Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


Ceiberweiber: Bericht über den Vortrag am 30. November 2001 im Afroasiatischen Institut in Wien

Von Alexandra Bader


Der aus Vorarlberg stammende Maschinenbauingenieur Kurt Köpruner lebt seit längerem im deutschen Regensburg und reiste vor zehn Jahren erstmals beruflich nach Jugoslawien. Diese Beziehungen intensivierte er auch wegen der Freundschaft mit einer kroatischen Ingenieurin. Dabei machte er zunehmend die Erfahrungen, dass die Erzählungen der Menschen im "Land der Kriege" ein völlig anderes Bild ergeben als die Medienöffentlichkeit in Deutschland und Österreich. So schrieb er seine Begegnungen, ergänzt durch Recherchen, in einem eben erschienenen Buch auf.

Die Jugoslawisch-Österreichische Solidaritätsbewegung lud ihn ein, das Buch am 30. November in Wien vorzustellen. Tatjana Kovic beschrieb es als "Rarität", weil Köpruner damit nicht belehren will. Er vermittelt stattdessen die Perspektive der "geplagten Menschen des zerfallenden Staates", die ihm als Reisenden ihre Geschichten mitteilten. Und diese Berichte stimmen nicht überein mit denen unserer Medien. Köpruner lobt seinerseits die Arbeit der Bewegung, da sie sich "für eine Sache einsetzt, die in der Öffentlichkeit nicht mehrheitsfähig ist".

Er hat bei seinen Reisen viele Freunde gewonnen, die teils auch "in der Diaspora" in Deutschland und Österreich leben. Vor zwei Jahren begann er, alles niederzuschreiben. Bei seinem ersten geschäftlichen Besuch interessierte ihn der Staat Jugoslawien nur am Rande. Doch im Mai 1991 war er in einem Hotel in Zagreb und versäumte leider die Fernsehübertragung des Europacupfinales Roter Stern Belgrad gegen Olympic Marseille. Als er Leute schimpfen hörte, nahm er zuerst an, dass Belgrad verloren hätte, doch die Kroaten waren wütend über den Sieg der Serben. Köpruner sah dies als Zeichen einer Entfremdung, die er sich vorher nicht vorstellen konnte.
Die Völker waren schon sehr gegeneinander aufgehetzt, da es vor einem Jahr noch Jubel gegeben hätte. Und dann fuhr er mit einem Avis-Mietwagen mit Belgrader Kennzeichen mit seiner Freundin ins dalmatinische Zadar. Bereits unterwegs hatten sie als vermeintliche Serben unschöne Erlebnisse, doch in der Stadt selbst wurde ihnen das Auto mitten im Zentrum schwer beschädigt. Sie wollten es bei Avis zurückgeben, fanden aber nur ein völlig zerstörtes und ausgebranntes Büro vor. Es gelang ihnen, den Geschäftsführer an seiner Privatadresse aufzuspüren. Wegen des Autos machte dieser Mann kein Drama und er wirkte zuerst als einer jener Klischee-Serben mit Nationalstolz.
 
Dann verbrachte Köpruner den halben Tag mit ihm und erfuhr von der "dalmatinischen Kristallnacht". Bei einer Polizeiaktion sollte ein Serbe verhaftet werden, doch dann wurde ein kroatischer Polizist erschossen. Als "Vergeltung" wurden zehn Stunden lang 116 Geschäfte und Privathäuser zerstört. Der Avis-Mann hat am Polizeifunk alles mitgehört und weiss daher, dass die Polizei die Aktion koordiniert hat. Seine kroatische Frau und die Kinder brachte er in Sicherheit und konnte, weil er ahnte, dass auch das Avis-Büro an die Reihe kommen wird, Akten und Computer retten.
Köpruner glaubte das zuerst nicht, denn "das wäre ja doch bei uns im Fernsehen gekommen, darüber wäre doch berichtet worden". Der Mann zeigte ihm Zeitungen aus Deutschland und Italien, wobei letztere durchaus darüber geschrieben haben. Und er führte ihn durch Zadar zu den ausgebrannten Geschäften, "von einer Ruine zur nächsten". Die Serben im Ort hielten einen Krieg für unausweichlich, und er werde schrecklich sein. In der Stadt wurde nach dem Tod des Polizisten Trauer angeordnet. Man musste Kerzen in alle Fenster und auf jeden Balkon stellen. Ein serbisches Paar erzählte Köpruner beschämt, wie sie sich dem zuerst widersetzen wollten, es dann aber doch nicht taten. Freunde baten einander, die Kerzen aufzustellen, denn wer es nicht tut, gilt als Feind. Andere forderten erst zu Zivilcourage auf, fügten sich dann doch.
 
SerbInnen flüchteten in Scharen in keinesfalls unberechtigter Furcht, verletzt oder ermordet zu werden. Kein Wort davon in unseren Medien, wie Köpruner später auch in monatelanger Recherche in Archiven nachprüfte. Stattdessen fand er in Deutschland und Österreich Desinformationen und Hetze gegen SerbInnen. Als Beispiel zeigt er einen Spiegel-Titel vom Juli 1991 mit "Terror der Serben" und er zitiert einen FAZ-Text aus dieser Zeit, wo ständig von "serbischem Imperialismus", "Belgrader Zwangsstaat", "serbischen Terrorkommandos" die Rede ist.

Nach dem Schlüsselerlebnis der Berichte von der "Dalmatiner Kristallnacht" sprach er über Jahre mit Menschen jeder Schicht und jedes Alters und befasste sich mit der Geschichte des Landes. Der veröffentlichte Meinung bewertet er als "unvollständige, einseitige, wahrheitswidrige Berichterstattung". Wobei es immer wieder auch "hervorragende und ausgewogene Berichte" gibt, zum Beispiel im "profil". Dennoch passieren in diesem wie anderen Medien "Dinge, die einen nur den Kopf schütteln lassen". So wurde etwa 1993 unter Bezugnahme auf das US State Department behauptet, dass die Grausamkeit der Serben alles in den Schatten stelle, was seit der Nazizeit passiert ist. Illustriert und "bewiesen" wurde es mit einem Bild, das einen Serbenstiefel auf dem Kopf eines enthaupteten Bosniers darstellen soll. In Wahrheit gehörte der Stiefel zu einem Mujahedin und der Ermordete war Serbe.
 
Viele Medien brachten diese Propagandalüge, und nur das "profil" stellte Monate später klein auf der Leserbriefseite klar, dass die Information leider falsch war. Während Medien wenig Probleme damit haben, dass sie stark simplifizieren, werfen sie Köpruner mitunter vor, "einen Narren an den Serben gefressen" zu haben. Tatsächlich hat er viele kroatische Freunde, und die Infos im Buch stammen überwiegend von ihnen. Seine Absicht ist es nicht, die herrschenden Vorwürfe umzukehren, denn die lokalen Akteure trifft bei aller Einmischung von aussen ein sehr grosser Teil der Schuld.
Jugoslawien war aber vor den westlichen Interventionen ein Staat mit Krisen wie andere auch. Heute sind es fünf Staaten - bald sechs oder sieben -, von denen als einziger Slowenien allein überlebensfähig ist. Und wir blicken auf mehrere hunderttausend Tote sowie hunderttausende Schwerverletzte und Millionen Flüchtlinge zurück. Viele Menschen sind verelendet und haben keinerlei Lebensperspektiven. - Und wie sehr die Menschen psychisch gezeichnet sind, steht immer wieder im Mittelpunkt von Erzählungen. - Diese Politik brachte auch einen Bruch des Völkerrechts mit sich, der sich bei weiteren Kriegen dramatisch auswirken wird.

Als wichtiger Auslöser des Kosovo-Krieges wurde das "Massaker von Racak" betrachtet. Köpruner zitiert einen NATO-Bericht von Ende 2000, wo es diese angebliche serbische Greueltat als noch nicht restlos aufgeklärt bezeichnet wird. Damals wurde auch behauptet, dass AlbanerInnen aus dem Kosovo massenhaft vertrieben würden. In einem internen Bericht der deutschen Bundesregierung vom 19.3.1999 heisst es unter Berufung auf das UNHCR, dass nur 2000 Flüchtlinge im Freien übernachten müssen und dass im Gegensatz zum vorigen Winter keine Versorgungskatastrophe drohe. Tatsächlich begannen die Flüchtlingsströme mit den Bombardierungen der NATO.

Angeblich wurde kein Krieg gegen die serbische Zivilbevölkerung geführt. Dennoch wurden 36.000 Angriffe geflogen, auch im Tiefflug auf eindeutig nicht militärische Ziele. So wurde im Mai 1999 die Holzbrücke von Varvarin zweimal aus 200 Metern Höhe attackiert. Zehn Menschen starben, Dutzende wurden schwer verletzt. Die Hinterbliebenen haben nun mit einem Anwalt in Deutschland die Bundesregierung geklagt. Heute sind die Rassen gerade im Kosovo so scharf voneinander getrennt wie nirgendwo sonst. Köpruner sprach dort auch mit Serben, die in einer Art Hochsicherheitsghetto leben.

Das Buch soll, betont er, ganz allgemein zu Misstrauen gegenüber allzu glatten veröffentlichen Meinungen aufrufen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass bereits eine Woche nach dem Erscheinen der nächste Krieg beginnt. Das Publikum will wissen, wer denn nun mehr "Schuld" hatte. Köpruner meint, von aussen seien jene Kräfte unterstützt worden, die den Menschen einredeten, dass zwischen ihnen grosse Unterschiede bestehen. Etwa ein Herr Tudjman, während die Serben selbst sich durch die Minderheitenpolitik in Jugoslawien häufig benachteiligt fühlten. Ein Mann erinnert daran, dass auch andere Wahrheiten vernachlässigt wurden. Etwa die 100 Toten der NATO, über die der österreichische Autor Hannes Hofbauer recherchiert hat.

Und was ist eigentlich mit Milosevic, will eine Frau wissen. Ist er nicht auch deswegen vom Westen angefeindet worden, weil er die Grundversorgung sichern, das Land möglichst unabhängig halten wollte? Köpruner meint, der Name ist sehr überfrachtet, nachdem wir jahrelang vom "Balkan-Hitler" und dergleichen hörten. Aber welche Argumente bringt der Westen vor allem vor? Er sei Demagoge, heisst es. Quatsch, meinen die Menschen vor Ort, welcher Demagoge sonst meidet Auftritte im Fernsehen. Nationalist soll er auch sein - gerade SerbInnen werfen ihm gerne das Gegenteil vor, weil er die Krajna und West- und Ostslawonien aufgegeben und die Isolation der Republika Srpska zugelassen hat. Gegen den Westen ist er? In Serbien wirft man ihm u.a. wegen des Dayton-Abkommens Paktieren mit den Amerikanern vor.

 Bleibt die Tatsache, dass kaum ein/e SerbIn "ihren" Führer positiv gezeichnet hat. Und dass Köpruner auch mehrere Bücher über ihn gelesen hat. Schlussendlich wage er kein Urteil, eben weil so viele stereotype Vorstellungen über Milosevic kursieren. "Wir" sollten uns nicht so sehr in ein anderes Land einmischen, ist sein Fazit. Dass sowas oft den gegenteiligen Effekt hat, kennen wir ja auch in Österreich: Waldheim wäre ohne die Aufregung um ihn wohl nicht gewählt worden....

Manche meinen, dass "die Medien" nur wegen wirtschaftlicher Interessen einseitig berichten. Ich melde mich zu Wort und korrigiere das ein wenig, da auch die verdeckte Aussenpolitik der USA und anderer Staaten eine Rolle spielt, weil Medien zur Erzeugung der richtigen Stimmung in der Bevölkerung benötigt werden. Es ist auch nicht unbedingt Überforderung und Naivität von JournalistInnen, wenn sie Fabrikationen wie dem Serbenkopf als Bosnierkopf aufsitzen.

 Köpruners Stunden in Archiven erinnern mich an die Zeit, die ich in der Nationalbibliothek verbracht habe, wo ich mir unter anderem die Berichterstattung 1991 rund um die Anerkennung Kroatiens angesehen habe. Damals demonstrierten ja ÖVP - Ex-Aussenminister Mock sehr beliebt in Kroatien -, FPÖ und Grüne gemeinsam dafür. Und Bundeskanzler Vranitzky wurde unterschwellig bis offen - d ieses in der Parteizeitung der FPÖ - als verkappter Kommunist angefeindet, weil er zuerst gegen die Anerkennung war. 1992 sollte die Öffentlichkeit auf einen US-Militärschlag in Bosnien vorbereitet werden, was auch mithilfe der Grünen geschehen sollte. Also gab Peter Pilz plötzlich dem "profil" ein Interview, in dem er genau das forderte, was ein Affront für eine friedensbewegte Partei war.

Dann ging er auf Tauchstation, Medien durften keine Kritik bringen, KritikerInnen in der Partei wurden eingeschüchtert und diffamiert. Es war wie eine Mauer, und weil Stellungnahmen pro Pilz als konzertierte Aktion inszeniert wurden, dachte ich an einen professionellen Hintergrund. Hat man/frau das Muster der verdeckten Aussenpolitik der USA einmal durchschaut, ist es nicht schwer, immer wieder festzustellen, wenn auf diese Weise Ziele verfolgt werden. Und: wenn Kriegslügen am laufenden Band zu Jugoslawien verbreitet wurden, warum sollte man beim Krieg in Afghanistan nicht äusserst skeptisch sein? Vieles von dem, was Köpruner erzählte, weckte bei den BesucherInnen Assoziationen dazu. Die Gegenüberstellungen wie gute bosnische Mujahedin und gute Kroaten vs. böse Serben erinnern an den nunmehrigen Heiligenschein für die Nordallianz, während den Taliban alles zuzutrauen ist.

Text und Bilder: Alexandra Bader
PS: Den meisten Medien nur eine Fussnote wert ist eine weitere Klage gegen die NATO: Sechs Menschen klagen wegen des Angriffs auf einen Belgrader Rundfunksender, bei dem 16 Menschen getötet wurden, und zwar vor dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Zu lesen ganz klein im Standard vom 25.10.01 - schliesslich sind diese Toten ja bloss "Kollateralschaden".

PPS: die Torte war ausgezeichnet :-)

Nächste Buchpräsentation in Österreich: am Freitag, 14. Dez. um 20.15 in Feldkirch/Vorarlberg, Theater am Saumarkt.

Quelle: http://www.ceiberweiber.at/wahl1/koepruner.htm