Wortmeldungen

 

"Die ich rief, die Geister"

Interview anläßlich der gewaltsamen Ausschreitungen im Kosovo im März 2004

Erschienen in "junge welt" vom 20. März 2004

FRAGE: Herr Köpruner, seit Dienstag kommt es zu den schlimmsten gewaltsamen Ausschreitungen in Serbien seit dem Beginn der westlichen Besatzung. Kosovo-Albaner stürmten den serbischen Teil der Stadt Kosvska Mitrovica. Die Zahl der Todesopfer wurde am Donnerstag mit 22 beziffert, 500 Menschen seien verletzt. Laut westlicher Presse reagierten die Albaner damit auf den angeblichen Mord an drei albanischen Jungen, die tags zuvor ertranken. Zahlreiche weitere von Serben bewohnten Dörfer wurden überfallen.

Die Eskalation war seit langem zu erwarten. Der tragische Tod der albanischen Jugendlichen war nun der Startschuss für längst vorbereitete pogromartige Aktionen in zahlreichen Städten und Ortschaften des Kosovo. Schon am Mittwoch hat Derek Chappell, der Sprecher der UNMIK (UNO) im Kosovo, bekanntgegeben, dass es sich beim Tod der Kinder eindeutig ("definitely") um einen Unfall gehandelt habe: Ein überlebender Albanerjunge habe bestätigt, dass er mit drei Freunden aus freien Stücken den Fluss Ibar durchschwimmen wollte, doch nur er am anderen Ufer angekommen sei. Es ist ungeheuerlich – leider nur zu bezeichnend –, dass dieser Vorfall von allen Medien als Auslöser der jüngsten Pogrome bezeichnet wird. Besonders bedenklich stimmt das enorme Engagement von CNN beim Aufputschen der antiserbischen Stimmung.

FRAGE: Seit Mittwoch Nachmittag kommt es wiederholt zu stellenweise gewalttätigen Protesten der Serben vor allem in Belgrad und Nis.

Diese Wutausbrüche radikalisierter Serben sind gleichfalls scharf zu verurteilen; selbst dann, wenn man berücksichtigt, dass die Geduld der Serben seit Jahren aufs Äußerste strapaziert wird. Der sinnlose und hilflose serbische Volkszorn richtet sich sowohl gegen die kosovo-albanischen Attacken, als auch gegen die Nato bzw. die K-FOR, die die im Kosovo verbliebenen Serben nicht zu schützen vermag, als auch gegen die UNO, die ihre eigenen Resolutionen nicht durchzusetzen in der Lage ist, wie auch gegen die eigene Regierung, die tatenlos zusieht, wie die Lage der im Kosovo verbliebenen Serben immer unhaltbarer wird.

FRAGE: Tage vor dem Gewaltausbruch kam es erneut zu Gewalttaten im Kosovo. Ein serbischer Teenager wurde in Caglavica erschossen, ehemalige UCK-Kämpfer protestierten an 27 Orten im Kosovo gegen die Verhaftung von ehemaligen UCK-Kämpfern UNO-Besatzer.

Nahezu jeden Tag seit dem Einmarsch der NATO im Kosovo vor bald fünf Jahren kam dort es zu Gewalttaten – und das ist nicht im Mindesten übertrieben. Es wurde nur kaum darüber berichtet. Der Westen steht hilflos vor dem Desaster, das er selbst angerichtet hat. Man gab vor, einen multikulturellen Kosovo herbeibomben zu müssen doch man hat damit erreicht, dass der Kosovo heute jenes Land der Erde ist, in dem die Ethnien wie nirgendwo sonst auf der Welt von einander getrennt leben müssen. Das Desninteresse des Westens am Kosovo-Desaster brachte es in der letzten Zeit mit sich, dass die K-FOR Monat für Monat reduziert wurde; von anfänglich 44.000 auf heute 18.500 Soldaten.

FRAGE: Sie waren im Herbst im Kosovo. Wie haben Sie Lage empfunden? Wie leben die Menschen?

Die Lage spottet jeder Beschreibung. Es gibt nur für wenige Stunden am Tag Strom und Wasser. Doch das sind für die nichtalbanischen Minderheiten in den Enklaven noch die kleinsten Probleme. Die Menschen können ihre Häuser bzw. Wohnviertel nicht ohne Begleitung bewaffneter K-FOR-Soldaten verlassen. Kinder müssen mit K-FOR-Bussen zur Schule gebracht werden, Hausfrauen zum Einkaufen. Arbeitsplätze gibt es so gut wie gar keine. Die tägliche Angst vor Mord- und Brandanschlägen ist enorm, die Lebensperspektiven gleich null. Viele Nichtalbaner bleiben nur deshalb im Kosovo, weil sie dort wenigstens nicht verhungern, denn UNO, OSZE und zahllose private Hilfsorganisationen sorgen dafür, dass es wenigstens genug zum Essen gibt. Ich habe in den letzten Tagen mit Bekannten im Kosovo telefoniert. Viele befürchten, dass die jüngsten Ausschreitungen der Auftakt für die endgültige Vertreibung aller verbliebener Nichtalbaner aus dem Kosovo waren. Die K-FOR hat nun – trotz einzelner heldenhafter Einsätze – viel von ihrer Autorität verloren.

FRAGE: Mehrere hundert Serben wurden am Mittwoch in verschiedenen Städten des Kosovo aus ihren Wohnungen evakuiert, von denen einige später in Brand gesetzt wurden. Eine Vollendung der ethnischen Säuberung des Kosovo von allen Nicht-Albanern, oder wie es die westliche Presse seit Ende des NATO-Kriegs bezeichnet, Racheakte für die Übergriffe serbischer Einheiten?

"Rache" – mit diesem Zauberwort wird schon seit fünf Jahren um Verständnis für die Übergriffe albanischer Extremisten geworben, für Massenvertreibung, für Mord, für Terror, für tausendfache Brandstiftung. Verantwortlich für all diese Verbrechen sind Extremisten, die schon seit Mitte der neunziger Jahre einen ethnisch reinen albanischen Kosovo herbeibomben wollten. Auch damals hat man deren Verbrechen mit dem Wort "Rache" schöngeredet. Trotz all der unbestrittenen Probleme war der Kosovo damals im Vergleich zu heute ein multikulturelles Paradies. Doch die entscheidenden Mächte im Westen wollten die Bomben gegen Serbien und sie haben sich mit den Verbrechern verbündet. Nunmehr wird man die damals gerufenen Geister nicht mehr los.

FRAGE: Welche Perspektiven sehen Sie für den Kosovo?

So paradox das klingen mag, nur eine massive Verstärkung der K-FOR kann die Vollendung der ethnischen Säuberung durch albanische Extremisten verhindern. Aber wie lange kann sich der Westen dieses äußerst teure Spektakel noch leisten? Ein Jahr, drei Jahre, zehn, zwanzig Jahre? Man hat alle denkbaren Lösungsvarianten x-mal durchgespielt: eine Teilung des Kosovo, eine völlige Abtrennung des Kosovo von Serbien, die Wiederherstellung der serbischen Souveränität, ein Protektorat des Europarates und was sonst noch alles. Es gibt keine Lösung, die nicht eine Unzahl neuer Probleme schaffen würde. Die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben der albanischen Mehrheit mit den anderen Völkern im Kosovo wurde in den letzten Tagen erneut ins Reich der Phantasien geschossen. Die 1999 vom Westen geschaffenen Realitäten bieten keine Perspektive. Wir werden noch sehr viel vom Kosovo zu hören bekommen.

Das Interview führte Cathrin Schütz.

Quelle: http://www.jungewelt.de/2004/03-20/018.php