14. April 1999: Ich glaube
Euch kein Wort!
Während des Nato-Bombardements
gegen Jugoslawien: Versuch einer Antwort an die zahllosen humanitätstriefenden
Diskussionsbeiträge in diversen Internetforen
(Gepostet am 14. April 1999 u. a.. in "stern-Forum
Kosovo", “Rheinische-Post-Online-Forum Kosovo”)
Es ist klar, die Nato-Fans lassen sich nicht beirren. Durch kein
Argument der Welt. Sie haben ihren Krieg, endlich, endlich, nach
so vielen Jahren des Herbeiredens und Herbeisehnens. Und sie wissen
sich eins mit den Mächtigen dieser Welt.
Die – seit 1945 – ersten Rufe nach Bomben auf Belgrad
sind jetzt bald 10 Jahre alt. Doch die ach so zerstrittene, unfähige
EU hat immer wieder den Schwanz eingezogen. Und jetzt, wo die
USA endlich Nägel mit Köpfen machen, da wird man sich
doch nicht durch ein paar Ungereimtheiten den Spaß verderben
lassen, auch nicht durch unwiderlegbare Tatsachen. Ja, der Spaß
ist groß, Bomben sind einfach geil, und diese Präzision,
einfach toll! Und da waren doch noch ein paar Rechnungen offen
mit den Serben, und außerdem, diese ethnischen Säuberungen,
also wirklich, das ist zu viel, und diese Massaker, und diese
Vergewaltigungen.
Da kann man so richtig auf antirassistisch machen.
Da wird bei vielen unter dem Deckmantel der Menschlichkeit nichts
anderes als Rassismus betrieben. Ja, Rassismus! Serbien muß
sterbien! Wie schön für uns Deutsche, einmal anderen
Völkermord vorwerfen zu können. Früher haben wir
Bomben im Namen des Rassismus geworfen und jetzt im Namen
des Antirassismus.
Was wird da scheinheilig gewinselt wegen dieser bestialischen
serbischen Verbrechen, jeder als Träumer, oder als Gleichgültiger,
oder gleich als Mittäter gebrandmarkt, der da nicht nach
Bomben schreit.
Ich glaube Euch kein Wort!
Das menschliche Leid ist euch egal, jawohl: scheißegal.
Wer dem einen (z. B. der Türkei) Waffen in die Hand gibt,
um ein Volk (z. B. die Kurden) zu drangsalieren, der verliert
das Recht, andere zu bestrafen, mehr noch, der hat kein Recht,
irgendwelche humanitäre, ethnische oder sonstige Regeln aufzustellen.
Da machte man den Bock zum Gärtner. Das leuchtet selbst dem
Dümmsten ein, auch Euch, logo, aber das ändert natürlich
nichts, denn "der Serbe betreibt ethnische Säuberungen
und gehört bestraft, basta".
Nicht in der naiven Hoffnung, Euch zu beirren, sondern einfach,
um mir etwas Luft zu machen, hier wieder einmal ein paar Argumente,
die den ganzen Beschiß als solchen entlarven:
Seit Jahren sprechen unser Damen und Herren Balkan-Experten vom
Genozid im Kosovo (wie leicht das über die Lippen kommt),
doch noch vor wenigen Wochen hat man Kosovo-Flüchtlingen
das Exil in Deutschland verweigert mit der ausdrücklichen
Begründung, daß es dort keine Verfolgung gäbe.
(Paßt ja prima zusammen, nicht war!?)
Seit Jahren tönt es auf allen Kanälen und aus allen
Gazetten: Wenn das Morden im Kosovo (zuvor Kroatien, dann Bosnien)
nicht sofort aufhört, dann müssen Bomben her. Diese
Drohung war immer und ausnahmslos nur gegen die Serben gerichtet.
Mit anderen Worten: Wer Bomben auf Belgrad wollte, der mußte
nur dafür sorgen, daß das Morden nicht aufhört.
Eine unmißverständliche Einladung, nein Aufforderung
an die UCK, das Morden fortzusetzen. Und die hat verstanden: Das
Morden wurde fortgesetzt, auf brutalste Weise, und die
Rechnung ging auf. Auch das leuchtet dem Dümmsten ein, auch
Euch, logo, aber das ändert natürlich nichts, denn "der
Serbe betreibt ethnische Säuberungen und gehört bestraft,
basta".
Überhaupt wurde (und wird) das Morden der UCK – seit
Jahren an der Tagesordnung – fast vollständig aus der
Berichterstattung ausgeblendet. Wer’s hören wollte,
konnte zwar immer wieder, wenngleich eher nur in Randbemerkungen,
aber immerhin, staunend vernehmen, daß die UCK mal 30, mal
60 % des Kosovo befreit hätte, aber diese "Befreiungsaktionen"
sind natürlich völlig reibungslos vor sich gegangen,
von Vertriebenen oder gar Toten war da jedenfalls nichts zu hören.
Aber daß sich die Serben dagegen wehren, so wie es jeder
Staat der Welt getan hätte, das gilt natürlich nicht,
logo, denn "der Serbe betreibt ethnische Säuberungen
und gehört bestraft, basta".
Monate vor und auch während der Verhandlungen in Rambouillet
wurden weltweit, so auch in Deutschland, alle Albanischstämmigen
im Alter von 18 bis 60 massiv aufgefordert (Zitat: "Verweigerung
wird nicht geduldet"), sich jetzt in die UCK einzureihen.
Daß dies in Jugoslawien eine zusätzliche Mobilisierung
bewirken mußte, auch das leuchtet dem Dümmsten ein,
auch Euch, logo, aber das ändert natürlich nichts, denn
"der Serbe betreibt ethnische ......." .
Fast vollständig ausgeblendet wurde auch das Bemühen
der Serben um eine friedliche Lösung. Klingt wie Hohn, zugegeben
,
nach all den tausendfachen gegen die Serben gerichteten Verteufelungen.
Und doch bleibt wahr: Die Serben haben die OSZE-Beobachter in
den Kosovo gelassen. Das tut niemand, der einen Völkermord
plant, das leutet auch dem Dümmsten ein, auch Euch, logo,
aber ....
Fragt doch mal die türkische Regierung, ob sie OSZE-Beobachter
in ihr Land ließe! Genau jetzt, wo ich das schreibe, sind
wieder tausende türkische Soldaten im antikurdischen Einsatz
(siehe aktuelle Ausgabe des Spiegel).
Wahr bleibt auch, daß die Serben, das serbische Parlament,
die Regierung eindeutig festgestellt haben, über eine Autonomie
für Kosovo verhandeln zu wollen und diese auch von der OSZE
oder der UNO überwachen zu lassen. Nein, nein, nicht nur
in Worten, auch in Taten, wie die 1.500 OSZE-Beobachter, die monatelang
im Kosovo waren, unwiderlegbar beweisen. Da hätte
man ansetzen müssen, meinetwegen mit Bombendruck, das hätte
unendlich viel Leid erspart.
Doch das ging nicht. Wozu hatte man denn die UCK aufgerüstet?
Doch nicht um eine Autonomie zu verwirklichen! Jetzt wird man
einen ethnisch reinen Kosovo bekommen, gereinigt von allem Serbischen.
Und das war von Anfang an das Ziel. Zugegeben, das wird
Euch nicht einleuchten, obwohl es eigentlich zum Greifen ist,
aber das kommt noch, siehe die serbenfreie Zone in der Krajina
(Kroatien).
Fast vollständig ausgeblendet wurde (und wird) die Tatsache,
daß die weitaus größte Zahl von Flüchtlingen
aus Ex-Jugoslawien seit Jahren in Serbien (!!) dahinvegetiert.
Ja vor wem sind denn die geflohen? Vor den Serben etwa?
Diese Unlogik leuchtet auch Euch ein, logo, aber "der Serbe
betreibt ethnische Säuberungen und muß bestraft werden,
basta". Wo kämen wir denn da hin – und das mitten
in Europa, vor unserer Haustüre, am Beginn des 3. Jahrtausends?
Ja, wo war es denn, Euer antirassistisches Herz, als vor knapp
vier Jahren hunderttausende Serben über Nacht Kroatien (die
Krajina) verlassen mußten? Vertrieben! Mit Hilfe von Nato-Waffen!
Die Flüchtlingskolonnen habt ihr ja gesehen auf Euren Bildschirmen,
drei, vier mal, ganz kurz, aber immerhin. Ach ja, natürlich,
hätt’ ich’s doch beinahe vergessen, die Serben
sind freiwillig gegangen (nachdem sie 300 Jahre lang
dort gewohnt haben), bzw. sie wurden von ihren Führern dazu
gezwungen und überhaupt, sie hätten ja den Krieg nicht
beginnen müssen. So ist das eben im Krieg.
So einfach kann man sich die Wirklichkeit zurechtbiegen, denn
eines ist sonnenklar, "der Serbe betreibt ethnische Säuberungen,
...".
Schluß jetzt, ran an die Fernseher! Jetzt wird’s noch
lustiger, die Phase III hat begonnen, Bill Clinton hat’s
uns soeben versprochen.
Das sei Euch nochmal gesagt: Ihr seid entlarvt in Eurem verlogenen
Gewinsel nach Menschlichkeit und friedlichem Zusammenleben der
Völker!
Anmerkung: Nicht
zuletzt die Reaktion auf diesen Beitrag veranlasste den Autor,
darüber nachzudenken, seine eigenen Erlebnisse in Jugoslawien
zu Papier zu bringen.