Zur Neuausgabe bei "Diederichs"
im Heinrich Hugendubel Verlag
Von Peter Glotz
Auch einer wie ich erlebt am Bücher- und Medienmarkt so seine
Überraschungen: Da landete vor bald drei Jahren ein dickes
Manuskript eines mir gänzlich unbekannten Menschen auf meinem
überladenen Schreibtisch. Schon wieder was über das
Ende Jugoslawiens, war mein erster Gedanke; wer interessiert sich
heute noch dafür? (Die Nato-Luftschläge gegen Serbien
lagen zu diesem Zeitpunkt gerade ein Jahr zurück.) Irgend
etwas machte mich neugierig, ich geriet in den Sog der Erzählung
und legte sie nicht mehr aus der Hand bis zum Ende. Ein "umgrabendes
Buch", sollte Peter Handke eineinhalb Jahre später darüber
schreiben. Zunächst allerdings war es noch eine eher lausig
gebundene Anhäufung von Seiten. Ich lud den Autor zu einem
Gespräch, wünschte ihm viel Erfolg und gab ihm noch
ein Vorwort mit auf den Weg. Das sollte ihm auch bei der Verlagssuche
helfen, hatte der Mann doch bis dahin noch keine Zeile publiziert.
Monate zogen ins Land, als der Text erneut auf meinem Schreibtisch
landete, diesmal in hübsch gebundener Form. Glückwunsch!
Doch der Autor hatte ein Problem: Das Buch kam just an jenem entsetzlichen
Tag auf den Markt, an dem die New Yorker Twin Towers zerbrachen.
Und dachte schon zuvor kaum mehr jemand an die jugoslawische Tragödie,
so waren die blutigen Balkankriege der neunziger Jahre spätestens
jetzt auf dem besten Weg, in der öffentlichen Wahrnehmung
rasch dorthin zu gelangen, wo die zwei Schüsse von Sarajevo
aus dem Jahr 1914 längst angekommen waren: in die Bücher
für den Geschichtsunterricht.
Das war’s dann wohl, war folglich mein Gedanke.
Trotzdem ließ ich mir immer wieder berichten, was aus dem
Buch geworden ist. Und ich war nicht schlecht erstaunt, dass seine
erste Auflage schon nach wenigen Monaten vergriffen war. Die Rezensenten
überboten sich förmlich mit Lob: "Spannend, sehr
spannend", heißt es da immer wieder, und – wie
ich schon im Vorwort zur ersten Auflage schrieb –: "hinreißend
erzählt". Kostprobe: "Es gibt wahrscheinlich nur
wenige politische Bücher, die hochkomplexe Zusammenhänge
und Hintergründe auf derart anschauliche Art zu zeichnen
in der Lage sind, dass man sie nicht weglegen mag, sondern gespannt
ist auf die nächste Seite, das nächste Kapitel, bis
zum Ende."
Ja, so ist es auch mir beim Lesen des Manuskriptes gegangen. Das
wohl schönste Kompliment für das Buch kam aus New York.
Meinem alten Bekannten David Binder, früher Bonner Korrespondent
der "New York Times", der selbst viel über den
Zerfall Jugoslawiens publiziert hat, entlockte das Buch die folgenden
Zeilen:
"Kurt Köpruners Reisebericht liest sich wie ein tiefes,
faszinierendes und langes Gespräch in einem Kaffeehaus auf
dem Balkan; ein Gespräch mit einem freundlichen Fremden,
der keine Mühe scheute, alles über seine Umgebung zu
erfahren. Seine Augen und Ohren sind weit offen, wie auch sein
Verstand und sein Herz. Das macht ihn zu einem wunderbaren Führer
durch die Täler der Wahrheit und Berge der Lüge auf
einer quälenden Reise durch die vier jugoslawischen Kriege
der neunziger Jahre. Konsequenterweise hat er sein Werk 'stellvertretend
für alle Opfer der Kriege am Balkan' vier Frauen gewidmet,
einer Kroatin, einer Bosnierin, einer Albanerin und einer Serbin,
die ihm geholfen haben, die vielen Facetten der jugoslawischen
Tragödie zu verstehen."
Auch andere Experten zeigten sich beeindruckt. Heinz Loquai etwa,
jener couragierte Ex-General der Bundeswehr, der Scharpings "Hufeisenplan"
entzauberte, hat, wie er schrieb, das Buch "ohne es wegzulegen,
in einem Zug durchgelesen. Für mich, der ich die Gegend nur
von der Karte und aus Berichten kenne, füllten sich Orte
mit Menschen, mit Leben."
Das sind bemerkenswerte Kommentare, zumal über einen Autor,
der nach eigener Aussage zuvor nichts als Geschäftsbriefe
verfaßte.
Doch das Buch taugt für mehr. Peter Handke verglich es mit
Rebecca Wests Klassiker "Black Lamb and Grey Falcon",
andere mit John Reeds "Zehn Tage, die die Welt erschütterten".
Es ist auch "eine Anklage gegen die Verlogenheit der Medien
und der deutschen und österreichischer Außenpolitik
", wie im renommierten "Buchjournal" zu lesen war.
Und die "Financial Times Deutschland" brachte auf den
Punkt, worin vielleicht das Geheimnis, wo der eigentliche Wert
des Buches liegt: "Gerade in Zeiten, in denen Frieden klingt
wie ein Begriff aus einer untergegangenen Welt, hilft das Buch,
Kriegspropaganda von Berichterstattung zu unterscheiden."
In der Tat, Krieg steht heute (mehr noch als zu Zeiten des Kalten
Krieges) auf der Tagesordnung. Um Krieg, um die vier Kriege der
neunziger Jahre, die den Zerfall Jugoslawiens besiegelten, geht
es auch in Köpruners Buch. Wer es liest, wird erschreckt
feststellen, wie sehr sich das hier präsentierte Bild von
jenem unterscheidet, das die meisten westlichen Medien (und die
maßgeblichen Politiker) aufge
tischt haben. Und es drängt
sich fast zwangsläufig die Frage auf, ob denn die Nachrichtenlage
im Falle von Konflikten, die in weit entfernter gelegenen Regionen
stattfinden, womöglich noch weitaus erbärmlicher ist
als bei dem nur wenige Autostunden entfernten "Ex-Jugoslawien".
Es ist offenbar Köpruners Absicht, Mißtrauen zu stiften,
wenn allzu einfache Erklärungen für komplexe Ereignisse
geboten werden. Anlässe für Mißtrauen bieten die
Balkankriege mehr als genug. Alle wesentlichen Ungereimtheiten
des westlichen Befriedungs-Engagements am Balkan kommen bei Köpruner
zur Sprache. Doch sie werden nicht einfach trocken aufgelistet,
wie es in Sachbüchern in der Regel geschieht. Die besondere
Stärke dieses Buches liegt im Gewebe persönlicher Erlebnisse,
über die der Verfasser berichtet und die einen tiefen Einblick
in das Geschehen vermitteln.
Kurt Köpruner bereiste die südslawische Region (vor
allem Kroatien) als Manager eines Maschinenbaubetriebs, aber auch
als persönlich engagierter Zeitgenosse, der im früheren
Jugoslawien viele Freunde gefunden hatte. Und er fragte sich mit
bestechender Klarheit und ohne vorgefertigte Vorurteile: Wie hat
das, was da kam, kommen können? Antworten suchte er im Gespräch
mit einfachen Leuten, mit Geschäftspartnern, Freunden und
Zufallsbekanntschaften, die ihm erzählen, was sie erlebt
hatten, wie sie in ihre jeweilige Lage geraten waren, welche Geschichte
sie hinter sich hatten, wie sie sich die Zukunft vorstellten.
Dadurch entsteht für den Leser ein höchst instruktives
Bild, das er der Lektüre der meisten Zeitungen nie entnehmen
könnte.
Köpruner ist weit davon entfernt, sich als Balkanexperte
auszugeben. Er sprach am Anfang seiner vielen Reisen kaum ein
Wort Serbokroatisch und schlug sich mit Englisch und Deutsch durch.
Er verschweigt nicht, dass er sich über die Geschichte dieser
Region erst Schritt für Schritt informierte. Doch genau darin
liegt ein weiteres Geheimnis des Buches: Gerade weil Köpruner
mit einem durchschnittlich informierten Leser auf der gleichen
Stufe steht, kann er gar nicht mit erhobenem Zeigefinger als Lehrmeister
auftreten. Vielmehr läßt er die Leser an seinen wachsenden
Erfahrungen teilnehmen. Der erste Teil des Buches ist nichts als
ein schlicht (und vorzüglich) erzählter Erlebnisbericht.
So gewinnt der Leser Vertrauen in den Autor. Er wird aufnahmebereit
auch für Köpruners Reflexionen über historische
Hintergründe und tagespolitische Entwicklungen. Diese werden
geschickt (und in sanft steigender Dosierung) in Form von unbestreitbaren
Zitaten und Dokumenten aus der wissenschaftlichen Literatur und
sekundären Quellen serviert, die bislang noch keiner der
vielen Rezensenten zu zerpflücken vermochte.
Trotzdem muß man nicht alle Wertungen des Autors übernehmen.
Die Wahrheit hat bekanntlich viele Gesichter. Auch wenn Köpruners
Bild nicht in allen Zügen richtig sein mag, so ist es aber
in jedem Fall richtiger als das offizielle Bild, das die Mainstream-Medien
in Mitteleuropa gezeichnet haben und noch immer zeichnen.
Es hat was Ermutigendes an sich, wenn das Buch nach zwei Auflagen
bei einem kleinen Verlag nun von einem renommierten, wohl etablierten
Haus übernommen wird. In meinem Vorwort zu den beiden ersten
Auflagen wünschte ich dem Buch eine weite Verbreitung. Dieser
Wunsch ist (wenigstens zum Teil) bereits in Erfüllung gegangen.
Jetzt bleibt zu hoffen, dass die Chance entsteht, dass Köpruners
Konterbande auch in Schulen, Universitäten und politischen
Zirkeln einsickert.
München, im November 2002