"... oder die NATO bombardiert"
Wie erwarb Wolfgang Petritsch
seine internationale Reputation?
Referat im Wiener Amerlinghaus,
13. November 2002,
anlässlich der Kandidatur von Dr. Wolfgang Petritsch zur
Nationalratswahl 2002
Nachgedruckt in: "Ossietzky"
22/2002, "Volksstimme" 24.10.2002 , "guernica"
05/2002, "Mail-Magazin" (Internetportal "Stories
& Texte")
Wolfgang Petritsch tritt bei den Nationalratswahlen als Spitzenkandidat
der SPÖ Wien an. Nicht zu unrecht gilt er derzeit als der
international erfolgreichste und angesehenste Außenpolitiker
Österreichs; und sollten sich bei den Wahlen d ie Machtverhältnisse
ändern, steht seine Bestellung zum österreichischen
Außenminister außer Frage.
Wo hat sich Wolfgang Petritsch diesen guten Ruf erworben? Am Balkan,
genauer gesagt, in dem Land, das vor zwölf Jahren noch Jugoslawien
hieß. Er war österreichischer Botschafter in Belgrad,
als er im Oktober 1998 zum Sonderbeauftragten der Europäischen
Union für den Kosovo ernannt wurde. (Österreich führte
im zweiten Halbjahr 1998 in der EU den Vorsitz.)
Allein schon die Wahl in eine so wichtige EU-Funktion stellte
eine hohe Auszeichnung dar, doch Petritsch hat diese Aufgabe in
einer Weise erfüllt, die ihn in den Augen der Mächtigen
dieser Welt auch für noch weit höhere Posten qualifizierte.
Sein Geniestreich hat einen schillernden Namen, und zwar UCK.
Erinnern wir uns: Die UCK war erstmals 1996 in die internationalen
Schlagzeilen gelangt: Als Terrorbande im Kosovo, die ihre ultranationalistischen
und rassistischen Ziele – ein ethnisch gesäuberter,
rein albanischer Kosovo – mit Mordanschlägen vorantrieb
und mit Drogen- und Waffenhandel finanzierte. Auch viele Kosovo-Albaner
fielen dem UCK-Terror zum Opfer, und selbst der vom Westen als
Balkan-Ghandi hofierte Albanerführer Ibrahim Rugova fand
sich rasch auf ihren Todeslisten.
So bekannt Methoden und Ziele der UCK im Westen auch waren und
so sehr diese den hehren Idealen des Westens – Rechtsstaatlichkeit,
Multikulturalismus, Antiterrorismus usw. – auch zuwider
laufen mochten, so sehr liebäugelten nicht wenige von Anfang
an mit dieser mordenden Bande. Die UCK-Terroristen waren nämlich
insbesondere Todfeinde der Serben, die im zerfallenden Jugoslawien
längst als das alleinige Grundübel ausgemacht waren.
Nach dem Motto "die Feinde meiner Feinde müssen meine
Freunde sein", gab es folglich – ganz besonders in
Österreich und Deutschland – immer auch Stimmen, die
die Morde der UCK als verständliche Notwehr gegen den Terror
der Serben schön zu reden versuchten.
In den USA allerdings sah man in der UCK zunächst das, was
sie war: eine terroristische Vereinigung. Doch die Politik der
USA ist bekanntlich "flexibel". Mal paktieren sie mit
Saddam, rüsten ihn hoch, um ihn kurz darauf zum Erzfeind
zu erklären; mal werden die Taliban mit Milliarden US-Dollars
finanziert, um wenig später in Grund und Boden gebombt zu
werden. Streng nach dieser "Logik" verhielt sich auch
die US-Politik gegenüber der UCK: Noch im Frühjahr 1998
gaben die USA dem lange zuvor schon zum Balkanschlächter
erklärten Slobodan Milosevic grünes Licht für die
militärische Bekämpfung der UCK – um kurz darauf
genau deshalb Bomben auf ganz Serbien zu fordern und wenig später
zu feuern.
Mehr noch als heute waren die USA damals bemüht, für
ihre selbsternannte Funktion als Weltpolizei Bündnispartner
zu finden – Partner, die mitschießen (und mitzahlen)
dürfen. Bei den Nato-Staaten und der EU, wo von Hardlinern
(ganz besonders wiederum in Österreich und Deutschland) schon
seit 1992 Bomben auf Belgrad gefordert wurden, rannte man dabei
offene Türen ein. Und die USA entdeckten die UCK, die sich
in nachgerade idealer Weise als Nato-Bodentruppe anbot.
Wie aber sollte man aus Terroristen Verbündete machen? Hier
tritt nun Wolfgang Petritsch in die Geschichte. In seinem Buch
"Kosovo-Kosova" hat er dazu folgendes notiert: "Nachdem
die amerikanischen Versuche, die für den weiteren politischen
Prozess entscheidenden Personen der UCK zu identifizieren und
mit ihnen Verhandlungen aufzunehmen, gescheitert waren, wurden
unter der Ägide von Petritsch seit Sommer 1998 inoffizielle
Erkundigungen über die relevanten politischen Führungspersönlichkeiten
der Untergrundarmee durchgeführt. Nach einer längeren
Phase der Recherche wurde die Gruppe um Hashim Thaci als die geeigneten
zukünftigen Ansprechpartner identifiziert. Sowohl die EU
als auch die Kontaktgruppe haben die Initiative Petritschs schließlich
akzeptiert und die Notwendigkeit der Einbeziehung der UCK in den
Verhandlungsprozess als unumgänglich anerkannt."
In einer Terrorbande Führungspersönlichkeiten zu finden,
die man der Weltöffentlichkeit als Verhandlungspartner der
westlichen Antiterror-Alli
anz servieren konnte, allein das war
schon eine erstaunliche Leistung. Doch damit nicht genug. Denn
die "Persönlichkeiten" der UCK erwiesen sich zunächst
als recht problematisch. Und zwar auch dann noch, als man sie
zu der für den Weltfrieden vorgeblich so wichtigen Konferenz
nach Rambouillet eingeladen, mehr noch, sie dort zu den Wortführern
aller Albaner auserwählt hatte.
Die "Friedenskonferenz" von Rambouillet, auch daran
sei erinnert, war indes von vornherein nichts anderes als der
Versuch, die zu diesem Zeitpunkt längst beschlossenen US-geführten
Nato-Luftschlägen gegen Serbien ein wenig vom Makel der Völkerrechts-widrigkeit
zu befreien. Von den Serben wurde unter Androhung von Luftschlägen
ultimativ die Zustimmung zu einer Lösung des Kosovo-Problems
gefordert, die nach Rudolf Augstein "kein Serbe mit Schulbildung"
hätte akzeptieren können, und die nach Henry Kissinger
schlicht absurd war. Selbst Petritsch stellte fest: "Dass
Nato-Angriffe aber nur für eine Seite [die serbische, Anm.
d. A.] eine Drohung darstellten und der anderen [der albanischen
Seite bzw. der UCK, Anm. d. A.] unter Umständen sogar ins
Kalkül passen könnten, machte dieses Friedensultimatum
zu einer strittigen und viel diskutierten Entscheidung."
Trotz dieser, völlig richtigen, Erkenntnis spielte Petritsch
das abgekartete Spiel mit, und schon vor Beginn der Friedenskonferenz
stellte er lapidar fest: "Aber eines garantiere ich: Vor
Ende April wird der Kosovo-Konflikt entweder formal gelöst
sein oder die Nato bombardiert."
Bekanntlich hat Petritschs Bomben-Garantie gehalten, obwohl es
in Rambouillet zunächst ganz und gar nicht nach Wunsch des
Westens verlief. Die Persönlichkeiten der UCK verhielten
sich nämlich äußerst unkooperativ – wie
eine "Horde von Quasi-Autisten" –, denn sie wollten
bis zuletzt nicht glauben, wie ehrlich es die Nato mit ihnen meinte.
Joschka Fischer flog persönlich nach Rambouillet, um die
UCK auf Linie zu bringen. Vergeblich. Selbst Madeleine Albright,
die oft als rabiat betitelte US-Außenministerin, erzielte
keine Wirkung; nicht einmal, als sie förmlich vor den UCK-Rebellen
kniete und ihnen drohte: "If you don’t say ‘Yes’
now, there wont’t be any NATO ever to help you!” Noch
am Vorabend des definitiv letzten Konferenztages verweigerte die
"misstrauische" UCK ihre Zustimmung zum Ultimatum des
Westens, womit dessen ausgeklügelte Bombenstrategie hinfällig
geworden wäre.
In dieser hochnotpeinlichen Situation schlug zum zweiten Mal eine
Sternstunde des Wolfgang Petritsch: Er, der Entdecker der Führungspersönlichkeiten
der UCK, wußte, dass es die Nato mit den "Ex-Terroristen"
durchaus ehrlich meinte, und er wußte auch, wie man diese
davon überzeugen konnte. Was weder Joschka Fischer noch Madeleine
Albright vermochten – Wolfgang Petritsch hat es geschafft.
In seinen Erinnerungen an Rambouillet hält er seine einsame
Leistung mit bemerkenswertem Understatement so fest: "Nach
einem nächtlichen Vier-Augen-Gespräch zwischen Petritsch
und Thaci wurde dieser von der Notwendigkeit überzeugt, das
Abkommen im Prinzip anzunehmen ...”
Damit hat Wolfgang Petritsch dem gesamten Westen die totale Blamage
erspart – und die Nato-Luftschläge gegen Serbien, wenn
schon nicht ermöglicht, so doch mindestens als gerechtfertigt
verkaufen lassen.
Die Luftschläge gerieten zwar zum Fiasko – sie lösten
kein einziges Problem, kosteten aber tausende Unschuldige das
Leben und beraubten Millionen auf Dauer ihrer Existenz-grundlagen
– und werden doch als Erfolgsstory gefeiert. Und die Führungspersönlichkeiten
der UCK erhielten, was man ihnen in Rambouillet offenbar für
ihr Wohlverhalten versprochen hatte: die Macht über den Kosovo,
den sie vor den Augen der Nato in ein Inferno verwandelten, in
dem Mord und Totschlag, Drogen-, Waffen- und Kinderhandel an der
Tagesordnung sind, und in dem heute der Rassismus wie in keinem
anderen Land der Welt allgegenwärtig ist.
Dass all dies so ganz und gar nicht zum humanitären Gerede
des Westens passt, spielt auf dieser Welt keine Rolle. Diese war
in eine neue Epoche getreten, in der die Mächtigen ihre Interessen
mit der gesetzlosen Androhung und Durchführung von Luftschlägen
zu realisieren gewillt sind, wobei die öffentliche Meinung
offenbar zur beliebig manipulierbaren Masse geworden ist.
Dafür werden Leute gebraucht, die ihr Handwerk verstehen
und auf die Verlaß ist. Leute wie Wolfgang Petritsch, der
kurz nach Rambouillet zum UNO-Hochkommissar für Bosnien Herzegowina
bestellt wurde. Auch dort hat er seine Aufgabe erfüllt, und
niemand zweifelt daran, dass er sie auch als österreichischer
Außenminister erfüllen wird. Dann etwa, wenn es darum
geht, Österreich den Herren der neuen Weltordnung auch militärisch
dienstbar zu machen. Dass die Alternativen zu einem Außenminister
Petritsch nicht besser sind, vermag an diesen tristen Aussichten
nichts zu ändern.