Wortmeldungen

Desinformationszeitalter

Redebeitrag zum Potsdamer Ostermarsch am 24. März 2002


(Dritter Jahrestag des Beginns des Nato-Bombardement gegen Jugoslawien)


Der 24. März ist als historisches Datum nicht im Bewusstsein einer großen Öffentlichkeit hängen geblieben. Ein anderes Datum ist dort verankert, das als Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit gilt: der 11. September.

Seit dem 11. September, so heißt es, sei nichts mehr, wie es war.
Seit dem 11. September gilt: Wer nicht FÜR uns ist, ist TERRORIST.
So wurde der 11. September zum magischen Begriff für ein neues Zeitalter.

Doch das neue – das vielleicht letzte – Kapitel in der Geschichte der Menschheit beginnt schon etwas früher. Der 24. März steht für seinen Anfang.

Am 24. März 1999 begann die NATO ihr 78-tägiges Bombardement auf Jugoslawien. An diesem Tag haben die Mächtigen dieser Welt endgültig die Regeln über Bord geworfen, die uns nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges ein halbes Jahrhundert lang vor einem neuerlichen Weltenbrand bewahrt hatten.

Der 24. März steht für die Wiedereinführung des Faustrechtes. Das Recht des Stärkeren ist seither das Einzige, was letztlich wirklich zählt. Die Bomben auf Jugoslawien haben unschuldige Menschen getötet und mit ihnen das Völkerrecht zur Makulatur gemacht.

Den Mächtigen dieser Welt galt es, ein Exempel zu statuieren.
Ein Exempel für alle, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen wollen.

Und ein Exempel dafür, mit welchen Mitteln Uneinsichtige ab sofort zur Vernunft gebracht werden.

Es ist gelungen, das Exempel, ohne nennenswerten öffentlichen Widerstand, denn es war auch ein Exempel dafür, wie das vielgepriesene Informationszeitalter ein nie da gewesenes Ausmaß an Desinformation ermöglicht. Seit dem 24. März gibt es für die Mächtigen nicht nur kein Recht mehr, das sie an der rücksichtslosen Durchsetzung ihrer Interessen hindert, sondern auch keine wirkungsvolle öffentliche Meinung, die ihrer Gewaltpolitik im Weg stünde. Wer da nicht uneingeschränkt mitmacht, steht offenbar mit dem Bösen im Bunde.

Wir tun gut daran, uns dieses Datum einzuprägen und uns in Erinnerung zu rufen, was da geschehen ist: Eine – ansonsten recht brüchige – Allianz der reichsten Staaten der Erde fiel ab dem 24. März 1999 über ein kleines Land her, das unter ihrer kräftigen Mitwirkung schon zuvor an den Rande des Ruins gebracht worden war. Es galt, so wurde uns erfolgreich eingeredet, eine "humanitäre Katastrophe" zu verhindern. Und die Aktion, so wurde hinterher ebenso erfolgreich verbreitet, sei ein voller Erfolg gewesen.

Jedermann aber könnte sich ohne große Mühe ein Bild davon machen, wie groß der "Erfolg" in Wirklichkeit war. Die Bombenaktion erbrachte tausende Tote, zehntausende Verletzte; in Schutt und Asche gebombte Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, Straßen, Brücken, Elektrizitätswerke, Ölraffinerien, Industrieanlagen und einiges mehr. Die Lebensgrundlagen für Millionen Menschen wurden vernichtet, ganze Landstriche chemisch und radioaktiv verseucht, das Land durch unzählige Blindgänger aus Streubomben noch für Generationen zur Gefahr.

Diese trostlosen Resultate des 24. März lassen sich nicht bestreiten. Und sie werden auch gar nicht bestritten, sondern schlicht und einfach totgeschwiegen. Und soweit doch einmal die Rede darauf kommt, so werden sie eben zum sehr hohen Preis für ein noch höheres Ziel erklärt. Denn die Verteidigung der Menschenrechte – so wird uns gebetsmühlenhaft eingetrichtert – rechtfertige selbst diesen Preis. Und wenn es sein muß, dann selbstverständlich auch einen noch höheren.

Wie sehr das wie das Blaue vom Himmel gelogen ist – davon könnte sich jeder ohne große Mühe ein Bild machen. Daher sei hier nur ein einziges Kuriosum erwähnt, das so ganz und gar nicht zu den Jubelmedungen unserer Herren "Humanitaristen" paßt: Das des Rassismus geziehene frühere Jugoslawien war seit jeher das mit Abstand multikulturellste Land Europas. Und für Serbien, wo angeblich die Oberrassisten zu Hause sind, gilt das noch heute. Aus dem durch die Bomben so erfolgreich "befreiten" Kosovo hingegen ist nun jenes Land der Erde geworden, in dem die Rassen am schärfsten voneinander getrennt leben müssen.

Allein an diesem kleinen Beispiel kann man den ganzen Erfolg der humanitären Bombenaktion erkennen.

Sie war ein einziges Fiasko.

War sie wirklich ein Fiasko? Für die Millionen Betroffenen in etlichen Balkanstaaten ganz bestimmt. Und für alle, die zuvor noch an Rechtsstaatlichkeit geglaubt haben, auch. Doch für diejenigen, die das Fiasko angerichtet haben, ganz sicher nicht. Sie konnten ihre schon zuvor aberwitzigen Militärbudgets u nter der Zustimmung aller noch einmal vervielfachen. Und die zuvor bei vielen noch vorhandene Hemmschwelle, Menschen – ganze Länder – mit Bombenterror zu überziehen und internationales Recht zu mißachten, gibt es seit dem 24. März 1999 nicht mehr.
< br> So ist denn die Feststellung keineswegs übertrieben: Am 24. März des Jahres 1999 wurde mit Bomben und Granaten die neue Weltordnung eingeläutet. Was vor drei Jahren in Jugoslawien geschah, setzt sich heute Afghanistan fort. Und die nächsten Ziele zeichnen sich schon ab. An die fünf Dutzend Staaten stehen auf der vielzitierten "Schwarzen Liste" der sogenannten Schurkenstaaten.

Das Wort Friede klingt heute wie ein Wort von einem fernen Stern.

Bereits wird laut über den Einsatz von Atombomben nachgedacht. Und wenn man die Handlungen derjenigen sieht, die da laut nachdenken, dann schwindet die Hoffnung, dass es beim Nachdenken bleiben wird. Diesen Herren ist alles zuzutrauen. Wirklich gar alles – bis hin zur Vernichtung der gesamten Menschheit. Und sie werden uns einzureden versuchen, das sei unumgänglich im Namen der Humanität.

Wenn uns das Gedenken an den 24. März eigentlich kaum eine Hoffnung beläßt, wenn uns bewußt wird, daß wir den Lauf der Welt nicht beeinflussen können – eines können und müssen wir tun:

Aufstehen und laut sagen: NEIN.



Dieser Text wurde auch bei der Kundgebung vom 24. März 2002 am Wiener Stefansplatz anläßlich des 3. Jahrestages des Beginns des Natobombardements verlesen. Außerdem beim Ostermarsch 2003 in Saarbrücken. Nachzulesen unter dem Titel "Desinformationszeitalter" auch in "Freidenker", Heft Nr. 2-02, Juni 2002.