EU-Wahl 2004:
Häufig gestellte Fragen an Kurt Köpruner
Kurt Köpruner kandidierte
bei der EU-Wahl am 13. Juni 2004 in Österreich auf der Liste
"Dr. Hans-Peter Martin". Die nachfolgenden Fragen wurden
im Mai 2004 bei Veranstaltungen und auf diversen Internet-Plattformen
bzw. -Diskussionsforen an ihn gestellt und von ihm beantwortet.
Die wichtigsten Eckdaden Ihrer
beruflichen Laufbahn?
Geboren 1951 in Bregenz. Nach einer soliden kaufmännischen
Ausbildung übernahm ich Mitte der siebziger Jahre die Leitung
des Berufsförderungsinstitutes Vorarlberg. Das war damals
ein Ein-Mann-Betrieb, zehn Jahre später wurde er in einem
Ranking der "Vorarlberger Nachrichten" unter die Top-Hundert
der wichtigsten Vorarlberger Unternehmen gereiht. Ich trat –
dem Vorbild Bruno Kreisky folgend – der SPÖ bei und
wurde 1983 Landessekretär des ÖGB. Ich war leidenschaftlicher
Gewerkschafter und in zahlreichen politischen Funktionen tätig,
beispielsweise als Vizepräsident der Vorarlberger Arbeiterkammer.
Auf dem Höhepunkt meiner Arbeit – ich war auf gutem
Weg in den Nationalrat – habe ich einen konsequenten Schlussstrich
gezogen und habe mich anderweitig orientiert.
Warum haben Sie einen Schlussstrich
unter Ihre politische Laufbahn gezogen?
Kritisch betrachtet musste ich damals feststellen, dass an die
80 Prozent meiner Arbeitskraft für innerorganisatorische
Probleme draufgingen. Für die eigentliche Arbeit blieb kaum
etwas übrig. Auch sah ich die Gefahr, dass ich, ohne es zu
wollen, letztlich doch einer jener "Apparatschiks" werden
könnte, die ich damals (wie auch heute noch) für die
Misere der Politik verantwortlich machte. Vor allem aber wollte
ich mich umsehen, was sich außer der Politik sonst noch
tut in der Welt. Ich gründete 1989 eine Firma in Düsseldorf.
Es war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser und ich musste auch
mein Lehrgeld bezahlen. Aber die Sache hat sich bewährt und
ich habe den Schritt keine Sekunde lang bereut. Das Glück
war mir beschieden, ich konnte in den letzten 15 Jahren für
und mit namhaftesten Unternehmen arbeiten. Auf meiner Kundenliste
stehen BMW, Thyssen, MAN und Dutzende mittelständische Industriebetriebe.
Da kam bei mir einiges an neuen Erkenntnissen zusammen.
Gar keine Politik mehr?
Nein, absolut nicht. Meinen sozial- und friedenspolitischen Grundsätzen
bin ich aber treu geblieben, wenngleich nur im stillen Kämmerlein.
Ich habe mich in meiner Freizeit all die Jahre intensiv mit dem
Phänomen Krieg beschäftigt. Schließlich habe ich
auch ein Buch darüber geschrieben. Das gab meinem Leben erneut
eine Wende, denn ich wurde zu zahlreichen Vorträgen geladen,
in ganz Österreich, zwei mal auch in Vorarlberg, in Deutschland
und einigen anderen Ländern. Vor zwei Jahren zog ich mich
folglich aus der Geschäftsführung meiner Firma zurück,
ich bin dort nur noch Gesellschafter. In den letzten Monaten habe
ich mich besonders mit der Entstehungsgeschichte und den Folgen
des Ersten Weltkrieges beschäftigt.
Warum sind
Sie nach 15 Jahren als Privatunternehmer in die Politik zurückgekehrt?
Wenn die Parteien versagen, müssen Bürger die Initiative
ergreifen. Die Liste Hans-Peter Martin bot mir die Möglichkeit
dazu. Wir sind eine Bürgerliste, wo jeder allein seinem Gewissen
und seinen Wählern verpflichtet ist. Der gemeinsame Nenner
der Kandidaten war zunächst nur das unbedingte Bekenntnis
zu Österreichs Neutralität und die selbstverständliche
Toleranz gegenüber allen Mitmenschen.
Wo sehen
Sie ein Versagen der Politik?
Bei vielen, bei fast allen Themen, die mir wichtig sind. Am vordringlichsten
ist mir das Thema Friede. Österreichs Chance für Frieden
in einer Welt, die von einem Krieg in den nächsten taumelt,
besteht allein in seiner Neutralität. Unsere Parteien –
alle – sind im Begriff, Österreichs Neutralität
durch die Hintertür zu entsorgen. Gegen den Willen einer
breiten Bevölkerungsmehrheit. Drastisch ausgedrückt
ist das ein Verrat an einem wichtigen Anliegen, ganz abgesehen
davon, dass es auf einen Bruch unserer Verfassung hinausläuft.
Und die meisten merken es nicht einmal.
SPÖ
und Grüne sind doch eindeutige Befürworter der Neutralität?
Das sind Lippenbekenntnisse, Phrasen, die auf Meinungsumfragen
basieren, die Wahrheit sieht leider anders aus. Die Zustimmung
aller vier Parlamentsparteien zur geplanten EU-Verfassung, auch
der SPÖ und der Grünen, ist gleichbedeutend mit der
faktischen Preisgabe der Neutralität. Das ist auch die Ansicht
von Völkerrechtsexperten, z. B. von Prof. Dr. Michael Geistlinger
von der Universität Salzburg. Der stellte fest: "Österreich
ist ab Inkrafttreten des Verfassungsvertrages nicht mehr zuständig,
immerwährend neutral zu sein oder sein zu wollen."
Erklären Sie das. Weshalb
schließen sich EU-Verfassung und Neutralit
ät aus?
Das entspringt schon dem ganzen Geist der Verfassung. Wörtlich
heißt es dort (Artikel I-40): "Die Mitgliedsstaaten
verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise
zu verbessern." Was manchem harmlos klingen mag, ist nichts
anderes als der Zwang zur ständigen Aufrüstung, überwacht
von einer so genannten Rüstungsagentur. Wer in Zukunft gegen
die Aufrüstung eintritt, etwa gegen Abfangjäger, wird
damit automatisch zum Verfassungsfeind erklärt. Es kommt
aber noch schlimmer: Österreich wird durch die EU-Verfassung
gezwungen, sein militärisches Potential – also Soldaten
und Waffen – der EU für militärische Zwecke zur
Verfügung zu stellen. Für Ziele, die – abseits
jeder Demokratie – im EU-Ministerrat festgelegt werden.
Im Artikel I-15 (2) heißt es wörtlich: "Die Mitgliedstaaten
unterstützen die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik
der Union aktiv und vorbehaltlos im Geiste der Loyalität
und der gegenseitigen Solidarität und achten die Rechtsakte
der Union in diesem Bereich. Sie enthalten sich jeder Handlung,
die den Interessen der Union zuwiderläuft oder ihrer Wirksamkeit
schaden könnte." Mit anderen Worten: In Brüssel
wird entschieden, wo österreichische Soldaten in Zukunft
zu kämpfen haben. Das hat mit Neutralität nichts mehr
zu tun. Wenn diese Verfassung in Kraft tritt, ist Österreichs
Neutralität eine Leiche.
Was sollte
Ihrer Meinung nach in der EU-Verfassung geändert werden?
Alle Bestimmungen, die im Widerspruch zur immerwährenden
Neutralität Österreichs stehen, müssen gestrichen
werden. Warum gibt es in der EU-Verfassung keinen Passus, der
es den EU-Mitgliedsstaaten ausdrücklich erlaubt, militärisch
neutral zu bleiben? So eine Formulierung würde vielen Menschen
im Falle einer Volksabstimmung eine Zustimmung zur EU-Verfassung
erleichtern. Ohne klare Regelung der Neutralitätsfrage halte
ich eine Ablehnung der Verfassung durch die österreichische
Bevölkerung für wahrscheinlich. Ob das wünschenswert
ist?
Warum ist
denn die Neutralität so wichtig?
Weil nur die Neutralität sicherstellt, dass sich Österreich
aus künftigen Kriegen heraushalten kann. Und dass es weitere
Kriege geben wird, daran kann nur ein Träumer zweifeln. Alle
Kriege der Geschichte wurden den jeweiligen Völkern als gerecht
verkauft. Mit irgendwelchen Gründen, meist mit Verbrechen
der jeweiligen Gegner. Oft waren das erfundene oder provozierte
Gründe. Immerwährende Neutralität stellt sicher,
dass man – losgelöst von einzelnen Vorfällen und
Entwicklungen – eisern neutral bleibt, komme was wolle.
Das mag oft schwierig sein, ist aber Österreichs einzige
Chance. Friedensdienstleistung, strengstens unter dem Dach der
UNO, JA, alles andere NEIN.
Worin sehen
Sie Kriegsgefahren?
Die Zeichen stehen seit Jahren mehr und mehr auf Krieg. Das vielgepriesene
"Friedensprojekt Europa" gibt es nur in Sonntagsreden
von Politikern, die oft gar nicht wissen, was sie daherreden.
Je weiter der Zweite Weltkrieg zurückliegt, desto mehr verliert
er offenbar seine Schrecken. Beispielsweise: Die EU hat in Lissabon
beschlossen, innerhalb weniger Jahre zur Weltmacht aufzusteigen,
weltweit die Nummer Eins zu werden. Politisch, wirtschaftlich.
Das geht nicht ohne Militär. Denn andere wollen auch stärker
werden, und die USA wollen die Nummer Eins bleiben. Manche US-Kommentatoren
haben die Lissabonner Erklärung denn auch wörtlich als
"Kriegserklärung" bezeichnet. Konflikte sind unausweichlich
vorprogrammiert. Das lehrt auch die ganze Geschichte. Es ist schon
merkwürdig, dass heute fast wortgleich die Parolen wiederholt
werden, die uns den Ersten Weltkrieg beschert haben und damit
auch den Zweiten. Damals hieß es, Deutschland strebe einen
Platz in der Welt an, der seiner Bevölkerungszahl und seinem
wirtschaftlichen Potential entspricht. Genau das wird nun über
Europa gesagt. Veränderungen in der internationalen Hackordnung
sind aber noch nie ohne Krieg abgelaufen.
Kann denn
Europa zusehen, wie die USA einen Krieg nach dem anderen führen?
Nein, orthodoxer Pazifismus führt letztlich in die Sklaverei.
Ich bin für eine wehrhafte Demokratie. Die muss aber durchdrungen
sein von friedlichen Prinzipien. Nicht nur auf dem Papier, sondern
tatsächlich. Die geplante EU-Verfassung entfernt uns Lichtjahre
von solchen Prinzipien.
Wie stehen
Sie zum Kampf gegen den Terror?
Terroristen töten Menschen, scheren sich einen Teufel um
das Recht. Dem muss mit aller Entschiedenheit entgegengetreten
werden. Mit Mitteln aber, die geeignet sind, dieses Ziel zu erreichen.
Die Hau-drauf-Methode scheint mir ungeeignet, sie provoziert neuen
Terror, schüttet das Kind mit dem Bad aus. Es gilt, die UNO
zu stärken und strikt nach ihren Regeln zu handeln. Wem es
mit der Bekämpfung des Terrors ernst ist, muss zu allererst
selbst die Gesetze, das internationale Recht einhalten. Das geschieht
aber nicht, der vorgegebene Zweck – die Terrorbekämpfung
– heiligt alle Mittel. Die Tendenz geht für jedermann
klar erkennbar zurück in Richtung Faustrecht. Tag für
Tag erleben wir, wie sich die Grenzen zwischen Terror und Terrorbekämpfung
bis zur Unkenntlichkeit verwischen.
Sie verweisen
immer auf die Dritte Welt, was hat das mit dem Frieden zu tun?
Ich zitiere Jean Ziegler, den UNO-Sonderberichterstatter für
das Recht auf Nahrung: "Im Zeitalter der Globalisierung,
also der schrankenlosen Liberalisierung der Märkte, werden
einige wenige Oligarchien zu den eigentlichen Herrschern der Welt.
Verlierer sind die Armen. Alle sieben Sekunden verhung
ert ein
Kind unter zehn Jahren. 826 Millionen Menschen sind permanent
schwer unterernährt. Und dies auf einem Planeten, der vor
Reichtum überquillt. Denn obwohl es möglich wäre,
zwölf Milliarden Menschen zu ernähren, dämmert
bei einer Weltbevölkerung von zirka sechs Milliarden etwa
ein Fünftel chronisch unterernährt dem Tod entgegen.
Verantwortlich für sie ist die Ordnung der Welt. Wer auch
immer an Hunger stirbt – er ist Opfer eines Mordes. Einhunderttausend
Tag für Tag, mehr als dreißig Millionen pro Jahr."
Ich frage mich immer wieder, was für einer Spezies wir eigentlich
angehören, dass es uns so spielend leicht gelingt, dieses
große Unrecht pausenlos zu verdrängen. (Ich nehme mich
dabei selbstverständlich keineswegs aus.)
Es ist meine feste Überzeugung: Ein Europa auf einem Planeten,
auf dem Tag für Tag Zehntausende dem Hungertod ausgeliefert
werden, kann kein glückliches Europa sein. Diese Erkenntnis
muss ganz oben auf der europäischen Tagesordnung stehen.
Es liegt auf der Hand: Das Elend auf der Welt ist der beste Nährboden
für den Terrorismus. Ganz abgesehen vom moralischen Debakel.
Die EU feiert
sich auf Ihrer Homepage als "weltweit größter
Beitragszahler für die Entwicklungsländer". Wie
sieht die Wirklichkeit aus?
Seit Jahrzehnten gilt als Ziel, 0,7 % des BNE für die Entwicklungspolitik
auszugeben. Tatsächlich sind es kaum 0,3 %; und Österreich
ist beinahe Schlusslicht. Das ist trostlos, aber leider erst die
halbe Wahrheit. Durch eine egoistische EU-Handelspolitik werden
die Entwicklungsländer zu Tode konkurriert. Die EU nimmt
den armen Ländern mit der rechten Hand weit mehr, als sie
mit der Linken gibt. Und das wenige, was die EU gibt, wird oft
als Druckmittel eingesetzt, um günstige Handelsbedingungen
zu erlangen. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation.
Und kaum jemand spricht davon.
Wie steht
es um die Demokratie in Europa?
Die wirklich wichtigen Entscheidungen fallen im EU-Rat hinter
verschlossenen Türen. Das gilt auch für Fragen, die
für Krieg und Frieden relevant sind. Man erfährt nicht,
wie Entscheidungen zustande kommen, wer wofür gestimmt hat,
welche Optionen erwogen wurden, welche Risiken. Ich zitiere einen,
der es wissen sollte, den luxemburgischen Premierminister Jean-Claude
Juncker, der als möglicher Kandidat für EU-Spitzenämter
gilt. Juncker sagte etwa über den EU-Verfassungskonvent,
dass er "noch keine dunklere Dunkelkammer gesehen" habe.
Der spricht da immerhin von jenem Gremium, das das wichtigste
Gesetz für Europa ausformuliert hat.
Immer mehr Macht wandert außerdem in die Vorstandsetagen
von Konzernen, wo sie von vornherein jeglicher demokratischer
Kontrolle entzogen sind. Dort wird zwangsläufig nicht danach
entschieden, was gut ist für eine möglichst große
Anzahl Menschen, sondern ausschließlich nach den Gewinninteressen
einiger weniger. Das ist verständlich, kann aber nicht gut
sein für die Menschheit. Mit dem – an sich vernünftigen
– Schlagwort vom schlanken Staat ist man im Begriff, die
Grundlagen unserer Gesellschaft den Gewinninteressen einiger weniger
zu opfern. Immer mehr Menschen fallen durch den Rost und die werden
sich früher oder später dagegen wehren. Dem Problem
wiederum begegnet man mit verstärkter Militarisierung, also
Unterdrückung.
Wie sieht
Ihr Gesellschaftsmodell aus?
Ich bin ein Freund des Leistungsprinzips, Feind jeder Bürokratie.
Möglichst große Entfaltungsmöglichkeiten auf allen
Gebieten für möglichst alle, das muss das Ziel allen
politischen Handelns sein. Wobei die Freiheit eines jeden immer
dort enden muss, wo die Freiheiten anderer beginnen. Konzernmanager
sind keine schlechteren Menschen als andere, ich habe einige von
ihnen kennengelernt. Nicht alle, aber die meisten machen einen
guten Job. Die Frage ist jedoch: für wen? Für anonyme
Shareholder oder im Interesse des Gemeinwesens. Hier liegt das
Problem. Was gut ist für einige wenige, kann nicht gut sein
für alle. Ich stehe auf dem Boden von Adam Smith. Der wird
nicht nur oft als Vater der freien Marktwirtschaft bezeichnet,
er war auch ein Moralphilosoph. Er hat im 18. Jahrhundert auf
Gefahren hingewiesen, die jetzt, in Zeiten der Globalisierung,
hochaktuell sind: Die grundlegende Versorgung muss gesellschaftlich
organisiert bleiben: Bildung, Gesundheit, soziale Dienste, Sicherheit,
Wasserversorgung zählen ganz sicher dazu.
Was sagte
Adam Smith zu diesen Fragen?
Ich zitiere: "Das Interesse der Kaufleute aller Branchen
weicht stets vom öffentlichen ab, gelegentlich steht es ihm
auch entgegen. Kaufleute sind immer daran interessiert, den Markt
zu erweitern und den Wettbewerb einzuschränken. Jedem Vorschlag
zu einem neuen Gesetz oder einer neuen Regelung über den
Handel, der von ihnen kommt, sollte man immer mit großer
Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen,
ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja sogar misstrauisch
und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von
einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dem öffentlichen
Wohl genau entspricht und die in der Regel viel mehr daran interessiert
sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja sogar zu missbrauchen."
(gekürzt) Das sei den Globalisierungsfanatikern ins Stammbuch
geschrieben.
Warum ist die Europa-Euphorie bei
so vielen im Abnehmen?
Man hat uns vor dem EU-Beitritt niedrigere Preise versprochen,
gespürt haben wir davon nichts. Man hat uns Zehntausende
neue Arbeitsplätze versprochen, und was haben wir erhalten?
Steigenden Wohlstand? Eine rasch wachsende Gruppe von Menschen
wird an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Ängste
um den Arbeitsplatz sind gestiegen, die Zufriedenheit mit Lohn
und sozialer Absicherung gesunken. Die Starken werden immer stärker,
die Schwachen immer schwächer. Und die Zeiten werden unsicherer.
Wir sind dabei, Europa zu verspielen.
Was wollen
Sie allein in Brüssel und Strassburg ausrichten? Gesetzt
den Fall, Sie schaffen ein Mandat, was könnten Sie in Brüssel
als Einzelkämpfer ohne starke Fraktion im Hintergrund tun?
Zunächst einmal würde ich mich bei allen Abstimmungen
über Gesetze und Anträge, ganz egal von welcher Person
und Partei sie eingebracht werden, auf Basis meiner Lebens- und
Berufserfahrung verhalten. Friede, soziale Gerechtigkeit, Minderheitenrechte,
Demokratisierung u.s.w., da kann jeder und jede Partei mit meiner
Stimme rechnen. Gerade der Status als Fraktionsloser würde
es mir ermöglichen, mich ausschließlich an meinem Gewissen
zu orientieren und nicht an Fraktionsbeschlüssen.
Im übrigen, und da sehe ich gute Möglichkeiten, würde
ich Verbündete suchen. Etliche habe ich schon. Etwa bei den
NGO’s, bei Friedensgruppen. Allein schon die finanziellen
Möglichkeiten, die sich einem EU-Parlamentarier bieten, das
Finanzieren von Büros, die Kostenübernahme von Mitarbeitern,
damit ließe sich schon etwas machen, das würde ich
gern auch für Friedensinitiativen nützen. Zahllose Menschen
in ganz Österreich arbeiten mit großartigem persönlichen
Einsatz für den Frieden, ich habe da schon manchen Beitrag
leisten können. Als EU-Abgeordneter würden sich mir
da ganz neue Möglichkeiten eröffnen.
Werden Sie
sich für das Friedensvolksbegehren engagieren?
Selbstverständlich. Mit und ohne Mandat. Es bietet eine ausgezeichnete
Möglichkeit, Friedensanliegen in der Bevölkerung zu
diskutieren und zu vertiefen. Je mehr Unterzeichner es findet,
umso mehr werden die Politiker davor zurückscheuen, Österreichs
Neutralität anzutasten. Es birgt aber auch eine große
Gefahr: Sollte das Volksbegehren ein Flop werden, so würden
sich jene bestätigt sehen, für die Neutralität
gleich Mozartkugeln sind. Das gilt es zu verhindern, hier erblicke
ich für mich persönlich eine Aufgabe.
Wie stehen
Sie zu Hans-Peter Martin?
Hans-Peter Martin kenne ich seit der Mittelschulzeit in Bregenz.
Mit Freunden gab er damals eine sehr aufmüpfige Schülerzeitung
– die "Rübe", später die "Zwiebel"
– heraus, die in ganz Vorarlberg, ja bis hinein in die Wiener
Ministerien für Aufsehen sorgte. Als Student hat er dann
einen sensationellen Coup gelandet. Er arbeitete ein paar Monate
in der Nachtschicht eines Textilunternehmens in Vorarlberg. In
seinem Buch "Nachtschicht" hat er die empörenden
Arbeitsbedingungen aufgezeigt. Mit großem Echo und mit beispiellosem
Erfolg: Die Löhne der Schichtarbeiter wurden um 30 % erhöht,
die Mieten für die Werkswohnungen deutlich gesenkt. Das haben
auch Gewerkschafter bestätigt. Seit damals hat er sich zwar
ständig weiterentwickelt, in immer höheren Ligen gespielt,
immer heißere Themen aufgegriffen, aber seine hervorstechenden
Eigenschaften kamen schon damals zum Ausdruck: Hans-Peter ist
davon beseelt, etwas zu bewirken. Manche mögen das Geltungstrieb
nennen – die sollten vielleicht einmal über ihren eigenen
Geltungstrieb nachdenken –, mir kommt es auf die Frage an,
womit sich jemand Geltung verschaffen will. Und da ist festzustellen,
dass alle von Hans-Peter bislang angepackten Themen durchwegs
wichtig und sinnvoll waren. Er hat sich immer mit den Mächtigen
angelegt, ohne Rücksicht auf die eigene Person, musste Millionenklagen
abwehren. Aber er hatte Erfolg. Er hat tatsächlich in zahlreichen
Fällen etwas bewirkt, Diskussionen ausgelöst, Bewusstsein
geschaffen, konkrete Änderungen ermöglicht. Wer kann
das schon von sich behaupten? Es wäre gut, gäbe es noch
mehr "Aufdecker" seines Kalibers. Er steht für
weitaus mehr als "nur" für die Aufdeckung des Spesensumpfes.
Ist also
das HPM-Bild, das etwa in "profil" gezeichnet wird,
völlig falsch?
Das von manchen Medien von ihm gezeichnete Bild wird Hans-Peter
Martin in keiner Weise gerecht. Zu den persönlichen Vorwürfen,
kann ich nur sagen, dass ich Hans-Peter anders erlebt habe. Und
das seit über dreißig Jahren und bei den unterschiedlichsten
Gelegenheiten. Trotz seiner Impulsivität sah ich auch in
Stresssituationen stets sein Bemühen, eine Sache voranzubringen.
Der Rest ist wohl eine Sache der "Chemie", doch der
Erfolg gibt Hans-Peter Martin recht. Schauen Sie, ich schätze
Herrn Voggenhuber als Person, und ich glaube ihm aufs Wort, dass
er ehrlich gegen den Spesensumpf angekämpft hat. Mit null
Erfolg allerdings, wie er selbst zugibt. Hans-Peter Martin ist
aus anderem Holz geschnitzt. Wenn er sich einmal auf ein Problem
konzentriert hat, dann gibt er sich nicht mit Anträgen und
Petitionen zufrieden. Dann überlegt er eine Strategie, die
tatsächlich etwas ins Rollen bringt. Man muss Hans-Peter
Martin nicht unbedingt lieben, aber Respekt hat er jedenfalls
verdient.
Was sagen
Sie zu den Attacken der SPÖ gegen Hans-Peter Martin?
Die SPÖ hat Martin vor fünf Jahren als Parteifreien
zu ihrer Wahlkampflokomotive gemacht. Und sie wusste, warum sie
das tat, hat den guten Namen Martin für sich ausgenützt.
Das war ein bislang einmaliger Vorgang – ein parteifreier
Spitzenkandidat der SPÖ! Damals war man stolz darauf, einen
international so renommierten Mann für die Partei gewonnen
zu haben. Er ist immerhin einer der erfolgreichsten Autoren Europas.
Und Martin hat für die SPÖ die Wahlen 1999 tatsächlich
gewonnen, das wird nicht bestritten. Schon damals zog er gegen
die europäischen Sümpfe durchs Land. Er hat sich nicht
verändert, offenbar aber die SPÖ.
Und was
sagen Sie zu Martins angeblichem Bündnis mit der Kronenzeitung?
Man wirft ihm vor, dass er sich an den so genannten "Boulevard"
gewandt habe. Es wirft aber ein bezeichnendes Bild auf unser politisches
Klima, wenn scheinbar nur dieser "Boulevard" dazu im
Stande ist, unsere Politiker aus der Reserve zu locken. Dafür
ist nicht Hans-Peter Martin verantwortlich. In Schönheit
zu scheitern, wie es Voggenhuber beim Spesenthema getan hat, das
ist nicht Sache des Hans-Peter Martin. Kein vernünftiger
Mensch zweifelt an der Berechtigung von Martins Vorwürfen,
auch nicht "profil". Der Rechnungshofpräsident
hat festgestellt: "Martin hat Recht." Die Spesenritter
aber, die sich derzeit wohl intensiv überlegen, wie sie ihre
unerhörten Luxus-Pensions-Privilegien über diese Debatte
drüber retten können, haben sich vermutlich bei der
Lektüre von "profil" und anderen derartigen Beiträgen
vor Freude auf die Schenkel geklopft. Sie wittern nun wieder frische
Morgenluft, nachdem sie zuletzt eine Zeitlang ganz schön
ins Schwitzen gekommen sind. Ob das im Sinne engagierter ("profil"-)
Journalisten ist, wage ich zu bezweifeln. Auch die "New York
Times" und die "International Herald Tribune" haben
sich des Themas angenommen. Hans-Peter Martin ist der einzige
Garant dafür, dass Bewegung in die Frage kommt, dass das
Thema nicht auch den EU-Wahlkampf in fünf Jahren wiederum
beherrscht.
Was ist
Ihre Meinung zur Diskussion über die EU-Beitrittsverhandlungen
mit der Türkei?
Manchmal bekomme ich das Gefühl, das sei das einzige Thema,
bei dem unsere Volksvertreter etwas "Griffiges" zu sagen
haben. Jeder gibt seinen Senf dazu. Da wird wirklich ein übles
Spiel auf dem Rücken der Türken gespielt. Prinzipiell
bin ich für ein offenes Europa, aber ich gebe zu, nicht alle
Aspekte dieser Frage umfassend beurteilen zu können. Niemand
kann das. Der Türkei wird seit Jahrzehnten eine Wurst hingehalten,
um sie dann immer wieder zurückzuziehen. Das ist erniedrigend,
dient der Sache sicher nicht. Wenn Europa in erster Linie (!)
tatsächlich das große Friedensprojekt sein soll, das
in Sonntagsreden so gerne beschworen wird, dann sollte eine vernünftige
Lösung leicht gefunden werden können. Das gilt natürlich
auch für alle Staaten des Balkans.
Siehe auch:
http://www.vau-heute.at/show_page_detail.php?id=937
http://www.ceiberweiber.at/2004/kopruner.htm
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