Wortmeldungen

 

66 Tage im Wald

Zur Lage in der kroatischen Krajina im Sommer 2001

Erschienen am 28. September 2001, in "FREITAG"
Ost-West-Wochenzeitung, Berlin


Nun rollen sie wieder Stoßstange an Stoßstange der Adriaküste zu. Erstmals seit Beginn der Kriege im ehemaligen Jugoslawien vor rund zehn Jahren bewegen sich die aus den achtziger Jahren gewohnten Blechlawinen in die dalmatinischen Touristenzentren. Die Hauptverkehrsader zwischen Zagreb und Split führt ausgerechnet durch das Gebiet der Krajina. Doch der vom Stau demoralisierte Urlauber ahnt nichts von den Verwüstungen unweit seiner Route. Bei 35 Grad im Schatten und in der Gewissheit, dass er noch stundenlang in diesem Verkehrsinferno stecken werde, verfällt er gar nicht auf die Idee, einen Abstecher in Richtung Osten zu machen. In der kroatischen Krajina sind im Umkreis von zig Kilometern - von den Plitwitzer Seen über Udbina und Gracac bis hinunter nach Knin - noch heute fast alle Gebäude in Trümmern. Da weder die Touristen hinsehen noch engagierte Journalisten von hier berichten, existiert diese Alptraumlandschaft für die Welt schlicht und einfach nicht.

Ankica und Dusanka behausen eine fensterlose Garage. Das zur Hälfte geöffnete Blechtor lässt genug Licht in den Raum, um auf dem Betonboden und entlang der kahlen Wänden ein bunt zusammengewürfeltes Mobiliar erkennen zu können: einen Herd mit Ofenrohr und Blechtöpfen, ein paar Kästen sowie einen Tisch mit wackligen Stühlen. Doch das beklemmende Gefühl, das diese düstere Ärmlichkeit eigentlich auslösen müsste, stellt sich nicht ein angesichts der Herzlichkeit, mit der mich die beiden Frauen empfangen. Ankica ist Kroatin, Dusanka Serbin, beide gut in den Sechzigern, erstaunlich rüstig und lebhaft. Die Kroatin unterrichtete ihr Lebtag lang Klavier und Literatur, während die Serbin die einzige Pension der Umgebung führte.

Mich hat Stevina, der in der nahe gelegenen Geisterstadt Srb den "Bürgermeister" ohne Bürger abgibt, ein Typ vom Schlage des Alexis Sorbas, auf sie aufmerksam gemacht "Die mußt du besuchen", meinte er, "sie haben viel zu erzählen." Im knapp zehn Kilometer entfernten Ort Suvaja spürten wir die beiden in ihrer Garage auf.

Auch der Heimatort von Ankica und Dusanka, besteht fast nur aus Ruinen - steinerne Skelette, von einer wild wuchernden Natur zum Teil bereits gnädig verdeckt. Dabei war Suvaja vor noch gar nicht so langer Zeit eine stolze Gemeinde. Denn hier, nahe der bosnischen Grenze, entspringt der Fluss Una, und dessen Ursprung soll die größte, jedenfalls die wasserreichste Quelle von ganz Europa sein. Ich weiß ja inzwischen, dass am Balkan gern ein wenig übertrieben wird, doch immerhin: Kein namhafter jugoslawischer Politiker hat es sich leisten können, nicht wenigstens ein Mal eine Nacht in Suvaja verbracht zu haben. Tito war hier, klar, etliche Male, aber auch Franjo Tudjman und der jetzige Präsident Kroatiens Stipe Mesic.

Sechs Jahre vor meinem Besuch ist der Krieg über Suvaja gekommen. Alle sind damals geflüchtet, an jenem 4. August des Jahres 1995, als es plötzlich hieß, die kroatische Armee sei im Anmarsch. Fast alle: "Nur wir zwei sind geblieben", erzählte Ankica, die Kroatin, in zaghaftem Deutsch. "Wir sind doch alt, uns wird niemand etwas tun, haben wir gedacht. Und jemand musste doch auf die Haustiere schauen." Zweihunderttausend Menschen, die den Landstrich einstmals bevölkerten, haben damals Hals über Kopf in großen Trecks die Krajina verlassen, darunter auch Ankicas Tochter Vesna, die mit Dusankas Sohn Jovo verheiratet ist.

"Ja,. wir sind von einer Stunde auf die andere weg", erklärt Stevina, "ohne Gepäck, mit den Händen in der Tasche, denn wir waren davon überzeugt, dass wir nach drei, vier Tagen zurückkehren können." Aus den Tagen sind Jahre geworden, und der weitaus überwiegende Teil der damals Geflüchteten darbt noch heute in einem der vielen schlecht versorgten Flüchtlingslager in Serbien.

Als die Armee Suvaja erreichte, bekamen Dusanka und Ankica, seit vier Tagen die einzigen Bewohnerinnen des Dorfes, dann doch Angst. "Wir liefen hinunter zum Bach und versteckten uns im Gehölz." Gegen Abend aber wagte es Dusanka, die serbische Gastwirtin doch, vorsichtig zu ihrem Haus zu schleichen, um die Lage zu erkunden. Es war das Haus, in dem sie aufgewachsen war, in dem sie als Achtjährige 1941 zusehen musste, wie kroatische Faschisten ihre Mutter erschlugen, und wo sie in den vergangenen Jahrzehnten das Rasthaus führte. Jetzt war es Quartier für Soldaten. Nach einigem Zögern habe sie sich aus dem Gebüsch getraut, um die Uniformierten zu fragen, ob sie in ihr Haus zurückkehren dürfte.

Die Soldaten hätten sie wüst angepöbelt. Einer jedoch habe sie fast fürsorglich zur Seite gezogen und gemeint, es wäre wohl besser, sie würde sofort und für immer verschwinden; er könne für nichts garantieren. Dusanka stand noch ratlos da, sie hatte Angst vor der Nacht draußen. Doch plötzlich sah sie ihren Hund tot am Boden liegen, und erst da s ei ihr der Ernst der Lage bewusst geworden. So schnell sie konnte, sei sie davon gerannt, zurück zur verstört beim Bach wartenden Ankica.

Sie hetzten ein paar Kilometer durch die Wälder, wo sie Unterschlupf in einer verlassenen Hütte fanden. "Tag für Tag, noch bevor der Morgen graute", erinnerte sich die Kroatin, "verließen wir die Hütte und versteckten uns im Wald. Denn in unserer Nähe tauchten immer wieder Soldaten auf, und die ganze Zeit waren fürchterliche Explosionen zu hören. Erst in der Nacht wagten wir uns zurück. Ernährt haben wir uns von Birnen, Trauben, Zwetschgen und Beeren." Nur ein paar mal, während wolkenverhangener Nächte, wagten sie es, sich Kartoffeln zu kochen, die sie mit zwei im Stich gelassenen Hunden teilten.

Nach ein paar Wochen war es vorbei mit dem unsicheren Zufluchtsort. Denn offenbar ging die Armee systematisch vor: Jedes Haus, jedes Gehöft bis hinein in den verstecktesten Winkel wurde gesprengt, "gemint" oder "blown in the air", wie Stevina es nannte. Als Ankica und Dusanka eines Abends wieder ihr Nachtquartier aufsuchten, fanden sie dort alles vernichtet vor. Die zwei Hunde lagen erschlagen nahe der Hütte. In panischer Angst, dass in der Nähe Soldaten sein könnten, liefen sie zurück in den nächtlichen Wald.

Im zwei Kilometer entfernten Lisina, einem winzigen Weiler, der gleichfalls weitgehend dem Erdboden gleichgemacht war, fanden sie ihre nächste einsame Behausung, die wenigstens noch ein Dach hatte. Doch das laute Treiben der Soldaten, die Tanks und Explosionen, drang immer wieder zu ihnen. In ständiger Furcht vor einer Entdeckung, wagten sie auch hier kaum, tagsüber im kaputten Dorf zu bleiben. "Schließlich kamen uns die Soldaten so nahe, dass wir auch diesen Ort aufgeben mussten. An jenem Tag versteckten uns wir uns am Rande der Straße nach Suvaja, auf der zahlreiche Militärfahrzeuge unterwegs waren. Irgendwann sahen wir ein weißes Unprofor-Auto, wir stürmten auf die Straße und winkten wie verrückt. Doch sie fuhren einfach vorüber."

Da hatten sie schon mehr als einen Monat lang mit keiner Menschenseele gesprochen. "Wenn uns nicht einmal mehr die UNO helfen kann, dann musste die Lage in Kroatien noch schlimmer sein, als wir sie uns auch so schon vorstellten." Nach diesem Schock eilten sie wieder durch den Wald, bis über die bosnische Grenze. Vielleicht wäre es dort etwas besser. Ihr Ziel hieß Cvjetnic, das erste Dorf hinter der Grenze. Sie kannten dessen Bewohner allesamt aus besseren Zeiten. Doch auch Cvjetnic war menschenleer und alle Häuser waren zerstört. Jetzt war jede Hoffnung dahin.

Während Dusanka und Ankica ihre Geschichte erzählen, decken sie reichlich auf. Klares Bergwasser schon zur Begrüßung, später Slibowitz, Käse und Speck, Oliven und selbstgebackenes Brot. Ihre Freundlichkeit und sogar die Ausstrahlung von Lebenslust sind kaum zu begreifen. Ihre Erzählung aber wird immer düsterer, und ungeheuerlicher. Oft hätten sie geglaubt, dass sie alles nur träumten, sich in einem Film befänden oder einfach verrückt geworden seien. Wo sie die folgenden Nächte verbrachten, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Im Wald, in Unterständen, in Hütten, sie wissen es selbst nicht mehr so genau. Jedes Zeitgefühl war ihnen abhanden gekommen. Wo immer sie hinkamen, ob in Dörfer oder einsam gelegene Bauernhöfe, überall war alles niedergebrannt.

Nach 66 Tagen im Wald – am 13. Oktober, wie sich herausstellte –, die Nächte waren länger und kälter geworden, trafen sie in der Nähe der gleichfalls in Schutt und Asche liegenden Stadt Srb – einstmals Heimat von mehr als dreitausend Menschen – auf einen alten Bekannten. Dem wollten sie sich zu erkennen geben, doch er habe sie nicht erkannt. Erst jetzt bemerkten sie, dass sie nur noch aus Haut und Knochen bestanden, die Kleider in Fetzen hingen, die Augen in tiefen Höhlen lagen. Sie brauchten eine ganze Weile, um zu erklären, dass sie tatsächlich die vermissten zwei Frauen waren, deren Kinder aus dem fernen Belgrad schon überall, sogar bei den kroatischen Behörden hilflose Nachforschungen nach ihnen angestellt hatten.

Was war in der Zwischenzeit geschehen? Wie in Suvaja, Lisina und Srb hatte die Armee des Dr. Franjo Tudjmans in der ganzen Krajina ihren Plan durchgezogen. Sie hat damit die Habsburger Kaiser korrigiert, die in diesem Grenzland Jahrhunderte zuvor zum Schutz vor den nach Norden drängenden Osmanen Zehntausende serbische Wehrbauern ansiedelten. Ihre Nachkommen hatten, nachdem sich Kroatien 1991 als unabhängiger Staat von Jugoslawien trennte, geglaubt, dasselbe Recht auch für sich in Anspruch nehmen zu können: Sie riefen die "Republik Krajina" aus. Eine internationale Anerkennung wie sie Kroatien erhielt, blieb ihr jedoch versagt. Im Gegenteil, Kroatien erhielt für die militärischen Lösung der sogenannten "Krajina-Frage" Unterstützung von den USA und von Deutschland. "Oluja" , Sturm, nannte man die Aktion, bei der das Gebiet ethnisch gesäubert wurde.

Von jenen, die wie Ankica und Dusanka damals nicht flüchteten, wurden Hunderte erschlagen, wofür sich fünf Jahre später auch das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu interessieren begann. Nach dem Tode von Präsident Tudjman 1999 wurde der Forderung weltweit Nachdruck verliehen, dass die vertriebenen Serben wieder zurückkommen sollten. Doch wohin? Die Häuser unbewohnbar, keine Schulen, keine Geschäfte, keine medizinische Versorgung. Nur die größeren Städte, Knin etwa oder Gracac, blieben von den Brandschatzungen verschont; doch hier leben jetzt vorwiegend Kroaten, die ihrerseits aus Bosnien hatten fliehen mussten.

Zwar bemühen sich einige internationale Hilfsorganisationen um den Wiederaufbau – unter ihnen der Deutsche Arbeiter Samariter Bund, der Schweizerische Weltlutherbund, auch die OSZE ist mit einigen engagierten Fieldofficers präsent –, doch ihre Anstrengungen konnten bisher nicht mehr sein, als Tropfen auf einen heißen Stein. Die kroatische Regierung hat kein Geld für Kredite. Sie versprach zwar, alle Häuser wieder aufzubauen, die während "Oluja" zerstört wurden. Doch das ist ein Scherz: Denn während des Blitzkrieges wurden nur wenige Häuser zerbombt – die Bewohner sind ja kampflos geflohen. Für die später erfolgten Zerstörungen übernimmt die Regierung keine Verantwortung, es handelte sich dabei ja um Vandalismus. Dass es staatlich betriebener Vandalismus war, wird geleugnet.

Gibt es denn, so meine Frage, gar keine Hoffnung auf Rückkehr und ein neues Miteinander? "Wir sind doch der lebende Beweis", sagt Ankica, die Kroatin, "wie gut Serben und Kroaten zusammenleben können" – und Dusanka, die Serbin, nickt dazu: "Kroatische Ustaschas haben meine Mutter umgebracht, doch ich habe meine stets Kinder gelehrt, Kroaten zu achten. Denn ich wusste schon damals, dass das nicht Kroaten getan haben, sondern Verbrecher. Und solche gibt es leider überall."

Quelle: http://www.freitag.de/2001/42/01420901.php