Wortmeldungen

Sarajevo als Wichsvorlage für Intellektuelle"


Bericht über die Wiener Premiere von Richard Schuberths Stück
"Freitag in Sarajevo"


Erschienen in "junge welt" am 25. November 2003


Was haben Susan Sontag, der französische Starphilosoph Bernard-Henri Lévy und Tilman Zülch von der "Gesellschaft für bedrohte Völker" gemein? Die Tatsache, dass Frau Sontag neulich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam, Zülch vor einem Jahr von den Sudetendeutschen Landsmannschaften ausgezeichnet wurde und dass Lévy für manche ein Kandidat für den Friedensnobelpreis ist? Das auch, doch hier geht es um anderes. Ob sich diese drei Heroen der Zivilisation in Wirklichkeit jemals begegnet sind, ist nicht bekannt, in Richard Schuberths Satire jedenfalls führt sie das Schicksal zusammen – in Sarajevo, dieser einstmaligen Kultstätte des Multikulturalismus. Und wer sich der Zeiten erinnert, als sich die Bewohner der Stadt unter schärfster Anteilnahme der Weltöffentlich-keit den Multikulturalismus gegenseitig mit Bomben und Granaten ausgetrieben haben, der weiß vielleicht auch noch, dass sich dort damals solche Heilsbringer gleich im Dutzend gegenseitig auf die Zehen getreten sind – vor den eifrigen TV-Kameras der westlichen Zivilisation.

Zur Handlung des Stückes: Die amerikanische Star-Intellektuelle Fiona Freitag landet im von serbischen Truppen belagerten Sarajevo, um für deren hungernde Einwohner Samuel Becketts "Warten auf Godot" zu inszenieren. Aus Versehen erschießt der französische Eingreifphilosoph Jean-Pierre Léaud den bosnischen Hauptdarsteller der Inszenierung, Tahir Tahirovic – und muss zur Strafe gemeinsam mit dem deutschen Kulturschützer Hanuman Knülch, der sich in bosnischer Tracht ebenfalls in Sarajevo herumtreibt, die Rollen von Godots Wladimir und Estragon übernehmen.

Klar erkennbar sind dabei die Konturen Susan Sontags, die am 17. August 1993 in Sarajevo tatsächlich "Warten auf Godot" zur Aufführung brachte, sowie jene Bernard-Henri Lévys, der im selben Jahr im Kampfanzug die bosnische Hauptstadt heimsuchte, um sein Movie "Bosna" abzudrehen. Dem Kulturalisten Hanuman Knülch hingegen sind die Züge Tilman Zülchs nur zum Teil abzulesen, (ein wenig mehr davon hätte dem satyrischen Charakter des Stücks sicher nicht geschadet).

Vor der Kulisse des blutenden Sarajevo streitet, belehrt und begeilt sich da also eine gar köstliche Truppe: Fiona Freitag, die Verkünderin der sinngebenden Hochkultur, der 68er-Renegat Jean-Pierre Léaud, der Verteidiger der Zivilisation und der Karl-May-Verschnitt Hanuman Knülch. Raffiniert legt Schuberth seinen Protagonisten Freitag und Léaud Originalzitate Susan Sontags bzw. Bernard-Henri Lévys in den Mund, sodass beim Lesen des Stücks ganz der Eindruck entsteht, das Trio stehe sich leibhaftig gegenüber.

Susan Sontags Inszenierung hatte damals ihren Zweck durchaus erfüllt: Die Medien konnten ihre brünstigen Berichte kontrastreich auffetten und die Grand Old Lady der Freiheit sich dem drohenden Vergessen entreißen. Dass die Bewohner Sarajevos davon nur wenig mitbekommen haben und, wie damals zu hören war, die zwangsverpflichteten bosnischen Rekruten während der Aufführung rasch sanft entschlummerten, konnte dem keinen Abbruch tun.

Das Stück läßt hingegen keinen entschlummern, zumal Fiona Freitag mit dem Pentagon vereinbart, dass eine amerikanische Fliegerstaffel just in der letzten Minute der Beckett-Inszenierung den serbischen Belagerungsring zerbombt. Und nach getaner Tat entfleucht Fiona Freitag nach Ruanda, um in einem Flüchtlingslager "Tod eines Handlungsreisenden" zu inszenieren, Léaud bleibt im befreiten Sarajevo, um in der allgemeinen Euphorie erotischen Mehrwert abzurahmen, während Knülch sich in den Kosovo aufmacht, wo neue Aufgaben auf ihn warten.

Richard Schuberths Text, dem auch der Titel dieser Rezension entnommen ist, ist auch hilfreich – und daher sehr empfehlenswert – für jene, die damals den Medienberichten über Bosnien nicht auf den Leim gegangen sind. Nicht nur, weil sie darin noch einmal pointiert Geschichte und Ideologisierung der Jugoslawienkriege serviert bekommen, sondern gleichzeitig ihre eigenen Selbstverständlichkeiten einer Überprüfung unterziehen können. Schuberth führt uns vor, wie man Meutenjournalismus, intellektuellen und militärischen Interventionismus kritisieren kann, ohne die internen Gründe der Barbarei zu verharmlosen oder für irgendeine der Seiten ideell Partei ergreifen zu müssen. "Ich hätte nicht für möglich gehalten", sagte mir ein aus Bosnien stammender Leser des Stückes, "dass man die ganze Problematik Sarajevos mit so wenigen Worten so genau erfassen kann."

"Ein schön-böses, klarsichtiges Stück", nannte Peter Handke Schuberths Buch, das auch schon mit den "Letzten Tagen der Menschheit" verglichen wurde, und an zahlreichen Stellen blitzt der tiefgründige und trotzdem leichtfüßige Witz eines Johann Nestroy auf. Doch egal, wen man da noch aller in Schuberths geistige Ahnenreihe flicht, er beherrscht die Kunst der Legierung. Wie viele Bedeutungs- und Ironieeben en, Diskurssplitter, historische Fakten, psychische Dispositionen und literarische Genres er da in einen Text verschmilzt, der kein einziges Mal belehrend, willkürlich oder überladen ist, dafür bis zum letzten Satz geistreich und witzig, das hat es schon lange nicht mehr gegeben oder weist vielleicht in eine neue Zukunft der politischen Satire.

So kann denn kein Zweifel bestehen, dass das Stück seinen Weg gehen wird, selbst wenn das vielleicht noch etwas dauern könnte, da der Theaterfreund sich wohl weniger an der Bosnienproblematik erwärmt, und der an dieser Interessierte sich eher nicht fürs Theater begeistert. Denn das Stück bedient beide reichlich. Klatscht man sich schon als Leser des Textes wiederholt verblüfft auf die Schenkel, staunt über Schuberths tiefsinnige Wortgewalt, so erschließt sich die in ihm liegende Kraft weitaus mehr, wenn man ihn durch seinen Autor präsentiert bekommt. Als Zeuge seiner Wiener Premiere – Schuberth las virtuos, wenngleich ganz alleine – konnte man denn auch erahnen, welche Wirkung das Stück entfalten könnte, wenn sich eine professionelle Theatertruppe seiner annähme. Doch, wie gesagt, auch als Buch zum Lesen ist der Text bestens zu empfehlen.

Richard Schuberth, "Freitag in Sarajevo", Klagenfurt 2003, Drava Verlag,
ISBN 3-85435-402-9
Preis: 18,00 Euro