Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien



Statement von Dr. Heinz Loquai
bei der Buchpräsentation im Rahmen einer Pressekonferenz
am 12. November 2001, im Café Einstein, Berlin, Unter den Linden


Die erste Begegnung mit dem Buch hatte ich vor einem Jahr. Herr Köpruner hatte mir einen Entwurf des letzten Kapitals zugeschickt. Ich wusste nicht so recht, was ich damit anfangen sollte, blätterte ein bisschen herum – und wurde gefangen, kam nicht mehr los, bis ich durch war.

Für mein Buch hatte ich mit schriftlichen Dokumenten gearbeitet, mit Offizieren und Diplomaten gesprochen. Jetzt begegnete ich plötzlich vom Krieg getroffene, gezeichnete Menschen vor Ort, in ihrem Bestreben die Kriegsfolgen zu überwinden, sich zu arrangieren, wie wir Deutsche es ja nach 1945 auch versucht hatten. Namen von Orten erhielten Konturen, richteten sich auf aus zweidimensionalen Karten. Kriegsopfer und Kriegsprofiteuere wurden lebendig, Gefühle wurden erfühlbar. Ich war plötzlich ganz nah am Geschehen. Ich war dann froh, dass Herr Köpruner weiterarbeiten wollte. Wie ich das ganze Buch sehe, erkennen Sie ja in einer Rezension in ihren Unterlagen.

In Orwells 1984 arbeitet ein riesiges Wahrheitsministerium mit der Bezeichnung MiniWahr an allen Fronten für den großen Bruder, um aus Lügen geschichtliche Wahrheit zu machen. “Und wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. 'Wer die Vergangenheit beherrscht’, lautet die Parteiparole, 'beherrscht die Zukunft.’” (Orwell 1984, S. 34). Die Funktionäre der Miniwahr-Abteilungen in Ministerien und Parteizentralen waren schon recht erfolgreich, Lügen in Wahrheit umzuschreiben.

Wird ein Buch wie Ihres – Herr Köpruner – diesen Transformationsprozess aufhalten oder wenigstens verlangsamen? Das Kartell der Lügner verfügt über eine große Marktmacht, Außenseiter haben da nur wenig Chancen, Zugang zum Informationsmarkt zu finden. Aber vielleicht stimmt es doch, dass, wie Nietzsche meinte, verdeckte Wahrheiten giftig werden und die Lügner Opfer ihres eigenen Giftes werden.

Die frühe persönliche Erfahrung, die Sie in ihrem Buch wiedergeben, sollte man sich jeder gerade jetzt wieder zu eigen machen: “alles zu hinterfragen, was mir, von wem ach immer , an Interpretationen aufgedrängt wurde.” Denn auch heute schlagen wieder die Kriegstrommeln, Lüge und Desinformation verkünden sie. Die Geschichte des weltweiten Krieges gegen den Terrorismus weist manche Parallelen zum Krieg gegen Jugoslawien auf. Wie vor zwei Jahren ist es Staatsräson der deutschen Regierung in bedingungsloser, uneingeschränkter Solidarität den USA zu folgen. Keine Alternative gebe es hierzu, heißt es – wie damals. Das “Keine-Alternative-Syndrom” scheint ein Wesensmerkmal deutscher Außenpolitik zu sein. Doch wenn es fortwährend nur eine Politik ohne Alternative zu vollziehen gibt, brauchen wir keine Politiker, das können auch politische Vollzugsbeamte.

Noch kennen wir nicht die Ergebnisse dieses Krieges. Doch eines ist klar: Ein Land, das schon durch einen mehr als 20 Jahre langen Krieg geplagt ist, wird weiter durch Flächenbombardements umgepflügt. Wie im Kosovo werden sog. Streubomben eingesetzt, d. h. Anti-Personen-Minen werden ausgestreut, von denen etwa zehn Prozent als Blindgänger oder auch schlafende Minen weiter auf ihre Opfer warten. In Jugoslawien sind bereits 150 Zivilisten durch diese Schläfer getötet worden, noch mehr verstümmelt, vor allem Kinder. Wie viele werden es in Afghanistan sein, die Opfer dieser grausamen Schläfer werden? Nur eine Anmerkung: Die Farbe der Minen, ein grelles Ocker, gleicht der Farbe der von den USA abgeworfenen Lebensmittelpakete. Wie meinte doch der deutsche Bundeskanzler: Dies ist ein Kampf um die Kultur.

Als im April 1999 die humanitäre Katastrophe, die die NATO angeblich verhindern wollte, sich so richtig entfaltete, nicht zu verbergen war, welche Schäden in der Zivilbevölkerung sogenannte intelligente Bomben anrichteten, wandte sich der Papst in einem Appell an das nordatlantische Wertebündnis, doch wenigsten über Ostern das Bomben zu unterbrechen. Dieses Ersuchen wurde strikt zurückgewiesen. Auch heute werden wieder Stimmen zumindest nach einer Unterbrechung der Bombardierungen laut, weil Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind und dringend der Hilfe bedürfen. Auch heute wieder wird aus militärtaktischen Überlegungen der Appell an die Menschlichkeit zurückgewiesen. Der bisherige Höhepunkt der Arroganz der Macht ist die rüde Zurechtweisung der IG-Metall, die eine Feuerpause vorschlug. Schröder aus China nach Deutschland: “Kümmert euch um die Lebensbedingungen eurer Mitglieder, aber lasst die Finger von der Außenpolitik, denn davon versteht ihr nichts.” Ein Aufschrei in den Gewerkschaften, in den Medien, in der Opposition? Keine Spur! "1984" scheint nicht mehr weit zu sein in diesem unseren Lande. Inzwischen hat sich aber auch der katholische Militärbischof Mixa gegen einen Einsatz von Bundeswehrsoldaten zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus gestellt. Der Bischof hat erklärt, eine “fast blinde Nibelungentreue” mit den Vereinigten Staaten dürfe nicht dazu führen, alle kritischen Fragen über den Kriegseinsatz zu unterdrücken. (FAZ, 8. 11. S. 1) Wird der Bischof auch von unserem Kanzler zurechtgewiesen, er möge sich um das Seelenheil der Soldaten kümmern, aber die Hände von der Politik lassen?

Lassen Sie mich zum Schluß dieser wenigen Gedanken noch dem Buch viel Erfolg wünschen, für Sie, Herr Köpruner als Verfasser und natürlich auch für den Espresso-Verlag, der sich dieses Buches angenommen hat. Wieso haben eigentlich immer die kleineren Verlage die Größe, sich kritischer Bücher anzunehmen, Autoren zu stützen, die den Mut, die Kraft und das Durchhaltevermögen haben, gegen den Meinungsstrom zu schwimmen? Hat dies vielleicht auch etwas mit demokratischer Verantwortung zu tun? Ihr Buch, Herr Köpruner ist geeignet, Verständnis zu wecken. Es lässt hoffen, dass es genug Menschen gibt, die den Mut haben, dem Fatalismus einer Ohne-Alternative-Zum -Krieg- Politik zu widerstehen, Widerstand zu leisten, in einer Gesellschaft, die sich schon wieder so viel gefallen lässt.