Wortmeldungen

"Großausstellung in der Ruhmeshalle"

Kritische Anmerkungen von Kurt Köpruner zu einer Ausstellung im heeresgeschichtlichen Museum im Wiener Arsenal,
gezeigt vom 12. Dezember 2001 bis 1. April 2002.


Erschienen, in einer ersten Version, unter:
http://www.ceiberweiber.at/wahl1/ausstellung.htm


(Zitate aus dem offiziellen Ausstellungs-Begleitmaterial sind im nachfolgenden Text
kursiv dargestellt. Ebenso Zitate aus der – in der Zwischenzeit gelöschten – Internetseite des Bundesministeriums für Landesverteidigung zur Ausstellung: http://www.bmlv.gv.at/hgm/jugoslawien.html)


Titel der Ausstellung:

"Neue Großausstellung in der Ruhmeshalle
Österreich und der Zerfall Jugoslawiens"


Ziel der Ausstellung:

Ziel der Ausstellung ist es, den gesamten Zeitraum des Zerfalls des jugoslawischen Gesamtstaates, von der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens bis zum militärischen Eingreifen der NATO in Makedonien, unter besonderer Berücksichtigung des "österreichischen Aspekts" zu behandeln. [...] Durch die optische Aufbereitung wird sich der Besucher im Laufe der Ausstellung der gesamten Problematik des Zerfalls und der Entstehung der neuen Staaten, mit all ihren positiven und negativen Begleiterscheinungen und Folgen, zusehends bewusst werden, ohne dabei die "österreichischen Aspekte" aus den Augen zu verlieren. (Ausstellungsprospekt.)

Zusammenfassende Feststellung:

Dieser – durchaus löblichen – Zielsetzung wird die Ausstellung auch nicht entfernt gerecht. Die
"österreichischen Aspekte" der präsentierten Exponate beschränken sich auf einige wenige, nicht eben sehr aufschlussreiche Objekte, wie etwa Grenzbalken oder Schriftstücke zur Bundesheermobilisierung vom Juni 1991. Die hysterische (und rechtswidrige) Einmischungspolitik des – gemäß seiner Bundesverfassung – neutralen (!) Österreich in die inneren Angelegenheiten eines Nachbarstaates, insbesondere die offen kriegstreiberischen Aktivitäten des damaligen österreichischen Außenministers, Dr. Alois Mock, finden keinerlei Erwähnung. Gerade hier aber wären "österreichische Aspekte" des Zerfalls Jugoslawiens aufzuzeigen gewesen.

Die historische Aufarbeitung
"der gesamten Problematik" beschränkt sich in der Ausstellung auf denkbar knapp gehaltene Texte, die auf Schautafeln präsentiert werden. Mit jeweils einigen wenigen Sätzen soll damit der Zerfall Jugoslawiens in "acht Kapiteln" erklärt werden – ein angesichts der komplexen Thematik zwangsläufig aussichtsloses Unterfangen; zumal nahezu jeder dieser Texte historisch problematisch, zum Teil sogar schlicht falsch ist.

Wer sich an der Ausstellungskassa nach weiterführender Lektüre erkundigt, wird freundlich darüber aufgeklärt, daß man nicht mehr zu bieten habe, aber "ohnehin alles Vorhandene ausgestellt" sei. Das legt den Schluss nahe, dass die Ausstellungsorganisatoren beim Besucher ein diffuses Vorwissen voraussetzen, das mit ein paar (nicht minder diffusen) Schlagworten in Erinnerung gerufen werden soll, um, darauf aufbauend, die von den Ausstellern gewünschte Wirkung zu erzielen.

Die Vielvölker-Problematik Jugoslawiens kommt ebenso wenig zur Sprache, wie die schon seit Jahrhunderten andauernde kriegerische Einmischung von außen im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, die im vergangenen Jahrzehnt eine so dramatische Fortsetzung gefunden hat.

Beispiele für irreführende, falsche und/oder merkwürdige Botschaften auf den Informationstafeln, im Ausstellungsprospekt bzw. auf den Ausstellungs-Internetseiten:

Irreführend, falsch (1):
Die Gründe, die zum Zerfall Jugoslawiens führten, sowie die Resultate des Zerfalles werden so dargestellt: "Der Versuch, den Zerfall des Gesamtstaates mittels Waffengewalt zu verhindern, führte schlussendlich zu dessen endgültigem Zerfall und forderte in den letzten zehn Jahren rund 300.000 Tote; über 2,5 Millionen Flüchtlinge verließen das Land." (Internet, z. T. auch im Ausstellungsprospekt.)

Anmerkung KK: Damit werden die Tatsachen genau auf den Kopf gestellt. Richtiger wäre jedenfalls folgende Formulierung: "Der Versuch, den Zerfall des Gesamtstaates mittels Waffengewalt zu erzwingen, führte schlussendlich zu dessen endgü ;ltigem Zerfall und forderte ... "

Irreführend, falsch (2):
"Am 3. Juni [1999] hat Belgrad dem G8 Plan zugestimmt. Wenige Stunden zuvor hatte die Nato ihre Luftangriffe ausgesetzt, da die jugoslawische Armee bereits mit dem Rückzug begonnen hatte." (Infotafel Kosovo)

Anmerkung KK: Die Nato bombardierte bis zum 9. Juni 1999; nicht "nur" bis zum 3. Juni.

Unsinn:
"Bereits während der Verhandlungen von Rambouillet wurde deutlich, dass Belgrad nicht bereit war, einem Verbleib der UCK im Kosovo zuzustimmen." (Infotafel Kosovo)

Anmerkung KK: Diese Tatsache war selbst für einen nur mäßig Informierten nicht erst in Rambouillet, sondern schon sehr viel früher erkennbar. Und wer sich auch nur ein wenig mehr mit der Materie beschäftigte, war immer im Bilde, dass Belgrad zu keinem Zeitpunkt bereit war, die UCK – eine international, selbst von den USA, als Terrorbande bezeichnete Truppe – auf jugoslawischen Boden zu dulden.

Merkwürdig (1):
"Bis Anfang Juli [1999] verließen rund 72.000 der 200.000 Serben den Kosovo." (Infotafel Kosovo)

Anmerkung KK: Warum wird die Entwicklung nur bis Anfang Juli 1999 dargestellt? Eine Ausstellung, die Ende 2001 gezeigt wird, könnte – besser gesagt: müßte – auch auf den Zeitraum nach Anfang Juli 1999 eingehen. Offenbar passte den Ausstellungsmachern der Massenexodus von Serben ab Anfang Juli 1999 nicht in ihr Konzept. Dasselbe gilt für die Tatsache, dass es nach Ende des Bombardements auch Zehntausende nichtserbische Flüchtlinge gab, insbesondere Roma. Des weiteren wird verschwiegen, dass die "robuste Nato-Truppe" (K-FOR) bis heute nicht in der Lage war, eine Rückkehr der Flüchtlinge zu ermöglichen. Dass die UCK vor den Augen der K-FOR abertausende Häuser niederbrannte, dazu Dutzende Kirchen, Klöster und Friedhöfe verwüstete – die größte Kulturvernichtungsaktion seit der Nazizeit –, scheint auch keine Erwähnung wert. Und nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass sich die Ausstellung streng an die Sprachregelung der 90er Jahre hält: Serben flüchten nicht, sie ziehen ab bzw. verlassen ihre Häuser. Die Gründe für den merkwürdigen Drang der Serben, da und dort ihre Jahrhunderte alte Heimat von heute auf morgen für immer zu verlassen, blieb den meisten Medienkonsumenten bis heute verborgen.

Irreführend, falsch (3):
"Ab 1998 begann das gezielte Anwerben von Soldaten, was die UCK von einer kleinen Organisation auf eine bis zu 2.000 Mann starke Armee anwachsen ließ, der sich laufend weitere anschlossen. Gemäß dem Demobilisierungsabkommen vom 21.06.99 lieferte die UCK den größten Teil ihrer Waffen ab und wandelte sich in ein ziviles Friedenskorps (KPC) um; lediglich 200 von 5.000 Mitglieder durften ihre Waffen behalten (TMK)." (Infotafel Kosovo)

Anmerkung KK: Über wieviele Mann verfügte sie denn nun, diese UCK? Über 2.000? Über 5.000? Und: Wer hat denn später in Südserbien und in Mazedonien attackiert? Das zivile Friedenskorops KPC? Die 200 bewaffneten Mann der TMK? Und mit welchen Waffen wird der Ruf des Kosovo als größter Drogenumschlagplatz Europas verteidigt? Dazu die sonstige organisierte Kriminalität, Menschenhandel, die Zwangsprostitution? Fragen über Fragen.

Irreführend, falsch (4):
"Erst die Vereinigung der bosnischen paramilitärischen Verbände zu einer eigenständigen Armee und das zaghafte Einschreiten der Nato, allerdings erst nach dem Angriff auf UN-Schutzzonen im Sommer 1995 (Srebrenica) verlangsamte den Vormarsch der serbischen Verbände." (Infotafel Bosnien – Herzegowina)

Anmerkung KK: Da ist so ziemlich jede Aussage falsch.

Merkwürdig (2):
"Im Sommer 1995 wurden die serbisch kontrollierten Gebiete Kroatiens (Krajina, Ostslawonien, und Baranja) während der kroatischen Sommeroffensive zurückerobert. 120.000 Serben verließen Kroatien." (Infotafel Kroatien)

Anmerkung KK: Abgesehen davon, dass es in Ostslawonien gar keine kroatische Offensive gab, handelt es sich hier um eine sehr merkwürdige, verharmlosende Darstellung des tatsächlichen Geschehens: Im Gefolge der kroatischen Offensiven im Mai und August 1995 fanden die größten ethnischen Säuberungsaktionen der neunziger Jahre überhaupt statt. Sie erfolgten allerdings unter politischer und militärischer Mitwirkung westlicher Regierungen sowie öffentlicher Billigung. Das ist wohl auch der Grund, warum die Zahl der Flüchtlinge in der Ausstellung glatt halbiert wurde. Auch hier ist nicht von Flucht, sondern nur von (freiwilligem?) Verlassen die Rede.

Merkwürdig (3):
"Während es im Sommer [1 998] zu den ersten kleineren Gefechten kam, eskalierte die Situation im Winter 1998/99 vollends; Massenvertreibungen waren die Folge. Da trotz internationaler Bemühungen keine Lösung erzielt werden konnte, griffen NATO-Verbände ein und bombardierten Ziele in Serbien und im Kosovo." (Ausstellungsprospekt)

Anmerkung KK: Erste kleinere Gefechte im Sommer 1998? Zur Erinnerung: Im Frühsommer 1998 hatte die UCK 40 % des Kosovo unter ihre Kontrolle gebracht (nach eigenen Angaben sogar 50 %). 300.000 Menschen waren im Sommer 1998 auf der Flucht – das Resultat von "kleineren Gefechten"? Es ist schon erstaunlich, was die Ausstellung den Besuchern zumutet.

Merkwürdig (4):
"The Serbs have created concentrations camps within the industrial compounds for a great number of detained Muslims and Croats. Some of the largest camps were: Keraterm, Trnopolje and Omarska." (Ausstellungsobjekt Kosovo)

Anmerkung KK: Die – für die Begründung der Nato-Luftschläge letztlich entscheidenden – Bezüge zu Auschwitz und KZ’s dürfen in einer österreichischen Ausstellung über den Zerfall Jugoslawiens offenbar nicht fehlen; andererseits wollten es die Ausstellungsmacher sichtlich vermeiden, sich mit längst widerlegten Behauptungen die Finger zu verbrennen. Dieses Dilemma wurde in der Ausstellung so gelöst: Die entsprechenden Passagen sind einem englisch-sprachigen (!) Plakat zu entnehmen.

Merkwürdig (5):
Die ausgestellten Angriffswaffen und Minen sind fast durchwegs jugoslawischer bzw. russischer Herkunft; soweit Waffen anderer Staaten ausgestellt sind, werden sie merkwürdigerweise jeweils als "Abwehrwaffen" bezeichnet.

Anmerkung KK:
Keine weiteren Anmerkungen.

Wesentliches findet weder in Text noch Ausstellungsobjekten Erwähnung.

Beispiele:

Die tödlichen Auswirkungen der Nato-Luftschläge auf zivile Ziele.

Die Umweltproblematik, ausgelöst durch Bomben auf Raffinerien und Chemiefabriken sowie den massenhaften Einsatz von uranhaltiger Munition.

Die trostlose ökonomische Lage aller ex-jugoslawischen Republiken (Slowenien ausgenommen) als Folge des Zerfalls Jugoslawiens; das Zerstören der Industrie, der Infrastruktur, das Fehlen jeder Perspektive für die dort lebenden Menschen.

Die negativen Auswirkungen von Embargopolitik und Nato-Luftschlägen auf die Nachbarstaaten Jugoslawiens, namentlich Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Griechenland.

Die völkerrechtliche Problematik (etwa: Militäraktion ohne Zustimmung des UN-Sicherheitsrates, frühzeitige Anerkennung Kroatiens) und die Haltung, die Österreich dabei eingenommen hat.


Fazit:

Die Aufarbeitung des fraglos wichtigen Themas "Österreich und der Zerfall Jugoslawiens" steht noch aus.

Kurt Köpruner, Januar 2002