Wortmeldungen


"Selbstkritik, nicht Selbstverleugnung!"

Interview nach dem Erscheinen der serbischen Übersetzung von "Reisen in das Land der Kriege"


Frage: Ihr Buch über den Krieg in Jugoslawien ist eine schwere, aber gut argumentierte Anklage gegen die Mächtigen dieser Welt. Kann man mit Ihrem Buch etwas für künftige Konflikte in anderen Regionen der Welt lernen?

Ja, da kann man vieles auch für andere Konflikte lernen. Zum Beispiel, wie sich die mächtigen Staaten in regionale Krisenherde einmischen, dort einseitig Partei ergreifen, aggressive Politiker und radikale Gruppierungen unterstützen und damit die ohnehin schon bestehenden Probleme vergrößern; man kann lernen, wie die Weltöffentlichkeit durch ein mediales Trommelfeuer auf Krieg eingestellt wird, bis alle nach Bomben rufen; des weiteren, wie leicht es offenbar ist, die Menschen zu manipulieren, aufeinander zu hetzen, und geradezu bilderbuchhaft kann man lernen, dass die Probleme durch Bomben nicht gelöst werden, ganz im Gegenteil. So lief es vor zwei Jahren in Afghanistan, jetzt wieder im Irak und weitere Kriege stehen uns mit tödlicher Sicherheit bevor. Wie das abläuft, das können wir im Falle Jugoslawiens vor unserer Haustüre beobachten.

Frage: Das Buch ist auch eine bittere Anklage gegen damalige und heutige Politiker. Haben Sie seit dem Erscheinen des Buches deswegen schon Probleme bekommen?

Bisher nicht. Das Buch wurde mittlerweile in etwa fünfzig verschiedenen Medien rezensiert, in größeren und kleineren; überraschender Weise ausnahmslos positiv, meist sogar sehr positiv. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle mit meinem Buch einverstanden wären, ganz im Gegenteil, es widerspricht dem Mainstream diametral. Offenbar aber befürchten meine Gegner, dass sie Werbung für das Buch machen würden, wenn sie es öffentlich kritisierten. Ich habe da schon merkwürdige Dinge erlebt. Totschweigen, heißt deren Devise, oder es fehlen ihnen einfach die Argumente. Bei meinen zahlreichen Lesungen in Deutschland und anderen Ländern kommen natürlich immer wieder auch Kritiker mit ihren Argumenten, doch es waren bisher durchwegs schwache Argumente. Es gibt eben keine guten Gründe für Rassismus, für Kriegstreiberei, für Manipulation.

Frage: Ihre Kenntnisse über die Geschichte in Jugoslawien sind eindrucksvoll. Sie zerstören das Vorurteil, dass Fremde den Balkan niemals verstehen können. Wie und von wem haben Sie diese Kenntnisse erworben?

Ich hatte bei meinen wohl mehr als hundert Reisen am Balkan zahllose Gesprächspartner, aus allen Schichten der Bevölkerung, aus allen Nationalitäten. Ich habe einfach unentwegt Fragen gestellt, gut zugehört und zu Hause geprüft, wie das alles zusammenpasst mit dem, was unsere Medien und Politiker so erzählten. Dabei musste ich gewaltige Unterschiede feststellen, offensichtliche Manipulationen der Wahrheit, und ich wollte einfach verstehen, was da wirklich los ist, warum so viel gelogen wird. Aus diesem Grunde habe ich mich auch ausführlich in Geschichtsbüchern informiert, die allerdings auch mit Vorsicht gelesen werden müssen. Denn auch die Geschichtsschreibung folgt bekanntlich immer irgendwelchen Interessen.

Frage: In der öffentlichen Meinung gelten die Serben als die alleinigen Aggressoren, alle anderen sind Opfer. Für Sie gibt es offenbar auf allen Seiten "Kriegshunde" und humane Leute. Halten Sie für möglich, dass einfache Leser ihre bisherige Meinung gründlich ändern können, wenn sie Ihr Buch lesen?

Die Schwarz-Weiß-Malerei – hier Gut, da Böse – sollte eigentlich schon jeder Jugendliche durchschauen können; das ist einfach lächerlich, widerspricht allen Erkenntnissen und Erfahrungen. Gut und Böse sind keine Eigenschaften, die man Völkern zuordnen kann, das weiß eigentlich jeder. Umso überraschender ist es, dass diese einfache Regel im Falle der Völker Jugoslawiens so total außer acht gelassen wurde, und noch immer wird. Immerhin habe ich zahlreiche Zuschriften bekommen, auch von Leuten, die nach der Lektüre meines Buches wütend auf sich selbst waren, weil sie erkannten, dass sie unseren Medien und Politikern letztlich doch geglaubt haben, obwohl deren Einseitigkeit und Verzerrungen jeder Vernunft widersprochen haben. Es ist meine Erfahrung, dass viele Leute froh sind, wenn man ihnen glaubwürdige Argumente liefert, mit denen sie die üble Propaganda durchschauen können. Deshalb halte ich auch gerne Vorträge, wo auch immer ich dazu eingeladen werde.

Frage: Wir haben dem Verlag Prometej zu danken, dass er Ihr Buch in einer Übersetzung herausbrachte und in mehreren Städten Promotionen veranstaltete. Was waren Ihre Eindrücke dabei?

Die Promotionen in Serbien waren für mich sehr eindrucksvoll. Ich konnte allerdings auch wieder einmal feststellen, dass viele Menschen in Serbien mittlerweile selbst schon glauben, dass sie die einzigen Übeltäter seien. Das ist grotesk. Ich bin ein großer Freund von Selbs tkritik, aber das darf nicht in Selbstverleugnung ausarten und ich hoffe sehr, dass mein Buch da ein wenig zu mehr Selbstbewusstsein in Serbien beitragen kann. Ich habe das Buch zwar in erster Linie für meine Landsleute in Deutschland und Österreich geschrieben, hatte beim Schreiben aber stets auch serbische, kroatische und muslimische Freunde und Bekannte vor Augen. Und nach den bisherigen Reaktionen zweifle ich nicht daran, dass mein Buch auch für diese wertvolle Botschaften enthält. Für Nationalisten, Rassisten und Separatisten sind es eher ernüchternde Botschaften, für alle anderen, so hoffe ich, ermutigende.

Frage: Haben Sie – als hervorragender Kenner der Situation am Balkan – eine Prognose über die weitere Entwicklung?

Wer könnte eine Prognose wagen? Serbien, (aber nicht nur Serbien), steht heute vor einem riesigen Dilemma: Die wirtschaftliche und politische Lage läßt kaum Spielraum für eine eigenständige Entwicklung. Serbien, (aber nicht nur Serbien), ist heute total von fremden Mächten abhängig. Das kann letztlich nicht gut sein für die Menschen dort, ist aber derzeit kaum zu ändern. Es ist eine Gratwanderung nötig: kritische Selbstachtung, nicht Selbstverleugnung, vernünftiges Arrangement mit anderen, nicht totale Unterwerfung unter deren Willen. Ein ungemein schwieriger Weg. Doch wenn ich die vielen selbstbewussten, gut ausgebildeten und lebensdurstigen Menschen sehe und beobachte – beispielsweise in der Belgrader Knez Mihajlova – dann bin ich doch optimistisch, dass die es irgendwie schaffen, ihren eigenen Weg zu finden, sich selbst aus dem Dilemma zu befreien. Serbien hat in seiner Geschichte bekanntlich schon schwierigere Situationen gemeistert.

Die Fragen stellte Dragica Kanzamar im Oktober 2003
für die serbische Tageszeitung "Vesti".
Übersetzung: Dragica Kanzamar.