Wortmeldungen

 

“Der Fortschritt überall in der Provinz ist offensichtlich.”

Referat anläßlich des März-Pogroms im Kosovo (17.-19. März 2004)

24. März 2004 im "Eine Welt Haus" in München

(In ähnlicher Form vorgetragen auch am 6. April 2004 in Bad König; außerdem auszugsweise bei der Kundgebung am 27. März 2004 in München vor der Feldherrnhalle.)


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich beginne mit ein paar Absätzen aus dem einleitenden Kapitel meines Buches “Reisen in das Land der Kriege. Erlebnisse eines fremden in Jugoslawien”:

"Das 20. Jahrhundert war erst wenige Monate alt, da ereignete sich in der Weltpolitik bisher nicht Dagewesenes: Alle militärischen Großmächte der Erde schlossen sich zu einer mächtigen Allianz zusammen und führten gemeinsam Krieg. Nachdem sie sich all die vorangegangenen Jahrhunderte, in sieben-, dreißig-, ja hundertjährigen Kriegen gegenseitig bekämpft hatten, standen sie jetzt erstmals alle auf der gleichen Seite der Front: in Peking. Dort rebellierten Mitglieder einer religiösen Sekte – man nannte sie ”Boxer” –, weil in ihre Köpfe nicht eingehen wollte, warum sie sich von den Kolonialmächten mit Opium vergiften und auch anderweitig drangsalieren lassen sollten. Sie forderten die Statthalter der Westmächte ultimativ auf, das Land zu verlassen. Das konnte man nicht durchgehen lassen, und Kaiser Wilhelm gab die Devise aus: ”Pardon wird nicht gegeben!” Wie Engländer, Franzosen, Deutsche, Österreicher, Amerikaner und andere diesen Boxern dann rasch gemeinsam Vernunft einbleuten – man hackte ihnen die Köpfe massenweise ab –, das kann man in Geschichtsbüchern nachlesen, und Günter Grass hat es im ersten Kapitel von ”Mein Jahrhundert” beschrieben.

Nach dieser beispiellosen Wende in der internationalen Bündnispolitik – der gemeinschaftlichen Mordsaktion im fernen China – bestand die berechtigte Erwartung, dass die großen Nationen in der Zukunft Kriege, wenn überhaupt, nur noch gemeinsam führen würden: Gegen irgendwelche ”Derwische” oder andere ”böse Mächte” der Erde. Man durfte hoffen, dass dem ”zivilisierten” Teil der Welt ein sehr friedliches Jahrhundert bevorstehe.

Es kam, wie wir wissen, ganz anders. In den Kriegen der folgenden hundert Jahre sind weitaus mehr Menschen getötet worden als in all den zahllosen Kriegen der vorangegangenen Jahrtausende insgesamt – die wahrlich trostlose Bilanz eines Jahrhunderts. Und fast ist man geneigt, an eine höhere Regie zu glauben, wenn wir nun sehen, dass das 20. Jahrhundert endete wie es begann: Wieder schlossen sich die mächtigsten Staaten der Erde als Weltpolizei zusammen – diesmal nicht im fernen Asien, sondern gleichsam zu Haus, in Europa.

78 Tage und Nächte lang bombardierten die 19 NATO-Staaten im Frühling 1999 militärische und zivile Ziele in Jugoslawien. Sie warfen in 38.000 Angriffen 20.000 Tonnen Sprengstoff ab, töteten nach eigenen Angaben tausende Menschen und zerstörten die gesamte Infrastruktur des Landes: Fabriken und Brücken, Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten, Stromversorgung und Telekommunikation. Doch sie taten dies, nicht anders als hundert Jahre zuvor in China, unter dem Beifall im zivilisierten Teil der Welt.

Während sich jedoch die berühmten “55 Tage in Peking” aus heutiger Sicht als imperiale Machtdemonstration darstellen, bei der es um nichts anderes als um die Sicherung politischer und wirtschaftlicher Einflußspähren ging, wird die NATO-Aktion am Balkan als der erste Krieg der Weltgeschichte bezeichnet, der ausschließlich im Namen der Menschenrechte geführt wurde.

War er das wirklich? Oder laufen wir vielleicht Gefahr, dass künftige Generationen über den Gemeinschaftskrieg am Ende des 20. Jahrhunderts nicht besser urteilen als über jenen am Beginn dieser Epoche?
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Blenden wir ein paar Jahre zurück: Ab 1989 vollzog sich mit dem Fall der Berliner Mauer, dem Niedergang der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Paktes ein epochaler Wandel. Die Welt hatte sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch verändert. Die Karten der internationalen Politik wurden in einem Ausmaße neu gemischt, das allenfalls mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergleichbar war. Der weltweite Sieg unserer Demokratie schien unaufhaltsam eingeleitet.

Und das schien wieder einmal Anlaß zu größtem Optimismus zu sein, zumal uns nicht mehr das Gleichgewicht des Schreckens vage Sicherheit vor einem Dritten Weltkrieg verschaffte, sondern der Sieg von Vernunft und Zivilisation. Gorbatschow, dem Herrn des ehemaligen ”Reiches des Bösen”, wurde der Friedensnobelpreis verliehen, und von Ost bis West waren fast alle davon überzeugt, er habe ihn redlich verdient. Konnte man sich eine schönere Entwicklung vorstellen? Die ständig schwelende Angst vor einem Atomkrieg zwischen den zwei Supermächten wich der begründeten Hoffnung, dass die Menschheit jetzt endlich einen großen Sprung nac h vorne gemacht habe, und die Zeit der großen Kriege für immer vorbei sei – mindestens in Europa.

Nur wenige Jahre später zerplatzte diese Hoffnung. Wieder fielen Bomben. Sie haben – das gilt es zu zeigen – kein einziges ihrer hehren Ziele erreicht. Zudem bekam auch das Völkerrecht schwere Treffer ab: Die in der UNO-Charta zusammengefaßten Regeln für das Zusammenleben der Staaten, die uns wenigstens in Europa einige friedliche Jahrzehnte beschert hatten, dürften für künftige Konflikte wohl nicht einmal mehr das Papier wert sein, auf denen sie stehen. Und das Fiasko der Politik am Balkan ließ die Mächtigen der Welt beängstigende Schlüsse ziehen: Noch mehr, noch raffiniertere Bomben müssen her, der Rüstungswettlauf der großen Mächte geht verschärft in die nächste Runde. Und man muß kein Pessimist sein, wenn man sich die bange Frage stellt, ob denn das Bündnis der Mächtigen diesmal länger halten wird, als damals, am Beginn des 20. Jahrhunderts, oder ob uns womöglich ein noch blutigeres 21. Jahrhundert bevorsteht."

Soweit ein paar Absätze vom Anfang meines Buches. Diese Zeilen habe ich Ende 1999 geschrieben. Seither können wir schon etwas besser erahnen, was uns im 21. Jahrhundert bevorsteht, denn die noch damals unverbrüchlich scheinende Allianz der mächtigen westlichen Staaten hat in der Zwischenzeit bekanntlich eine ernstzunehmende Erschütterung erfahren.

Blenden wir uns nun in die Gegenwart ein. Nach dem 78-tägigem Nato-Bombardement vor fünf Jahren war der Kosovo rasch bald fast vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Die Welt war mit sich im Reinen. Und soweit doch einmal merkwürdige Meldungen aus der einstmaligen Krisenregion an die Öffentlichkeit drangen, so wurden diese von zuständiger Seite regelmäßig ins rechte Licht gerückt. So beispielsweise vom EU-Außenpolitiker Javier Solana, der Ende Feber 2004, nach einem Besuch im Kosovo, befriedigt feststellte: “Der Fortschritt überall in der Provinz ist offensichtlich.” Kein Zweifel, die Weltgemeinschaft hatte ganze Arbeit geleistet, hatte Frieden geschaffen. Andere Krisen- und Kriegsschauplätze nahmen unsere Aufmerksamkeit voll und ganz in Anspruch. Im Monats-, oft sogar im Wochen-, ja im Tagestakt wurden wir von einem Gewaltschauplatz zum nächsten gerissen. Afghanistan, Irak, Haiti, Madrid, Israel, um nur einige der Bekanntesten zu nennen.

Vor genau einer Woche hat sich das schlagartig geändert. Die ganze Welt blickte für ein paar Tage wieder einmal in den Kosovo. Was war geschehen?

Noch am Montag, dem 15. März 2004, herrscht Alltag im Kosovo. Um 19.00 dieses Tages wird in der Nähe von Pristina Jovica Ivic, ein 18-jähriger Serbe, aus einem fahrenden Auto angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Serben in Gracanica protestieren lautstark auf der Straße. UNMIK und K-For – also UNO-Polizei beziehungsweise UNO-Soldaten – riegeln die Gegend ab; der oder die Attentäter können nicht ermittelt werden. Die Straßensperren werden aufgehoben. Unsere Öffentlichkeit erfährt nichts von dem Vorfall.

Alltag im Kosovo, wie gesagt. Business as usual seit bald fünf Jahren.

Tags darauf, am Dienstag um halb vier Uhr nachmittags, kommt in der Nähe der geteilten Stadt Kosovska Mitrovica ein Albanerjunge nach Hause gerannt. Er berichtet seinen Eltern, dass er mit drei Freunden in den eiskalten Fluss Ibar gesprungen sei, um diesen zu durchschwimmen. Seine drei Kameraden seien sofort von den starken Fluten erfasst und mitgerissen worden, nur er selbst habe sich ans andere Ufer retten können. Unmittelbar darauf wird eine groß angelegte Suchaktion gestartet, an der sich auch internationale Polizisten beteiligen. Kurz vor Mitternacht findet man flussabwärts einen der vermissten Jungen. Er ist tot.

In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages – des Mittwochs – wird eine weitere Kinderleiche aus dem Fluss gezogen. Am selben Vormittag verbreiten albanische Fernseh- und Radiostationen im Kosovo pausenlos die Meldung, dass drei albanische Kinder von Serben in den Tod getrieben worden seien. Einmal heißt es, eine serbische Bande habe die vier Albanerkinder in den Fluss gehetzt, dann ist von serbischen Jugendlichen die Rede, in anderen Meldungen von einem serbischen Hund. CNN übernimmt diese Meldungen prompt. Noch in den Vormittagsstunden des Mittwoch bricht im ganzen Kosovo ungehemmte Gewalt aus. In dutzenden Städten und Orten – in Pristina und Prizren, in Obilic und Orahovac, in Kosovo Polje und Belo Polje, um nur einige der häufig genannten Orte zu erwähnen – kurzum, überall dort im Kosovo, wo noch Serben und andere Nichtalbaner in Enklaven und abgeriegelten Vierteln leben.

Die Gewalt läuft allerorts nach demselben Schema ab: Ein aufgebrachter, mindestens hundert-, oft vieltausendköpfiger Mob rottet sich zusammen und marschiert schwer bewaffnet auf die nichtalbanischen Gettos los. Soweit diese von K-For-Soldaten beschützt werden, werden die Militärposten attackiert und an vielen Orten buchstäblich in die Flucht gejagt. Steine fliegen, Kalaschnikows knattern, Handgranaten und Molotow-Cocktails treffen Häuser und Autos, Kirchen und Klöster werden in Brand gesteckt oder anderweitig demoliert. Die Betroffenen – vorwiegend Serben, aber auch hunderte Roma – sind zumeist völlig wehrlos, sie verschanzen sich in Gebäuden, fliehen in K-For-Unterstände oder in Felder und Wälder. Nur in Kosovska Mitrovica sind die Serben stark genug, sich zu wehren, nur dort kommt es zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Serben und Albanern. Die Kämpfe dauern die ganze Nacht an und gehen auch am nächsten Tag, dem Donnerstag, weiter.

Es wiederholt sich, was sich im Juni und Juli 1999 im Kosovo abgespielt hat. Damals, nach dem 78-tägigen Bombardement, unmittelbar nach dem Einmarsch der Na to im Kosovo, wurden nach derselben Methode zehntausende Häuser im Kosovo zerstört, zahllose Menschen getötet und Hunderttausende – die genaue Zahl ist noch immer umstritten – für immer vertrieben. Auch dutzende orthodoxe Kirchen und Klöster wurden schon damals niedergebrannt. All dies vor den Augen der Nato.

Genau das schwebt den Organisatoren des jüngsten Pogroms vor. Es soll nun offenbar zu Ende gebracht werden, was damals so “erfolgreich” begonnen worden war.

Ab Donnerstag früh überschlagen sich die Meldungen auf allen unseren Kanälen. Obwohl Derek Chappell, der Sprecher der UNO-Polizei im Kosovo, schon am Mittwoch Abend verlautbart hatte, dass der überlebende Albanerjunge ausgesagt habe, dass er und seine Freunde den Fluss ganz alleine überqueren wollten, ohne also von jemandem getrieben worden zu sein, wird dieser tragische Unfall in allen Berichten als mehr oder weniger nachvollziehbarer Auslöser der Unruhen erwähnt. Reflexartig nimmt die Öffentlichkeit wieder einmal zur Kenntnis, dass die Serben eben keine Ruhe geben, dass das Fass offenbar wieder einmal übergelaufen ist und sie daher nun erneut die Rechnung dafür präsentiert bekommen.

Dieser Eindruck wird dramatisch verstärkt durch Bilder von brennenden Moscheen in Belgrad und Nis, und durch Meldungen, wonach die serbische Polizei dem hemmungslosen Treiben serbischer Fanatiker tatenlos zusehen würde. Dass in Belgrad und Nis etliche, angeblich passive, Polizisten vom serbischen Mob verletzt, dass dutzende der sinnlos wütenden Serben verhaftet werden, dringt nicht ins Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit. Auch nicht die Tatsache, dass die Regierung des neu gewählten serbischen Ministerpräsidenten Kostunica sich noch am selben Abend öffentlich für die Ausschreitungen entschuldigt und den Beschluss fasst, die zwei zerstörten Moscheen unverzüglich auf Staatskosten wieder zu errichten. Auch ist auf unseren Bildschirmen keine einzige der insgesamt fünfunddreißig (!) orthodoxen Kirchen zu sehen, die am Mittwoch und Donnerstag in vierzehn serbischen Enklaven im Kosovo niedergebrannt wurden.

Doch es gibt auch objektive Berichte: Veton Surroi, der Herausgeber der kosovo-albanischen Tageszeitung “Koha Ditore”, bezeichnet das albanische Pogrom als “offensichtlich organisiert und orchestriert. Das Ziel”, so der bekannte albanische Intellektuelle weiter, “ist die Verunsicherung und Vertreibung der serbischen Bevölkerung durch Zerstörung ihrer Häuser und Kirchen.” Auch Harri Holkeri, der oberste Chef der UNO-Verwaltung im Kosovo, spricht anfangs von einem offenbar lange vorbereiteten Plan. “Nichts”, so Holkeri wörtlich, “im Kosovo passiert spontan.” Admiral Gregory Johnson, der Nato-Chef für Südeuropa, wird sogar noch deutlicher, er spricht von “organised and orchestrated actions of the Albanians”. Und Johnson wörtlich weiter: “Es ist eine heuchlerische Lüge, von einem innerethnischen Konflikt zu sprechen. Was im Kosovo passiert muss als Pogrom gegen ein Volk und seine Geschichte genannt werden.” Immer wieder fällt in Kommentaren das Wort “Kristallnacht”.

Im Laufe des Freitag kehrt langsam wieder Ruhe ein in den Kosovo. Mehrere westliche Staaten beschließen, zusätzliche Soldaten zu entsenden. Man begreift, dass es ein Fehler war, die anfänglich 44.000 K-For-Soldaten auf zuletzt 18.000 Mann abgebaut zu haben.
Am Samstag ist Zeit für eine erste Bilanz des Pogroms:

- 19 Tote
- 851 Verletzte Zivilisten
- 117 verletzte UNO-Polizisten sowie 63 verletzte K-For-Soldaten
- 35 orthodoxe Kirchen, darunter auch Klöster aus dem 14. Jahrhundert, niedergebrannt
- 561 Häuser niedergebrannt
- 218 weitere Häuser anderweitig zerstört
- dutzende Friedhöfe verwüstet
- 150 UNO-Fahrzeuge ausgebrannt oder anderweitig demoliert
- 24 Zivilfahrzeuge beschädigt
- in sieben Orten des Kosovo erreichten die Vertreibungsaktionen ihr Ziel vollständig, es gibt dort jetzt keine Nichtalbaner mehr
- insgesamt wurden mindestens 3.600 Menschen in die Flucht getrieben;
- 1.100 davon sind in K-For-Quartieren im Kosovo untergebracht, die übrigen sind nach Zentralserbien verschwunden.

Dies ist die Bilanz von drei Tagen. In einem Land, das seit bald fünf Jahren mit Hilfe einer robusten internationalen Truppe von der UNO regiert wird.

Ist ein größeres Debakel denkbar?

Der Sonntag beginnt mit einer Überraschung: Der serbische Sender B92 meldet die Verhaftung des Kosovo-Albaners Halid Berani durch die UNO-Polizei im Kosovo. Halid Berani ist Präsident einer Organisation mit dem wohlklingenden Namen: “Council for protection of human rights and freedoms in Kosovo”, zu deutsch: “Rat zum Schutz von Menschenrechten und Freiheit im Kosovo”. Die UNMIK beschuldigt ihn, die Falschmeldungen über die drei ertrunkenen Kinder verbreitet zu haben. Umfangreiches Material sei im Haus Beranis beschlagnahmt worden. Der Sender B92 seinen schließt Bericht mit der Feststellung, der heutige Menschenrechtspräsident sei aktives Mitglied der UCK gewesen.

Deutsche TV-Konsumenten erfahren darüber nichts. Auch nichts davon, dass am Sonntag zwei UNO-Polizisten erschossen werden. Der eine stammt aus Ghana, der andere ist Albaner. Am Sonntag Abend wird dafür ausführlich vom Begräbnis der beiden Albanerjungen berichtet. Im Beisein von tausenden friedlichen Albanern seien die verunglückten Kinder zu Märtyrern erklärt worden. Von Berichten über Trauerfeiern auch für nur eines der dutzenden Pogromopfer ist mir, trotz intensiver Beobachtung zahlreicher Medien, nichts bekannt geworden.

Und spätabends am Sonntag scheint schon wieder der Alltag im Kosovo einzukehren: Der UNO-Missionschef Harri Holkeri erklärt in einem Interview, der Begriff “ethnische Säuberung” sei für die Vorfälle der vergangenen Woche “zu hoch gegriffen”. Und wörtlich weiter: “A couple of Serbian Orthodox Churches have been set on fire” – “ein paar serbisch-orthodoxe Kirchen wurden angezündet”. War das alles? Serben in Belgrad protestieren gegen diese Verharmlosung und fordern eine Richtigstellung, widrigenfalls den Rücktritt Holkeris. Unterdessen meldet sich Ibrahim Rugova, der Präsident des Kosovo, zu Wort: Die Vorfälle, so Rugova, hätten gezeigt, dass nur die Unabhängigkeit des Kosovo Frieden bringen könne. “Only independence can bring peace.”

Doch von dieser Aussage des einstmaligen Balkan-Gandhis, die nichts anderes als eine fortgesetzte Kampfansage darstellt, bekommt der durchschnittlich interessierte Medienkonsument hierzulande nichts mit. Er erfährt auch nichts über den Erkenntnisgewinn eines Insiders: “Ich bin schockiert über die Brutalität”, gibt Javier Solana bei einem Lokalaugenschein im Kosovo zu Protokoll. Und weiter: “Es ist traurig, zerstörte Schulen zu sehen, Kinder evakuiert, Menschen getötet, Häuser niedergebrannt.” Die Medienkarawane ist längst weitergezogen.

Und wer am Montag der folgenden Woche die Vorfälle noch diffus im Kopf hat, der findet in der Schlagzeile des aktuellen “Spiegels” das Resümee: “Im Hass vereint”, heißt es da in großen Lettern. Untertitel: “Der Amoklauf albanischer und serbischer Nationalisten brachte das Ende der Hoffnung auf einen friedlichen Ausgleich.” Die Botschaft ist klar: Beide sind schuld. Sarkastisch könnte man hinzufügen: Immerhin schon ein kleiner Fortschritt, denn bislang war fast stets nur von serbischen Nationalisten die Rede. In Wirklichkeit stellt die Behauptung, dass beide gleichermaßen schuld seien, eine krasse Verzerrung der Tatsachen dar.

Dasselbe gilt für die stereotyp wiederholte Umbenennung des albanischen Pogroms in “Zusammenstöße zwischen Albanern und Serben”. Zusammenstöße gab es, wie schon gesagt, ausschließlich in der Stadt Kosovska Mitrovica. In allen anderen etwa dreißig Städten und Ortschaften waren die angeblichen “Zusammenstöße” eine Jagd albanischer Krimineller auf einzelne Serben. Machen wir das an einem Beispiel deutlich; an Prizren, einer häufig genannten Stadt, in der sich auch das Hauptquartier der deutschen K-For-Truppe befindet: Prizren war bis zum März 1999 eine der multikulturellsten Städte Europas. Neben 70.000 Albanern lebten dort 30.000 Serben und zahlreiche Angehörige von fast einem Dutzend weiterer Nationalitäten. Nach den Nato-Bomben mussten fast alle Nichtalbaner aus der Stadt – vor dem jüngsten Pogrom – standen 100.000 Albaner ganzen 63 Serben gegenüber. Heute, nach dem jüngsten Pogrom, ist die Stadt serbenfrei. Zusammenstöße?

Wie auch immer, die Probleme im Kosovo bleiben. Sie sind nicht lösbar. X-mal wurden alle theoretisch möglichen Lösungsvarianten durchgespielt. Werfen wir einen Blick darauf:

Variante 1: Der Kosovo wird, dem seit Jahren täglich geäußerten Wunsch der Kosovo-Albaner entsprechend, in die Unabhängigkeit entlassen und als souveräner Staat anerkannt. Das würde dem Wortlaut der UNO-Resolution 1244 glatt widersprechen. Dort ist nämlich unmissverständlich festgeschrieben, dass der Kosovo Teil Jugoslawiens bleibt. Das war die entscheidende Bedingung für das serbische Einlenken, das dann zum Ende der Nato-Bomben geführt hat. Den damaligen Staat Jugoslawien gibt es zwar nicht mehr, doch der heutige Staat Serbien-Montenegro ist als Rechtsnachfolger Jugoslawiens anerkannt. Die Mehrheitsverhältnisse im UN-Sicherheitsrat schließen eine Änderung der Resolution 1244 aus. Doch selbst wenn eine solche Änderung zustande käme, wäre unabsehbares Blutvergießen und die Vertreibung der im Kosovo verbliebenen Nichtalbaner die zwingende und sofortige Folge. Denn die albanischen Führer wollen den Kosovo für sich alleine, das weiß jeder, und die Serben sterben lieber, als dass sie sich restlos vom Kosovo verabschieden; auch das ist allgemein bekannt. Doch selbst wenn der Westen den Ausbruch eines neuerlichen Bürgerkrieges im Kosovo resignierend in Kauf nähme, wäre die Katastrophe perfekt, denn die Kämpfe würden sofort auf die umliegenden Staaten übergreifen, auf Mazedonien und Griechenland, auf Albanien, Zentralserbien und Bosnien. Überall dort gibt es Regionen mit einer ähnlichen Minderheitenproblematik wie sie im Kosovo gegeben ist. Variante 1 ist also undenkbar.

Variante 2: Anschluss des Kosovo an Albanien. Damit wären zwar die Kosovo-Albaner sofort einverstanden, doch die Folgen wären ident mit jenen der ersten Variante.

Variante 3: UNO und K-For ziehen sich aus dem Kosovo zurück und überlassen die Lösung des Problems, die Klärung des völkerrechtlichen Status, den Albanern und Serben. Auch dies hätte den sofortigen Ausbruch eines blutigen Bürgerkrieges zur Folge, der natürlich ebenso auf die Nachbarstaaten übergreifen würde. Auch das scheidet also aus.

Variante 4: Eine Teilung des Kosovo in einen serbischen Norden und einen albanischen Süden. Diese oft diskutierte Lösung musste stets verworfen werden, weil auch sie einen ganzen Rattenschwanz an zusätzlichen Problemen mit sich bringen würde. Denn wenn eine weitere Aufteilung Ex-Jugoslawiens auch nur andiskutiert werden würde, so würden sich die Muslime im serbischen Sandschak massiv zu Wort melden, die längst eine Trennung von Serbien und die Vereinigung mit Bosnien anstreben. Des weiteren die Serben in der bosnischen Serbenrepublik, die in diesem Fall den Anschluss an Serbien fordern würden. Auch die Albaner im westlichen Mazedonien, die ja gleichfalls schon Krieg für ihre Unabhängigkeit geführt haben, wären sofort wieder lautstark zur Stelle. Und so weiter und so fort. Das im Jahre1995 in Dayton kunstvoll errichtete Kartenhaus würde zusammenkrachen. Ganz abgesehen davon, dass die ethnische Landkarte des Kosovo eine auch nur halbwegs gerechte Aufteilung in Nord und Süd faktisch unmöglich macht. Auch die Teilungslösung hat daher keine Chance.

Variante 5: Eine Kantonslösung für den Kosovo, wie sie vom serbischen Ministerpräsidenten Kostunica forciert wird. So eine Lösung sähe vor, dass der Kosovo Bestandteil Serbien-Montenegros bliebe, aber in Kantone mit teils albanischer, teils serbischer Mehrheit unterteilt würde. Diese – vergleichsweise vielleicht noch sinnvollste – Regelung scheiterte bisher am kompromisslosen Verlangen der Albaner nach dem ganzen Kosovo. Doch selbst wenn, was wohl ausgeschlossen werden kann, den albanischen Führern nunmehr vom Westen am Verhandlungstisch eine Kantonslösung aufgezwungen werden könnte, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis der Bürgerkrieg wieder ausbräche.

Bleibt die 6. Variante: Aus dem Kosovo wird ein Protektorat der UNO und, zu einem späteren Zeitpunkt, eines der Europäischen Union. Das ist de facto seit bald fünf Jahren der Status quo. Und so wird es auch auf absehbare Zeit bleiben. Doch wie lange kann sich der Westen dieses sündhaft teure Spektakel leisten? Ein Jahr, drei Jahre, zehn oder zwanzig Jahre? Und wie lange wird es dauern, bis die nächsten Unruhen ausbrechen? Sei es nun spontan oder orchestriert. Was wird passieren, wenn beim nächsten Mal tote K-For-Soldaten aus westlichen Staaten im Dutzend in ihre Heimatländer überstellt werden müssen? Fragen über Fragen! Und keine Antworten.

Die westliche Wertegemeinschaft, die noch heute inbrünstig davon überzeugt ist, 1999 den ersten allein humanitär begründeten Krieg der Weltgeschichte geführt zu haben, ist Gefangene ihrer eigenen Strategie. Jahrelang hat sie die Serben als blutrünstige Menschenverächter gebrandmarkt, während die Albaner stets nur als Opfer gesehen wurden. Sie hat sich mit der UCK verbündet – moralisch, politisch und militärisch. Und so kann es nicht verwundern, dass Hashim Thaci und Agim Ceku, um nur die zwei wichtigsten Anführer der UCK zu nennen, bisher nicht nur nicht verhaftet, sondern als maßgebliche Autoritäten und als legitime Verhandlungspartner in führenden öffentlichen Stellungen akzeptiert werden. Und das, obwohl diesen Herren auch von vielen westlichen Beobachtern zahllose Morde, Menschenraub und Erpressung zur Last gelegt werden, von den Pogromen im Sommer 1999 ganz zu schweigen. Der Westen weigert sich, die UNO-Resolution 1244 umzusetzen, zieht sich auf Formeln wie “Standards vor Status” zurück und beläßt damit die albanischen Terroristen in der Hoffnung, dereinst die Unabhängigkeit bestätigt zu bekommen. Und diese Terroristen zweifeln nicht daran, dass die Zeit für sie arbeitet.

Lassen Sie mich an dieser Stelle – zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse – ein Wort über das albanische Volk sagen. Sind denn die Albaner allesamt, oder wenigstens in ihrer übergroßen Mehrzahl, Terroristen, Rassisten, Faschisten? Schon der Menschenverstand, aber auch zahlreiche eigene Erlebnisse und Bekanntschaften, zeigen mir, dass das mit Sicherheit nicht der Fall ist. Es gibt da zweifellos kulturelle Besonderheiten, aber die gibt es anderswo in anderer Form auch. Mag sein, dass historisch gewachsene Sozial- und Autoritätstrukturen bestehen, die Albaner anfälliger machen für ein Massenverhalten, aber gerade als Deutscher sollte man mit Aussagen dieser Art vorsichtig sein. Die Albaner im allgemeinen, da bin ich mir sicher, sind bestimmt keine schlechteren Menschen als etwa die Deutschen. Woher aber kommt dann der so massenhaft und so wütend auftretende Hass? Ich zweifle nicht daran, dass dafür die Verbrüderung unserer Wertegemeinschaft ausgerechnet mit den kriminellsten Elementen des albanischen Volks maßgeblich verantwortlich ist. Was für ein Bild soll sich denn ein einfacher Albaner über Recht und Unrecht machen, wenn der oberste UCK-Boss Hashim Thaci Tag für Tag gemeinsam mit dem obersten UNO-Vertreter am Bildschirm zu sehen ist?

Und so lange dem so ist, scheint mir eines sicher: Auch die Protektorats-Variante ist keine Lösung. Und sie führt auch zu keiner Lösung. Und das selbst dann, wenn man im Westen noch sehr lange dazu bereit wäre, die Unsummen zu bezahlen, die K-For und UNMIK Tag für Tag kosten. Zumal die Lage im Protektorat Kosovo auch ganz ohne Pogrom schier unerträglich ist. Ich war in den vergangenen Monaten mehrfach im Kosovo, und das Bild, das sich einem dort bietet, spottet jeder Beschreibung. Und das trotz der unbestreitbaren und enormen Bemühungen vieler Mitarbeiter von UNO, K-For, OSZE und zahllosen privaten Hilfsorganisationen. Das gilt schon für die albanischen, erst recht aber für die wenigen verbliebenen nichtalbanischen Gebiete. Strom und Wasser gibt es im gesamten Kosovo pro Tag nur für wenige Stunden, die Arbeitslosigkeit ist exorbitant, das soziale Spannungspotenzial dementsprechend. Serben und Roma sind Tag und Nacht in ihren Vierteln eingesperrt, die sie nur mit K-For-Begleitung verlassen können.

So muss, um diesen absurden Zustand an einem Beispiel zu verdeutlichen, jedes einzelne nichtalbanische Kind per UNO- oder K-For-Fahrzeug täglich von seiner Haustüre abgeholt werden, um zur Schule gebracht zu werden. Alles andere wäre lebensgefährlich. Und beim Nachhauseweg wiederholt sich die Szene. Eine bei der UNO angestellte Serbin im Ghetto von Orahovac sagte mir Ende letzten Jahres: “Wir sitzen auf einem Pulverfass, das jeden Moment explodieren kann. Die Albaner warten nur darauf, bis die K-For-Truppen weiter reduziert sind. Und wenn es so weit ist, dann macht es einen riesigen Tusch, und der Kosovo ist endlich wirklich rein albanisch. Bei Euch im Westen”, so fuhr sie resigniert fort, “wird man drei Tage lang entsetzt darüber berichten, und dann ist die ganze Angelegenheit vergessen. Nur wir werden dann nicht mehr sein.”

Ich hielt das für übertrieben, doch die jüngste Entwicklung belehrte mich eines Besseren – genau darauf steuern wir zu. Ich sprach, um ein weiteres Beispiel für die hoffnungslose Lage zu nennen, auch mit einem kräftigen jungen Mann, der vor Jahren aus dem Kosovo geflüchtet war und nunmehr wieder dorthin zurück-gekehrt ist. “Ich lebte lange in Montenegro”, erzählte er mir, “habe dort jeden sich bietenden Job angenommen, aber meist waren es halb illegale Dinge, Zigarettenschmuggel und ähnliche Sachen. Zuletzt stand ich vor der Wahl, ganz ins Kriminelle abzugleiten oder zu verhungern. Da bin ich in mein Heimatdorf im Kosovo zurückgekehrt, denn hier sorgt die UNO wenigstens dafür, dass man täglich etwas zu essen bekommt. Und jetzt sitze ich da und warte, ich weiß nur nicht, auf was.”

Kosovo im Jahre 2004, eine Besserung ist nicht in Sicht.

Wie konnte es so weit kommen im früheren Jugoslawien? In einem Land, das vor genau zwanzig Jahren in glanzvoller Weise die olympischen Winterspiele in Sarajevo ausgetragen hat. In einem Land, das jahrzehntelang das führende Mitglied der so genannten “Blockfreien Staaten” war, weltweit geachtet. Ist es wirklich so einfach, wie es der “Spiegel”, und mit ihm alle anderen, erklärt? “Im Hass vereint.” Hier Nationalisten – dort Nationalisten.

Oder ist das ganze Elend nicht vielmehr auch von außen erheblich mitverursacht – und daher auch mitzuverantworten?

Nein, ich bin nicht wie so manche der Ansicht, dass für das Leid, das Millionen Menschen am Balkan seit Jahren Tag für Tag erdulden müssen, ausschließlich unsere Politiker und Medien im so genannten Westen verantwortlich gemacht werden können. Viele Probleme sind hausgemacht, von unfähigen und kriminellen Führern im Lande selbst. Und viele Widersprüche sind das Resultat jahrhundertealter Verwerfungen, für die keiner der heute Verantwortlichen Schuld hat. Ich bin aber ebenso sehr davon überzeugt, dass die Einmischung von außen in die inneren Probleme Jugoslawiens entscheidenden Anteil an dieser katastrophalen Entwicklung hat. Und ich bin empört über die Selbstgefälligkeit mit der bei uns zumeist über die Konflikte geurteilt wird.

Daher will ich an dieser Stelle wieder einmal mit ein paar Sätzen in Erinnerung rufen, wo die Schuld der westlichen Staatengemeinschaft – meiner Meinung nach – zu sehen ist, wo die verhängnisvolle Politik ihren Ausgang nahm. Dabei werde ich – jeder kehre vor der eigenen Tür! – einen besonderen Blick auf die Rolle Deutschlands werfen. Es ist mir bewusst, dass das Rufe in die Wüste sind, denn die Selbstgefälligkeit ist hierzulande ganz besonders groß. Die Argumentationsketten sind dicht geschlossen und die Überzeugungen bezüglich der eigenen Unschuld absolut abgesichert. Trotzdem sehe ich keine andere Möglichkeit, als bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hinzuweisen.

Die unlösbaren Probleme, unter denen die Menschen im Kosovo heute leiden, sind untrennbar verbunden mit dem Zerfall Jugoslawiens, der im Jahre 1991 seinen überstürzten und verhängnisvollen Anfang genommen hat.

Das Gebiet dieses einstmals größten Landes am Balkan war schon immer den Begehrlichkeiten seiner mächtigen Nachbarn ausgesetzt. Türken, Ungarn, Österreicher, Italiener, Franzosen und Deutsche haben es über Jahrhunderte hinweg mit Krieg überzogen, es erobert und besetzt, seine Menschen unterdrückt und gemordet.

Nebenbei gefragt: Ist es nicht merkwürdig, dass niemals in der Geschichte eines der jugoslawischen Völker einen seiner Nachbarn auf dessen Territorium angegriffen hat, sondern dass dies in allen Fällen andersherum verlaufen ist? Und ist es nicht noch viel merkwürdiger, dass die jugoslawischen Völker trotz dieser historischen Tatsache als besonders kriegerisch gelten? Ganz besonders hier in Deutschland zeigt man ja gern und mit tiefster Überzeugung und Abscheu mit den Fingern auf "die da unten" und schüttelt ob so viel Mordlust ratlos den Kopf. Und das, obwohl es Deutschland war, das jenes Land in zwei Weltkriegen besetzt und in beiden Fällen Millionen Tote hinterlassen hat. Und ist es nicht merkwürdig, dass sich die Menschen dieses mit Abstand leidgeprüftesten Landes Europas, die sich angeblich gegenseitig so gar nicht ausstehen können, nach beiden Weltkriegen zu einem gemeinsamen Staat – zu Jugoslawien – zusammengefunden haben? Wohlgemerkt: ohne Diktat von außen. Dass dieser gemeinsame Staat auf wackeligen Beinen stand, kann nach all den jeweils vorangegangenen Kriegen wahrlich nicht weiter verwundern. Umso mehr wäre es – wenn man den Frieden liebte – geboten gewesen, den Zusammenhalt Jugoslawiens von außen zu fördern, wenigstens aber, ihn nicht nach Kräften zu torpedieren.

Genau das aber hat Anfang der neunziger Jahre stattgefunden, und Deutschland spielte dabei eine, nein die entscheidende Rolle.

Wenn wir heute von unserer Regierung hören, dass deutsche Interessen ab sofort auch am Hindukusch verteidigt werden, so müßte eigentlich auch dem Leichtgläubigsten einleuchten, dass es dem wiedervereinigten Deutschland in den neunziger Jahren insbesondere darum gegangen ist, nicht nur wirtschaftlich, sondern endlich auch militärisch wieder in der ersten Weltliga mitspielen zu können. Dem geteilten Deutschland war das als Folge des verlorenen Weltkrieges bekanntlich jahrzehntelang nicht möglich. Jugoslawien aber, das kann man aus der zeitlichen Distanz sehr deutlich erkennen, war das Übungsfeld auf dem Deutschland seine Rückkehr als Militärmacht erprobte – und schließlich vollzog. Sticht es nicht ins Auge, dass der Beginn der massiven Einmischung in die damals innerhalb Jugoslawiens schwelende Krise zeitlich genau mit der deutschen Einheit zusammenfällt?

Was ist damals, im Frühsommer 1991, passiert?

Der Staat Jugoslawien stand am Höhepunkt einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise. Die Regierungen von Slowenien und Kroatien wollten die Unabhängigkeit ihrer Republiken von Belgrad erreichen. Ein klassischer innerstaatlicher Konflikt, bei dem nach den Regeln des Völkerrechts – mit sehr gutem Grund – jegliche Einmischung von außen streng untersagt ist. Folglich bestand weltweit, ganz besonders innerhalb der Europäischen Gemeinschaft, der zunächst unumstrittene Konsens, keine Sezession jugoslawischer Teilrepubliken anzuerkennen, so lange nicht die völkerrechtlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Denn die Anerkennung einer so schwer umstrittenen Sezession wäre fraglos eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates gewesen.

Das will ich an einem wohl jedermann einleuchtenden Beispiel deutlich machen: Nehmen wir einmal kurz an, Deutschland würde heute eine unabhängige Baskenrepublik anerkennen, so wäre dies offensichtlich eine unzulässige Einmischung in innerspanische Angelegenheiten – mit unabsehbaren Folgen.

Auch die deutsche Außenpolitik hielt sich folglich eine Zeitlang, zumindest offiziell und nach außen, an die internationalen völkerrechtlichen Standards, an die Absprachen mit den Partnern in der EG. Bis genau zum 1. Juli 1991. An diesem Tag erklärte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl: “Deutschland soll die EG zur Anerkennung der beiden Republiken veranlassen”. Damit war das Signal gegeben. Ab diesem Tag machte Deutschland massiven Druck auf die übrigen EU-Staaten. Der Rest der Welt, sieht man von Österreich und dem Vatikan ab, war zu diesem Zeitpunkt noch strikt für den Erhalt des jugoslawischen Gesamtstaates.

Es gab zahllose eindringliche Warnungen vor den Folgen dieser Anerkennungspolitik. Lassen Sie mich die, weil von höchster Stelle kommend, markanteste Warnung nennen: Am 10. Dezember 1991, als Deutschland kurz davor stand, die abtrünnigen Republiken und damit die Zerstörung Jugoslawiens im Alleingang anzuerkennen, schrieb der damalige UN-Generalsekretär Perez de Cuellar an die zwölf EG-Außenminister. Ich zitiere: “Ich bin tief beunruhigt darüber, dass eine verfrühte, selektive Anerkennung den gegenwärtigen Konflikt ausweiten und eine explosive Situation hervorrufen könnte.” Der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher antwortete am 13. Dezember: “Die Verweigerung der Anerkennung jener Republiken, die ihre Unabhängigkeit wünschen, müßte zu weiterer Eskalation der Gewaltanwendung durch die Volksarmee führen, weil sie darin eine Bestätigung ihrer Eroberungspolitik sehen würde.” Perez de Cuellar schrieb postwendend, am 14. Dezember, zurück, dass – Zitat – “verfrühte selektive Anerkennungen eine Erweiterung des Konfliktes in jenen empfindlichen Regionen nach sich ziehen würden. Solch eine Entwicklung könnte schwerwiegende Folgen für die ganze Balkanregion haben und würde meine eigenen Bemühungen und diejenigen meines persönlichen Gesandten, die notwendigen Bedingungen für die Anwendung von friedenserhaltenden Maßnahmen in Jugoslawien zu sichern, ernstlich gefährden”.

Deutschland schlug die Warnungen in den Wind: Wenige Tage nach diesem unmissverständlichen – und prophetischen – Appell des UN-Generalsekretärs sprach die deutsche Bundesregierung die Anerkennung der Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien aus. Die elf weiteren EG-Staaten folgten am 15. Januar 1992, sie hatten sich nach monatelangem Widerstreben dem Druck Deutschlands gebeugt. “Wir konnten uns auf den Kopf stellen”, wurde Ruud Lubbers, der niederländische Ministerpräsident später zitiert, “die übrigen Europäer konnten noch so verwundert dreinschauen – die Deutschen gingen solo zu Werke.”

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin mir bewusst, dass ich Ihre Aufmerksamkeit heute Abend stark in Anspruch nehme. Mit einer geballten Ladung von unerfreulichen Daten und Fakten. Ich glaube, Ihnen das nach den dramatischen Ereignissen im Kosovo zumuten zu müssen und auch zumuten zu können. In meinem Buch, das vorzustellen eigentlich der Anlass des heutigen Abends war, habe ich den Versuch unternommen, die komplexe jugoslawische Materie, anhand meiner persönlichen Erlebnisse in etwas leichter verdaulicher Form aufzubereiten. Und ich möchte meine Ausführungen heute nicht abschließen, ohne Ihnen davon eine Kostprobe zur Kenntnis gebracht zu haben.

Vielleicht fragt sich der eine oder die andere, wie denn ein Geschäftsmann, der sich normalerweise mit Werkzeugmaschinen beschäftigt, dazu kommt, solche Vorträge zu halten. Nun, die Antwort findet sich in meinem Buch, aus dem ich Ihnen nun noch ein Kapitel vorlesen will. Dieses Kapitel ist gewissermaßen eine Schlüsselstelle des Buches, denn es macht deutlich, wie ich Anfang der neunziger Jahre völlig unvorbereitet in die jugoslawischen Wirren hinein gestolpert bin, und wie mein Interesse daran geweckt wurde. Und es wirft auch ein Schlaglicht darauf, was für ein Regime damals in Kroatien herrschte, für dessen Unabhängigkeit Deutschland sich so vehement eingesetzt hat.

Aus dem Buch: Die Kapitel “Josip” und “Cupe” (Seite 38 bis 48, Espresso-Ausgabe).

So präsentierte sich mir das damals in Kroatien herrschende Regime, für dessen Anerkennung Deutschland selbst die europäische Einigung aufs Spiel gesetzt hat. Im Buch erzähle ich noch viele weitere Facetten, welche die Verantwortungslosigkeit dieser deutschen Politik deutlich machen.

Auf die Entwicklung, die auf die Anerkennung folgte, in Kroatien, in Bosnien und schließlich in Serbien und Mazedonien, kann ich hier nicht im Detail eingehen. Auch das habe ich ausführlich in meinem Buch getan. Selten jedenfalls hat sich eine Prophezeiung in einem so dramatischen Ausmaß erfüllt, wie jene des dam aligen UN-Generalsekretärs Perez de Cuellar: Die überstürzte Anerkennung von Slowenien und Kroatien hat in der Tat “schwerwiegende Folgen für die ganze Balkanregion” gehabt. Und zwar bis auf den heutigen Tag und noch weit darüber hinaus. Das hat die jüngste Entwicklung wieder einmal weltweit deutlich gemacht. Denn wie soll man den Kosovo-Albanern klar machen, dass zwar Slowenen und Kroaten das Recht auf ihren eigenen Staat haben, nicht aber sie selbst?

Die unmittelbare Folge der Anerkennungspolitik war die rasche Ausweitung der Kriege, und zwar mit stets steigender internationaler Beteiligung. Genau das ist also eingetreten, was Genscher mit seiner Anerkennungspolitik verhindern wollte: “eine weitere Eskalation der Gewaltanwendung”. Und da man für das totale Scheitern der eigenen Politik einen Sündenbock braucht, lief während der gesamten neunziger Jahre eine fast beispiellose Diffamierung des ganzen serbischen Volkes ab. Die Serben sind an allem schuld, das wurde von Vukovar bis Dubrovnik, von Srebrenica bis Racak gleich tausendfach bewiesen. Kaum ein Bericht auch über die jüngsten Pogrome im Kosovo, der diese fast zum Naturgesetz erhobene Verleumdung nicht wieder aufwärmt. So heißt es auch im neuesten “Spiegel” zur Erklärung des aktuellen Dilemmas lapidar: “Seit Nato-Bomber die Serben 1999 daran hinderten, die albanische Bevölkerungsmehrheit aus ihrer Heimat zu vertreiben, blieb der völkerrechtliche Status der Provinz ungeklärt.” So einfach ist das, es braucht gar nicht mehr lange begründet zu werden. Es ist schlicht ein Faktum, obwohl es allen Fakten widerspricht, wie ich gleichfalls in meinem Buch nachgewiesen habe, und mit mir zahlreiche, auch weitaus Berufenere, andere.

Die Anerkennungsbeschlüsse von Ende 1991 haben – gewissermaßen als Nebenprodukt – die Vereinigten Staaten von Amerika auf den Plan gerufen, womit die balkanischen Konflikte eine zusätzliche, eine weltpolitische Dimension erfahren haben. Die USA, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die alleinige Supermacht, wollten oder konnten nicht tatenlos zusehen, wie Deutschland die Neuordnung des Balkans im Alleingang regelte und damit seinen Einfluss auf eine so wichtige Weltregion ausdehnte. Dies zu verhindern war letztlich offenbar nur mit Waffengewalt möglich. Wer die dicken Bücher von Lord David Owen, dem langjährigen EU-Vermittler im Bosnienkrieg, und Richard Holbrooke, dem Sondergesandten der USA am Balkan, aufmerksam studiert, kann schwerlich zu einem anderen Schluss kommen, als dass die Neuregelung der Verhältnisse am Balkan vor dem Hintergrund der Konkurrenz zwischen den USA und Europa abgelaufen sind und auch heute noch ablaufen.

Und damit schließt sich der Kreis. Mancher Zyniker mag vielleicht denken, sollen sich die da unten meinetwegen die Köpfe einschlagen, wenn sie das denn unbedingt wollen. Es geht dort aber um viel mehr, das zeigt die ganze Entwicklung. Es geht auch um die Frage, wie die Welt aussehen wird am Ende des 21. Jahrhunderts. Und davon sind wir alle betroffen.
Ich komme zum Schluss, nicht aber, ohne auf das heutige Datum hingewiesen zu haben. Heute, am 24. März, vor genau fünf Jahren hat das 78-tägige Nato-Bombardement gegen Serbien begonnen. Aus diesem Anlass verlese ich nun eine kleine Rede, die ich vor zwei Jahren, anlässlich des 3. Jahrestages dieses Ereignisses, in Potsdam gehalten habe. Der Text scheint mir nach wie vor aktuell und auch eine geeignete Zusammenfassung meiner heutigen Ausführungen.

Siehe Rede von Kurt Köpruner beim Potsdamer Ostermarsch am 24. März 2002