"Die Idee vom 'reinen Volk' kommt
vom Westen"
Gespräch mit dem in Novi Sad lebenden
jüdisch-serbischen Schriftsteller Aleksandar Tisma
Erschienen in "konkret",
März 2002.
Frage: War
Jugoslawien als Vielvölkerstaat nicht schon zum Zeitpunkt
seiner Gründung (1918) zum Scheitern verurteilt?"
Tisma: Ich glaube nicht.
Jugoslawien hatte Chancen wie jede andere Gemeinschaft oder Familie
auch. Es gibt immer zentrifugale Kräfte. Andererseits gab
es daneben auch starke Kräfte, die die Einheit bewahren wollten.
Immerhin hatten alle dieselbe oder zumindest eine ähnliche
Sprache, Kroaten und Serben trugen oft dieselben Namen. Große
Teile Serbiens waren zwar viele Jahrhunderte unter türkischer
Verwaltung und Herrschaft gewesen. Doch andere Teile waren lange
unter österreichisch-ungarischer Verwaltung gewesen, das
verband uns mit Kroatien und Slowenien. Auf dieser Grundlage wuchs
im 19. Jahrhundert die große illyrische Bewegung, die eine
Einheit aller Südslawen wollte. Das hat sich durchgesetzt
und konnte bestehen. Wenn nicht eine Aggression von außen
gekommen wäre, wäre Jugoslawien nicht zerfallen. Von
Anfang an gab es natürlich Serben, Kroaten und Slowenen,
die den Jugoslawismus ablehnten. Bei den Serben allerdings war
die Zustimmung noch am größten, weil sie zahlenmäßig
die stärksten waren und überdies in allen Gegenden der
Region lebten. Deswegen nahmen sie die jugoslawistische Idee,
die zuerst in Kroatien entstanden war, gerne an.
Frage: Wenn
doch die jugoslawische Idee schon im 19. Jahrhunderts in Kroatien
entstanden war, warum war dann nach der Gründung des gemeinsamen
Staates 1918 die Ablehnung in Kroatien so stark?
Tisma: Serbien war neben
Montenegro das einzige Gebiet im neuen Staat, wo es schon vorher
ein Königreich gab, mitsamt einem König, mit Ministerien,
einer Armee, einer Polizei. Die schon bestehenden serbischen Institutionen
hatten die Tendenz, sich auf ganz Jugoslawien auszudehnen. Das
hat den anderen nicht gefallen. Man muß aber auch sehen,
daß das faschistische Deutschland, und auch Italien, in
den Dreißigerjahren antijugoslawische Terroristengruppen
organisiert und gefördert hat. Das sind keine Phantasien,
das ist historisch. Die kroatische Ustascha unterhielt in Mussolinis
Italien Ausbildungslager. Ähnliches geschah in Deutschland.
Trotzdem wäre es möglich gewesen, Jugoslawien zu erhalten,
wenn nicht 1941 der Krieg über uns gekommen wäre. Jugoslawien
hat sich nur etwa 17 Tage halten können – dann wurde
es sofort aufgeteilt: Die Deutschen haben gleich ein "freies
unabhängiges Kroatien", also den Ustascha-Staat, kreiert,
Slowenien wurde teils den Italienern, teils den Deutschen gegeben,
Bosnien wurde ein Teil von Kroatien, Mazedonien wurde den Bulgaren
geben, die Vojvodina den Ungarn, das Kosovo ging an das von Italien
beherrschte Albanien, Serbien und Montenegro wurden von den Deutschen
okkupiert.
Frage: Wie
kam es zum Putsch vom März 1941, als Jugoslawien dem Dreimächtepakt
– Deutschland, Italien, Japan – beigetreten war, womit man Hitler
den Grund zur Zerschlagung Jugoslawiens lieferte.
Tisma: Historisch waren
es zunächst nur die Serben, die Widerstand leisteten. "Lieber
Krieg als Pakt", das riefen die Menschen auf den großen
Demonstrationen in Belgrad. "Lieber das Grab als Sklave zu
sein!" Das war unglaublich. Ich war damals hier in Novi Sad
in der 7. Klasse des Gymnasiums, und ich muß zugeben, für
mich war das etwas Unverdauliches: Ich konnte nicht verstehen,
daß es besser sein sollte, einen Krieg zu führen als
einen Pakt zu machen oder daß das Grab besser sei. Deswegen
habe ich mich damals zurückgehalten. Andererseits mußte
ich später – nach Jahren – zugeben: Wenn alle
so gedacht hätten wie ich, dann wäre Hitler sehr schnell
Herr von ganz Europa geworden, niemand hätte sich ihm widersetzt.
Frage: Haben
damals nur Serben Widerstand geleistet?
Tisma: In Kroatien gab es
auch Widerstand – dort war es ein kommunistischer Widerstand –
und auch in Slowenien, in Mazedonien. Aber der Putsch fand nur
in Belgrad statt, am 27. März 1941. Am 6. April wurde Jugoslawien
von den Deutschen angegriffen und im Juni dann die Sowjetunion.
Erst als Tito aus Moskau die Direktive zum Aufstand bekam, hat
er – ab Juli 1941 – zu den Waffen gegriffen. Tito
war ja Kroate, konnte aber den Krieg gegen die Deutschen nur mit
den Serben führen. Der Grund ist ganz einfach: Weil die Serben
im Ustascha-Staat auch physisch in Gefahr waren. Wenn das Leben
in Gefahr ist, dann muß man sich wehren, ganze Dörfer
haben das getan. Schauen Sie sich Titos Fluchtroute während
des Krieges an: Er floh mit seiner Armee nur in Gebiete, wo die
Serben lebten, zuerst in Serbien selbst, dann nach Montenegro,
in die serbischen Gebiete Bosniens, die Krajina und so weiter.
Er ist nicht nach Zagreb gegangen oder in die
Umgebung von Zagreb,
wo er zuhause war. Nein, er versteckte sich dort, wo er sicher
war. Seine Flucht zu den Serben ist verständlich, denn diese
Menschen waren in Todesgefahr, bei ihnen war Widerstand nicht
eine Frage der Ideologie. Wenn du im Ustascha-Staat Serbe warst,
wurdest Du einfach erschossen.
Frage: Wie
bewerten Sie die geschichtliche Figur Tito?
Tisma: Ich habe mich nie
mit ihm befaßt, ich habe mich ja nie mit Politik befaßt.
Ich bin sicher, er wäre in jedem Fall aufgetaucht irgendwo,
auch wenn er nicht zufällig zu der kommunistischen Partei
gegangen wäre. Er wäre irgendwo anders eine führende
Figur geworden. Er war ein talentierter Mensch. Er war in der
österreichischen Armee ein guter Fechter mit vielen Auszeichnungen.
Außerdem hatte er großen Charme – das, was die
Amerikaner Glamour nennen. Tito hat die Potenz gefühlt, die
im Volk liegt, hat gefühlt, daß sie sich wirklich erheben.
Und das ist ihm absolut gelungen, besonders in der Gegend, wo
die Serben so gefährdet waren, waren alle für Tito.
Warum? Eben weil er kämpfen konnte, sie fühlten, daß
ihr Leben davon abhängt, ob gekämpft wird. Und darum
gingen sie mit Tito.
Frage: Wie gelang es Tito, die
Völker zu einen, die sich im Zweiten Weltkrieg so unsägliches
Leid zugefügt hatten?
Tisma: Titos große
Erfindung war zum einen die Parole "Tod dem Faschismus"
– vom ersten Tag an. Er hat es verstanden, die Energie aller jugoslawischen
Völker gegen den Faschismus zu bündeln. Das Volk war
zermürbt durch die Okkupation, und zwar nicht nur physisch,
sondern auch moralisch. Vier Jahre in der Okkupation zu leben,
da kann man nicht rein bleiben – man muß sich einschmeicheln
bei den Okkupanten, es ist unmöglich, da ein stolzer Mann
zu bleiben. Aber Tito hat ihnen den Stolz wiedergegeben.
Zum anderen sagte Tito auch: Alle Völker, alle Nationen haben
in Jugoslawien den Sieg gegen den Faschismus errungen beziehungsweise
waren am Sieg in gleicher Weise beteiligt. Das war großartig.
Das war ganz anders als bei Stalin, der, obwohl selbst kein Russe,
gesagt hat: Das russische Volk hat den Sieg errungen.
Bei Tito waren alle gemeint, auch Deutsche. Es gab bei den Partisanen
auch deutsche Einheiten, es gab eine "Wilhelm Pieck-Brigade",
es gab die italienische "Brigade Garibaldi" –
es war einfach genial. Tito hat nicht zugelassen, daß man
damit anfängt, Slowenen hier oder Ungarn da – nein,
alle haben es gemacht und er hat es von Anfang an so konzipiert
und das war gut und es ist gelungen. Es ist gelungen, viele Jahre
und Jahrzehnte, aber dann doch gescheitert.
Denn auch nach dem Krieg sind die Unterschiede, zwischen Serben
und Kroaten zum Beispiel, geblieben, aber es war nicht so, daß
man sich absolut nicht leiden konnte. Es gab immer Nationalisten:
bei den Serben, bei den Kroaten, bei den Slowenen. Überall
machten sie sich bemerkbar, aber es gab ein rechtliches Regulativ:
Es war einfach verboten. Sie konnten Nationalisten zu Hause sein,
aber sie konnten nicht in einer Kneipe nationalistische Gespräche
führen – da wäre die Polizei gekommen, denn es
gab den Paragraphen, daß man eine andere Nation nicht beleidigen
darf, also keinen Moslem, keinen Juden, keinen Kroaten, denn das
hätte zwanzig oder dreißig Tage Gefängnis bedeutet.
Frage: Welche
Rolle spielte die Geschichte der Serben im Zerfallsprozeß
Jugoslawiens? Sie stellten einmal fest, daß in Serbien eine
Periode der Aufklärung fehlt und sie aufgrund der jahrhundertelangen
Okkupation durch die Türkei mehr in Mythen verhaftet sind
als andere Völker.
Tisma: Die türkische
Okkupation war sehr schlimm, die Christen waren nicht gleichberechtigt,
sie konnten nur als Haustiere vegetieren, sie konnten nicht Richter
sein, sie hatten keine Schulen, keine Universitäten. Also
konnten die Serben erst mit großer Verspätung beginnen,
bürgerliche Positionen einzunehmen, nämlich erst als
Mitte des 19. Jahrhunderts ein serbischer Staat gegründet
wurde. In dieser geschichtlich kurzen Phase nach 1850 konnte sich
kein Bürgertum herausbilden. Es begann sich zu entwickeln,
wurde aber sehr schnell mit der kommunistischen Bewegung konfrontiert,
das heißt, dem Bürgertum stand sehr schnell ein Gegenbürgertum
gegenüber. Die Vertrautheit mit bürgerlichen Institutionen,
der Einfluß des Bürgertums – das fehlt in Serbien
bis heute, und das ist ein Handicap. Doch das ist manchmal auch
ein Vorteil, denn die Leute sind nicht so entfremdet, sie sind
ein bißchen näher am Dorf, an der Familie. Zum Beispiel
während des Nato-Krieges: Es fielen die Bomben, aber die
Bauern kamen weiter regelmäßig mit ihren Sachen auf
den Markt, es war keine Hysterie, die Bauern sagten nicht: Jetzt
bleiben wir alle zu Hause, und die anderen können vor Hunger
sterben. Auch die Preise stiegen nicht. Kein Bauer sagte, jetzt
kosten die Kartoffeln das Doppelte, weil ich mein Leben riskiere.
Nein, er hat es als ganz normal gesehen, sein Leben im Krieg zu
riskieren. So denkt kein Bürger.
Frage: In
zwei Weltkriegen haben Deutsche und Österreicher Ihr Land
verwüstet. Ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung
hat Deutschland gegen den erklärten Willen des Restes der
Welt die Anerkennung von Slowenien und Kroatien durchgesetzt,
womit der erneute Zerfall Jugoslawiens besiegelt wurde, und die
Deutschen waren auch dabei, als zum dritten Mal im gleichen Jahrhundert
Belgrad bombardiert wurde. Was denken Sie darüber?
Tisma: Die Völker benehmen
sich wie einzelne Menschen: selbstsüchtig und egoistisch,
und das geht auch bis zum Töten. F&uum
l;r mich als privaten
Menschen ist das alles so fern wie die Sterne. Wie wenn jetzt
jemand in dieses Hotel käme und sagte: "Jetzt müßt
ihr aufstehen, niemand soll hier sitzen außer mir."
– das wäre ebenso absurd. Aber das geschieht, das ist
keine Theorie. In genau dieses Hotel ist einmal einer hereingekommen,
ein aggressiver Mensch, und alle wurden still, weil sie ihn kannten,
und dann hat er seine Zigarette auf dem Gesicht eines anderen,
der ihm unsympathisch war, ausgedrückt und ist wieder hinausgegangen.
Und der andere hat geschwiegen, weil er wußte, sein Leben
ist in Gefahr. Das geschieht nur einmal in fünf Jahren im
Hotel "Vojvodina". Keine Angst, Sie sind sicher hier.
Aber das geschieht. Und das ist geschehen mit Jugoslawien oder
mit Serbien, von Seiten Österreich-Ungarns und Deutschlands.
1914, 1941, und jetzt wieder.
Als Franz Ferdinand, der österreichische Thronfolger 1914
nach Sarajewo kam, kam er nicht in ein österreichisches oder
ein ungarisches Land, er kam in ein Land, in dem keine Österreicher
waren, außer Beamte und Polizisten. Und er kam, um Manöver
anzusehen, also eine Armee, die absolut nicht hierher gehörte,
sie gehörte zu Österreich-Ungarn. Das war freilich eine
Aggression, und ein Nationalist wie dieser Gavrilo Prinzip hat
dann auf ihn geschossen. Und deswegen wurde der Krieg gegen Serbien
gemacht.
Frage: Und
1941? und 1991?
Tisma: Da war es die gleiche
Tendenz: Fremde Territorien erobern, die Leute dort ausnützen,
anderen den eigenen Willen aufzwingen. Staaten benehmen sich wie
Einzelmenschen. 1991 hat man ein separates Kroatien gegründet,
das ähnlich aussah, wie das, das Hitler gegründet hat,
ohne daß man den Menschen, allen Menschen, die sich dort
zu Hause fühlten, ihre Rechte garantiert hat. Kein Wunder,
daß dies den Serben in der Krajina Furcht eingeflößt
hat, so daß sie gleich angefangen haben, Barrikaden zu bauen.
Das mußte zum Krieg führen. Die Kroaten zwangen sie
schließlich zum Exodus – und zwar durch Waffen, durch
Granaten und Bomben, die vom Westen kamen, vor allem aus Deutschland
oder aus Ungarn, bezahlt von Deutschland.
Frage: Die Idee vom ethnisch reinen
Staat, ist das eine serbische Erfindung?
Tisma: Nein, Kroaten und
Slowenen neigen mehr zu einer Geringschätzung der Minderheiten,
die in ihren Staaten leben, als die Serben. Nie haben die Serben
auf ihrem Territorium auf Kroaten oder Moslems geschossen, um
sie zu vertreiben. Montenegriner und Mazedonier übrigens
auch nicht. Slowenen und Kroaten stehen unter dem negativen Einfluß
dieser Zivilisation auf dem jugoslawischen Gebiet, und der kommt
aus dem früheren Österreich-Ungarn, aus Deutschland
oder aus Italien: Die Idee vom "reinen Volk", die kommt
nicht vom Osten, sie kommt vom Westen.
Frage: Wie
paßt das zum Bild, das die Welt über die Serben hat?
Tisma: Die Serben haben
vor diesem Krieg auf ihrem Territorium nie andere vertrieben,
auf kroatische oder moslemische Leute geschossen. Das geschah
nicht, auch nicht unter diesem schrecklichen Regime von Milosevic.
Serben haben auch nicht auf Albaner geschossen oder Leute gequält
nur weil sie Albaner waren. Das ist einfach nicht wahr.
Frage: Wie
kam es denn zu den Problemen im Kosovo, zum Exodus der Albaner?
Tisma: Die Albaner verließen
in den letzten Jahren das Kosovo, ebenso wie die Serben, alle
wollten weg, weg von dieser Öde, von dieser Armut. Vielleicht
gingen die Albaner in einem größeren Ausmaß,
aber daß sie vertrieben wurden, nur weil sie Albaner waren,
das ist einfach nicht wahr. Es gab vor der Bombardierung keine
Vertreibung.
Die Serben haben versäumt, sich mit dem Kosovo zu befassen.
Tito war hier wie immer ein Opportunist. Er hatte Recht, als er
sagte, alle Völker sind gleichberechtigt, die Albaner sind
ebenso gute Patrioten wie die Serben, es gab auch in Albanien
Antifaschisten und so weiter. Aber warum hat er den Serben, die
im 2. Weltkrieg aus dem Kosovo verjagt worden waren, nach 1945
die Rückkehr verboten? So bildete sich im Kosovo allmählich
eine große Disproportion zwischen der serbischen und albanischen
Bevölkerung heraus. Angesichts der großen Übermacht
der Albaner wurde es für die Serben irgendwann unmöglich,
dort noch normal zu leben. Sie verkauften ihre Häuser, ihr
Land und gingen in andere Gebiete. Ein Staat, der ein bißchen
vorausschauend ist, hätte das regulieren sollen. Entweder
hätte Tito neue Institutionen schaffen müssen, die dann
den Serben ermöglicht hätten zu bleiben, obwohl sie
in der Minderheit sind, oder die verhindern, daß sie zur
Minderheit werden. Und jetzt ist es zur Internationalisierung
dieses Problems gekommen.
Frage: Welche
Rolle spielte Milosevic, warum konnte er sich so lange an der
Macht halten?
Tisma: Milosevic war ein kommunistischer Apparatschik,
der die nationale Krise der Serben ausgenützt hat. Als sie
in anderen Gebieten gefährdet waren, hat er Kriege geführt.
Aber ohne die ausländische Einmischung, ohne die Sanktionen
hätten sich die Leute nicht um ihn geschart. Er war ihr Verteidiger
– ein schlechter Verteidiger, das sieht man jetzt, der alles
verloren hat, aber der einzige Verteidiger, sie hatten keine Wahl.
Die anderen Parteien, die anderen Parteiführer waren nicht
so entschlossen wie er. Außerdem repräsentierte er
den Staat – man weiß ja, wie es einem ohne Staat ergeht.
Wir können darüber als Intellektuelle spotten, aber
nur ein Staat mit seiner Polizei und seiner Armee kann Ihnen garantieren,
daß Sie heute ruhig auf der Straße gehen können
und daß niemand auf Sie spuckt, nur weil Sie jemandem nicht
gefallen oder weil Sie anderer Religion sind.
Frage: Wie
haben Sie die Bomben auf Novi Sad erlebt?
Tisma: Man weiß bis
heute nicht, warum das geschehen ist. Niemand versteht, warum
die Brücken von Novi Sad zerstört wurden. Das ist einfach
unverständlich. Wie zu Ostern 1944: Die Deutschen waren schon
weg, wir haben sie auf den Straßen wegziehen gesehen, und
auf einmal kommen die Amerikaner, bombardieren Belgrad und töten
einige tausend Menschen. Das hatte absolut keinen Sinn, das ist
die Parallele zu damals. Doch das sind freilich Wunden, das sind
Atrozitäten, die in fünfzig Jahren wieder etwas hervorrufen
können, wenn sich dann jemand darauf beruft. So etwas vergißt
man nicht.
Frage: Milosevic
hat den Krieg verloren. Müssen sich die Serben unterwerfen?
Tisma: In gewissem Sinn
müssen sich die Serben unterwerfen. Schon daß sie auf
den internationalen Konferenzen den Nato-Krieg nicht erwähnen,
ist eine Unterwerfung. Eigentlich sollte man es jeden Tag erwähnen.
Aber das wird man nicht machen können. Zoran Djindjic ist
ein kluger Mensch, schärfer als Kostunica, der ein ruhiges
Temperament hat. Djindjic sagt, wo man etwas nicht erreichen kann,
muß man es lassen. Wenn ich Bill Clinton nicht stürzen
kann, nützt es mir nicht, gegen Bill Clinton zu sprechen.
Damit würde ich mir keinen Gefallen tun, denn er würde
sich dafür rächen. Das müssen auch die Serben als
kleines Volk akzeptieren.
Das Interview wurde während
der Arbeit am Buch "Reisen in das Land der Kriege – Erlebnisse
eines Fremden in Jugoslawien" bereits im Oktober 2000 geführt,
aber von Tisma, der sich nie aktuell zur Tagespolitik äußern
will, erst Anfang 2002 freigegeben.