8. April 1999: Fragen an Dr. Fischer
Ein Schreiben
an die ZDF-Redaktion zur Sendung "Was nun, Herr Fischer?".
Gepostet auch in diversen Internet-Diskussionsforen.
Außenminister Fischer entstammt nach eigenen Worten einer
Generation, die – im Hinblick auf die Naziverbrechen –
Fragen an die Elterngeneration stellt: “Warum?” (ARD,
07.04.99)
Wortreich und stirnerunzelnd will er uns damit erklären,
warum es keine Alternative zu den Natobomben gegen Jugoslawien
gäbe und warum es auch kein Zurück geben könne.
Was ja wohl nur heißen kann: Weitermachen! Und wenn es sein
muß, bis alles in Scherben fällt.
Vielleicht wird es einmal eine Generation geben, die Fragen an
Herrn Fischer stellen wird.
Als Vorbereitung dafür hier vorab schon mal ein paar:
1. Ist Ihnen bekannt, daß die UCK seit einigen Jahren im
Kosovo brutale Überfälle auf Zivilisten, sowie auf jugoslawische
Einrichtungen im Kosovo durchgeführt hat, gerade so, wie
das noch jede Unabhängikeitsbewegung bislang gemacht hat,
heiße sie nun PKK, oder Vietkong, oder Sandinisten, oder
ETA, oder IRA, oder wie auch immer?
2. Ist Ihnen irgend ein Staat der Erde bekannt, der auf solche
Attacken jemals so reagiert hätte, wie Sie das von Jugoslawien
erwartet hätten bzw. wie Sie es jetzt mit Bomben erzwingen
wollen?
3. Ist es nicht zwingendes Selbstverständnis eines jeden
Staates, egal ob Sie selbst ihn nun als “gut” oder
“schlecht” empfinden, das Gewaltmonopol auf seinem
gesamten Staatsgebiet für sich alleine in Anspruch zu nehmen,
weshalb Polizei und Armee zum Einsatz kommen?
4. Wissen Sie denn, wieviele tote Serben auf’s Konto der
UCK gehen? Warum bringt Sie ein von der UCK getöteter Serbe
weniger in Aufwallung als ein von einem serbischen Killer getöteten
Kosovaren?
5. Da Ihr Herz so sehr für Flüchtlinge schlägt,
muß man fragen, ob Sie überhaupt wissen, in welchem
europäischen Land derzeit, und seit Jahren, die meisten Flüchtlinge
dahinvegetieren? (Hier gleich eine kleine Nachhilfe, da Sie es
tatsächlich nicht zu wissen scheinen: Mit Abstand am meisten
Flüchtlinge leben in Jugoslawien! Es handelt sich fast durchwegs
um Serben. Das dürfte zwar nicht in Ihr Weltbild passen,
ändert aber nichts an der Tatsache.)
6. Ist Ihnen bekannt, daß vor wenigen Jahren 300.000 Serben
von der kroatischen Armee innerhalb von 3 Tagen aus der Krajina
in die Flucht getrieben wurden? Ist Ihnen bekannt, daß diese
Vertreibung nur möglich war, weil Nato-Staaten (auch Deutschland),
die kroatische Armee hochgerüstet, ihr fast jede erdenkliche
Hilfe zukommen lassen haben? Worin besteht eigentlich der Unterschied
zwischen den Krajina-Serben und den Kosovo-Albanern?
7. Warum sprechen Sie ständig von diesem Diktator Milosevic,
gegen den allein sich Ihre Bomben richten, wo der doch darauf
verweisen kann, heute in der Frage Kosovo, nicht zuletzt dank
Nato-Hilfe, auch den letzten Oppositionellen auf seiner Seite
zu haben? (Nennen Sie das Kind doch beim Namen: Die Bomben richten
sich gegen alle Serben, die Milosevic in der Kosovofrage unterstützen.
Und das sind sie eben: DIE Serben; auf gut deutsch: DER Serbe.)
8. Kommt es Ihnen nicht wenigstens ein bißchen seltsam vor,
daß Deutschland jetzt schon zum dritten Male in diesem Jahrhundert
über die Serben herfällt, während uns die Serben
noch nie angefallen haben? Glauben Sie denn, daß Ihre Vorkämpfer
in dieser Sache weniger davon überzeugt waren, für eine
gerechte Sache zu kämpfen, als Sie es sind?
9. Haben Sie wirklich lange genug nachgedacht, ob Gut und Böse
am Balkan so klar voneinander zu unterscheiden sind, daß
es dafürsteht, für die von Ihnen als die Guten erkannten,
internationales Recht zu brechen, zusätzliche Hunderttausende
zu Flüchtlingen zu machen, die ganze Weltordnung auf den
Kopf zu stellen, buchstäblich das Risiko eines 3. Weltkrieges
in Kauf zu nehmen?
10.Welche konkreten Schritte sind von Ihrer Seite in absehbarer
Zeit zugunsten der Kurden zu erwarten?
11.Vietnam, Chile, Nicaragua, Guatemala, Türkei, Argentinien,
Kuba, Afghanistan, Iran, u.v.a.: Was fällt Ihnen ein, wenn
Sie an diese Staaten denken? Hätten Sie nicht bis vor ganz
kurzem damit übereingestimmt, daß in all diesen Staaten
Ihre heutigen Verbündeten, deren Geschäft Sie so engagiert
besorgen, stramm auf der Seite menschenverachtender Regime standen
oder stehen, mit dem Resultat von Millionen von Toten und Vertriebenen?
Kommt Ihnen das nicht wenigstens ein bißchen seltsam vor?
U.A.w.g.
Anmerkung: Nicht
zuletzt die Reaktion auf diesen Beitrag veranlasste den Autor,
darüber nachzudenken, seine eigenen Erlebnisse in Jugoslawien
zu Papier zu bringen.