Land unter
Jugoslawien - Es ist alles vorbei! Ist alles vorbei?
Erschienen
am 29. März 2002, in "FREITAG", Ost-West-Wochenzeitung,
Berlin; sowie (übersetzt) in der kroatischen Zeitschrift
"Lijevica".
Ein Fremder, der heute mit offenen Augen
durch das Land reist, das noch vor gut zehn Jahren "Jugoslawien"
hieß, wird erschütternde, merkwürdige aber auch
schöne Erfahrungen machen. Er wird durch entvölkerte
Landstriche kommen, in denen alles Bewohnbare in Trümmern
liegt, durch Zonen, in denen ausländische Soldaten ihre Manöver
abhalten und die Menschen daran hindern, sich gegenseitig umzubringen,
durch quirlige Städte, wo neben einigen wenigen Luxuslimousinen
alte Schrottwägen das Bild prägen. Er wird ländliche
Gebiete sehen, in denen die Menschen ausschließlich von
dem leben, was ihre Erde hergibt. Industrieruinen werden ihm ins
Auge stechen, die einstmals zehntausende Familien ernährten,
heute nur noch auf ihren endgültigen Zerfall warten. Flüchtlingslager
könnte er besuchen, wo Hunderttausende, ungeliebt und ohne
jede Perspektive, dahinvegetieren, die allerdings in diesem Fall
kein westliches Kameraauge je erfasste.
Und überall er wird erschütternde Geschichten hören,
vom Krieg, von Vertreibung, von Hass, Verzweiflung und Ausweglosigkeit.
Angesichts des nicht vorstellbaren Leides, von dem fast alle seine
Gesprächspartner erzählen, wird er nicht begreifen können,
was die Menschen auch heute noch freundlich sein und lachen läßt.
Und er wird nicht verstehen, wie sie überleben, haben sie
doch im Durchschnitt nur mehr ein Fünftel dessen zum Leben,
was ihnen in den achtziger Jahren zur Verfügung stand. Offenbar
ist es noch immer zuviel zum Sterben.
Misstrauen wird dem Fremden begegnen, sobald die Rede auf "Andere"
kommt, denn "die" seien an allem schuld. "Ich hasse
alle Serben", bekennt mir gegenüber ein Kroate aus tiefster
Seele - "Nie mehr werde ich einem Kroaten meine Hand reichen",
bekomme ich von serbischer Seite zu hören. Wenn er, der Fremde,
ein wenig nachfragt, kann er auch ganz andere Sätze hören:
"Meine beste Freundin war eine Serbin. Bis 1991 habe ich
gar nicht gewusst, dass sie Serbin ist, das war doch vollständig
egal", meinte wehmütig eine Kroatin. "Ein Muslim
hat meiner Frau das Leben gerettet", weiß mir ein bosnischer
Serbe zu berichten, und ein muslimischer Kaffeehausbesitzer in
Travnik erwähnt ganz nebenbei, dass hier "jeder willkommen
ist, wir sind doch ein Volk."
Und in Belgrad fragt mich händeringend ein junger Mann: "Tell
me, what am I?" Seine Mutter sei Kroatin, die Gattin Muslimin,
der Vater aus Montenegro, Romablut fließe in seinen Adern
und slowenisches auch. "Fuck the hell", gibt er gleich
selbst die Antwort, "I am a Jugoslav" – doch sein
Land existiere nicht mehr.
Ist alles vorbei – gotovo – wie man hier sagt? Immer
wieder bei Reisen ins Land der Kriege kam ich zu der Überzeugung,
dass es nur einen Ausweg geben kann: Das was schön und vernünftig
am alten Jugoslawien war, muss so schnell wie möglich wiederkommen.
Die vielen neuen Staaten mit ihren zwei, vier und acht Millionen
Menschen, können so nicht existieren, zumal, wenn sie sich
mit Argusaugen beobachten und oft gegenseitig blockieren.
Das weiß jeder im Land, der auch nur fünf Minuten nachdenkt.
Die meisten fliehen daher in Träume, sprechen von Europa
und von der großen Hilfe, die bald kommen werde. Doch da
insgeheim alle wissen, dass diese Hilfe nicht kommen wird, denkt
fast ein jeder über seine Chancen nach, selbst nach Europa
zu ziehen; oder nach Amerika oder Australien, wie es so viele
schon getan haben, die in ihrer alten Heimat – der viel
geschmähten – eine hohe Qualifikation erworben hatten.
"Wie soll ich es meinen Kindern erklären, dass ich in
Jugoslawien ein gefragter Arzt war", will ein Taxifahrer
in Frankfurt von mir wissen. Und ein muslimischer Soziologe und
Buchautor schreibt mir aus Neuseeland, er ernähre seine Familie
nun mit Fliesenlegen in fremden Häusern.
Und jeder, der geht, reißt eine neue Lücke, verringert
die Chancen jener, die es nicht schaffen, das Land zu verlassen.
"Das weiß ich ja", entgegnet mir in Belgrad zornig
eine Chemikerin, "doch sobald ich ein Visum bekomme, bin
ich weg. Ich will, dass meine Kinder wenigstens so gut leben wie
ich früher."
Was hindert die Menschen zu tun, was die einzige Lösung scheint?
Vor allem ist es wohl die Lähmung, die nationalistischer
Wahn über das Land gebracht hat. Die vielen Verbrechen, die
das herauf beschwor, haben die Sicht verdunkelt. Und doch weiß
jeder oder fast jeder, dass es überall Verbrecher und überall
unschuldige Opfer gibt, und dass Verbrechen von Verbrechern und
nicht von Völkern begangen werden.
Das Rad der Geschichte lässt sich nicht mehr zurück,
aber vielleicht doch in eine bessere Richtung drehen. Die Menschen,
die mir in den vielen neuen Staaten begegnen, frage ich oft: Wann
werdet ihr damit beginnen, eure Zukunft vor die Vergangenheit
zu stellen? Wie lange wollt ihr euch noch einreden, dass nur die
anderen Fehler gemacht haben – zumindest die größeren?
Wann werdet ihr von den Mächtigen fordern, mit den nationalistischen
Sprüchen endlich aufzuhören, die für nichts anderes
gut sind als ihre Macht? Wie lange wollt ihr euch noch durch nationale
Symbole, von denen kein Mensch satt wird, Größe vorgaukeln
lassen? Wann wird euch bewusst werden, dass euch niemand in der
Welt respektieren wird, solange ihr noch an den Gräben grabt,
anstatt sie zuzuschütten? Wann werdet ihr euch daran erinnern,
dass so manches besser war im gemeinsamen Staat und dass vieles
auch heute gemeinsam besser laufen könnte?
Und immer wieder bekomme ich zu hören, dass das wohl alles
richtig sei, doch es ginge eben nicht – zu vieles sei geschehen,
in 50 oder 100 Jahren gehe es vielleicht. Und wenn ich vorschlage,
schon heute damit zu beginnen, heißt es oft, dass das die
Anderen ohnehin nicht wollten. Sind es Hunderte, die so denken,
oder Tausende? Ich vermute, es sind Millionen. Doch selbst wenn
es in jedem der neuen Staaten nur einige wenige sein sollten,
die es anders sehen, dann sollten die mit gutem Beispiel vorangehen.
50 oder 100 Jahre sind eine sehr lange Zeit.
Quelle: http://www.freitag.de/2002/14/02140901.php