“Der Fortschritt überall
in der Provinz ist offensichtlich.”
Referat anläßlich des März-Pogroms
im Kosovo (17.-19. März 2004)
24. März 2004 im "Eine Welt Haus" in München
(In ähnlicher Form vorgetragen
auch am 6. April 2004 in Bad König; außerdem auszugsweise
bei der Kundgebung am 27. März 2004 in München vor der
Feldherrnhalle.)
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich beginne mit ein paar Absätzen aus dem einleitenden Kapitel
meines Buches “Reisen in das Land der Kriege. Erlebnisse
eines fremden in Jugoslawien”:
"Das 20. Jahrhundert war erst wenige Monate alt, da ereignete
sich in der Weltpolitik bisher nicht Dagewesenes: Alle militärischen
Großmächte der Erde schlossen sich zu einer mächtigen
Allianz zusammen und führten gemeinsam Krieg. Nachdem sie
sich all die vorangegangenen Jahrhunderte, in sieben-, dreißig-,
ja hundertjährigen Kriegen gegenseitig bekämpft hatten,
standen sie jetzt erstmals alle auf der gleichen Seite der Front:
in Peking. Dort rebellierten Mitglieder einer religiösen
Sekte – man nannte sie ”Boxer” –, weil
in ihre Köpfe nicht eingehen wollte, warum sie sich von den
Kolonialmächten mit Opium vergiften und auch anderweitig
drangsalieren lassen sollten. Sie forderten die Statthalter der
Westmächte ultimativ auf, das Land zu verlassen. Das konnte
man nicht durchgehen lassen, und Kaiser Wilhelm gab die Devise
aus: ”Pardon wird nicht gegeben!” Wie Engländer,
Franzosen, Deutsche, Österreicher, Amerikaner und andere
diesen Boxern dann rasch gemeinsam Vernunft einbleuten –
man hackte ihnen die Köpfe massenweise ab –, das kann
man in Geschichtsbüchern nachlesen, und Günter Grass
hat es im ersten Kapitel von ”Mein Jahrhundert” beschrieben.
Nach dieser beispiellosen Wende in der internationalen Bündnispolitik
– der gemeinschaftlichen Mordsaktion im fernen China –
bestand die berechtigte Erwartung, dass die großen Nationen
in der Zukunft Kriege, wenn überhaupt, nur noch gemeinsam
führen würden: Gegen irgendwelche ”Derwische”
oder andere ”böse Mächte” der Erde. Man
durfte hoffen, dass dem ”zivilisierten” Teil der Welt
ein sehr friedliches Jahrhundert bevorstehe.
Es kam, wie wir wissen, ganz anders. In den Kriegen der folgenden
hundert Jahre sind weitaus mehr Menschen getötet worden als
in all den zahllosen Kriegen der vorangegangenen Jahrtausende
insgesamt – die wahrlich trostlose Bilanz eines Jahrhunderts.
Und fast ist man geneigt, an eine höhere Regie zu glauben,
wenn wir nun sehen, dass das 20. Jahrhundert endete wie es begann:
Wieder schlossen sich die mächtigsten Staaten der Erde als
Weltpolizei zusammen – diesmal nicht im fernen Asien, sondern
gleichsam zu Haus, in Europa.
78 Tage und Nächte lang bombardierten die 19 NATO-Staaten
im Frühling 1999 militärische und zivile Ziele in Jugoslawien.
Sie warfen in 38.000 Angriffen 20.000 Tonnen Sprengstoff ab, töteten
nach eigenen Angaben tausende Menschen und zerstörten die
gesamte Infrastruktur des Landes: Fabriken und Brücken, Schulen,
Krankenhäuser und Kindergärten, Stromversorgung und
Telekommunikation. Doch sie taten dies, nicht anders als hundert
Jahre zuvor in China, unter dem Beifall im zivilisierten Teil
der Welt.
Während sich jedoch die berühmten “55 Tage in
Peking” aus heutiger Sicht als imperiale Machtdemonstration
darstellen, bei der es um nichts anderes als um die Sicherung
politischer und wirtschaftlicher Einflußspähren ging,
wird die NATO-Aktion am Balkan als der erste Krieg der Weltgeschichte
bezeichnet, der ausschließlich im Namen der Menschenrechte
geführt wurde.
War er das wirklich? Oder laufen wir vielleicht Gefahr, dass künftige
Generationen über den Gemeinschaftskrieg am Ende des 20.
Jahrhunderts nicht besser urteilen als über jenen am Beginn
dieser Epoche?
[.........]
Blenden wir ein paar Jahre zurück: Ab 1989 vollzog sich mit
dem Fall der Berliner Mauer, dem Niedergang der Sowjetunion und
der Auflösung des Warschauer Paktes ein epochaler Wandel.
Die Welt hatte sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch verändert.
Die Karten der internationalen Politik wurden in einem Ausmaße
neu gemischt, das allenfalls mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges
vergleichbar war. Der weltweite Sieg unserer Demokratie schien
unaufhaltsam eingeleitet.
Und das schien wieder einmal Anlaß zu größtem
Optimismus zu sein, zumal uns nicht mehr das Gleichgewicht des
Schreckens vage Sicherheit vor einem Dritten Weltkrieg verschaffte,
sondern der Sieg von Vernunft und Zivilisation. Gorbatschow, dem
Herrn des ehemaligen ”Reiches des Bösen”, wurde
der Friedensnobelpreis verliehen, und von Ost bis West waren fast
alle davon überzeugt, er habe ihn redlich verdient. Konnte
man sich eine schönere Entwicklung vorstellen? Die ständig
schwelende Angst vor einem Atomkrieg zwischen den zwei Supermächten
wich der begründeten Hoffnung, dass die Menschheit jetzt
endlich einen großen Sprung nac
h vorne gemacht habe, und
die Zeit der großen Kriege für immer vorbei sei –
mindestens in Europa.
Nur wenige Jahre später zerplatzte diese Hoffnung. Wieder
fielen Bomben. Sie haben – das gilt es zu zeigen –
kein einziges ihrer hehren Ziele erreicht. Zudem bekam auch das
Völkerrecht schwere Treffer ab: Die in der UNO-Charta zusammengefaßten
Regeln für das Zusammenleben der Staaten, die uns wenigstens
in Europa einige friedliche Jahrzehnte beschert hatten, dürften
für künftige Konflikte wohl nicht einmal mehr das Papier
wert sein, auf denen sie stehen. Und das Fiasko der Politik am
Balkan ließ die Mächtigen der Welt beängstigende
Schlüsse ziehen: Noch mehr, noch raffiniertere Bomben müssen
her, der Rüstungswettlauf der großen Mächte geht
verschärft in die nächste Runde. Und man muß kein
Pessimist sein, wenn man sich die bange Frage stellt, ob denn
das Bündnis der Mächtigen diesmal länger halten
wird, als damals, am Beginn des 20. Jahrhunderts, oder ob uns
womöglich ein noch blutigeres 21. Jahrhundert bevorsteht."
Soweit ein paar Absätze vom Anfang
meines Buches. Diese Zeilen habe ich Ende 1999 geschrieben. Seither
können wir schon etwas besser erahnen, was uns im 21. Jahrhundert
bevorsteht, denn die noch damals unverbrüchlich scheinende
Allianz der mächtigen westlichen Staaten hat in der Zwischenzeit
bekanntlich eine ernstzunehmende Erschütterung erfahren.
Blenden wir uns nun in die Gegenwart ein. Nach dem 78-tägigem
Nato-Bombardement vor fünf Jahren war der Kosovo rasch bald
fast vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.
Die Welt war mit sich im Reinen. Und soweit doch einmal merkwürdige
Meldungen aus der einstmaligen Krisenregion an die Öffentlichkeit
drangen, so wurden diese von zuständiger Seite regelmäßig
ins rechte Licht gerückt. So beispielsweise vom EU-Außenpolitiker
Javier Solana, der Ende Feber 2004, nach einem Besuch im Kosovo,
befriedigt feststellte: “Der Fortschritt überall in
der Provinz ist offensichtlich.” Kein Zweifel, die Weltgemeinschaft
hatte ganze Arbeit geleistet, hatte Frieden geschaffen. Andere
Krisen- und Kriegsschauplätze nahmen unsere Aufmerksamkeit
voll und ganz in Anspruch. Im Monats-, oft sogar im Wochen-, ja
im Tagestakt wurden wir von einem Gewaltschauplatz zum nächsten
gerissen. Afghanistan, Irak, Haiti, Madrid, Israel, um nur einige
der Bekanntesten zu nennen.
Vor genau einer Woche hat sich das schlagartig geändert.
Die ganze Welt blickte für ein paar Tage wieder einmal in
den Kosovo. Was war geschehen?
Noch am Montag, dem 15. März 2004, herrscht Alltag im Kosovo.
Um 19.00 dieses Tages wird in der Nähe von Pristina Jovica
Ivic, ein 18-jähriger Serbe, aus einem fahrenden Auto angeschossen
und lebensgefährlich verletzt. Serben in Gracanica protestieren
lautstark auf der Straße. UNMIK und K-For – also UNO-Polizei
beziehungsweise UNO-Soldaten – riegeln die Gegend ab; der
oder die Attentäter können nicht ermittelt werden. Die
Straßensperren werden aufgehoben. Unsere Öffentlichkeit
erfährt nichts von dem Vorfall.
Alltag im Kosovo, wie gesagt. Business as usual seit bald fünf
Jahren.
Tags darauf, am Dienstag um halb vier Uhr nachmittags, kommt in
der Nähe der geteilten Stadt Kosovska Mitrovica ein Albanerjunge
nach Hause gerannt. Er berichtet seinen Eltern, dass er mit drei
Freunden in den eiskalten Fluss Ibar gesprungen sei, um diesen
zu durchschwimmen. Seine drei Kameraden seien sofort von den starken
Fluten erfasst und mitgerissen worden, nur er selbst habe sich
ans andere Ufer retten können. Unmittelbar darauf wird eine
groß angelegte Suchaktion gestartet, an der sich auch internationale
Polizisten beteiligen. Kurz vor Mitternacht findet man flussabwärts
einen der vermissten Jungen. Er ist tot.
In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages –
des Mittwochs – wird eine weitere Kinderleiche aus dem Fluss
gezogen. Am selben Vormittag verbreiten albanische Fernseh- und
Radiostationen im Kosovo pausenlos die Meldung, dass drei albanische
Kinder von Serben in den Tod getrieben worden seien. Einmal heißt
es, eine serbische Bande habe die vier Albanerkinder in den Fluss
gehetzt, dann ist von serbischen Jugendlichen die Rede, in anderen
Meldungen von einem serbischen Hund. CNN übernimmt diese
Meldungen prompt. Noch in den Vormittagsstunden des Mittwoch bricht
im ganzen Kosovo ungehemmte Gewalt aus. In dutzenden Städten
und Orten – in Pristina und Prizren, in Obilic und Orahovac,
in Kosovo Polje und Belo Polje, um nur einige der häufig
genannten Orte zu erwähnen – kurzum, überall dort
im Kosovo, wo noch Serben und andere Nichtalbaner in Enklaven
und abgeriegelten Vierteln leben.
Die Gewalt läuft allerorts nach demselben Schema ab: Ein
aufgebrachter, mindestens hundert-, oft vieltausendköpfiger
Mob rottet sich zusammen und marschiert schwer bewaffnet auf die
nichtalbanischen Gettos los. Soweit diese von K-For-Soldaten beschützt
werden, werden die Militärposten attackiert und an vielen
Orten buchstäblich in die Flucht gejagt. Steine fliegen,
Kalaschnikows knattern, Handgranaten und Molotow-Cocktails treffen
Häuser und Autos, Kirchen und Klöster werden in Brand
gesteckt oder anderweitig demoliert. Die Betroffenen – vorwiegend
Serben, aber auch hunderte Roma – sind zumeist völlig
wehrlos, sie verschanzen sich in Gebäuden, fliehen in K-For-Unterstände
oder in Felder und Wälder. Nur in Kosovska Mitrovica sind
die Serben stark genug, sich zu wehren, nur dort kommt es zu bewaffneten
Zusammenstößen zwischen Serben und Albanern. Die Kämpfe
dauern die ganze Nacht an und gehen auch am nächsten Tag,
dem Donnerstag, weiter.
Es wiederholt sich, was sich im Juni und Juli 1999 im Kosovo abgespielt
hat. Damals, nach dem 78-tägigen Bombardement, unmittelbar
nach dem Einmarsch der Na
to im Kosovo, wurden nach derselben Methode
zehntausende Häuser im Kosovo zerstört, zahllose Menschen
getötet und Hunderttausende – die genaue Zahl ist noch
immer umstritten – für immer vertrieben. Auch dutzende
orthodoxe Kirchen und Klöster wurden schon damals niedergebrannt.
All dies vor den Augen der Nato.
Genau das schwebt den Organisatoren des jüngsten Pogroms
vor. Es soll nun offenbar zu Ende gebracht werden, was damals
so “erfolgreich” begonnen worden war.
Ab Donnerstag früh überschlagen sich die Meldungen auf
allen unseren Kanälen. Obwohl Derek Chappell, der Sprecher
der UNO-Polizei im Kosovo, schon am Mittwoch Abend verlautbart
hatte, dass der überlebende Albanerjunge ausgesagt habe,
dass er und seine Freunde den Fluss ganz alleine überqueren
wollten, ohne also von jemandem getrieben worden zu sein, wird
dieser tragische Unfall in allen Berichten als mehr oder weniger
nachvollziehbarer Auslöser der Unruhen erwähnt. Reflexartig
nimmt die Öffentlichkeit wieder einmal zur Kenntnis, dass
die Serben eben keine Ruhe geben, dass das Fass offenbar wieder
einmal übergelaufen ist und sie daher nun erneut die Rechnung
dafür präsentiert bekommen.
Dieser Eindruck wird dramatisch verstärkt durch Bilder von
brennenden Moscheen in Belgrad und Nis, und durch Meldungen, wonach
die serbische Polizei dem hemmungslosen Treiben serbischer Fanatiker
tatenlos zusehen würde. Dass in Belgrad und Nis etliche,
angeblich passive, Polizisten vom serbischen Mob verletzt, dass
dutzende der sinnlos wütenden Serben verhaftet werden, dringt
nicht ins Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit. Auch
nicht die Tatsache, dass die Regierung des neu gewählten
serbischen Ministerpräsidenten Kostunica sich noch am selben
Abend öffentlich für die Ausschreitungen entschuldigt
und den Beschluss fasst, die zwei zerstörten Moscheen unverzüglich
auf Staatskosten wieder zu errichten. Auch ist auf unseren Bildschirmen
keine einzige der insgesamt fünfunddreißig (!) orthodoxen
Kirchen zu sehen, die am Mittwoch und Donnerstag in vierzehn serbischen
Enklaven im Kosovo niedergebrannt wurden.
Doch es gibt auch objektive Berichte: Veton Surroi, der Herausgeber
der kosovo-albanischen Tageszeitung “Koha Ditore”,
bezeichnet das albanische Pogrom als “offensichtlich organisiert
und orchestriert. Das Ziel”, so der bekannte albanische
Intellektuelle weiter, “ist die Verunsicherung und Vertreibung
der serbischen Bevölkerung durch Zerstörung ihrer Häuser
und Kirchen.” Auch Harri Holkeri, der oberste Chef der UNO-Verwaltung
im Kosovo, spricht anfangs von einem offenbar lange vorbereiteten
Plan. “Nichts”, so Holkeri wörtlich, “im
Kosovo passiert spontan.” Admiral Gregory Johnson, der Nato-Chef
für Südeuropa, wird sogar noch deutlicher, er spricht
von “organised and orchestrated actions of the Albanians”.
Und Johnson wörtlich weiter: “Es ist eine heuchlerische
Lüge, von einem innerethnischen Konflikt zu sprechen. Was
im Kosovo passiert muss als Pogrom gegen ein Volk und seine Geschichte
genannt werden.” Immer wieder fällt in Kommentaren
das Wort “Kristallnacht”.
Im Laufe des Freitag kehrt langsam wieder Ruhe ein in den Kosovo.
Mehrere westliche Staaten beschließen, zusätzliche
Soldaten zu entsenden. Man begreift, dass es ein Fehler war, die
anfänglich 44.000 K-For-Soldaten auf zuletzt 18.000 Mann
abgebaut zu haben.
Am Samstag ist Zeit für eine erste Bilanz des Pogroms:
- 19 Tote
- 851 Verletzte Zivilisten
- 117 verletzte UNO-Polizisten sowie 63 verletzte K-For-Soldaten
- 35 orthodoxe Kirchen, darunter auch Klöster aus dem 14.
Jahrhundert, niedergebrannt
- 561 Häuser niedergebrannt
- 218 weitere Häuser anderweitig zerstört
- dutzende Friedhöfe verwüstet
- 150 UNO-Fahrzeuge ausgebrannt oder anderweitig demoliert
- 24 Zivilfahrzeuge beschädigt
- in sieben Orten des Kosovo erreichten die Vertreibungsaktionen
ihr Ziel vollständig, es gibt dort jetzt keine Nichtalbaner
mehr
- insgesamt wurden mindestens 3.600 Menschen in die Flucht getrieben;
- 1.100 davon sind in K-For-Quartieren im Kosovo untergebracht,
die übrigen sind nach Zentralserbien verschwunden.
Dies ist die Bilanz von drei Tagen. In einem Land, das seit bald
fünf Jahren mit Hilfe einer robusten internationalen Truppe
von der UNO regiert wird.
Ist ein größeres Debakel denkbar?
Der Sonntag beginnt mit einer Überraschung: Der serbische
Sender B92 meldet die Verhaftung des Kosovo-Albaners Halid Berani
durch die UNO-Polizei im Kosovo. Halid Berani ist Präsident
einer Organisation mit dem wohlklingenden Namen: “Council
for protection of human rights and freedoms in Kosovo”,
zu deutsch: “Rat zum Schutz von Menschenrechten und Freiheit
im Kosovo”. Die UNMIK beschuldigt ihn, die Falschmeldungen
über die drei ertrunkenen Kinder verbreitet zu haben. Umfangreiches
Material sei im Haus Beranis beschlagnahmt worden. Der Sender
B92 seinen schließt Bericht mit der Feststellung, der heutige
Menschenrechtspräsident sei aktives Mitglied der UCK gewesen.
Deutsche TV-Konsumenten erfahren darüber nichts. Auch nichts
davon, dass am Sonntag zwei UNO-Polizisten erschossen werden.
Der eine stammt aus Ghana, der andere ist Albaner. Am Sonntag
Abend wird dafür ausführlich vom Begräbnis der
beiden Albanerjungen berichtet. Im Beisein von tausenden friedlichen
Albanern seien die verunglückten Kinder zu Märtyrern
erklärt worden. Von Berichten über Trauerfeiern auch
für nur eines der dutzenden Pogromopfer ist mir, trotz intensiver
Beobachtung zahlreicher Medien, nichts bekannt geworden.
Und spätabends am Sonntag scheint schon wieder der Alltag
im Kosovo einzukehren: Der UNO-Missionschef Harri Holkeri erklärt
in einem Interview, der Begriff “ethnische Säuberung”
sei für die Vorfälle der vergangenen Woche “zu
hoch gegriffen”. Und wörtlich weiter: “A couple
of Serbian Orthodox Churches have been set on fire” –
“ein paar serbisch-orthodoxe Kirchen wurden angezündet”.
War das alles? Serben in Belgrad protestieren gegen diese Verharmlosung
und fordern eine Richtigstellung, widrigenfalls den Rücktritt
Holkeris. Unterdessen meldet sich Ibrahim Rugova, der Präsident
des Kosovo, zu Wort: Die Vorfälle, so Rugova, hätten
gezeigt, dass nur die Unabhängigkeit des Kosovo Frieden bringen
könne. “Only independence can bring peace.”
Doch von dieser Aussage des einstmaligen Balkan-Gandhis, die nichts
anderes als eine fortgesetzte Kampfansage darstellt, bekommt der
durchschnittlich interessierte Medienkonsument hierzulande nichts
mit. Er erfährt auch nichts über den Erkenntnisgewinn
eines Insiders: “Ich bin schockiert über die Brutalität”,
gibt Javier Solana bei einem Lokalaugenschein im Kosovo zu Protokoll.
Und weiter: “Es ist traurig, zerstörte Schulen zu sehen,
Kinder evakuiert, Menschen getötet, Häuser niedergebrannt.”
Die Medienkarawane ist längst weitergezogen.
Und wer am Montag der folgenden Woche die Vorfälle noch diffus
im Kopf hat, der findet in der Schlagzeile des aktuellen “Spiegels”
das Resümee: “Im Hass vereint”, heißt es
da in großen Lettern. Untertitel: “Der Amoklauf albanischer
und serbischer Nationalisten brachte das Ende der Hoffnung auf
einen friedlichen Ausgleich.” Die Botschaft ist klar: Beide
sind schuld. Sarkastisch könnte man hinzufügen: Immerhin
schon ein kleiner Fortschritt, denn bislang war fast stets nur
von serbischen Nationalisten die Rede. In Wirklichkeit stellt
die Behauptung, dass beide gleichermaßen schuld seien, eine
krasse Verzerrung der Tatsachen dar.
Dasselbe gilt für die stereotyp wiederholte Umbenennung des
albanischen Pogroms in “Zusammenstöße zwischen
Albanern und Serben”. Zusammenstöße gab es, wie
schon gesagt, ausschließlich in der Stadt Kosovska Mitrovica.
In allen anderen etwa dreißig Städten und Ortschaften
waren die angeblichen “Zusammenstöße” eine
Jagd albanischer Krimineller auf einzelne Serben. Machen wir das
an einem Beispiel deutlich; an Prizren, einer häufig genannten
Stadt, in der sich auch das Hauptquartier der deutschen K-For-Truppe
befindet: Prizren war bis zum März 1999 eine der multikulturellsten
Städte Europas. Neben 70.000 Albanern lebten dort 30.000
Serben und zahlreiche Angehörige von fast einem Dutzend weiterer
Nationalitäten. Nach den Nato-Bomben mussten fast alle Nichtalbaner
aus der Stadt – vor dem jüngsten Pogrom –
standen 100.000 Albaner ganzen 63 Serben gegenüber. Heute,
nach dem jüngsten Pogrom, ist die Stadt serbenfrei.
Zusammenstöße?
Wie auch immer, die Probleme im Kosovo bleiben. Sie sind nicht
lösbar. X-mal wurden alle theoretisch möglichen Lösungsvarianten
durchgespielt. Werfen wir einen Blick darauf:
Variante 1: Der Kosovo wird, dem seit Jahren täglich geäußerten
Wunsch der Kosovo-Albaner entsprechend, in die Unabhängigkeit
entlassen und als souveräner Staat anerkannt. Das würde
dem Wortlaut der UNO-Resolution 1244 glatt widersprechen. Dort
ist nämlich unmissverständlich festgeschrieben, dass
der Kosovo Teil Jugoslawiens bleibt. Das war die entscheidende
Bedingung für das serbische Einlenken, das dann zum Ende
der Nato-Bomben geführt hat. Den damaligen Staat Jugoslawien
gibt es zwar nicht mehr, doch der heutige Staat Serbien-Montenegro
ist als Rechtsnachfolger Jugoslawiens anerkannt. Die Mehrheitsverhältnisse
im UN-Sicherheitsrat schließen eine Änderung der Resolution
1244 aus. Doch selbst wenn eine solche Änderung zustande
käme, wäre unabsehbares Blutvergießen und die
Vertreibung der im Kosovo verbliebenen Nichtalbaner die zwingende
und sofortige Folge. Denn die albanischen Führer wollen den
Kosovo für sich alleine, das weiß jeder, und die Serben
sterben lieber, als dass sie sich restlos vom Kosovo verabschieden;
auch das ist allgemein bekannt. Doch selbst wenn der Westen den
Ausbruch eines neuerlichen Bürgerkrieges im Kosovo resignierend
in Kauf nähme, wäre die Katastrophe perfekt, denn die
Kämpfe würden sofort auf die umliegenden Staaten übergreifen,
auf Mazedonien und Griechenland, auf Albanien, Zentralserbien
und Bosnien. Überall dort gibt es Regionen mit einer ähnlichen
Minderheitenproblematik wie sie im Kosovo gegeben ist. Variante
1 ist also undenkbar.
Variante 2: Anschluss des Kosovo an Albanien. Damit wären
zwar die Kosovo-Albaner sofort einverstanden, doch die Folgen
wären ident mit jenen der ersten Variante.
Variante 3: UNO und K-For ziehen sich aus dem Kosovo zurück
und überlassen die Lösung des Problems, die Klärung
des völkerrechtlichen Status, den Albanern und Serben. Auch
dies hätte den sofortigen Ausbruch eines blutigen Bürgerkrieges
zur Folge, der natürlich ebenso auf die Nachbarstaaten übergreifen
würde. Auch das scheidet also aus.
Variante 4: Eine Teilung des Kosovo in einen serbischen Norden
und einen albanischen Süden. Diese oft diskutierte Lösung
musste stets verworfen werden, weil auch sie einen ganzen Rattenschwanz
an zusätzlichen Problemen mit sich bringen würde. Denn
wenn eine weitere Aufteilung Ex-Jugoslawiens auch nur andiskutiert
werden würde, so würden sich die Muslime im serbischen
Sandschak massiv zu Wort melden, die längst eine Trennung
von Serbien und die Vereinigung mit Bosnien anstreben. Des weiteren
die Serben in der bosnischen Serbenrepublik, die in diesem Fall
den Anschluss an Serbien fordern würden. Auch die Albaner
im westlichen Mazedonien, die ja gleichfalls schon Krieg für
ihre Unabhängigkeit geführt haben, wären sofort
wieder lautstark zur Stelle. Und so weiter und so fort. Das im
Jahre1995
in Dayton kunstvoll errichtete Kartenhaus würde
zusammenkrachen. Ganz abgesehen davon, dass die ethnische Landkarte
des Kosovo eine auch nur halbwegs gerechte Aufteilung in Nord
und Süd faktisch unmöglich macht. Auch die Teilungslösung
hat daher keine Chance.
Variante 5: Eine Kantonslösung für den Kosovo, wie sie
vom serbischen Ministerpräsidenten Kostunica forciert wird.
So eine Lösung sähe vor, dass der Kosovo Bestandteil
Serbien-Montenegros bliebe, aber in Kantone mit teils albanischer,
teils serbischer Mehrheit unterteilt würde. Diese –
vergleichsweise vielleicht noch sinnvollste – Regelung scheiterte
bisher am kompromisslosen Verlangen der Albaner nach dem ganzen
Kosovo. Doch selbst wenn, was wohl ausgeschlossen werden kann,
den albanischen Führern nunmehr vom Westen am Verhandlungstisch
eine Kantonslösung aufgezwungen werden könnte, wäre
es nur eine Frage der Zeit, bis der Bürgerkrieg wieder ausbräche.
Bleibt die 6. Variante: Aus dem Kosovo wird ein Protektorat der
UNO und, zu einem späteren Zeitpunkt, eines der Europäischen
Union. Das ist de facto seit bald fünf Jahren der Status
quo. Und so wird es auch auf absehbare Zeit bleiben. Doch wie
lange kann sich der Westen dieses sündhaft teure Spektakel
leisten? Ein Jahr, drei Jahre, zehn oder zwanzig Jahre? Und wie
lange wird es dauern, bis die nächsten Unruhen ausbrechen?
Sei es nun spontan oder orchestriert. Was wird passieren, wenn
beim nächsten Mal tote K-For-Soldaten aus westlichen Staaten
im Dutzend in ihre Heimatländer überstellt werden müssen?
Fragen über Fragen! Und keine Antworten.
Die westliche Wertegemeinschaft, die noch heute inbrünstig
davon überzeugt ist, 1999 den ersten allein humanitär
begründeten Krieg der Weltgeschichte geführt zu haben,
ist Gefangene ihrer eigenen Strategie. Jahrelang hat sie die Serben
als blutrünstige Menschenverächter gebrandmarkt, während
die Albaner stets nur als Opfer gesehen wurden. Sie hat sich mit
der UCK verbündet – moralisch, politisch und militärisch.
Und so kann es nicht verwundern, dass Hashim Thaci und Agim Ceku,
um nur die zwei wichtigsten Anführer der UCK zu nennen, bisher
nicht nur nicht verhaftet, sondern als maßgebliche Autoritäten
und als legitime Verhandlungspartner in führenden öffentlichen
Stellungen akzeptiert werden. Und das, obwohl diesen Herren auch
von vielen westlichen Beobachtern zahllose Morde, Menschenraub
und Erpressung zur Last gelegt werden, von den Pogromen im Sommer
1999 ganz zu schweigen. Der Westen weigert sich, die UNO-Resolution
1244 umzusetzen, zieht sich auf Formeln wie “Standards vor
Status” zurück und beläßt damit die albanischen
Terroristen in der Hoffnung, dereinst die Unabhängigkeit
bestätigt zu bekommen. Und diese Terroristen zweifeln nicht
daran, dass die Zeit für sie arbeitet.
Lassen Sie mich an dieser Stelle – zur Vermeidung möglicher
Mißverständnisse – ein Wort über das albanische
Volk sagen. Sind denn die Albaner allesamt, oder wenigstens in
ihrer übergroßen Mehrzahl, Terroristen, Rassisten,
Faschisten? Schon der Menschenverstand, aber auch zahlreiche eigene
Erlebnisse und Bekanntschaften, zeigen mir, dass das mit Sicherheit
nicht der Fall ist. Es gibt da zweifellos kulturelle Besonderheiten,
aber die gibt es anderswo in anderer Form auch. Mag sein, dass
historisch gewachsene Sozial- und Autoritätstrukturen bestehen,
die Albaner anfälliger machen für ein Massenverhalten,
aber gerade als Deutscher sollte man mit Aussagen dieser Art vorsichtig
sein. Die Albaner im allgemeinen, da bin ich mir sicher, sind
bestimmt keine schlechteren Menschen als etwa die Deutschen. Woher
aber kommt dann der so massenhaft und so wütend auftretende
Hass? Ich zweifle nicht daran, dass dafür die Verbrüderung
unserer Wertegemeinschaft ausgerechnet mit den kriminellsten Elementen
des albanischen Volks maßgeblich verantwortlich ist. Was
für ein Bild soll sich denn ein einfacher Albaner über
Recht und Unrecht machen, wenn der oberste UCK-Boss Hashim Thaci
Tag für Tag gemeinsam mit dem obersten UNO-Vertreter am Bildschirm
zu sehen ist?
Und so lange dem so ist, scheint mir eines sicher: Auch die Protektorats-Variante
ist keine Lösung. Und sie führt auch zu keiner Lösung.
Und das selbst dann, wenn man im Westen noch sehr lange dazu bereit
wäre, die Unsummen zu bezahlen, die K-For und UNMIK Tag für
Tag kosten. Zumal die Lage im Protektorat Kosovo auch ganz ohne
Pogrom schier unerträglich ist. Ich war in den vergangenen
Monaten mehrfach im Kosovo, und das Bild, das sich einem dort
bietet, spottet jeder Beschreibung. Und das trotz der unbestreitbaren
und enormen Bemühungen vieler Mitarbeiter von UNO, K-For,
OSZE und zahllosen privaten Hilfsorganisationen. Das gilt schon
für die albanischen, erst recht aber für die wenigen
verbliebenen nichtalbanischen Gebiete. Strom und Wasser gibt es
im gesamten Kosovo pro Tag nur für wenige Stunden, die Arbeitslosigkeit
ist exorbitant, das soziale Spannungspotenzial dementsprechend.
Serben und Roma sind Tag und Nacht in ihren Vierteln eingesperrt,
die sie nur mit K-For-Begleitung verlassen können.
So muss, um diesen absurden Zustand an einem Beispiel zu verdeutlichen,
jedes einzelne nichtalbanische Kind per UNO- oder K-For-Fahrzeug
täglich von seiner Haustüre abgeholt werden, um zur
Schule gebracht zu werden. Alles andere wäre lebensgefährlich.
Und beim Nachhauseweg wiederholt sich die Szene. Eine bei der
UNO angestellte Serbin im Ghetto von Orahovac sagte mir Ende letzten
Jahres: “Wir sitzen auf einem Pulverfass, das jeden Moment
explodieren kann. Die Albaner warten nur darauf, bis die K-For-Truppen
weiter reduziert sind. Und wenn es so weit ist, dann macht es
einen riesigen Tusch, und der Kosovo ist endlich wirklich rein
albanisch. Bei Euch im Westen”, so fuhr sie resigniert fort,
“wird man drei Tage lang entsetzt darüber berichten,
und dann ist die ganze Angelegenheit vergessen. Nur wir werden
dann nicht mehr sein.”
Ich hielt das
für übertrieben, doch die jüngste
Entwicklung belehrte mich eines Besseren – genau darauf
steuern wir zu. Ich sprach, um ein weiteres Beispiel für
die hoffnungslose Lage zu nennen, auch mit einem kräftigen
jungen Mann, der vor Jahren aus dem Kosovo geflüchtet war
und nunmehr wieder dorthin zurück-gekehrt ist. “Ich
lebte lange in Montenegro”, erzählte er mir, “habe
dort jeden sich bietenden Job angenommen, aber meist waren es
halb illegale Dinge, Zigarettenschmuggel und ähnliche Sachen.
Zuletzt stand ich vor der Wahl, ganz ins Kriminelle abzugleiten
oder zu verhungern. Da bin ich in mein Heimatdorf im Kosovo zurückgekehrt,
denn hier sorgt die UNO wenigstens dafür, dass man täglich
etwas zu essen bekommt. Und jetzt sitze ich da und warte, ich
weiß nur nicht, auf was.”
Kosovo im Jahre 2004, eine Besserung ist nicht in Sicht.
Wie konnte es so weit kommen im früheren Jugoslawien? In
einem Land, das vor genau zwanzig Jahren in glanzvoller Weise
die olympischen Winterspiele in Sarajevo ausgetragen hat. In einem
Land, das jahrzehntelang das führende Mitglied der so genannten
“Blockfreien Staaten” war, weltweit geachtet. Ist
es wirklich so einfach, wie es der “Spiegel”, und
mit ihm alle anderen, erklärt? “Im Hass vereint.”
Hier Nationalisten – dort Nationalisten.
Oder ist das ganze Elend nicht vielmehr auch von außen erheblich
mitverursacht – und daher auch mitzuverantworten?
Nein, ich bin nicht wie so manche der Ansicht, dass für das
Leid, das Millionen Menschen am Balkan seit Jahren Tag für
Tag erdulden müssen, ausschließlich unsere Politiker
und Medien im so genannten Westen verantwortlich gemacht werden
können. Viele Probleme sind hausgemacht, von unfähigen
und kriminellen Führern im Lande selbst. Und viele Widersprüche
sind das Resultat jahrhundertealter Verwerfungen, für die
keiner der heute Verantwortlichen Schuld hat. Ich bin aber ebenso
sehr davon überzeugt, dass die Einmischung von außen
in die inneren Probleme Jugoslawiens entscheidenden Anteil an
dieser katastrophalen Entwicklung hat. Und ich bin empört
über die Selbstgefälligkeit mit der bei uns zumeist
über die Konflikte geurteilt wird.
Daher will ich an dieser Stelle wieder einmal mit ein paar Sätzen
in Erinnerung rufen, wo die Schuld der westlichen Staatengemeinschaft
– meiner Meinung nach – zu sehen ist, wo die verhängnisvolle
Politik ihren Ausgang nahm. Dabei werde ich – jeder
kehre vor der eigenen Tür! – einen besonderen Blick
auf die Rolle Deutschlands werfen. Es ist mir bewusst, dass das
Rufe in die Wüste sind, denn die Selbstgefälligkeit
ist hierzulande ganz besonders groß. Die Argumentationsketten
sind dicht geschlossen und die Überzeugungen bezüglich
der eigenen Unschuld absolut abgesichert. Trotzdem sehe ich keine
andere Möglichkeit, als bei jeder sich bietenden Gelegenheit
darauf hinzuweisen.
Die unlösbaren Probleme, unter denen die Menschen im Kosovo
heute leiden, sind untrennbar verbunden mit dem Zerfall Jugoslawiens,
der im Jahre 1991 seinen überstürzten und verhängnisvollen
Anfang genommen hat.
Das Gebiet dieses einstmals größten Landes am Balkan
war schon immer den Begehrlichkeiten seiner mächtigen Nachbarn
ausgesetzt. Türken, Ungarn, Österreicher, Italiener,
Franzosen und Deutsche haben es über Jahrhunderte hinweg
mit Krieg überzogen, es erobert und besetzt, seine Menschen
unterdrückt und gemordet.
Nebenbei gefragt: Ist es nicht merkwürdig, dass niemals in
der Geschichte eines der jugoslawischen Völker einen seiner
Nachbarn auf dessen Territorium angegriffen hat, sondern dass
dies in allen Fällen andersherum verlaufen ist? Und ist es
nicht noch viel merkwürdiger, dass die jugoslawischen Völker
trotz dieser historischen Tatsache als besonders kriegerisch gelten?
Ganz besonders hier in Deutschland zeigt man ja gern und mit tiefster
Überzeugung und Abscheu mit den Fingern auf "die da
unten" und schüttelt ob so viel Mordlust ratlos den
Kopf. Und das, obwohl es Deutschland war, das jenes Land in zwei
Weltkriegen besetzt und in beiden Fällen Millionen Tote hinterlassen
hat. Und ist es nicht merkwürdig, dass sich die Menschen
dieses mit Abstand leidgeprüftesten Landes Europas, die sich
angeblich gegenseitig so gar nicht ausstehen können, nach
beiden Weltkriegen zu einem gemeinsamen Staat – zu Jugoslawien
– zusammengefunden haben? Wohlgemerkt: ohne Diktat von außen.
Dass dieser gemeinsame Staat auf wackeligen Beinen stand, kann
nach all den jeweils vorangegangenen Kriegen wahrlich nicht weiter
verwundern. Umso mehr wäre es – wenn man den Frieden
liebte – geboten gewesen, den Zusammenhalt Jugoslawiens
von außen zu fördern, wenigstens aber, ihn nicht nach
Kräften zu torpedieren.
Genau das aber hat Anfang der neunziger Jahre stattgefunden, und
Deutschland spielte dabei eine, nein die entscheidende Rolle.
Wenn wir heute von unserer Regierung hören, dass deutsche
Interessen ab sofort auch am Hindukusch verteidigt werden, so
müßte eigentlich auch dem Leichtgläubigsten einleuchten,
dass es dem wiedervereinigten Deutschland in den neunziger Jahren
insbesondere darum gegangen ist, nicht nur wirtschaftlich, sondern
endlich auch militärisch wieder in der ersten Weltliga mitspielen
zu können. Dem geteilten Deutschland war das als Folge des
verlorenen Weltkrieges bekanntlich jahrzehntelang nicht möglich.
Jugoslawien aber, das kann man aus der zeitlichen Distanz sehr
deutlich erkennen, war das Übungsfeld auf dem Deutschland
seine Rückkehr als Militärmacht erprobte – und
schließlich vollzog. Sticht es nicht ins Auge, dass der
Beginn der massiven Einmischung in die damals innerhalb Jugoslawiens
schwelende Krise zeitlich genau mit der deutschen Einheit zusammenfällt?
Was ist damals, im Frühsommer 1991, passiert?
Der Staat Jugoslawien stand am Höhepunkt einer schweren wirtschaftlichen
und politischen Krise. Die Regierungen von Slowenien und Kroatien
wollten die Unabhängigkeit ihrer Republiken von Belgrad erreichen.
Ein klassischer innerstaatlicher Konflikt, bei dem nach den Regeln
des Völkerrechts – mit sehr gutem Grund – jegliche
Einmischung von außen streng untersagt ist. Folglich bestand
weltweit, ganz besonders innerhalb der Europäischen Gemeinschaft,
der zunächst unumstrittene Konsens, keine Sezession jugoslawischer
Teilrepubliken anzuerkennen, so lange nicht die völkerrechtlichen
Voraussetzungen dafür gegeben sind. Denn die Anerkennung
einer so schwer umstrittenen Sezession wäre fraglos eine
Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates
gewesen.
Das will ich an einem wohl jedermann einleuchtenden Beispiel deutlich
machen: Nehmen wir einmal kurz an, Deutschland würde heute
eine unabhängige Baskenrepublik anerkennen, so wäre
dies offensichtlich eine unzulässige Einmischung in innerspanische
Angelegenheiten – mit unabsehbaren Folgen.
Auch die deutsche Außenpolitik hielt sich folglich eine
Zeitlang, zumindest offiziell und nach außen, an die internationalen
völkerrechtlichen Standards, an die Absprachen mit den Partnern
in der EG. Bis genau zum 1. Juli 1991. An diesem Tag erklärte
der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl: “Deutschland soll
die EG zur Anerkennung der beiden Republiken veranlassen”.
Damit war das Signal gegeben. Ab diesem Tag machte Deutschland
massiven Druck auf die übrigen EU-Staaten. Der Rest der Welt,
sieht man von Österreich und dem Vatikan ab, war zu diesem
Zeitpunkt noch strikt für den Erhalt des jugoslawischen Gesamtstaates.
Es gab zahllose eindringliche Warnungen vor den Folgen dieser
Anerkennungspolitik. Lassen Sie mich die, weil von höchster
Stelle kommend, markanteste Warnung nennen: Am 10. Dezember 1991,
als Deutschland kurz davor stand, die abtrünnigen Republiken
und damit die Zerstörung Jugoslawiens im Alleingang anzuerkennen,
schrieb der damalige UN-Generalsekretär Perez de Cuellar
an die zwölf EG-Außenminister. Ich zitiere: “Ich
bin tief beunruhigt darüber, dass eine verfrühte, selektive
Anerkennung den gegenwärtigen Konflikt ausweiten und eine
explosive Situation hervorrufen könnte.” Der deutsche
Außenminister Hans-Dietrich Genscher antwortete am 13. Dezember:
“Die Verweigerung der Anerkennung jener Republiken, die
ihre Unabhängigkeit wünschen, müßte zu weiterer
Eskalation der Gewaltanwendung durch die Volksarmee führen,
weil sie darin eine Bestätigung ihrer Eroberungspolitik sehen
würde.” Perez de Cuellar schrieb postwendend, am 14.
Dezember, zurück, dass – Zitat – “verfrühte
selektive Anerkennungen eine Erweiterung des Konfliktes in jenen
empfindlichen Regionen nach sich ziehen würden. Solch eine
Entwicklung könnte schwerwiegende Folgen für die ganze
Balkanregion haben und würde meine eigenen Bemühungen
und diejenigen meines persönlichen Gesandten, die notwendigen
Bedingungen für die Anwendung von friedenserhaltenden Maßnahmen
in Jugoslawien zu sichern, ernstlich gefährden”.
Deutschland schlug die Warnungen in den Wind: Wenige Tage nach
diesem unmissverständlichen – und prophetischen –
Appell des UN-Generalsekretärs sprach die deutsche Bundesregierung
die Anerkennung der Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien
aus. Die elf weiteren EG-Staaten folgten am 15. Januar 1992, sie
hatten sich nach monatelangem Widerstreben dem Druck Deutschlands
gebeugt. “Wir konnten uns auf den Kopf stellen”, wurde
Ruud Lubbers, der niederländische Ministerpräsident
später zitiert, “die übrigen Europäer konnten
noch so verwundert dreinschauen – die Deutschen gingen solo
zu Werke.”
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin mir bewusst, dass
ich Ihre Aufmerksamkeit heute Abend stark in Anspruch nehme. Mit
einer geballten Ladung von unerfreulichen Daten und Fakten. Ich
glaube, Ihnen das nach den dramatischen Ereignissen im Kosovo
zumuten zu müssen und auch zumuten zu können. In meinem
Buch, das vorzustellen eigentlich der Anlass des heutigen Abends
war, habe ich den Versuch unternommen, die komplexe jugoslawische
Materie, anhand meiner persönlichen Erlebnisse in etwas leichter
verdaulicher Form aufzubereiten. Und ich möchte meine Ausführungen
heute nicht abschließen, ohne Ihnen davon eine Kostprobe
zur Kenntnis gebracht zu haben.
Vielleicht fragt sich der eine oder die andere, wie denn ein Geschäftsmann,
der sich normalerweise mit Werkzeugmaschinen beschäftigt,
dazu kommt, solche Vorträge zu halten. Nun, die Antwort findet
sich in meinem Buch, aus dem ich Ihnen nun noch ein Kapitel vorlesen
will. Dieses Kapitel ist gewissermaßen eine Schlüsselstelle
des Buches, denn es macht deutlich, wie ich Anfang der neunziger
Jahre völlig unvorbereitet in die jugoslawischen Wirren hinein
gestolpert bin, und wie mein Interesse daran geweckt wurde. Und
es wirft auch ein Schlaglicht darauf, was für ein Regime
damals in Kroatien herrschte, für dessen Unabhängigkeit
Deutschland sich so vehement eingesetzt hat.
Aus dem Buch: Die Kapitel “Josip”
und “Cupe” (Seite 38 bis 48, Espresso-Ausgabe).
So präsentierte sich mir das damals in Kroatien herrschende
Regime, für dessen Anerkennung Deutschland selbst die europäische
Einigung aufs Spiel gesetzt hat. Im Buch erzähle ich noch
viele weitere Facetten, welche die Verantwortungslosigkeit dieser
deutschen Politik deutlich machen.
Auf die Entwicklung, die auf die Anerkennung folgte, in Kroatien,
in Bosnien und schließlich in Serbien und Mazedonien, kann
ich hier nicht im Detail eingehen. Auch das habe ich ausführlich
in meinem Buch getan. Selten jedenfalls hat sich eine Prophezeiung
in einem so dramatischen Ausmaß erfüllt, wie jene des
dam
aligen UN-Generalsekretärs Perez de Cuellar: Die überstürzte
Anerkennung von Slowenien und Kroatien hat in der Tat “schwerwiegende
Folgen für die ganze Balkanregion” gehabt. Und zwar
bis auf den heutigen Tag und noch weit darüber hinaus. Das
hat die jüngste Entwicklung wieder einmal weltweit deutlich
gemacht. Denn wie soll man den Kosovo-Albanern klar machen, dass
zwar Slowenen und Kroaten das Recht auf ihren eigenen Staat haben,
nicht aber sie selbst?
Die unmittelbare Folge der Anerkennungspolitik war die rasche
Ausweitung der Kriege, und zwar mit stets steigender internationaler
Beteiligung. Genau das ist also eingetreten, was Genscher mit
seiner Anerkennungspolitik verhindern wollte: “eine weitere
Eskalation der Gewaltanwendung”. Und da man für das
totale Scheitern der eigenen Politik einen Sündenbock braucht,
lief während der gesamten neunziger Jahre eine fast beispiellose
Diffamierung des ganzen serbischen Volkes ab. Die Serben sind
an allem schuld, das wurde von Vukovar bis Dubrovnik, von Srebrenica
bis Racak gleich tausendfach bewiesen. Kaum ein Bericht auch über
die jüngsten Pogrome im Kosovo, der diese fast zum Naturgesetz
erhobene Verleumdung nicht wieder aufwärmt. So heißt
es auch im neuesten “Spiegel” zur Erklärung des
aktuellen Dilemmas lapidar: “Seit Nato-Bomber die Serben
1999 daran hinderten, die albanische Bevölkerungsmehrheit
aus ihrer Heimat zu vertreiben, blieb der völkerrechtliche
Status der Provinz ungeklärt.” So einfach ist das,
es braucht gar nicht mehr lange begründet zu werden. Es ist
schlicht ein Faktum, obwohl es allen Fakten widerspricht, wie
ich gleichfalls in meinem Buch nachgewiesen habe, und mit mir
zahlreiche, auch weitaus Berufenere, andere.
Die Anerkennungsbeschlüsse von Ende 1991 haben – gewissermaßen
als Nebenprodukt – die Vereinigten Staaten von Amerika auf
den Plan gerufen, womit die balkanischen Konflikte eine zusätzliche,
eine weltpolitische Dimension erfahren haben. Die USA, nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion die alleinige Supermacht, wollten
oder konnten nicht tatenlos zusehen, wie Deutschland die Neuordnung
des Balkans im Alleingang regelte und damit seinen Einfluss auf
eine so wichtige Weltregion ausdehnte. Dies zu verhindern war
letztlich offenbar nur mit Waffengewalt möglich. Wer die
dicken Bücher von Lord David Owen, dem langjährigen
EU-Vermittler im Bosnienkrieg, und Richard Holbrooke, dem Sondergesandten
der USA am Balkan, aufmerksam studiert, kann schwerlich zu einem
anderen Schluss kommen, als dass die Neuregelung der Verhältnisse
am Balkan vor dem Hintergrund der Konkurrenz zwischen den USA
und Europa abgelaufen sind und auch heute noch ablaufen.
Und damit schließt sich der Kreis. Mancher Zyniker mag vielleicht
denken, sollen sich die da unten meinetwegen die Köpfe einschlagen,
wenn sie das denn unbedingt wollen. Es geht dort aber um viel
mehr, das zeigt die ganze Entwicklung. Es geht auch um die Frage,
wie die Welt aussehen wird am Ende des 21. Jahrhunderts. Und davon
sind wir alle betroffen.
Ich komme zum Schluss, nicht aber, ohne auf das heutige Datum
hingewiesen zu haben. Heute, am 24. März, vor genau fünf
Jahren hat das 78-tägige Nato-Bombardement gegen Serbien
begonnen. Aus diesem Anlass verlese ich nun eine kleine Rede,
die ich vor zwei Jahren, anlässlich des 3. Jahrestages dieses
Ereignisses, in Potsdam gehalten habe. Der Text scheint mir nach
wie vor aktuell und auch eine geeignete Zusammenfassung meiner
heutigen Ausführungen.
Siehe
Rede von Kurt Köpruner beim Potsdamer Ostermarsch am 24.
März 2002