Wortmeldungen


Vorwort zum Buch von Dr. Djordje Joncic:
"1989 – Schicksalsjahr Jugoslawiens.
Hintergründe und Ursachen eines Staatszerfalls."


Norderstedt 2005, ISBN 3-8334-3308-6


In seiner Reflexion über den tragischen Zerfall seines Heimatlandes Jugoslawien in den neunziger Jahren begeht der in Deutschland lebende Autor, Dr. Djordje Joncic, beinahe ein Sakrileg: "Nur die Einigkeit ist die Rettung der Serben." Diesen, vielen seiner Landsleute fast "heilige" Satz wandelt er – selbst gebürtiger Serbe – ab in "Nur die Außenpolitik ist die Rettung der Serben." Dr. Joncic will damit die Aufmerksamkeit seiner Leser auf einen Aspekt lenken, der ihm in der Diskussion bisher zu kurz gekommen scheint. Er vergleicht die führenden serbischen Politiker des aus seiner Sicht entscheidenden Jahres 1989 – allen voran Slobodan Milosevic – gleichsam mit einem Bauern, der aufgrund einer günstigen Wetterprognose den Entschluss fasst, in drei Tagen mit der Kartoffelernte zu beginnen, und der an diesem Entschluss stur festhält, obwohl das Wetter in der Zwischenzeit total umgeschlagen ist.

In der Tat hat die weltpolitische Großwetterlage im Jahr 1989 eine dramatische Veränderung erfahren: Ausgelöst von Gorbatschows "Glasnot" und "Perestroika" läutete der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 den Zusammenbruch aller kommunistischen Regime in Osteuropa und damit die Auflösung des ganzen Ostblockes ein. Auch in den nördlichen und östlichen Nachbarstaaten Jugoslawiens verwandelten sich die einstigen "Volksdemokratien" in Demokratien westlichen Zuschnitts.

In dieser Situation hielt die serbische Politik, so eine Kernaussage des Autors, praktisch im Alleingang am bisherigen sozialistischen Weg fest, und sie vertraute auf die internationale Reputation Jugoslawiens, durch die eine eigenständige Entwicklung möglich werden sollte. Doch sie übersah die gewaltigen Gewitterwolken, die sich bereits zusammengebraut hatten, und sie begriff nicht, dass ein starkes Jugoslawien für den Westen inzwischen bedeutungslos geworden war. Jahrzehntelang galt dieser Staat dem Westen als kostbares Bollwerk, das die Staaten des Warschauer Paktes vom Mittelmeer abgehalten hatte. Das zählte ab dem Jahr 1989 nicht mehr so viel.

Und als in dieser Situation die seit langem nach Unabhängigkeit strebende slowenische und die kroatische Politik voll auf Demokratisierung setzte und sich damit beim Westen einschmeichelte, da war das sture Serbien vollständig isoliert. Da wäre es dringend geboten gewesen, den eigenen Standpunkt nach außen hin zu erklären, um Verständnis dafür zu werben und Bündnispartner zu suchen, was die Aufgabe einer aktiven Außenpolitik gewesen wäre. Doch die fand nach Dr. Joncic in Serbien schlicht nicht statt. Im Gegenteil, man verspottete etwa slowenische Politiker, die sich mit mächtigen ausländischen Botschaftern zum Tennisspielen trafen. So entwickelte sich Serbien in den Augen der führenden Mächten des Westens zur letzten Bastion des finsteren Kommunismus in Europa.

Ganz anders Slowenien und Kroatien, die sich mit ihrer offensiv zur Schau gestellten Demokratiebegeisterung im Westen viel Sympathie verschafften, was auch ihren Unabhängigkeitsbestrebungen Flügel verlieh und eine rasche Anerkennung derselben ermöglichte.

Dabei hält sich Dr. Joncic gar nicht mit der Frage auf, inwieweit die viel zitierte westliche Demokratie, die ja insbesondere in Amerika mittlerweile zur "Milliardärsdemokratie" verkommen ist, gar so unbedingt erstrebenswert ist. Und auch nicht mit dem Umstand, dass dieselbe Demokratie in anderen Weltregionen – etwa in Mittel- und Lateinamerika, wo sich der Westen mit grausamen Diktatoren verbündete – gar nicht so hoch bewertet wurde. Faktum ist, dass diese Demokratie ab dem Jahr 1989 in Ost- und Südosteuropa angesagt war, und dass es ein tödlicher Fehler war, sich dagegen zu stemmen.

Natürlich könnte man einwenden, dass Slobodan Milosevic über Jahre hinweg insbesondere bei US-amerikanischen Diplomaten als kompetentester exjugoslawischer Politiker galt, und so manche dieser Diplomaten in ihm den willkommenen Vollstrecker ihres Willens sahen. Und es sei auch die Frage in den Raum gestellt, ob die serbische Politik angesichts des globalen Wetterumschwungs tatsächlich einen größeren Spielraum gehabt hätte. Doch Dr. Joncic geht es in erster Linie darum, ein Schlaglicht auf Versäumnisse der serbischen Politik zu werfen.

Dabei ist er deutlich erkennbar um Objektivität und Ausgewogenheit bemüht, was man sich auch von anderen Autoren zu diesem Thema wünschen würde. Das geht bei Dr. Joncic so weit, dass er an einigen Stellen die Gefahr in Kauf nimmt, falsch interpretiert zu werden. Selbstgefällige Vertreter eines antiserbischen Standpunktes könnten aus manchen seiner Formulierungen herauslesen, dass eben doch die serbische Politik die Alleinschuld an der Tragödie trage, indem sie sich so vehement gegen "die Demokratie" gewandt habe, womit der Z erfall Jugoslawiens mit all seinen unmenschlichen Begleiterscheinungen unvermeidlich geworden sei. Doch Dr. Joncic zeigt auch Fehler der anderen auf, sowohl der innerjugoslawischen Konkurrenten Serbiens, als auch die der äußeren, insbesondere jene der USA und Deutschlands.

Viele Facetten des Zerfalls Jugoslawiens kommen bei Dr. Joncic zur Sprache, vom Aufsteig Milosevics bis hin zu dessen Sturz im Jahr 2000. Der bis zum Erbrechen wiederholten Behauptung, dass es zu allererst der besonders ausgeprägte Nationalismus der jugoslawischen Völker war, der die Probleme so sehr verschärfte, erteilt er zurecht eine klare Absage. So weit er überhaupt die "Schuldfrage" stellt, kommt er zum Schluss, dass alle Beteiligten, im Inland wie im Ausland, gemeinsam Verantwortung tragen. Dabei trennt er streng zwischen den Völkern und ihren Politikern. Geschickt weiß er außerdem erhellende Zitate in seine Argumentationskette einzuflechten; insbesondere Zitate exjugoslawischer Politiker – des Serben Borislav Jovic und des Slowenen Janez Drnovsek etwa –, die auch einem Kenner der Materie neue Gesichtspunkte vermitteln.

So ist Dr. Joncic ein interessantes und eigenwilliges Skript gelungen, dem ein breites und kritisches Publikum zu wünschen ist.

Kurt Köpruner