Interview mit Kurt Köpruner
zur Friedfertigkeit der dt. Bundesregierung im Irak-Krieg
Erschienen in "Neues
Deutschland" am 17. Mai 2003
FRAGE: Anders als im Falle
des NATO-Angriffs auf die Bundesrepublik Jugoslawien gab es gegen
den Irak-Krieg große Proteste.
Ich habe mich selber mit Überzeugung an solchen Demonstrationen
beteiligt. Aber meine Freude über das Wiederaufleben der
Friedensbewegung war eine bedingte. Ich habe Mitdemonstranten
gefragt, ob sie auch gegen die Aggressionen gegen Jugoslawien
demonstriert haben, und bin durchgehend auf Unverständnis
gestoßen: Das sei damals doch ganz anders gewesen, das sei
es um die Bekämpfung schwerster Menschenrechts-verletzungen
gegangen. Kurz: Der Krieg gegen Irak war ungerecht, der gegen
Jugoslawien berechtigt. Wer die Entwicklung hin zur NATO-Aggression
gegen Jugoslawien betrachtet, sieht, dass dieser Standpunkt grotesk
ist. Wenn Kriegsgegner nach wie vor der Meinung sind, dass die
Aggression gegen Jugoslawien gerechtfertigt war, ist das ein Symptom
dafür, dass die Friedensbewegung leicht zu manipulieren ist.
FRAGE: Ist es also nicht
so, dass die deutsche Politik im Falle des Irak-Kriegs der öffentlichen
Meinung gefolgt ist?
Es blieb bei allen Demonstrationen der schale Beigeschmack, dass
man sich allzu leicht einreden lässt, der eine Krieg sei
gerecht, der andere ungerecht. Der eine Krieg hat der deutschen
Regierung offenbar ins Konzept gepasst und die Mehrheit der Friedensbewegten
ist ihr gefolgt. So eine Friedensbewegung hat einen großen
Nachdenkbedarf.
FRAGE: Sie bezweifeln die Friedfertigkeit der Bundesregierung?
Eine Lehre, die man aus dem Jugoslawienkonflikt ziehen kann, ist
auf jeden Fall die, dass die deutsche Regierung alles anderes
als friedfertig ist. Man hat die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien
– die NATO-Aktion 1999 war ja nur der Höhepunkt –
von deutscher Seite wirklich massiv aufgestachelt. Es gab zwar
Konflikte in Jugoslawien, aber der Westen hat die Brände
mit Öl zu löschen versucht. Und wenn man die Rolle der
deutschen Politik bei der Zerschlagung Jugoslawiens betrachtet,
kann man das Wort friedfertig nicht verwenden. Das gilt für
die damalige Regierung Kohl wie für die rot-grüne. Schon
bei der Anerkennung Kroatiens wusste man, dass daraus blutige
Kriege resultieren mussten.
FRAGE: Aber der Balkan ist
heute befriedet ...
Es wird derzeit nicht geschossen, aber es gibt nach wie vor hunderttausende
Flüchtlinge, außer in Slowenien leben alle Menschen
heute schlechter als in den 80er Jahren, das Konfliktpotenzial
ist geblieben. Was passiert ist, wurde von der deutschen Politik
mit verursacht. Und das macht die Regierung äußerst
verdächtig, wenn sie im Fall Iraks ihren friedlichen Charakter
in der Vordergrund stellt.
FRAGE: Die Regierung beklagte
jetzt den Völkerrechtsbruch durch die USA.
Auch die NATO-Bomben auf Jugoslawien waren eine Völkerrechtsbruch.
Durch eine Vielzahl von Manipulationenen hat man den humanitäten
Charakter hervorgespielt. So sehr ist das Aufleben der Friedensbewegung
begrüße – zu befürchten ist, dass bei einem
nächsten Konflikt auch die deutsche Regierung wieder eine
kriegerische Politik betreibt und dann auch wieder die Zustimmung
derer findet, die jetzt so veheiment gegen den Krieg waren.
Das Interview führte
Kati Goldman.