Wortmeldungen

Hommage an ein gepeinigtes Volk – oder Denunzierung desselben zur nachträglichen Rechtfertigung der Nato-Bomben auf Serbien?


Kommentar zum Buch von Asne Seierstad:
"Mit dem Rücken zur Welt – Titos Erben"

Gifkendorf 2001, ISBN 3-87536-221-7, (Merlin Verlag)

Asne Seierstad, preisgekrönte norwegische Journalistin und Autorin, hat zwei Jahre lang (1998 - 2000) in Serbien gelebt und für das norwegische TV gearbeitet. Zurück in Norwegen, publizierte sie 14 Portraits von Serbinnen und Serben, deren Bekanntschaft sie während ihres Aufenthaltes gemacht hatte.


Das Positive zuerst: Das Buch ist so gut, so flüssig und unterhaltsam geschrieben, daß man es nur ungern aus der Hand legt. Die Auswahl der porträtierten Personen ist spannend und scheint ein breites Spektrum der "serbischen Seele" sichtbar zu machen. Auch einer, der sich schon lange mit Serbien und seinen Bewohnern beschäftigt hat, erfährt viel Neues, zumal die Autorin während ihres Aufenthaltes in Serbien Zeugin spektakulärer Ereignisse wurde. So nahm sie hautnah an den revolutionären Demonstrationen teil, die schließlich Slobodan Milosevic zu Fall brachten, und sie gelangte auch an Insiderwissen darüber, wie es später zu seiner Verhaftung gekommen ist.

Die Vorgehensweise, einzelne Menschen aus den verschiedensten Schichten des Volkes über einen längeren Zeitraum immer wieder zu treffen und zu befragen, ist durchaus vielversprechend. Asne Seierstad ist glaubwürdig, jedes Zitat nimmt man ihr ab, Interpretationen sind selten und vorsichtig. Und sie mag die Menschen, die sie ihren Lesern vorstellt, und zwar alle, von Väterchen Bora, dem reizend-rückständigen Bauern aus der tiefsten Provinz, über Bojana, die bewunderte "Jean d‘ Arc" des oppositionellen Senders "B 92", bis hin sogar zum etwas schmierigen Michel, der seine Brötchen als Dealer in Belgrad verdient.

Elf weitere interessante Menschen werden präsentiert. Da ist der als Rebell berühmt gewordene Bürgermeister von Nis, oder die Kosovo-Serbin, die elend und hoffnungslos in einem Flüchtlingslager dahinvegetiert, das hübsche Otpor-Modell, aber auch ein dumb erscheinender Jungsozialist und der opportunistische JUL-Führer, ein Intimfreund von Mira Markovic, dieser berüchtigten Gattin von Slobo, (der so opportunistisch allerdings auch wieder nicht sein kann, steht er doch auch heute noch wacker zu seinen alten Idealen, ganz im Gegensatz zu vielen anderen, die merkwürdiger Weise nicht als Opportunisten gelten.

So muß beim Leser, der Seierstads Forschungsfeld noch nie selbst mit offenen Augen bereist hat, ein dichtes und umfassendes Bild über DIE Serben entstehen.

Dieses Bild, und damit komme ich zum kritischen Teil, ist falsch. Seierstads Portraits zeigen nicht mehr als 14 Steine aus einem Puzzle von Hunderten, und selbst die wenigen liegen nur wahllos herum. So repräsentativ die Porträtierten für viele andere auch sein mögen, man erfährt in dem Buch so gut wie nichts über DIE Serben. Wie sollte man auch, denn es gibt sie gar nicht, DIE Serben, jedenfalls nicht als homogene Gruppe. Das, was sie allenfalls ausmacht, DIE Serben, ihre gemeinsame Kultur und ihre leidvolle Geschichte, kommt im Buch so gut wie gar nicht zur Sprache.

Sehr wohl dagegen, das bei den Serben offenbar kollektiv fehlende Unrechtsbewußtsein, das zu ergründen Seierstad ein wichtiges Motiv bei ihren Recherchen gewesen sein mochte. Immer wieder fragte sie ihre Helden, wie sie denn zu den Problemen im Kosovo stünden, und fast immer bekam sie zur Antwort, "daß die Serben den Albanern gegenüber nie ein Unrecht begangen hätten und daß diese in Kosovo alle Rechte gehabt hätten." (Hier exemplarisch zitiert von Seite 145). Seierstad zweifelt nicht daran, dass hier zumindest ein gemeinschaftlicher Irrtum, wenn nicht eine Volkskrankheit vorliegen müsse.

"Die Serben sind faul, undiszipliniert und ohne Selbstkritik." So lautet denn auch gleich der allererste Satz des Buches. Zitiert wird da Zoran Djindjic, der neue Ministerpräsident – und der sollte es ja doch wohl wissen. Ich behaupte, daß keine dieser Qualifizierungen Djindjics zutreffend ist; auf die Bewohner Serbiens jedenfalls nicht mehr zutrifft, als auf jene anderer Staaten, am Balkan zumal. Kein europäisches Land wurde im 20. Jahrhundert so oft und so gründlich zerstört wie jenes der Serben. Und jedesmal haben sie es hinterher wieder aufgebaut, was ohne Fleiß und Disziplin wohl kaum möglich gewesen wäre. Und nirgendwo im früheren Jugoslawien (und darüber hinaus) habe ich mehr Selbstkritisches gehört als bei den Serben, was – wohlgemerkt! – keineswegs daran liegt, daß andere weniger Anlaß für Selbstkritik hätten. Djindjics selbstkritische (!) Worte – er spricht ja als Serbe – nehme ich als weiteren Beleg für diese Erkenntnis.

(Nebenbei, zur Vermeidung von Mißverständnissen: Ich halte die Serben von Natur aus keineswegs für selbstkritischer als andere Völker, doch sie standen in den letzten Jahren einfach derart am Pranger, sodass sie zum selbstkritischen Nachdenken über sich selbst schlicht und einfach gezwungen waren. Selbstkritische Kroaten etwa oder Albaner, von Slowenen ganz zu schweigen, habe ich bislang nur wenige getroffen. Kein Wunder, die galten und gelten ja weltweit ausschließlich als Opfer, sahen und sehen demnach auch keinen Anlass zu Selbstkritik.)

Nein, die Historie des Landes interessiert Seierstad nicht, jedenfalls kommt das im Buch nirgendwo zum Ausdruck. Diesen Vorwurf wird sie wohl mit reinem Gewissen und einem achselzuckenden "na und?" beiseite schieben. Und doch man wird die von ihr "wie in einem Zoo" vorgeführten Menschen niemals verstehen können und erst recht nicht das ganze Volk, wenn man sich nicht etwa mit der Frage beschäftigt, ob es die Serben waren, die im 14. Jahrhundert in der Türkei einmarschiert sind und die Menschen dort über Jahrhunderte drangsalierten (oder ob es umgekehrt war), ob die Serben im Jahre 1914 Österreich den Krieg erklärten (oder ob es umgekehrt war), ob die Serben 1941 Berlin bombardierten (oder die Deutschen Belgrad), oder, um eine letzte der vielen fürs Verstehen wichtigen Fragen zu stellen, ob die orthodoxe Kirche vor sechzig Jahren einen Ausrottungsfeldzug gegen die katholische geführt hat, oder ob es umgekehrt war.

Was aber ist die Botschaft der knapp dreihundert Seiten? "Hatte Peter Handke etwa recht?", wird vielversprechend am Buchrücken gefragt. Handke hatte bekanntlich "Gerechtigkeit für Serbien" gefordert. Ist also den Serben Unrecht angetan worden? Diese Frage wird im Buch nicht explizit behandelt und auch nicht beantwortet. Doch sie liegt in der Luft und es ist zu vermuten, daß beim unvorbereiteten Leser des Buches am Ende ein glattes NEIN als Antwort herauskommen dürfte.

Wenn Seierstad etwa von den ehemals Zehntausenden Arbeitern von Zastava, dem von der Nato zerbombten Automobilwerk von Kragujevac, just einen solchen zu Wort kommen läßt, der die Natobomben befürwortete, mehr noch, der erwartet hätte, "daß der Westen noch härter gegen Milosevic vorgehen sollte und daß die Sanktionen aufrecht erhalten werden" (Seite 240), so würde Joschka Fischer, sollte er das je lesen, wohl selbstgefällig nicken, und Seierstads Buch bei nächster Gelegenheit seinen Kritikern in den eigenen Reihen um die Ohren schlagen – mit tief gerunzelter Stirn, versteht sich. Denn Joschka Fischer müßte nicht befürchten, daß allzu lange im Gedächtnis bliebe, was man bei Seierstad in einem Nebensatz durchaus lesen kann, daß nämlich die allermeisten der nunmehr arbeitslosen Zastava-Arbeiter ganz anders über Sanktionen und Bomben denken.

Und Jamie Shea würde sich laut lachend auf die Schenkel klatschen, läse er Seierstads Vorwort, wo der bereits zitierte Zoran Djindjic solches zum Besten gibt: "Wir [die Serben] müssen so geformt werden, daß wir wieder in die Welt passen." (Seite 8.) "Na", würde sich ein zynisch grinsender Jamie Shea wohl dabei denken, "das haben wir euch hoffentlich in ausreichendem Maße besorgt. Schön, wenn ihr das endlich begreift und auch noch dankbar dafür seid."

Manch anderer Aspekt trübt das ansonsten positive Urteil über Seierstads Werk. So wurde sie, wie schon erwähnt, Augenzeugin jenes Umsturzes vom 5. Oktober des Jahres 2000, mit dem der Ära Milosevic ein so plötzliches Ende gesetzt wurde. Wie viele andere geriet auch Asne Seierstad in die stechenden Tränengaswolken, mit deren Hilfe die alte Staatsführung ihre Macht zu verteidigen versuchte. Und sie fühlte mit dem Massen. In einem Bild aber, das ein ausländischer Beobachter über diese Revolution zu zeichnen versuchte – was zweifellos in Seierstads Absicht lag –, müßte auch folgende Merkwürdigkeit Erwähnung finden: Da wird einer, der weltweit als Balkan-Hitler, der als Massenmörder und blutiger Despot verrufen ist, gewaltsam aus all seinen Ämtern gekippt, doch zu seiner Verteidigung setzt er allein Tränengas ein.

"Leider", liebe Osy, ist man geneigt, ihr zuzurufen, "leider waren Sie nicht dabei, etwa in Seattle, in Stockholm oder Genua, denn da hätten Sie erleben können, wie sich zivilisierte Staatsapparate in weitaus harmloseren Situationen ihrer Haut zu wehren wissen."

Ob es so ganz stimmt, unser Weltbild?

Asne Seierstad – von einem serbischen Popen liebevoll "Osy" genannt – ist fraglos eine sympathische Frau. Zwei Jahre lang arbeitete sie für das norwegische Fernsehen in Belgrad. "Für ihre Berichterstattung über den Kosovo-Krieg wurde sie als ‚Beste TV-Journalistin‘ ausgezeichnet. Die norwegische ELLE wählte sie zur Autorin des Jahres 2000." (Klappentext) Ich kenne Seierstads sonstigen Berichte nicht, doch ich unterstelle ihr keineswegs, daß es ihre Absicht war Joschka Fischer, Jamie Shea und all den anderen die Bälle aufzulegen. Sie wollte sicher einfach "nur" ein informatives und spannendes Buch schreiben, was ihr durchaus gelungen ist. Doch es bleibt zu befürchten, daß es bis hinauf in den hohen Norden des Nato-Staates Norwegen dazu beiträgt, letzte Zweifel am humanitären Charakter der Nato-Bomben zerstreuen.

Und das, liebe Osy, ist schade. Denn diese Zweifel wären mehr als am Platz.

Immer wieder, das nebenbei und zum Schluß, beschlich mich beim Lesen die bange Frage, was wohl dabei herauskommen würde, wenn so eine hübsche Norwegerin einmal 14 Leute aus Jörg Haiders Österreich, aus meinem Österreich, unter die Lupe nehmen würde.

9. Februar 2002