zahlreiche Literatur
über die Eskalation zum Krieg und den "Nachkrieg"
systematisch zusammengetragen zu haben. Man gewinnt auch hier
wieder den Eindruck, dass politische Brandstifter ungeeignete
Feuerwehrleute sind und dass die Bereitschaft von Politikern und
Medien zur Manipulation auch in einem demokratischen Land nahezu
grenzenlos ist. Eigentlich müsste es manchen Politikern und
Journalisten die Schamröte ins Gesicht treiben, wenn sie
heute das lesen, was sie zwischen März und Ju
li 1999 gesagt
und geschrieben haben - wenn es noch Schamgefühl gibt. Allerdings
zeigt gerade die lange Liste von Anmerkungen, dass sich der Bürger
schon ein Gegenbild zur Kriegspropaganda machen konnte, wenn er
nur wollte.
Die Begegnungen mit den geplagten Menschen ist das den Leser Rührende
und Fesselnde dieses Buches. Im kleinen Kapitel "Von Todesängsten
und Vorurteilen" (S. 237ff.) schildert Köpruner, wie
er selbst Vorurteilen aufgesessen ist. Von zwei albanischen jungen
Männern, die sich in sein Auto als Mitfahrer gedrängt
hatten, sah er sich schon massakriert, im besten Falle seines
Fahrzeuges beraubt. Tatsächlich erwiesen sie sich als harmlose
Tramper, denen er im stillen Abbitte leistete, er schämte
sich seiner Gedanken.
Welche Perspektive eröffnet dieses Buch, was sind die Lehren?
Köpruner will ja bewusst nicht belehren, der Leser muss sich
schon selbst ein Urteil bilden. Dabei braucht er sich durchaus
nicht alle Sichtweisen des Reisenden zu eigen machen. Nachdem
Krieg heute wieder salonfähig geworden ist, wird selbst der
Eindruck dieser Reise in das Land der Kriege, dass eben Krieg
kein Mittel der Politik sein kann, in Zweifel gezogen werden.
Auch die nicht abwegige Folgerung aus der Geschichte, dass gerade
auf dem Balkan vorhandene Konflikte durch Einmischung von aussen
zur Katastrophe wurden, werden die modernen Interventionisten
bestreiten.
Doch für den einfühlsamen Leser endet das Buch nicht
hoffnungslos. Im letzten Kapitel, "Als Tourist im Kosovo,
Oktober 2000" begegnet er Menschen, die Hoffnung machen.
Muss man sich wundern, dass dies in der Mehrzahl Frauen sind?
Da ist Heidi, die engagierte deutsche OSZE-Mitarbeiterin als "Democratization
Officer"; Adriana, die "nette Landlady" verdient
den Lebensunterhalt für ihre Familie tags in den Diensten
der OSZE, und abends mit ihrer Hände Arbeit; Cica im serbischen
Getto von Orahovac, Lehrerin und teilzeitbeschäftigt ebenfalls
in Diensten der OSZE hält die Verbindung aus dem Getto nach
draussen. Alle drei stehen "ihre Frau" auf ihre Weise.
Doch ihnen traut man zu, die Kette der Gewalt auf ihre Weise zu
brechen. Eine Begegnung könnte auch ganz zum Schluss des
Buches stehen, die mit Adrianas Mann. Der von serbischen Militärs
malträtierte Albaner schildert seine traumatischen Erlebnisse
aus dem Sommer 1998 bei den Kämpfen um die Stadt Orahovac.
"Alles, was mir der Mann erzählte, klang glaubwürdig.
Hass auf Serben konnte ich aus keinem Satz heraushören, was
umso erstaunlicher war, da er ja nur knapp dem Tode entronnen
war." Gibt dies nicht ein wenig Hoffnung für "das
Land der Kriege"?
Quelle: http://www.zeit-fragen.ch/ARCHIV/ZF_85a/INDEX.HTM