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Bericht und Interview in "Kontext"
ORF Sachbuchsendung im Programm
Ö1, 21. September 2001
Von Mag. Wolfgang Ritschel
Sendungsaufzeichnung
Sprecher:
Kontext – Sachbücher und Themen
Vorspann zur Sendung:
Köpruner: Plötzlich
kam es dann eben zu diesem Bombardement, das also absolut zu verurteilen
ist und das auch, wie heute wirklich jeder weiß oder wissen
könnte, überhaupt keines der Probleme gelöst hat.
Ritschl: Die
Rede ist vom Nato-Einsatz im Kosovo. Ein mulitethnisches Kosovo
sollte dieser Militär-Einsatz garantieren – das Gegenteil
ist eingetreten. Nirgendwo sonst, so Kurt Köpruner, gibt es
heute eine so strikte Völkertrennung wie im Kosovo. Kurt Köpruner
speist diese Ansicht aus eingenem Erleben. Er hat das Kosovo als
Tourist besucht, was theoretisch nicht möglich ist, in der
Praxis aber schon. Kurt Köpruner ist ein Geschäftsmann
aus Vorarlberg, der aufgrund seiner geschäftlichen Tätigkeit
viel im ehemaligen Jugoslawien herumgekommen ist. In einem sehr
persönlich gehaltenen Buch beschreibt er seine Erlebnisse und
Begegnungen mit ganz normalen Leuten. Diese von ihm zusammengefügte
Geschichte von unten widerspricht denn auch in einigen Punkten unserem
offiziellen Bild des ehemaligen Jugoslawien. Reisen in das Land
der Kriege heißt das Buch von Kurt Köpruner, über
das wir im Rahmen eines Studiogespräches in ca. einer viertel
Stunde Auskunft geben.Hauptteil:Ritschel: Während ein neuer
Krieg droht und die Vorbereitungen bereits laufen – es muß
erst der Feind ausgemacht werden –, sind die Wunden des letzten
Krieges, der ja in unserer unmittelbaren Nachbarschaft tobte, noch
nicht verheilt. Genauer gesagt, müßte man ja von mehreren
Kriegen sprechen, in der Presse war ja oft auch der vornehmere Ausdruck
von bewaffneten Konflikten zu hören, die Rede jedenfalls ist
vom Balkan. Über diesen Raum sind in letzter Zeit einige Bücher
erschienen. Wir wollen Ihnen heute eines vorstellen, das heraussticht
und zwar deswegen, weil es von keinem professionellen Beobachter
stammt, sondern von einem Geschäftsmann, der wachen Auges von
seinen Begegnungen im ehemaligen Jugoslawien berichtet.
Als Gast im Studio darf ich heute Herrn Kurt Köpruner vorstellen.
Köpruner:
Guten Morgen.
Ritschel:
Reisen in das Land der Kriege – Erlebnisse eines Fremden in
Jugoslawien. Herr Köpruner, Sie sind Vorarlberger und leiten
seit 1989 eine in Deutschland ansässige Firma im Bereich der
internationalen Beschaffung von Maschinenbauteilen. Diese Tätigkeit
hat Sie an häufig in verschiende Regionen des früheren
Jugoslawien geführt. Was hat Sie denn veranlaßt, diese
Begegnungen und Beobachtungen dann auch in Buchform zu verarbeiten.
Köpruner: Ja,
ich war beruflich und privat bedingt ab 1990 also sehr oft im früheren
Jugoslawien, vor allem in Kroatien aber auch in anderen Staaten.
Ich habe die Entwicklung, die grausame
Entwicklung, sehr intensiv dadurch mitverfolgt und ich mußte
feststellen, daß das was ich selbst vor Ort gesehen und gehört
und erlebt habe, das deckte sich also in der Regel nicht mit dem,
wie hierzulande, also in Österreich und Deutschland darüber
berichtet wurde. Und ich bin dann in zahlreichen Diskussionen mit
Freunden mit ihnen in den Haaren gelegen, weil meine Sicht der Dinge
sich vom Mainstream unterschied. Ich habe dann immer wieder auch
Bücher gekauft und verschenkt, in denen mein Standpunkt gut
widergegeben war, aber ich mußte dann immer wieder feststellen,
daß man diese Bücher nicht gelesen oder nur sehr unaufmerksam
gelesen hat und irgendwann mal hab ich mich gefragt: Warum erzählst
du den Leuten nicht die Dinge so wie sie sich dir damals dargestellt
haben und wie sie sich aus deiner Sicht im Laufe der Jahre entwickelt
haben.
Ritschel: Herr
Köpruner, Sie haben in Jugoslawien nicht mit Milosevic und
Tudjman gesprochen, sondern mit Trampern, Geschäftspartner,
Bürokraten und mit Menschen, die Sie in den diversen Lokalen
kennengelernt haben. Worin unterscheidet sich denn diese Geschichte
von unten, die Sie da zusammengefügt haben, von der offiziellen
Geschichtsschreibung, wo sind da die größten Diskrepanzen.
Köpruner: Generell
muß man sagen, daß man nicht verallgemeinern kann. Ich
habe in der generellen Geschichtsschreibung sehr vieles wiedergefunden
in sehr vielen Medien, auch im ORF natürlich, das sich voll
und ganz mit meiner Sicht deckt
e. Aber das waren Einzelstimmen,
die also sozusagen im Medienbrei, wie er sich insgesamt darstellte,
völlig untergingen. Ich habe gesehen, daß fast nichts
stimmt, was man hierzuland glaubt, man hat immer wieder behauptet,
die Leute können nicht zusammenleben, davon bin ich absolut
nicht überzeugt. Man hat ein sehr intensives schwarz-weißes
Bild gemalt, hier gab‘s die Guten, dort die Bösen, man
hat die vermeintlich Guten massiv unterstützt. Also, das was
mir die Leute erzählt haben, entspricht nicht dem Bild von
Gut und Böse, natürlich habe ich Fanatiker auf beiden
Seiten getroffen, die je nach Standpunkt dieses Bild auch vermittelt
haben, aber sehr viele Leute sahen das immer differenziert, Verbrecher
gibt es überall, sowohl bei den Kroaten als auch bei den Serben,
wie bei den Albanern wie bei den Mazedoniern, und das war der wesentliche
Unterschied und aus dem resultieren dann sehr viele weitere Diskrepanzen.
Man hat die Sezessionisten unterstützt, also diejenigen die
die Zerschlagung des Landes forciert haben. Ich bin davon überzeugt,
daß das anfangs eine kleine Minderheit war, aber die hatten
dann sozusagen medialen Rückenwind und sie haben dann alle
anderen mitgerissen, was sehr einfach war, weil es einfach auf beiden
Seiten viele Verbrechen passiert sind. Die jeweils eine Seite konnte
auf die andere zeigen, auf die Verbrechen der anderen Seite zeigen
und damit eben neue Leute um sich scharen.
Ritschel:
Ihr Buch, Herr Köpruner, lebt also sehr stark von persönlichen
Beschreibungen, von den persönlichen Erlebnissen. Eine zum
Himmel stinkende Show ist ein Kapitel im Abschnitt über den
Krieg in Bosnien betitelt, da geht es um die Visumpolitik der deutschen
Regierung.
Köpruner: Man
hat hierzuland das Bild bekommen, das vom Westen her beispielsweise
Bosnien ganz massiv unterstützt wird, mit Milliarden Dollars
oder D-Mark oder Schilling. Die Realitäten vor Ort haben sich
mir ganz anders dargestellt. In dem konkreten Beispiel geht es darum,
daß wir Geschäfte mit einer bosnischen Firma machten
und es war notwendig, daß die Geschäftsführerin
dieser Firma zu uns nach Deutschland kommt. Das war nicht möglich,
weil die Visumbestimmungen derartig scharf sind, daß auch
für Geschäftskontakte, die für das Land sehr wichtig
gewesen wären, es also praktisch unmöglich war, ein Visum
zu bekommen.
Ritschel: Herr
Köpruner, Sie verurteilen in ihrem Buch Gewalttaten von allen
Seiten. Dem Natoeinsatz gegen Serbien können Sie demnach auch
nichts abgewinnen.
Köpruner:
Ganz im Gegenteil, der ist aufs Schärfste zu verurteilen, er
ist sozusagen der Höhepunkt einer falschen Politik, die einseitig
auf Sezessionismus gesetzt hat, die letztlich sich mit dem Terror
verbündet hat, also der Westen hat sich hier im Falle der UCK
diese Terroristen aufgebaut und letztlich kam es dann zu diesem
Bombardement, das absolut zu verurteilen ist. Das war auch, wie
heute wirklich jeder weiß oder wissen könnte keines der
Probleme gelöst hat
Ritschel: Das
letzte Kapitel Ihres Buches beschreibt eine Reise als Tourist in
den Kosovo, die Sie im Oktober letzten Jahres machten. Wie kommt
man denn als Tourist in den Kosovo.
Köpruner:
Das ist eine gute Frage. Die war auch für mich nicht leicht
zu beantworten. Ich habe mich in Deutschland damals erkundigt, wie
ich da runter komme. Niemand konnte es mir sagen, ich bin dann einfach
aufs Gratewohl nach Beldgrad gefahren, auch dort die Leute wußten
nicht. Die haben mir alle gesagt, man kann nicht einfach so mit
dem Auto da runter fahren. Ich war dann auf der Österreichischen
Botschaft in Belgrad und die haben es eigentlich auch nicht gewußt.
Ich bin dann mehr oder weniger ins Blaue hineingefahren, und siehe
da, es war möglich, man muß da mehrere Checkpoints passieren,
zunächst die der Serben, dann eben die der K-FOR und wenn man
dann mal da ist, kann man sich eigentlich ungehindert bewegen.
Ritschel:
In diesem Land bewegen bedeutet aber, daß man sich in einem
zerstörten Land bewegt.
Köpruner: Also
die Situation, wie sie sich mir im Kosovo darstellte, ist für
normale Begriffe schier unvorstellbar. Es sind 40.000 K-FOR-Soldaten
da dazu noch etliche Tausend Polizisten aus, ich glaub, 20 verschiedenen
Ländern. Das Ziel war ja, mit den Bomben einen mulitkulturellen
Kosovo zu schaffen. Das Gegenteil hat man erreicht, das absolute
Gegenteil. Der Kosovo ist heute das Land, wo die "Rassen"
am schärftsten voneinander getrennt sind. Ich beschreib das
ja auch in einem Kapitel, das Getto von Orahovac, das ist ein Viertel
von hundert Metern Durchmesser, das schärfstens bewacht wird.
Die Serben, die da drin leben, praktisch eingesperrt sind, können
nicht heraus, wenn sie rausgehen, dann laufen sie also wirklich
sofort Gefahr, einem Anschlag zum Opfer zu fallen. Also die müssen
heute beschützt werden mit massivem Natoeinsatz. Die Nato beklagt,
daß sie fast alle ihre Recourcen im Kosovo für den Personenschutz
aufwenden muß. Man hätte das vor ein paar Jahren noch
sehr viel billiger bekommen können.
Ritschel:
Persönliche Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien.
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