Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien



Rezension von Dr. Djordje Joncic, Braunschweig, Belgrad


Kurt Köpruner
Reisen in das Land der Kriege. Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien.


im Auftrag serbischer Tageszeitungen Juli 2003
(Erscheinungstermin unbekannt)


Vor kurzem wurde in Belgrad vom Verlag Prometej aus Novi Sad ein Buch vorgestellt, das mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Serbien noch zahlreiche Diskussionen auslösen wird. “PUTOVANJA U ZEMLJU RATOVA. DOZIVLJAJI JEDNOG STRANCA U JUGOSLAVIJI”, so nennt sich das Buch des österreichischen Autors Kurt Köpruner, das vor knapp zwei Jahren erstmals bei einem kleinen Berliner Verlag erschienen ist. Seine beiden ersten Auflagen waren rasch vergriffen, nunmehr ist es in dritter Auflage bei einem sehr renommierten Münchner Verlag herausgebracht worden. Dieser Erfolg allein ist schon ziemlich erstaunlich, da die jugoslawische Katastrophe in Deutschland seit langem kein Thema mehr ist. Wenn man aber weiß, dass der Autor dieses hoch politischen Buches gar kein Politprofi ist und zuvor noch nie eine Zeile veröffentlichte, so kann man es fast schon als sensationell bezeichnen, dass ausgerechnet sein Werk in den letzten zwei Jahren in Deutschland das am meisten diskutierte Buch zu dem Thema war. Es ist erfreulich, dass es nun in einer serbischen Übersetzung erhältlich ist.

Wer ist dieser Mann? Kurt Köpruner – geboren im Jahre 1951 in Österreich, wohnhaft seit vielen Jahren in Deutschland – ist Kaufmann, genauer gesagt, Chef einer Firma, die unter anderem auch am Balkan tätig ist, dort Werkzeugmaschinen fertigen lässt. Kaufleute interessieren sich normaler Weise für Geschäfte und nicht für Politik. Bei Kurt Köpruner war das zunächst nicht anders und so verwundert es nicht, dass er von den vielfältigen Problemen Jugoslawiens anfangs nicht viel mehr wusste, als dass dort der Erste Weltkrieg ausgelöst worden war. Das änderte sich erst, als er sich am Beginn der neunziger Jahre – Jugoslawien existierte noch in seinen alten Grenzen – in eine jugoslawische Geschäftspartnerin verliebte, genauer gesagt in eine Kroatin aus Zadar. Ihretwegen machte er ab 1990 jedes Jahr viele Reisen in das Land, das er später das "Land der Kriege" nennen wird. Er wurde dort mit schlimmen Ereignissen, mit Hass und Ängsten, konfrontiert, was er sich zuvor wohl nicht einmal hätte träumen lassen.

Ein Schlüsselerlebnis müssen wohl die pogromartigen Ereignisse vom Mai 1991 in Zadar gewesen sein, die seither als “dalmatinische Kristallnacht” in den Volksmund eingegangen sind. Damals, Monate vor Ausbruch des Krieges, wurden von fanatischen Kroaten in einer zehn Stunden dauernden Aktion über hundert Geschäftslokale von Serben zertrümmert, und dies vor den Augen, ja sogar unter aktiver Mitwirkung der kroatischen Polizei.

Nachdem Kurt Köpruner begriffen hatte, was da geschehen war, war er schockiert. Fast mehr noch als das kriminelle Ereignis selbst, schockierte ihn jedoch die Tatsache, dass kein einziges deutschsprachiges Medium davon berichtete. Dort war damals ausnahmslos von serbischem Terror die Rede, und von den wehrlosen Kroaten, die davon betroffen sind. Köpruner erlebte das genaue Gegenteil, und dieser Widerspruch muss offenbar sein immer tiefer gehendes Interesse an der Jugoslawienproblematik geweckt haben. Er wollte verstehen, wie es zu diesen Hassausbrüchen kommen konnte, die sehr rasch in die blutigen Kriege der neunziger Jahre geführt haben, und er wollte verstehen, warum die Medien in Deutschland und Österreich so einseitig, so offensichtlich falsch darüber berichteten, manipulierten.

Die Ereignisse vom Mai 1991 in Zadar waren aber nur der Anfang. Je länger die Kriege dauerten, umso blutiger wurden sie, und umso einseitiger wurde auch die Berichterstattung. Und je einseitiger die Medien berichteten, umso genauer wollte Kurt Köpruner es offenbar wissen, und umso vorsichtiger wurde er in seinem Urteil. In seinem Buch ist zu lesen: “Eines haben mich meine persönlichen Erfahrungen jedenfalls gelehrt: alles zu hinterfragen, was mir, von wem auch immer, an Interpretationen aufgedrängt wurde.”

Das ist offenbar Programm und Methode des Autors: Das Buch lebt von den vielen persönlichen Erlebnissen des Autors, die so ganz und gar nicht zu dem passen, was die Politiker und Medien verbreiteten. Es beginnt beim Krieg in Slowenien, setzt sich fort in Kroatien und Bosnien und findet seinen Höhepunkt im Natokrieg gegen Serbien-Montenegro. Neben seinen Erlebnissen, die beinahe in Form eines Romans und in literarisch wertvoller Form geschildert werden, befasst sich der Autor mit den historischen und politischen Hintergründen der Kriege. Es ist leicht erkennbar, dass er sich im Laufe der Zeit sehr intensiv auch in Geschichtsbüchern kundig gemacht hat, denn mit bemerkenswerter Souveränität versteht er es, die komplexe Materie in eine leicht lesbare Form zu bringen.

So ist das Werk denn nicht nur eine spannende Abenteuergeschichte, sondern zugleich ein authentisches Geschichtsb uch. Und wenn man das Buch einmal zu Ende gelesen hat, kann man nur schwer sagen, was einen mehr fasziniert: Sind es die persönlichen, spannend beschriebenen Erlebnisse, die dem Autor halfen, das Land der Kriege besser zu verstehen, oder sind es die klugen Analysen, mit denen er die jugoslawische Katastrophe begreiflich zu machen versucht. Aus beiden Teilen des Buches, die geschickt ineinander verflochten sind, erfährt der Leser eine ganze Menge. Und zwar keineswegs nur der unkundige Laie, sondern auch der Fachmann, dem das Buch die menschliche Seite der Kriege näher zu bringen vermag. Und nicht nur der Beobachter aus dem fernen Ausland, der sich seine Meinung durch höchste Manipulation Medienberichte bilden musste, kann vieles aus dem Buch lernen, sondern auch die betroffenen Menschen im ehemaligen Jugoslawien, deren Ansicht von gleichfalls manipulierenden Medien geformt wurde.

Alle wesentlichen Aspekte der Kriege kommen bei Köpruner zur Sprache: der rasant ansteigende Fanatismus in allen ehemaligen Republiken, die Einmischung ausländischer Kräfte, die sich ausgerechnet mit den fanatischsten Nationalisten verbündeten und damit die ohnehin schon vorhandenen Spannungen noch verschärften, die Rolle der Medien, die zusätzlich Öl in das Feuer gossen, und die Chancen- und Hoffnungslosigkeit der unschuldigen Menschen in allen Teilen des Landes. Besonders ausführlich beschäftigt sich der Autor mit der Lage, die der Zerfall Jugoslawiens für die Menschen geschaffen hat, und Köpruners Urteil ist niederschmetternd: Kein einziges Problem wurde gelöst, aber tausend neue wurden geschaffen. Dies ist für den Autor das Resultat eines verhängnisvollen Zusammenwirkens von teils unfähigen, teils verbrecherischen Politikern im Lande selbst, mit ebenso unfähigen und verbrecherischen Politikern in jenen Ländern, die am Balkan – wieder einmal – ihre eigene Suppe zu kochen versuchten. Köpruner scheut sich nicht, diese Dinge beim Namen zu nennen.

Das Buch ist in Deutschland bisher in vielen Medien rezensiert worden, und da ist es schon beachtlich, dass man dem Autor nicht eine einzige Fehlinformation vorgeworfen hat. Ganz im Gegenteil: In fast allen Buchbesprechungen wird das Werk positiv beurteilt oder gar hymnisch gelobt. Das überrascht umso mehr, als sich Kurt Köpruner mit der Rolle der deutschen Politik und den deutschen Medien ganz besonders intensiv und ganz besonders kritisch auseinandergesetzt hat. Offenbar ist es dem Autor gelungen, deutlich zu machen, dass es ihm nicht darum geht, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen, sondern allein darum, der Wahrheit aus der Sicht eines unvoreingenommenen Fremden möglichst nahe zu kommen.

Es ist sehr erfreulich, dass ein so kritisches Buch auch durchaus prominente Freunde gewonnen hat: David Binder etwa, von “The New York Times” beschreibt das Buch und seinen Autor als “wunderbaren Führer durch die Täler der Wahrheit und Berge der Lüge auf einer quälenden Reise durch die vier jugoslawischen Kriege der neunziger Jahre”. Peter Handke verglich es mit dem Bestseller von Rebecca West und bezeichnete es als “umgrabendes Buch”. Und Professor Dr. Peter Glotz, um einen letzten renommierten Kritiker zu nennen, der für die deutsche Ausgabe ein treffliches Vorwort beigesteuert hat, bezeichnete das Buch als “hinreisend erzählt”.

Es bleibt zu hoffen, dass das Buch nicht nur in Serbien eine weite Verbreitung findet, sondern auch in Kroatien und Bosnien, denn auch für die dortigen Leser enthält das Buch wertvolle, wenngleich auch teils schmerzliche Informationen. Es mag seltsam sein, dass ausgerechnet ein Geschäftsmann so ein Buch geschrieben hat, aber es ist gut, DASS er es geschrieben hat.

Autor und Übersetzung aus dem Serbischen: Dr. Djordje Joncic

Siehe auch den Text von Dr. Joncic zu "Racak".