Reisen in das Land der Kriege.
Erlebnisse eines Fremden in Jugoslawien


Sendung in WDR 3, 17. November 2002
08.30 bis 09.00 Uhr


Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Kurt Köpruner – Privater Kriegsberichterstatter


Von Hadwig Perwein

Sendemanuskript

Siehe: http://www.wdr.de/radio/wdr3/archiv/sendungen/lebzei/200211.html

Ankündigungstext:

Einen Presseausweis besitzt Kurt Köpruner nicht. Dafür aber einen außergewöhnlichen Steckbrief: 50 Jahre alt, Ex-Gewerkschaftssekretär, Unternehmer und privater Kriegsberichterstatter. Seit 1990 unternahm er zahllose Geschäftsreisen in die Krisen- und Kriegsgebiete des zerfallenden Vielvölkerstaates Jugoslawien. Um sein Leben gefürchtet hat er dabei nie. Erst bei der Rückkehr wurde ihm angst und bange, wenn er die Medienberichte verfolgte, die meist in krassem Gegensatz zu seinen Erfahrungen vor Ort standen. Als die Forderungen nach "Bomben auf Belgrad" immer lauter wurden, begann er an seinem Buch "Reisen in das Land der Kriege" zu schreiben.


O-Ton 1( 150 sec.):
die frau steigt ein sie war wirklich in bunte fetzen gehüllt recht folkloristisch anzusehn aber es war ziemlich kalt an dem morgen sie hatte keine strümpfe an sie hat nur so strandschlapfen an den beinen gehabt und war natürlich total durchgefroren sie hat an dialekt gesprochen mit dem ich überhaupt nix anfangen konnte und sie hat ununterbrochen auf mich eingeredet, ganz eindringlich aber es war chancenlos. Sie is dann immer wieder mal kurz eingenickt aber nur so für eine minute oder zwei dann ist sie wieder hochgefahren u hat wieder auf mich eingeredet und i hab irgendwie das gefühl bekommen sie hätte etwas wirklich ganz ganz wichtiges mir zu sagen aber i hab mer ned helfen können und da bin i dann auf a lustige idee verfallen. In der armlehne in der mittelarmlehne war mein telefon versteckt und ich hab da muß ja nur 2 tasten drücken dann war ich mit snjezana verbunden. s telefon war auf raumton geschalten und snezana hat sich au sofort gemeldet ich hab ihr dann gesagt kurz meine lage und hab gsagt sprich mal mit der frau du wirst sie ja wohl verstehn frag sie was sie will von mir. es hat ne sehr gute akkustik im auto und sie is aufgesprungen, sie war zwar angegurtet aber hat sich trotzdem am kopf angestoßen oben, hat sich umgesehen hat unter den sitz geschaut und halt war ganz entgeistert hat gar nicht begriffen was hier los is und irgendwann mal hat sie dann schon gemerkt, daß da jemand da ist der sie versteht und hat dann eben auch auf snjezanas fragen geantwortet und so hab i dann erfahren daß sie eben aus schenitza sei und auf dem weg zum betteln nach sarajevo. in schenitza seis sinnlos zu betteln weil niemand irgendetwas besäße und sie sei auf mülltonnen spezialisiert und aber in schenitza seien sogar die mülltonnen leer und in sarajevo sei es eben etwas besser und dort war sie hin unterwegs und sie sah sehr alt aus aber hatte angeblich oder offenbar ich glaube sieben kleine kinder und die seien buchstäblich alle mehr oder weniger vor dem verhungern .

Sprecherin:
Ich bin zu alt, um noch neue Freundschaften zu schließen. Dieser Satz von ihm am Telefon hat mich sehr befremdet. Ich hatte gefragt, was man eben so fragt, wenn man nach Jahren die Adresse eines Jugendfreundes ausfindig macht und ihn spontan anruft. Wie geht es dir? Was machst du so? Bist du verheiratet? Wie bist du ausgerechnet nach Deutschland gekommen? Hast du hier Wurzeln geschlagen? Die Kurve zum Dialekt kriegen wir nicht.

Es gibt zwei Sorten von alten Freunden, die man lange nicht gesehen hat. Bei den einen macht´s Klick und es ist, als hätte man gestern abend noch zusammengesessen. Bei den andern schwingt dieses Erstaunen in der Stimme, diese fast argwöhnische Distanz zu einem unvermutet auftauchenden Zeugen der Vergangenheit. Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein, weil ich annehme, daß er mit der Vergangenheit ziemlich radikal gebrochen hat. Das setze ich voraus bei einem, der sich wundert, wenn man ihn mit seinem Vornamen anredet. Natürlich wußte ich auch damals, daß Cepi nicht sein richtiger Vorname ist, aber niemals nannte ihn irgendjemand von uns Kurt. Unser Lateinlehrer hatte ihm den Spitznamen verpaßt, in einem jener verhaßten Momente, in denen er mit seinem Wurstfinger auf einen von uns zeigte und ein Verb in die Runde brüllte. Und wehe, man ratterte nicht mit der gebührenden Geschwindigkeit die entsprechenden Tempi herunter. Coepio – Cepi - Coeptus. Von da an hieß er Cepi. Der Name paßte zu ihm.

Aber nun plaudere ich mit Kurt und es macht nicht Klick. Ich hole schon Luft für ein abschließendes “Also dann ...”, da fragt er: “Sag, bin i deppat? Hob i was ned überriss´n? Oder wegen was rufst an?” Klick macht es und wir schwimmen dahin im vertrauten Idiom wie vor 35 Jahren im trüben warmen Baggersee, er immer ein paar Züge voraus.

Jetzt kann ich Farbe bekennen. Ja, ich wollt nicht mit der Tür ins Haus fallen. Ich hab gehört, du hast ein Manuskript über die Balkan-Kriege in der Schublade.

O-Ton 2 (120 sec.):
Also man hat allgemein immer wieder gesagt daß die situation in jugoslawien schwer verständlich ist. man wußte, daß dort viele völker auf einem haufen leben und wer jetzt da gegen wen krieg führt weils so kompliziert war hat man sich letztlich quasi drauf geeinigt daß man halt die einen als die guten und die andern als die schlechten bezeichnet hat, die kroaten die guten die serben die bösen, und einen vergleich hab ich immer wieder gezogen um zu erklären was in dem land los ist. man stelle sich vor daß bayern sich vom übrigen deutschland absondern will, und wenn dann sozusagen morgen die bayrische regierung den freistaat bayern zu einem unabhängigen staat, zu einer republik ausrufen würde dann wären beispielsweise die ganzen kasernen, soldaten der bundeswehr zwangsläufig im selben moment eine besatzungsarmee. Bayern is nicht mehr deutschland, die soldaten sind deutsche soldaten also sin des besatzungssoldaten und man kann sich leicht ausmalen daß das eine sehr komplizierte situation wäre. und wenn man dann noch den faden weiterspinnen würde und sagen beispielsweise in niederbayern wär eine preussische minderheit, die aber in niederbayern eben die bevölkerungsmehrheit stellt. die preussen niederbayerns hätten wahrscheinlich wenig lust jetzt staatsbürger eines ungeliebten bayrischen staates zu werden. Sie würden wahrscheinlich versuchen, beim übrigen deutschland zu verbleiben. würden die eine autonomie oder eine eigene republik ausrufen, es wäre recht naheliegend. Genau das isch in kroatien passiert.

Sprecherin:
Bei wirklich alten Freunden kann man selten sagen, bei welcher Gelegenheit man sich kennengelernt hat. Irgendwie muß ich über Kurts Schwester zum ersten Mal in die kleine Wohnung gekommen sein. Sowas hatte ich noch nie gesehen in meinem österreichischen Provinznest. Bücher an allen Wänden, vom Boden bis zur Decke. Und riesige Stapel von Zeitungen und Zeitschriften. Es muß kurz nach dem Mord an John F. Kennedy gewesen sein. Ich erinnere mich nur, daß irgendwer aus der Familie einen für mich unglaublichen Satz fallenließ: “Jetzt kräht natürlich kein Hahn mehr nach Vietnam.” Mein kindliches Weltbild erlitt einen Riß. Wie konnten so kluge Leute sowas sagen? Bei uns zu Hause sprach man nur über Jackie und die armen Kinder. Ich war entsetzt. Aber auch neugierig. Und kam immer wieder in diese mit Büchern vollgestopfte Wohnung. Da wurde über ganz andere Dinge geredet als in meinem Elternhaus. In dieser Zeit habe ich wohl gelernt, daß die Wahrheit mindestens zwei Gesichter hat. Und daß die herrschende Wahrheit zu hinterfragen unangenehme Konsequenzen haben kann. Ich kann mich nicht an viele Aufmüpfigkeiten meinerseits erinnern. Nur einmal, im Religionsunterricht, als es um die Sintflut ging und der Pfarrer berichtete, alle, aber auch wirklich alle Tiere und Menschen wären ertrunken, außer denen auf der Arche, da mußte ich einfach widersprechen. Denn mit eigenen Augen hatte ich doch gesehen, daß unzählige Schwäne und Blesshühner und Haubentaucher die große Überschwemmung am See unbeschadet überlebt hatten. Den Rest dieser Stunde verbrachte ich in der Ecke stehend und fortan sprach mich der Herr Pfarrer, wenn überhaupt, dann nur noch mit Familiennamen an.

Wie ich ein paar Jahre später in Kurts Clique kam, ist mir entfallen. Wir trafen uns immer nach der Schule im Theater-Café und redeten über Gott und die Welt. Er hatte das humanistische Gymnasium inzwischen verlassen und besuchte die Handelsakademie. Das war mir ein wenig suspekt, roch nach Karriere und Kapitalismus. Nur vom Literaturunterricht wußte er stets weitaus Interessanteres zu berichten als das, was bei uns so auf dem Stundenplan stand. Wir gähnten über Adalbert Stifter, während die künftigen Bankdirektoren und Industriemanager sich in der Schule über die französischen Existentialisten oder das Absurde Theater die Köpfe heiß diskutierten durften. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit in meinen Augen.

Über diese Zeit reden wir nicht bei unserem ersten Telefonat nach so vielen Jahren. Etwas später setzt unsere gemeinsame Erinnerung ein. Als wir endlich den Keller hatten. Einen winzigen Raum im Souterrain von Walters Elternhaus. Auf dem Steinfußboden ausrangierte Schlafzimmerteppiche, ein paar Matratzen mit marokkanischen Decken, beim Durchgang zur Musikecke aus Weinkisten mußte man den Kopf einziehen. Unser Refugium an jedem Samstagabend. Keine 5 Meter von den Bahngleisen entfernt. Wenn ein Zug vorbeifuhr, hoben wir die Nadel vom Plattenspieler so schnell wie möglich hoch, sonst waren die kostbaren Scheiben ruiniert. Aber wir waren happy. Mußten nicht mehr in Altweibercafés rumsitzen oder in Kleinbürgerkneipen Musik hören, die uns gegen den Strich ging. Hörst du immer noch so gerne Beatles, frage ich. Aber sicher, sozusagen täglich. Ich verkneife mir eine spitze Bemerkung in Richtung entwicklungsmäßig stehengeblieben. Ich hatte für die Beatles schon damals nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Unpolitische Sängerknaben nannte ich sie. Viele Abende hockte ich mit einem dicken Englisch-Lexikon auf den Knien neben dem Cassettenrecorder und spulte immer wieder die Lieder von Dylan, Tom Paxton und Pete Seeger ab – solange, bis ich sie übersetzen konnte. Mein Herz schlug für die Protestsänger. Auf polit-musikalischem Gebiet fühlte ich mich Kurt meilenweit überlegen. Seine "Norwegian Woods" hingen mir zum Hals raus.

Aber ansonsten hing ich an seinen Lippen, wann immer er ein politisches statement abgab. Er hatte die Begabung, mit einem knappen hingeworfenen Satz die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Bestimmt führten wir im Alter von 15 oder 16 keine allzu fundierten Gespräche oder sie sind mir jedenfalls nicht mehr präsent. Zumindest bei mir bildete sich sowas wie ein analytisch-kritischer Verstand erst sehr viel später aus. Ich reagierte emotional. Auf das berühmte Foto aus dem Vietnam-Krieg mit den Kindern etwa, die als lebende Fackeln auf dieser endlosen Straße um ihr Leben rannten. Neben diesem Bild stand in unserer Provinz-Tageszeitung ein Artikel, der den Terror des Vietcong an der Zivilbevölkerung anprangerte. Kurt sagte nur: “Ja glaub ich das jetzt auch noch, daß die ihre eigenen Kinder abfackeln.”

O-Ton 3 (240 sec.):
also ein für mich auch sehr prägendes ereignis, prägend im bezug auf mein mißtrauen was die berichterstattung in unseren medien betrifft war der krieg in slowenien. also ich seh´s heute noch vor mir wie damals wirklich kriegshysterie ausgebrochen ist ganz speziell auch in österrreich. Hab natürlich täglich auch ORF gesehen man hatte das gefühl daß österreich jetzt demnächst überrollt wird von der jugoslawischen Armee. man hat verbände an der grenze in der steiermark und in kärnten zusammengezogen. Des bild, des entstand war, daß hier wirklich ein blutiger krieg herrscht, so eindrücke wie die schlacht um stalingrad hätte man bekommen können. die meldungen überschlugen sich die jugoslawischen MIGS ham des land überflogen ham zum teil auch die österr. Grenze verletzt und wann immer man den fernseher radio oder die zeitung aufschlug konnte man neue gruselgeschichten hören. ich kann mich erinnern urplötzlich hieß es, daß giftgas im einsatz sei und das giftgas verbreitet sich rasch über die grenzen. also i weiß no es is eine richtige panik-situation entsatnden also eine kriegshysterie und alle, selbst leute wie also führende grüne die eher kritisch zum österr. Bundesheer standen, sin im fernsehn aufgetreten und ham reumütig einbekannt, daß es eigentlich doch sehr gut is daß wir jetzt n heer haben und jetzt verstehn sie das. es war unglaublich und ich selbst mußte es glauben daß tatsächlich hier ein richtiger krieg im gange ist. Später hab ich dann eine statistik von roten kreuz gelesen irgendwo in einer zeitung und da stand, daß 67 tote waren. ich will die zahl nicht herunterspielen 67 tote sind natürlich eine tragödie, nur das bild, des man davor hatte, hat eher von 67 000 toten gesprochen und als ich dann erfuhr daß insgesamt nur 4 slowenische soldaten unter diesen toten sind daß mehr als die hälfte der toten soldaten der jugoslawischen Armee waren, des hat überhaupt nicht dazu gepaßt also man hat geglaubt daß da tausende zehntausende slowenen jetzt eben zerbombt und mit giftgas umgebracht werden und ich hab mir dann immer vorgestellt wie kann es des geben. Nehm mer mal an es gibt irgendwo einen bankraub, eine schwerbewaffnete bande von bankräubern dringt in des gebäude ein nimmt soundsoviele geiseln, von außen ist ein einfluß nicht möglich, man bekommt des bild, daß alle angestellten schon tot sind alle kunden die sich zufällig da drin befunden ham und dann stellt man hinterher fest, daß eben die mehrzahl der toten auf seiten der bankräuber ist, dann müßte sich doch auch jedes kleine kind fragen also moment was ist denn da drin wirklich passiert das kann ja so nicht gewesen sein und genau das ist also weitgehend nicht erfolgt. Das bild über den slowenischen befreiungskrieg, das heute in den meisten köpfen oder zumindest in den köpfen die ich kenne, vorherrscht ist eben hat mit der wirklichkeit einfach nichts zu tun. Dabei könnte jeder anhand dieser opferstatistiken sofort sehen, da kann etwas nicht stimmen und zwar eklatant nicht stimmen.

Sprecherin:
Er war nicht nur der Meinungsbilder in unserer Clique. Ich glaube nicht, daß das Unwort "Chefunterhändler" damals schon im Sprachgebrauch verankert war. Aber hätte es ein solches “Amt” in unserem Samstagsverein gegeben, es wäre selbstverständlich ihm zugefallen. Wenn wir colatrinkenden Mädchen uns weigerten, die Alkoholexzesse der Jungs mitzufinanzieren, diese dafür das Salzstangenargument oder die geschnorrten Kippen in die Waagschale warfen – Kurt glättete jedesmal die Wogen. Und sei´s nur, um dann wieder in Ruhe "Norwegian woods" hören zu können.

Aber jetzt sag mal, wie kommt es, daß du ein Buch über Ex-Jugoslawien geschrieben hast?

Ad eins: Es ist noch kein Buch, erst ein Maunskript.
Ad zwei: Ich hab mich vor 10 Jahren in eine Kroatin verliebt.

So hat er immer geantwortet. Knapp, präzise und gern mit ein paar lateinischen Brocken versehen. Wann treffen wir uns? Um 8, sine tempore.

Ich sitze im Zug nach Regensburg, Kurts Manuskript im Gepäck. Er hatte mich über´s Wochenende eingeladen. Weil Regensburg eine schöne Stadt ist und das mit Jugoslawien eine längere Geschichte. Ich greife mir ein Kapitel raus. Die "Wende in Deutschland oder: Terror der Serben". Ich bin erleichtert. Er ist doch der alte geblieben, schreibt gegen die herrschende Meinung. Im Stillen leiste ich Abbitte für meine Befürchtung, er könnte, weil er sich doch in eine Kroatin verliebt hat, in den einheitlichen Chor der antiserbischen Säbelrassler eingestimmt haben.

O-Ton 4 (97 sec.):
die serben haben das pech, daß sie in diesem so umkämpften land das bevölkerungsreichste volk waren und jeder aggressor von außen ob des die türken waren die österreicher die italiener waren, die mußten, wenn sie das land besetzen wollten vor allem die stärkste volksgruppe bekämpfen und sowas geschieht eben am leichtesten wenn man andere volksgruppen zu verbündeten gewinnt indem man sie eben gegen die serben beispielsweise aufhetzt1. erklärtes ziel der nato und aller die die nato aktion befürwortet haben war daß der kosovo oder das kosovo sagt ma, ein multinationales gebilde bleiben soll. Das resultat der aktion war da& szlig; der kosovo heute jenes gebiet der erde ist wo die rassen am schärfsten voneinander getrennt sind also einen größeren mißerfolg kann ma sich nicht mehr vorstellen. Ich beschreibe das anhand einer wirtshausszene im im Ghetto von Orahovac, das wort ghetto hört man nicht gern aber man kann es nicht anders nennen des ein vollständig hermetisch abgeschlossenes gebiet in des niemand hinein und niemand hinauskann. In dem ghetto mit einem durchmesser von etwa 100 metern leben 600 serben wenn sie hinausgehn würden würden sie buchstäblich liquidiert werden. Das ist das resultat der bomben.

Sprecherin:
Ich überfliege das Inhaltsverzeichnis. Von 1990 bis zum Herbst 2000 muß Kurt unzählige Male in alle Krisen- ja sogar Kriegsgebiete gefahren sein. Viele Vornamen stehen im Inhaltsverzeichnis. "Josip oder: Die bitten Gott um Krieg". "Cupe oder: Die dalmatinische Kristallnacht". "Arif oder: Die Geschichte eines kroatischen Muslims". Ich wußte gar nicht, daß er Serbokroatisch spricht.

O-Ton 5 (82 sec.):
(serbokroatischer Satz) des war ein satz den hab i ziemlich lang gebraucht bis ich ihn so richtig locker von den lippen sagen konnte.

Ein weiterer trick möchte i fast sagen wie man den applaus maximieren konnte war einfach daß ma den namen tito irgendwie in die rede eingebaut hat, man mußte nie lang suchen um irgendein grund zu finden sie wollten einfach den namen tito hören. Also das hat mir gezeigt daß die leute wirklich diesen mann lieben, es war keine aufgesetzte begeisterung sondern den mann hatten sie wirklich in den herzen.

was insofern vielleicht beachtenswert ist als man immer wieder gehört hat, jugoslawien ist ein unterdrückungsstaat ein polizeistaat wo, wie man´s halt von der DDR oder anderen staaten gewohnt war wo bezahlte claqueure also dem honecker zujubeln oder sonst etwas also davon war aber nie auch nur das geringste zu spüren. Es war also eine tiefe verbundenheit mit der person tito, übrigens auch nach dessen tod.

Sprecherin:
Es muß Mitte der 80-er Jahre gewesen sein. Ich besuchte meine alte Heimat und rief Kurt an. Er war inzwischen, wie man bei uns sagt, in die Politik gegangen. Vorarlberger Landessekretär des österreichischen Gewerkschaftsbundes. Irgendsoein SPÖ-Funktionär eben. Ich rief ihn trotzdem an. "Ich muß heut abend auf ein Jugo-Fest", sagte er. Komm doch mit. Ich sehe ihn noch heute auf der Bühne stehen, in Anzug und Krawatte den Genossen mimend, der um Wählerstimmen wirbt. Am liebsten hätte ich mich still und heimlich verdrückt. Aber was hatte ich erwartet? Daß er als Aktivist einer K-Gruppe Flugblätter vor den Werkstoren verteilt? Nach dem Fest saßen wir in einer Kneipe und Kurt erzählte von seiner Gewerkschaftsarbeit. Von den zähen Verhandlungen mit den Arbeitgebern, die ihre Textilprodukte lieber im billigen Ausland produzieren wollten, von den Schwierigkeiten, innerhalb des schwerfällig gewordenen ÖGB neue Wege zu gehen. Ich schämte mich ein bißchen. Nicht er hatte sich etabliert, sondern ich war stehengeblieben. Ich schrieb Seminararbeiten über die Anfänge der Arbeiterbewegung im England der Industriellen Revolution und er leistete konkrete politische Arbeit. Ich glaube, danach habe ich nie mehr angerufen, wenn ich in Vorarlberg war.

Ich lese weiter im Inhaltsverzeichnis. Die Kapitelüberschriften irritieren mich ein wenig. Mal Bildzeitungsstil: “Bumm. Fertig” oder “Wer hat da auf wen geballert.” Andere Überschriften erinnern an Geschichtslehrbücher: “Wie reagieren Deutschland und Österreich auf die Ustacha Renaissance” Eigentlich mag ich so einen Stilmischmasch nicht. Aber nachdem ich in einige Kapitel reingeschnuppert und die lange Literaturliste durchforstet habe, ergibt das Ganze für mich einen Sinn. Das Manuskript hat soviele unterschiedliche Ebenen. Einmal die Reiseerlebnisse in allen Balkan-Regionen an sich, die Gespräche mit Managern und Hausfrauen, Arbeitern und Künstlern, Bauern und Intellektuellen. Dann die immer wieder eingestreuten historischen Exkurse. Die Medienkritik. Die Politikerschelte. Ich werde die 350 Seiten bis Regensburg niemals schaffen.

O-Ton 6 (78 sec.):
also arif und seine familie waren menschen über die ich sehr viel nachgedacht habe. Ma muß sich des vorstellen. Er, Moslem, in kroatien lebend mit einer kroatin verheiratet, die kinder halb moslems halb kroaten, beschäftigt bei einer armee bei der armee von jugoslawien, die urplötzlich von einem tag auf den andern am 25 juni hat sich kroatien für unabhängig erklärt , damit war seine armee eine besatzungsarmee.

Er ist dann desertiert. Kroatien war immer ein katholisches land aber durch diese ereignisse ist es dann zu einem erzkatholischen land geworden, arif war moslem . man hat ihn damals engagiert bei der kroatischen armee, und er hat dieser armee auch ein jahr lang gedient, bis man ihn dann dort rausgeworfen hat ausdrücklich mit der begründung daß eben bei dieser kroatischen armee nur kroaten beschäftigt sein dürfen.

Er war dann arbeitslos, die ganze familie wurde unglaublich schikaniert und heute leben die in neuseeland buchstäblich am andern ende der welt, weil die einfach in ihrer heimat keine zukunft hatten.

Sprecherin:
Ich greife mir zuerst die medienkritischen Kapitel raus. Erinnere mich an die Zeit, als die ersten Nato-Bomber gen Belgrad flogen. An dieses Ohnmachtsgefühl vor dem Fernsehschirm. Die Skepsis gegenüber den Bildern, den Erklärungen der Politiker, den Spekulationen der Reporter. Klar war mir nur eines: Diese Bomben sind der falsche Weg. Was in Kurts Manuskript an Informationen zusammengetragen ist, übersteigt bei weitem mein Vorstellungsvermögen. Ich bekomme an manchen Stellen Gänsehaut. Welche Gier nach sensationellen Bildern bringt Journalisten dazu, einem neunjährigen Jungen 10 Mark in die Hand zu drücken und ihn so oft ü ;ber eine gefährliche Kreuzung rennen zu lassen, bis ihn beim achten Mal die Kugel eines Heckenschützen trifft? Welchen Informationen kann man noch trauen, wenn von Regierungen bezahlte Werbeagenturen gezielt Wörter wie “Konzentrationslager” und “Völkermord” lancieren? Fassungslos lese ich das Zitat eines Nato-Offiziellen – er möchte verständlicherweise anonym bleiben – aus der Pittsburgh Post Gazette vom 7.11.1999:

Wenn wir wissen, daß es die Serben getan haben, sagen wir: “Die Serben waren es.” Wenn wir nicht wissen, wer es getan hat, sagen wir: “Die Serben waren es.” Und wenn wir wissen, daß es nicht die Serben waren, sagen wir: “Wir wissen nicht, wer es war.”

O-Ton 7 (123 sec.):
Also ich sitz in der aperitifbar des hotels dubrovnik in zagreb hab mein bier getrunken neben mir einer der offenbar ein deutscher war, und ich seh dann daß das ein journalist is ein ganz flotter bursche und ich hab ihn dann n bißchen provozieren wollen und hab gesagt ja schreiben sie auch solche schauermärchen wie man jeden tag bei uns in den zeitungen lesen kann und er lacht auf und sagt ja natürlich was soll ich denn sonst schreiben ich sitz hier schon seit wochen, ich will daß meine artikel gedruckt werden und ich weiß ganz genau was ich schreiben muß daß sie gedruckt werden. und ich hab dann gsagt na ja aber sie wissen ja daß des dann zum teil nicht stimmt und er hat gsagt ja was heißt nicht stimmt äh die leut hier sind sowieso alle verrückt und er hat dann wörtlich gsagt also ich glaub schon daß es auch vergewaltigte serbinnen gibt aber des darf man nicht schreiben des will niemand hören in deutschland . Er isch dagesessen und hat einen whiskey nach dem andern hinuntergekippt, hat mir gsagt ja er wartet jetzt auf ein ganz tolle informantin die ihm also wieder schöne dinge erzählt und nebenbei gemerkt hat er´s sehr lustig gefunden daß man in kroatien heute keinen slivoviz mehr bestellen darf, weil des eben ein serbisches gebräu sei, und ich hab dann gsagt na ja also des find ich schon nicht gut, also es wird so viel schon manipuliert und gelogen und sie machen da voll mit und überhaupt also was sin denn das für zeitungen die bewußt nur eine richtung hören wollen und des müssen tolle typen sein ihre chefredakteurs – an den satz kann ich mich erinnern und – und er hat dann aufgelacht und hat gsagt was? meine chefredakteurs die sin doch auch nicht in einer andern lage wie ich also in meinem provinzblättchen kann doch nichts anderes stehn als wie in der FAZ und im spiegel.

Sprecherin:
Nachdem ich nun mit dem Inhaltsverzeichnis versöhnt bin, beschließe ich, ganz vorne anzufangen. Bei den ersten Reisen von Kurt, als Jugoslawien noch existierte. Ob er wohl mit seinem dicken Schlitten da runtergefahren ist? Unser letztes Wiedersehen fällt mir ein. Es war auf der Hochzeit seiner Schwester. Christa hatte mir erzählt, daß er den Gewerkschaftsjob hingeschmissen habe. Er sei nun Unternehmer. Vermittle Kontakte zwischen der deutschen Industrie und Zulieferbetrieben von Polen bis China. Ich war geschockt. Gab ihm im Geiste den politischen Gnadenschuß. Wie konnte er seine Ideale von früher verraten, einfach die Seiten wechseln? Wir tauschten keine fünf Sätze aus. Ich wollte die Hochzeitsstimmung nicht durch politische Diskussionen verderben.

O-Ton 8 (120 sec.):
Also für mich wars insofern ein bruch als wir damals als gewerkschafter natürlich kein interesse hatten daß z. b vorarlberger textilunternehmen im ausland nähen lassen oder eben Leistungen aus dem ausland zukaufen und nunmehr war ich buchstäblich auf der anderen seite des flusses, dass ich den unternehmen geholfen habe, outzusourcen also von auswärts einzukaufen, eine sache die mir durchaus längere zeit gedanken und auch probleme bereitet hat. je mehr ich mit den ländern zu tun hatte und sah unter welchen bedingungen die leute dort leben und dass unsere firmen zwar dort alles verkaufen wollen also von lebensmitteln bis hin zu maschinen umso mehr kam ich da ideologisch ins reine, dass es eigentlich auch angebracht ist dass wir dort auch was kaufen . Als der ostblock sich auflöste strömten masenhaft firmen also nicht nur cocacola und mcdonalds sondern kosmetik alle konsumgüterfirmen strömten auf die märkte und verdrängten die lokalen handelsorganisationen, die produzenten dieser artikel auf dem lokalen markt. die produkte die aus dem westen kamen, waren besser z t billiger sodaß hier also ganze industrien kaputtgegangen sind und insofern halt i´s für absolut notwendig dass ma dort auch einkauft.

Sprecherin:
Ich schaue aus dem Zugfenster. Niederbayern Eine sonntäglich friedliche Landschaft zieht vorbei. Und ich fahre gleichzeitig vorbei an verrußten Fensterhöhlen, gesprengten Brücken und zerbombten Krankenhäusern. Ich liege mit dem zehnjährigen Pero im Luftschutzkeller, stelle mit Maria eine Kerze ins Fenster und laufe mit Josip vor kroatischen Aufmärschen weg. Kurt hatte mich am Telefon gebeten, mir über mögliche Titel für das Buch Gedanken zu machen. Eine schwierige Aufgabe. Suhrkamp hatte Interesse signalisiert. Ich lästerte: Dann schau, daß das Wort “Reise” nicht im Titel vorkommt, sonst schmeiß ich dich in einen Topf mit Peter Handke. Durch dessen “winterliche Reise” hatte ich mich pflichtbewußt bis zur letzten Seite durchgearbeitet und es dann wütend in eine Ecke gepfeffert. Mir schwirrten soviele Fragen im Kopf herum und was fragt er, bevor er zu einsam-romantischen Schneewanderungen aufbricht? “Finden denn noch Liebschaften statt, werden noch Kinder gezeugt?”

Hauptbahnhof Regensburg. Schnell alle Blätter und Notizzettel in die Tasche gestopft. Ich nehme mir ein Taxi zu Kurts Büro. Er arbeitet auch am Wochenende. Ein schönes Jugendstilhaus. Ich gehe die breiten Holztreppen hoch. Neben der Klingel ein kleines Messingschild. Global Sourcin g GmbH. Kurt reißt die Tür auf. “Wie klingt für dich folgender Satz: Nächste Woche fahr ich nach Berlin zu meiner Verlegerin.” Klick macht es wieder. Wir umarmen uns laut lachend. Saugut klingt dieser Satz. Und welchen Titel bekommt das Buch? "Reisen in das Land der Kriege", sagt Cepi leise.